Die einfache Wahrheit liegt in der Mitte

Ein modernes Sinnbild für Kontrolle, das vielleicht bald vom Smartphone abgelöst wird. © *_Abhi_* under cc

Es sind keine dummen Menschen, die diese Ansichten vertreten. Manche waren Pioniere, deshalb schossen sie vielleicht etwas übers Ziel hinaus, doch es ist an sich leicht zu erkennen, dass wir Menschen beides sind: emotionale Wesen und rationale. Nicht immer geben wir uns bei allem größte Mühe, aber das muss man auch nicht immer. Oft reichen Entscheidungen aus dem Bauch, die sind schnell und festigen unsere Gewohnheiten, das fühlt sich gut an.

Stehen größere Entscheidungen an, sind wir aber sehr wohl in der Lage uns Ratschläge einzuholen, umfassend zu informieren und alles nach bestem Wissen und Gewissen abzuwägen, nur strengt das eben an. So wägen wir eben nur ab, wann etwas der Mühe wert ist. Da es ein guter Tipp ist, über wichtige Entscheidungen noch mal eine Nacht zu schlafen, wird die rationale Komponente hier von intuitiven Faktoren erneut gebrochen oder überarbeitet und so sind bei einer wichtigen Entscheidung im unterschiedlichen Mischungsgrad beides zu finden: Verstandeskräfte und unser Gefühl.

Manches ist also schlicht Nachlässigkeit, aber wenn an sich intelligente und gebildete Menschen, das kleine 1×1 der Argumentation plötzlich vergessen zu haben scheinen, dann dürfen wir hier und da auch nach unbewussten Motiven suchen. Beim Syndrom der Arroganz verstehen selbst hochintelligente Menschen auf einmal scheinbar einfache Zusammenhänge nicht mehr. Das schützt sie davor, andere Menschen ernst nehmen zu müssen und es wundert nicht, dass dieses Syndrom im Rahmen narzisstischer Pathologien vorkommt.

Ideologien haben eine ähnliche, doppelte Funktion. Sie bedienen den rationalen und den emotionalen Anteil des Menschen. Emotional geben sie Halt und Orientierung, durch die aufrichtige Überzeugung, dass der Inhalt der geglaubten Ideologie richtig ist. Das kann sogar in Teilen der Fall sein, aber der Preis, der dafür zu zahlen ist, ist eine kognitive Engführung. Es darf nur so gehen, wie die Ideologie der man anhängt es will.

Darin liegt einerseits der Charme. Hier liegt das, an dem man sich festhalten kann. Andererseits muss man sich selbst vergewissern, dass man ganz dabei ist und die Gruppe vor Abweichlern schützen, die nicht den notwendigen Ernst aufbringen. Dann kommt es zum Streit, weil der andere nicht mit so viel Elan bei der Sache ist, wie man selbst. Halbherzigkeit auf der Stufe zur Dissidenz oder dem Verrat. Oder lebt da doch nur einer etwas, was auch in mir noch klingt, was ich aber durch zur Schau getragene Linientreue zum Schweigen bringen will, um den anderen und mir selbst zu zeigen, dass an mir nicht gezweifelt werden muss? Dann wäre der Ärger ausgelöst vom Unbewussten beeinflusst und eine Projektion.

Kuriose Formen der Selbstsabotage

In Kafkas Erzählung Der Bau ist es ein unterirdisch lebendes Tier, das über eben diesen, seien Bau nachsinnt und sich in paranoiden, doch scheinbar auch lebensnahen und nachvollziehbaren Gedanken der nagenden Ungewissheit darüber ergeht, ob dieser Bau auch ausreichend perfekt durchdacht ist und wirklich alles was sein könnte in Betracht gezogen wurde.

Kafkas schriftstellerische Kraft liegt darin, dass sie das noch mythische Bild überwindet und uns wieder im Einfachsten, hier dem Tier, zeigt, was auch in uns liegt. Wir verstehen sofort seine Gedanken. Absicherung und Perfektionismus bis zur Selbstlähmung, bis zum geistigen Ermüdungsbruch. Man bedenkt alles und kann nichts mehr tun, weil man immer nur noch mehr Probleme findet.

Vom Unbewussten beeinflusst ist auch die merkwürdige Angst vor Kontrollverlust der Süchtigen. Sie zeigen manchmal ein seltsame Angst vor Psychopharmaka, weil diese ihre Persönlichkeit verändern würden. Die Angst mag durchaus nachvollziehbar sein, man will sich nicht wie ein Zombie fühlen, seltsam wird der Einwand allerdings in dem Moment, wo es sich um jemanden handelt, der ansonsten keiner Drogenerfahrung aus dem Weg geht. Dahinter könnte die Idee stehen, dass man die Drogen oder den Alkohol ja schließlich immer noch selbst nimmt – und nicht per fremder Verordnung – und dass man es im Grunde ja auch jederzeit wieder lassen könnte, selbst wenn nichts mehr dafür spricht, dass man es tatsächlich kann.

Die masochistische Persönlichkeit sabotiert gerne ihren eigenen Fortschritt. Am Abend vor der Beförderung, wenn es bereits ein offenes Geheimnis ist, dass sie es ist, die befördert werden sollen, erzählt sie dem Chef dann doch noch, was sie eigentlich von ihm hält und sich seit sieben Jahren angestaut hat, wodurch es auf wundersame Weise dann doch zur Beförderung eines anderen kommt.

Narzisstische Menschen bleiben im Leben oft unter ihren Möglichkeiten, weil sie die Phantasie haben, dass der normale Weg, den alle gehen nicht der ist, den sie gehen müssen. Eine Ausbildung oder langes Studium, das ist etwas für den Durchschnitt. Man kann sich selbst so sehen, aber nicht immer tun die anderen das auch und man wird nicht gleich als Geschäftsführer oder Leiter eines Millionenprojekts eingestellt. Gekränkt macht man dann von vorn herein weniger, als man könnte, oft verbunden mit der Phantasie mehr von der Geschichte zu verstehen, als jeder hier im ganzen Betrieb.

Unschöne Formen der Fremdsabotage

Hier geht die Pathologie nahtlos in die tatsächlich oft unbewusste Sabotage anderer über. Narzisstische Menschen neigen nämlich oft zur ausgeprägten Kontrolle, in der konstanten Zone zwischen dem unerkanntem eigenen Bedürfnis der Faszination an der Macht und einer realen Überforderung, weil man sich letztlich um alles meint kümmern zu müssen, zumindest alles, was wirklich wichtig ist. Es versteht ja letztlich keiner so viel vom Thema, wie sie – egal von welchem – und so muss man für andere stets mitdenken und mit mehr oder weniger dezenten Hinweisen auch noch deren Leben zu Tode optimieren. Bei aufkommendem Widerspruch wird dem anderen gerne erklärt, was er eigentlich wirklich will, nur eben selbst noch nicht erkannt hat.

“Du wirst mir noch dankbar sein.” Oder: “Ich meine es doch nur gut.” Das ist durchaus ernst gemeint, bei einer einigermaßen gutartigen Variante des Narzissmus. Bei den schweren Formen schwindet der Selbstwiderspruch und man bekennt sich offen zur Lust an der Macht bis zum Sadismus. Besser ist das freilich nicht.

Beim Stalking gibt es Grenzfälle. Beim echten Wahn können Stalker noch glauben, es ginge um Liebe, doch häufiger ist auch hier die Persönlichkeitsstörung und die Lust an der Macht. Mischformen stellt die emotionale Erpressung dar, bei der man sich schädigt, aber in der uneingestandenen Absicht einem anderen Leid zuzufügen. Unerkannte Selbstwidersprüche begegnen uns immer wieder und in allen Fällen sind sie Mischformen von emotionalen oder affektiven und rationalen oder kognitiven Aspekten der Psyche.

Irrational sind immer die anderen

Wann erkennt man es besser als in Corona-Zeiten, egal auf welcher Seite man steht? Die anderen erscheinen maximal uneinsichtig. Entweder sie sind Covidioten oder fehlgeleiteter Mainstream, der einfach nicht kapiert, was hier, von wem gespielt wird. In sämtlichen Härtegraden, mit allerlei Stilblüten.

Gemeinsames Gefühl: bittere Häme, Angst und Wut oder frustrierte und abwinkende Resignation, weil die anderen ihren Fehler einfach nicht einsehen wollen. Dabei ist die Sache doch so sonnenklar. Dass man selbst auf der richtigen Seite steht ebenso.

Mal einen Moment angenommen, dass das stimmt. So viel Empathie, zu verstehen, dass der andere ebenfalls überzeugt ist, sollte ja drin sein. Er wird mir so wenig zu 100% folgen wollen, wie ich ihm. Aber wenn ich wirklich der Klügere bin, wer hat denn dann die Verantwortung für das Gelingen der Diskussion? Der, der dümmer ist?

Und was wäre die Verantwortung des Klügeren? Dem anderen zu zeigen, dass er sich irrt, ein Idiot ist und ihn zu demütigen? Vielleicht hat er ja gute Gründe, aus seiner Sicht. Wie kann ich seine Perspektive erweitern, ohne dass er sein Gesicht verliert und der Faden reißt, der den Dialog trägt? Und vielleicht sind seine Gründe ja besser, als ich dachte und sogar für mich interessant.

Maximal genervt zu sein ist einfacher. Okay, die Mühe wird nicht immer etwas bringen. Manche können nicht diskutieren, weil sie es einfach nie gelernt haben, anderen wollen es nicht, weil sie Ideologen sind. Wirklich offen zu sein, ist oft anstrengend und nicht selten frustrierend. Wenn man denkt, man hätte einen Punkt geklärt und dann wieder bei Null anfangen muss. Muss man nicht mögen und nicht machen, wäre aber eine Möglichkeit, wenn man etwas anders machen will.

Es geht nicht um Überheblichkeit. Geduldig dem anderen zu zeigen, wo er sich irrt, ist ein Pose, mit der man den Dialog nicht zu beginnen braucht, weil es dann keiner ist. Man ist dann der Welterklärer ein sehr angenehme und arrogante Position und auch die ist vom Unbewussten beeinflusst.

Was gewinnt man eigentlich dabei, wenn man bewusster wird und Projektionen zurück nimmt, Schatten durchlichtet? Klar, Bewusstsein. Man ist dann bewusster, vielleicht auch toller, irgendwie, könnte man zumindest denken. Otto Kernberg sieht es so:

“Ich stimme Ihnen zu, dass Selbstreflexion und eine ehrliche Suche nach den unbewussten Motivationen das Wissen und den Sinngehalt des Lebens bereichern. Man sagt: “Nur ein erforschtes Leben ist lebenswert.” Und dabei hat die Psychoanalyse geholfen. Diese forschende Selbstreflexion nach unbewussten Motivationen kann nicht nur zu größerer Selbsterkenntnis führen, sondern kann auch helfen, sich – zumindest teilweise – von den destruktiven Aspekten unterdrückter Konflikte zu befreien. In dieser Hinsicht helfen die Selbstreflexion und die ehrliche Suche nach den eigenen Motivationen der Spiritualität, doch macht dies nicht unbedingt glücklich; es bringt auch den Schmerz und Kummer der Entdeckung, dass wir weniger ideal sind, als wir von uns glauben möchten.”[2]

Quellen