Jeder für sich oder alle zusammen? Vollziehen Sie es nach. Empathie überwindet Grenzen. © Pedro Ribeiro Simões under cc

Sie ist ein wichtiger Baustein einer gesunden Psyche, andere profitieren von ihr, doch in besonderer Weise ist Empathie das Tor zu anderen Welten.

In Empathie haben wir erklärt, was Empathie ist und ausmacht. In (Un)fähig zur Empathie: Wo stehen wir? die eigene Empathie untersucht. Empathie hat mehrere Stufen, noch der Sadist und der Psychopath müssen empathisch sein, weil die Kenntnis der wunden Punkte die eigene Macht vergrößern.

Der gute Verkäufer muss schnell erkennen, wie er seine potentiellen Kunden anspricht und wo er sie packen kann und jemand der hämisch ist, kann dies nur sein, wenn er empathisch, einen wunden Punkt trifft. Verläuft unsere Entwicklung im besten Sinne normal, verinnerlichen wir gewisse Hemmungen, die uns daran hindern, all das zu tun, was wir potentiell tun könnten. Das ist gut, vor allem für das Zusammenleben. Problematisch wird es erst, wenn man seine potentiellen Möglichkeiten völlig verdrängt oder verleugnet und ernsthaft glaubt, nur die anderen seien gierig, geil und aggressiv.

Diejenigen, die zur Einsicht (noch) nicht fähig sind, werden zumeist durch die Angst vor Strafe davon abgehalten, das zu tun, was ihnen auf den ersten Blick mehr Vorteile einbringt, als anderen oder anderen schadet. Das wird den meisten bekannt sein.

Die höheren Stufen der Empathie

Das, was wir gewöhnlich unter Empathie verstehen, ist aber nicht die Fähigkeit jemanden grausam oder wenigstens um des eigenen strategischen Vorteils Willen zu manipulieren, auch nicht, etwas aus Angst vor Strafe zu unterlassen, sondern Empathie beginnt im Grunde da, wo wir uns auf den anderen einlassen, mit ihm fühlen, in Freud und Leid.

Empathie fordert uns, wir leiden wirklich mit, weil wir ein wenig in die emotionale Welt des anderen gezogen werden. Der Lohn ist, dass es uns auch gelingt, uns für und mit andern freuen zu können. Auf den unteren Stufen der Empathie erkennt man zwar, wie der andere ‘funktioniert’, aber die Vergrößerung seines Wohlergehen ist nichts, was man anstrebt, sondern es geht um die Vergrößerung des eigenen Wohlergehens. Anders ausgedrückt es geht um Altruismus oder Egoismus.

Beide schließen einander nicht aus. Man kann rein egoistische Motive haben, aber es könnte sein, dass der andere dennoch von meinem Egoismus profitiert, etwa weil ich ihm jetzt etwas Gutes tue, aber darauf aus bin, dass er mir dafür etwas schuldig ist. Man kann aber auch altruistische Motive haben und am Ende auch ein wenig selbst davon profitieren, weil man sich eben mit freut oder vielleicht Dank erhält. Das verdirbt die Absicht nicht, wenn man selbst etwas davon hat. Es muss einem nicht schlecht gehen, damit es anderen gut geht. Eine Tat wird auch nicht edler, weil man selbst unter ihr leidet.

Empathisch in einem umfassenden und höheren Sinn kann man besonders gut bei Menschen sein, die einem nahe stehen. Das ergibt sich, weil man eben diese Menschen gut kennt und Empathie nicht nur auf der emotionalen Ebene eine mitschwingen bedeutet, sondern, dass man die Hintergründe des anderen kennt, weiß, wie er sich jetzt, in so einer Situation fühlt, weiß, dass jemand gerade besonders leidet, gelangweilt, überfordert, inspiriert oder im siebten Himmel ist.

Empathie heißt daher auch, zu wissen, warum jemand etwas (aktuell) nicht machen kann. Sie heißt, ein Stück weit nachvollziehen zu können, was eine Alltagshandlung, die für andere nicht der Rede wert ist, für diesen Menschen bedeutet, weil man weiß, dass er eine soziale Phobie hat. Es heißt aber auch besonders erhebende Momente miterleben zu können, weil man weiß, dass jemand gerade am Ziel eines Traums ist.

Das Tor zu anderen Welten

Empathie ist in dem Sinne nichts Besonderes, zumindest nicht in ihren Grundstufen. Es gibt nur eine verschwindende Minderheit vom Menschen, die zur Empathie nicht in der Lage sind. Sie kann allerdings auch schnell sehr komplex werden. In ‘Ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß’-Situationen etwa. Klingt kompliziert, ist aber der Normalfall bei Menschen, die den Alltag miteinander teilen. Man weiß mehr vom anderen, als gerade besprochen wird und der andere weiß, dass man mehr von ihm weiß, einfach, weil man sich gut kennt.

Man kennt die Stärken, Schwächen und Macken des anderen, weiß, was ihn begeistert und wo er verweigert, sich ängstigt, was ein rotes Tuch für ihn ist. Wie fast immer eine Mischung aus geteilten Emotionen und Kognitionen, aber durchaus bis zu den sehr komplexen Bauten der psychologischen und theoretischen Architekturen.

Just an der Stelle gibt es eine bemerkenswerte Wendung. Gilt Empathie landläufig als eine angenehme Eigenschaft, weil der empathische Mensch dem anderen und der Gemeinschaft gut tut, so profitiert ab einem gewissen Grad an Komplexität der empathische Mensch selbst in besonderer Weise. Er stößt das Tor zu anderen Welten auf. So schreibt der Franz Kafka Biograph Reiner Stach:

“”Wir kennen uns nur selbst”, notierte Lichtenberg in seinen SUDELBÜCHERN, “oder vielmehr, wir könnten uns kennen, wenn wir wollten; allein die anderen kennen uns nur aus der Analogie, wie die Mondbürger.” Das ist, wie wir längst wissen, doppelt falsch. Um sich selbst zu kennen, genügt es bei weitem nicht, sich kennen zu wollen. Und was die anderen betrifft, so kommt man erstaunlich oft mit einer Kombination aus Lebenserfahrung und schlichtestem, instrumentell angewandten Psycho-Wissen aus, um bestimmte Handlungen, selbst Impulse und Gedanken vorauszusehen. Anderes wiederum bricht in so spontaner, bisweilen gewaltsamer Weise hervor, dass keine Analogie den Schrecken abzuwenden vermag.

Empathie lautet das Zauberwort des Biographen. Empathie hilft weiter, wo Psychologie und Erfahrung versagen. Selbst das empirisch noch so gut dokumentierte Leben bleibt mysteriös, wenn der Biograph im Leser nicht die Bereitschaft und die Fähigkeit wachruft, sich einzufühlen in einen Charakter, eine Situation, ein Milieu. Daher die eigentümliche Sterilität mancher dickleibiger, von Daten und Quellenangaben förmlich aufgeschwemmter Biographien: Sie geben vor, alles zu sagen, was man sagen kann, doch sie sprechen gleichsam über ihren Gegenstand hinweg und stillen darum auch die Neugier nicht.

Andererseits ist Empathie eine methodologische Droge, und es rächt sich, gedankenlos mir ihr zu hantieren. Gewiss bietet sie glückliche Augenblicke der Erleuchtung: Man vollzieht innerlich nach, was ein anderer erfuhr, und dann begreift man scheinbar ohne Mühe, oder glaubt zu begreifen, wo man bisher vor einem Rätsel stand. Doch Empathie ist kein willkürlich abrufbarer psychischer Zustand, vielmehr eine komplexe Leistung, die – nicht anders als jene Disposition die ‘Intelligenz’ heißt – zunächst einmal den Brennstoff des Wissens und der Bildung benötigt. Empathie ohne hinreichendes Wissen ist eine Mühle, die leeres Stroh drischt. Um das zwanghafte, neurotische Moment in Kafkas Gewohnheiten und Entscheidungen zu erfassen, genügt es bei weitem nicht, selbst neurotisch zu sein (auch wenn das bisweilen nützlich ist). Und um die Situation des Knaben zu verstehen, des einzigen Sohnes, der an jährlich drei, vier jüdischen Festtagen an der Hand des Vaters den Tempel aufsucht, sich dort langweilt, während der Vater erkennbar ans Geschäft oder an die jüngsten antisemitischen Parolen denkt – dazu hilft Empathie zunächst einmal gar nichts, und selbst ein im jüdischen Glauben aufgewachsener Beobachter wird keine Tiefenschärfe erzielen, wenn er die historische Situation nur vom Hörensagen kennt.

Das kulturell Fremde, das längst Vergangene, nicht zuletzt auch das Psychotische, das eine Gesellschaft ebenso ergreifen kann, wie den einzelnen – sie markieren die äußeren Grenzen, die dem empathischen Vermögen gezogen sind. Doch es gibt auch eine innere Grenze, die viel schwerer auszumachen ist: die Grenze zur unbeherrschten Identifikation. Wer sie überschreitet, wird nicht etwa mehr, sondern in aller Regel weniger verstehen. Es kann hilfreich sein, sich identifiziert zu haben, und die intellektuelle und emotionale Anstrengung, die es kostet, sich aus diesem Zustand der distanzlosen Verehrung wieder freizumachen, ist gerade für den Kafkabiographen nicht die schlechteste Vorübung. Auch gehört die Fähigkeit, sich gleichsam probeweise zu identifizieren, zu den unabdingbaren Voraussetzungen für jeden, der ein fremdes Leben erkundet. Doch gerade diese Nähe einer scheinbar leicht zu erlangenden Befriedigung, die wir uns doch versagen müssen, ist eine beständige Versuchung: eine lockende Essenz, von der wir nur kosten sollten.

Empathie stillt den Schmerz des Nichtwissens. Das Nichtwissen selbst vermag sie nicht zu tilgen. Es gibt Monate im Leben Kafkas, über die wir keinerlei Dokumente besitzen, in denen es gleichsam Nacht wird über dem Strom der Überlieferung. Welchen Sinn hätte es, mit romanhaften Phantasien diese Abwesenheit überbrücken oder gar verschleiern zu wollen? Es gibt andrerseits Tage, an denen wir sein Leben fast von Stunde zu Stunde rekonstruieren können, und es zählt zu den lustvollsten Augenblicken biographischer Arbeit, wenn die Dichte der Überlieferung wenigstens die Umrisse einer szenischen Vergegenwärtigung ermöglicht – die Lust des detektivischen Erfolgs. Doch was heißt das bei einem Menschen, dessen Leben sich in der “Tiefe”, in einer so überwältigenden inneren Intensität erfüllt? Immer wieder verbrachte Kafka halbe Tage im Bett, auf irgendeinem Sofa, träge, unzugänglich, tagträumend – er hat es oft genug beklagt, so oft, dass man darüber Buch führen könnte. Doch was wissen wir darüber? Wir wissen, dass etliches von dem, was dort geträumt wurde, später einigen Millionen Menschen den Atem nahm.

Selbst der methodische gewiefteste Biograph kommt über das Bild eines Bildes nicht hinaus: die Stimmung, die Farbe des Augenblicks, die Assoziationen, die latenten Ängste und Lüste, die ihn erfüllen, Mimik und Gestik, Stimmen, Geräusche, Gerüche … alles könnte ein wenig anders gewesen sein, als wir glauben, es uns vorstellen müssen. Unendlich facettenreicher war es ohnehin: Selbst die präziseste, mit Wissen und Empathie bewaffnete Einbildungskraft, ja die perfekte innere Verfilmung des historischen Materials bleibt schattenhaft, gemessen daran, wie es wirklich war. Den Schmerz des Nichtwissens, das fortschreitende Verblassen aller Erinnerungen, das unwiderrufliche Vergangensein des Vergangenen vermag keine Imagination aufzuheben, auch die mächtigste nicht. Alles, was sie kann, ist: Evidenz zu erzeugen, die Konturen zu schärfen, die Auflösung des Bildes zu erhöhen. Alles, was sie sagen kann, ist: So dürfte, könnte, so müsste es gewesen sein.”[1]

Empathie gehört also zur Grundbedingung des Biographen, der damit jedoch nicht einfach nur den anderen versteht, wie man die Funktion eines Stromkreises versteht, sondern man gewissermaßen zum Teil des mitunter faszinierenden Kosmos dieses anderen Menschen, den man zu ergründen und beschreiben versucht und muss aufpassen, dass man die immer auch notwendige Distanz nicht verliert.

Empathie in der Psychotherapie

Empathie ist das Tor zu anderen Welten und bereichert die Welt um unendlich viele Dimensionen und Perspektiven. © European Southern Observatory under cc

Empathisch mit dem anderenen, dem Patienten zu sein, ist auch in der Psychotherapie nicht das Kennzeichen einer bestimmten, sondern die Grundbedingung aller psychotherapeutischen Richtungen. Es gibt darunter einige, die das therapeutische Band und die Bedeutung der emotionalen Bindung mehr betonen, als andere, aber alle Psychotherapeutinnen müssen empathisch sein.

Auch dann, wenn bestimmte Ansätze mitunter hart oder kühl erscheinen, weil Psychotherapeutinnen eben keine Freundinnen sind und es auch nicht sein sollten. Sie muten den Patienten einiges zu und müssen daher nicht nur wissen, wo die Grenzen des anderen liegen, sondern eben auch, wann und unter welchen Voraussetzungen es an der Zeit ist, diese Grenzen zu erweitern, denn das ist der Sinn der Psychotherapie, das Ich größer und stärker zu machen. Seinen Radius in der Umwelt des gesellschaftlichen Alltags und dessen Anforderungen zu vergrößern. Ebenso den der eigenen und fremden Emotionen und deren Verständnis, sowie des Verständnisses fremder Erlebenswelten.

Wer sich erkennt und versteht, versteht auch andere besser und umgekehrt, das ist das Schöne, man kann an jedem Punkt ansetzen. In der Psychotherapie hat man in der Regel den Bonus des direkten Erlebens und damit der Übertragungs- und Gegenübertragungssituationen. Neben dem, was jemand sagt oder worüber er schweigt und was er auslässt, spielt auch noch die Gesamtheit dessen, wie er es sagt eine Rolle. Wo ist jemand begeistert, bei sich, überzeugt, wo eher gehemmt, ängstlich, was ‘vergisst’ er immer wieder, wo gerät jemand ins Stocken, was sagt die Stimme, die Körpersprache? Das wirkt in beide Richtungen, vom der Therapeutin zum Klienten und umgekehrt.

Auch das stößt ein Tor zu anderen Welten auf und man gewinnt mitunter einen sehr intensiven Einblick in das Welterleben des anderen, einfach durch das wachsende Gefühl für die Gesamtsituation und dadurch, dass man die richtigen Fragen stellt und bei Unklarheiten entsprechend nachfragt. Die wirklich schöne Erfahrung dabei, die über die Psychotherapie hinaus geht, ist, dass alle Menschen interessant sind, wenn man sich auf sie einlässt.

Ein weitere Vorteil ist, dass man viel über sich lernt, wenn man die quälenden Ansätze und Rückschritte, die typischer Fehler und Missverständnisse im Leben des anderen sieht, an denen er scheitert und die dann schließlich doch gelingen. Immer lernt man auch etwas über das eigene Leben und im idealen Fall, kann man es übertragen und lernt von seinen Patienten.

Philosophie als Tor zu anderen Welten

Als besonders schöne, aber im Grunde gar nicht in der Breite bekannte Übung in Empathie empfinde ich die Beschäftigung mit der Philosophie. Philosophie heißt nicht, dass ich mich mal hinsetze und mir Gedanken über die Welt mache, sondern es heißt, neben einem gewissen technischen Rüstzeug in den Basisdisziplinen von Logik, Ethik, Erkenntnistheorie und Metaphysik sich vor allem in die extrem kontroverse und breite Welt der Philosophen einzufühlen.

Mit de, Erwerb der Praktiken des Alltags lernen wir eine bestimmte Art der Sichtweise auf die Welt automatisch mit. Wir lernen und verinnerlichen implizite Regeln, die wir jederzeit parat haben, die wir uns aber selten explizit kaum explizit bewusst machen. Wie man flirtet, sich an der Supermarktkasse verhält, diverse soziale Umgangsformen, aber auch, auf wen man wie viel Rücksicht nimmt, was im Leben wichtig und unwichtig zu sein scheint und so weiter.

Philosophen betrachten manches davon aus einem radikal anderen oder zum Prinzip zugespitzen Blickwinkel. Sich in dies Sichtweise eines Philosophen wirklich einzudenken ist manchmal ungeheuer schwierig, aber daher auch so lohnend. Gefragt, was man denn nun gelernt hat – ‘Erzähl’ mal kurz, was drin steht’ – kann man dies oft gar nicht genau sagen, weil es sich eben nicht darum dreht, wie ich mehr bei der Steuererklärung spare oder effektiv abnehme. Außerdem geht es auch nicht um Faktenwissen, wie bei der Höhe eines Berges oder der Zahl der Neptun Monde.

Es geht um die Einübung eines generell anderen, reflexiven Blicks auf und in die Welt und ihre Regeln (im umfassendsten Sinne) und die Frage danach, wie man eigentlich darauf kommt, dass man meint, dass etwas der Fall ist. Man ist in der Regel nicht gewohnt das zu fragen, weil ein gewisser unreflektierter Pool und gesellschaftlichen Konsensaussagen, von denen man zu wissen glaubt, dass die eben so sind, zu unserem Alltagsleben gehören. Das macht die philosophischen Blick anstrengend und verstörend, aber eben auch horizonterweiternd.

Viele philosophische Thesen sind kontraintuitiv und das heißt, sie kommen uns sehr schräg und ungewohnt vor. Nur ein Beispiel: Intuitiv denken viele, man käme mit einem bestimmten Bündel an fertigen Empfindungen auf die Welt – man ist eben so, wie man ist – und wenn man Sprechen lernt, kann man das, was auch vorher schon da war, zusätzlich noch ausdrücken, aber im Prinzip hat sich am eigenen Sosein nichts geändert.

Es ist nahezu philosophischer Konsens, dass das nicht stimmt, sondern man sich mit Hilfe der von anderen erlernten Sprache und obendrein auch durch Hinweise von anderen, die einen auf sich selbst, die Eigenheiten – rote Haare oder ein Zucken des Auges – erst aufmerksam machen, auch das eigene Ich, das eigene Sosein erschließen muss. Das ist ein relativ komplizierter Sachverhalt, bei dem es, wie immer in der Philosophie, nicht darum geht, ihn einfach aufsagen zu können, sondern man muss diesen Punkt wirklich verstanden und durchdrungen haben, die Argumente also gewissermaßen drehen, wenden und von allen nur möglichen Seiten betrachten können.

Das hat auf die Dauer den Effekt, dass die gewohnte und manchmal langweilig erscheinende Welt unglaublich viele neue Facetten bekommt, weil auf einmal jede Betrachtung und Banalität neue Richtungen bekommt. Warum denkt der andere das? Warum überzeugt es ihn? Warum nicht mich? Dass der andere eben einfach anders oder in Zweifel blöd ist, damit kann man die Sache auf sich beruhen lassen, aber man kann allem auch nachgehen und in die Erlebenswelt der anderen eintauchen. Ohne ihn bekehren oder therapieren zu wollen, sondern einfach aus Interesse an der Art seines Soseins, an seiner Perspektive auf die Welt.

Philosophen haben die typischen Arten und Weisen des Welterlebens und der Schlüsse und Tätigkeiten, die man daraus ableiten kann, zu großen Strängen zusammen gefasst und immer wieder auf die Spitze getrieben. Hier spielt das Gefühl in aller Regel eine untergeordnete Rolle, aber Empathie hat vermutlich ohnehin sogar überwiegend eine kognitive Seite und die kann man wunderbar ausbauen und mit Philosophen kann man garantiert ein Tor zu anderen Welten aufstoßen, die das eigene Leben bereichern.

Künstler entführen uns in andere Welten

Schriftsteller, Filmemacher, Musiker, Dichter, Maler darstellende und bildende Künstler haben ebenfalls das Zeug dazu das Tor zu anderen Welten aufzustoßen und uns dabei mitzunehmen. Es ist unmöglich alles aufzuzählen und wer sich in diese Welten hineinfallen lassen kann, weiß, was das für ein Gewinn ist. Man hat immer bestimmte Figuren, mit denen man sich identifizieren kann. Immer mehr zählen auch virtuelle Welten dazu, die von einigen als attraktiver als die alltägliche Welt erlebt werden.

Manchmal sind diese anderen Welt grob gezeichnet, als irgendeine Variation des Themas vom ewigen Kampf von Gut gegen Bösen, mit seinen Helden und Schurken oder von Liebe und Hass. Doch je höherwertig die Künstler sind, umso mehr verstehen sie es, immer wieder auch diese konventionellen Erwartungen zu durchbrechen, zu verwirren und damit Katz und Maus zu spielen. Es hängt vom Einzelnen ab, ob er sich davon anregen lässt oder verwirrt und verärgert fühlt. Sich verwirren und irritieren zu lassen ist in jedem Fall eine Übung in Empathie. Man ist allerdings mit sich selbst empathisch, wenn man sich nicht dauerhaft überfordert, aber unser Thema sind ja die höheren Stufen der Empathie und wenn man diese betritt, tut man in einem immer stärkeren Maße auch etwas für sich und schiebt die eigenen Grenzen immer mehr nach außen.

Man folgt wenig erkundeten Pfaden, manche betritt man vielleicht zum ersten Mal und von bestimmten anderen weiß man, dass diese Weg nur sehr wenige andere gegangen sind. Das ist verführerisch, weil es zur Pose werden kann, zum Geniekult, in dem man meint, mit wenigen anderen für Höheres berufen zu sein. Man streift die banale Alltagswelt dann zu gerne ab und überlässt deren Bewältigung anderen, dem Fußvolk. Empathie ist das genaue Gegenteil, sie wird dann gerne für sich eingefordert, aber anderen nicht gewährt. Die dürfen froh sein dem Genie dienen zu dürfen.

Dennoch, wer als Sportler oder Künstler außergewöhnlich begabt ist, wie soll er oder sie leben? Wo ist die Grenze? Was entscheidet, ob jemand gefördert oder verheizt wird? Wie sehr sollte man jemandem die Möglichkeit geben, sich aus dem Alltag heraus zu halten, weil er sonst sein Leben, was möglich wäre, nicht leben kann? Es muss ja jemanden geben, der oder die uns mit Sonderleistungen aus unseren Denk-, Fühl- und Verhaltensschienen heraus holen kann.

Sollen oder müsssen wir also auch empathisch mit denen sein, die selbst nicht empathisch sein können oder wollen?

Empathietraining

Vermutlich kann man gar nicht zu empathisch sein. Wer anderen weit in ihre Welten folgen kann, der führt mit hoher Wahrscheinlichkeit ein besseres Leben und so wie es aussieht, auch ein glücklicheres.

Von Menschen, die aus irgendwelchen Gründen nicht empathisch sein können, kann man dies einfach nicht verlangen, doch das ist nur eine Minderheit. Wer nicht will, den kann man nicht zwingen, aber irgendwann erreichen. Vielleicht nicht im Moment oder der Phase der Verweigerung, aber dann, später.

Der Egoist muss sich selbst überlisten, indem er empathisch mit sich ist – oder lernt, es zu werden – und sich ehrlich Rechenschaft darüber ablegt, die sein Leben denn nun wirklich läuft. Man muss Realist bleiben. Die Erfahrung lehrt, dass harte Egoisten über effektive Kompensationsmechanismen verfügen, besonders in jungen Jahren. Später jedoch werden sie immer mehr ansprechbar.

Biographien, Psychologie, Philosophie oder Kunst. Die Beschäftigung damit ist in gewisser Weise immer auch Empathietraining der höheren Stufen. Man tatstet sich vor in andere Welten. Das macht jedoch nur Sinn, wenn man die unteren bewältigt hat und tatsächlich auch mit den Armen und Schwachen empathisch ist. Sonst entfernt man sich immer mehr von der Welt der anderen zugunsten eines Elitarismus, der andere Menschen entwertet und das ist nicht schön, weder für sich, noch für andere.

Empathietraining sollte radikal sein, damit meine ich, man sollte keinen Unterschied zwischen sich und anderen zu machen. Man braucht sich nicht selbst zu quälen damit es anderen gut geht, es macht die gute Tat nicht besser, wenn man dabei selbst leidet. Der oft gehörte Einwand, wer andere helfe, täte das doch letztlich nur für sich ist falsch, weil er davon ausgeht, dass Menschen nicht die Absicht haben können, das Wohlergehen anderer vergrößern zu wollen. Das ist aber argumentativ kraftlos, denn die Behauptung, man täte könne immer nur zuerst oder zuletzt an sich denken und daher nicht an andere, ist ein reiner Zirkelschluss, der die Behauptung noch einmal wiederholt und überdies empirisch widerlegt. Wenn man die Absicht hat das Wohlergehen anderer zu vergrößern kann es sein, dass es einem dabei selbst besser geht, es kann sein, dass das den eigenen Status nicht verändert, es kann auch sein, dass man auch mal verzichten oder sogar leiden muss. An der Qualität der Absicht ändert das jedoch nichts.

Empathietraining heißt oft einfach empathisch zu sein. Gehen lernt man auch beim Gehen. Man hilft anderen, schenkt ihnen ein Lächeln, bedankt sich oder hört ihnen aufmerksam zu. Wird man um einen Gefallen gebeten, kann man versuchen ihn zu erfüllen. Man muss sich dabei nicht quälen, wer seinen Masochismus oder seine Depression agiert lindert fremdes Leid um den Preis das eigene zu vergrößern. Deshalb ist die radikale Lösung die bessere, die sich im Zweifel auch abgrenzt und selbst schützt und delegieren kann.

Es gibt ein spirituelles Training der Empathie, in dem man die Krankheit oder das Leid anderer, die man imaginiert, so plastisch in sich aufnimmt und klärt, wie es eben geht. Je nach dem bearbeitet man das eigene Leid immer mit und geht dann erst zu Menschen über, die einem nahe stehen oder denen man mehr oder weniger gleichgültig gegenüber steht und noch später zu Menschen, die man nicht leiden kann.

Die Spiritualität bietet uns zwei wunderschöne Pointen. Die erste ist die, dass, wenn man irgendwann empathisch mit allen ist, sich der Elitarismus von selbst erledigt. In letzter Konsequenz gibt es keine besseren und schlechteren Taten. Allerdings, wenn man das nur glaubt und unwissend wiederholt, aber nicht empfindet, bringt einen dies nicht weiter. Man muss die Erkenntnis dessen, der sie gewonnen hat, eben auch empathisch nachvollziehen können, den Weg selbst gehen und erkennend verstehen. Wer denjenigen empathisch nachvollziehen kann, der alles empathisch nachvollziehen kann, ist erleuchtet. Man ist dann keine Kopie eines anderen, sondern jemand, der die eigene Variante der Erleuchtung lebt und darstellt.

Die zweite Pointe ist, dass das eigene Glück tatsächlich in einem sehr hohen Maße davon abhängt, dass man ein glückliches Umfeld um sich weiß. Den aufrichtigen und authentischen Wunsch zu haben, dass Wohlergehen anderen zu vergrößern ist ein kerzengerader Weg zum eigenen Glück. Tut man dies allerdings taktisch, damit man glücklich wird, klappt es nicht.

Darum sind Selbstreflexion und Empathie mit sich selbst so wichtig. Aber Empathie ist das Tor zu anderen Welten. Das ist die gute Botschaft, denn damit ist sie keine leidige Pflichterfüllung, sondern im besten Fall ein Abschreiten sehr vieler, sehr spannender Welten.

Quellen