Die Freiheit des Ich

Auch bei manchen sportlichen Aktivitäten kann und muss man sich ganz hingeben, damit es funktioniert. © Boris Thaser under cc

Das ist die Freiheit des Ich, sich jederzeit selbst zu entwerfen und wahlweise groß oder klein zu machen. Wenn ich es bin, der seine Welt entwirft – im Sinne einer Interpretation, nicht im Sinne einer Schöpfung – dann bin bin ich nicht nur verantwortlich für meine Position und Rolle in der Welt, sondern ich setze auch die der anderen. Wenn ich mich als jemanden entwerfe, der schon nicht gefragt wurde, ob er überhaupt auf diese Welt kommen wollte, weder seine Gene, noch seine Erziehung oder Umgebung beeinflussen konnte, dann kann man das machen, nur ist dieser Entwurf einer, in dem ich mich selbst maximal unfrei erscheinen lasse. Alle anderen kann ich dann dafür, dass die Welt so ist, wie sie ist und im Einzelfall auch dafür, dass es mir schlecht geht, verantwortlich machen.

Ist vielleicht eine Geschmacksfrage, psychologisch ein Eigentor – eine lange Erklärung findet sich in Psychische Heilung aus der Sicht zweier ungleicher Geschwister – aber darüber hinaus muss man, wenn man sich so entwirft, allen anderen zugestehen, dass sie es ebenso tun. Dann ist auf einmal niemand mehr für irgendwas verantwortlich, am wenigsten für das eigene Leben. Aber aberwitzige Situation, mit der nicht nur die Existentialisten brechen, zurecht.

Denn auch wenn dies oder das schon da war, so heißt das nicht, dass man Dinge nicht verändern kann. Denn auch das ist Freiheit, nicht alles blind fortzuführen, sondern auch hier innezuhalten und abzuwägen. Auch wenn es etwas schon 30 oder 3000 Jahre gibt: Ist es gut und richtig so? Kann ich es unterschreiben? Manche Dinge kann man ändern, andere nicht. Die Fähigkeit zu gewinnen, dass eine vom anderen unterscheiden zu lernen, um einerseits nicht lethargisch zu sein, sich andererseits nicht zu dort zu verheizen, wo es keinerlei Sinn hat, ist ein nächster Akt der Freiheit des Ich.

Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit wird das in der Regel bezeichnet und Hegel gilt als Urheber, Kant formulierte es ähnlich. Keine Willkür, aber auch kein Grund zum depressiven Rückzug. Wenn ich aber nun mindestens Mal Akteur meines eigenen Willens und meiner eigenen Handlungen bin, stehe ich auch in der Verantwortung dafür, wie ich mit den anderen umgehe. Die wuseln ja auch in der Welt herum und zu ihnen muss ich mich verhalten.

Wenn ich sage: ‘Ist mir doch egal, es muss jeder selbst gucken, wo er bleibt’, dann kann ich mich nicht darüber beschweren, wenn andere das auch tun und eine Welt von Missgunst und Konkurrenz wird entstehen. Eine Lösung kann sein, in ihr besonders trickreich und gerissen zu agieren, denn wenn ich darin nur gut genug werde, kann ich tatsächlich tun und lassen, was ich will.

Ein Sichtweise, die man nachvollziehen kann, die aber unterm Strich nicht aufgeht (vertiefend: Aggressives oder friedliches Verhalten: Wer gewinnt?), es sei denn, man strebt den Kampf aller gegen Alle an, Auch das hat man zum Teil selbst in der Hand, nur sind wir es nun schon seit Jahrzehnten gewohnt uns immer mehr von unserer Verantwortung freizusprechen. Da ich aber nur frei bin, wenn ich selbst entscheide und eine Opferidentität immer so angelegt ist, dass ich nie irgend etwas entschieden habe, sabotiert man damit auch die Möglichkeit zur Freiheit. Da das Empfinden frei denken und agieren zu können für uns wesentlich ist, schmerzt das, wenn man den Zusammenhang jedoch nicht erkennt, bleibt man weiter ein Gefangener der eigenen Projektionen.

Das ist die Freiheit des Ich, sich selber entwerfen und verorten zu können und es liegt zu einem guten Stück an uns, wie wir über unser Leben entscheiden, wie unsere Lebensbilanz ausfällt.

Freiheit, Covid-19-Politik und die Proteste

Um Freiheit und ihre gefühlte Einschränkung geht es auch bei den Anti-Corona-Demos, in denen ein betont buntes Publikum gegen eine breite Zahl von empfundenen Einschränkungen protestiert. Man lässt sich nicht davon abschrecken gegen die wiederholten Zumutungen zu demonstrieren, auch wenn unter den Demonstrierenden offen rechtspopulistische oder rechtsextreme Menschen, sowie Reichsbürger anzutreffen sind.

Zu ihnen gesellen sich klassische eher lLinke, so wie Teile einer bürgerlichen Mitte, Esoteriker, Impfgegner, Veganer, offenbar auch Aktivisten für Schwule und Lesben, Menschen, die zusammen das bilden, was man Querfront nennt, gesmsicht mit bunten Vögeln und ganz normalen Bürgern, vereint in der Ablehnung, manchmal bis zum offenen Hass auf die ‘Merkeldemokratur’. Vermutlich wäre es nahezu unmöglich ein Papier mit Forderungen zu erstellen, auf dem zu lesen ist, für was man nun eigentlich ist, aber man muss auch nicht für etwas demonstrieren, Protest richtet sich bekanntlich gegen die bestehenden Zustände.

Es ist nicht ohne Ironie, dass man heute von einer linksgrünen Meinungsdiktatur spricht, bei der Frau Merkel unter links verortet wird, doch eben diesen Grünen aus der eher rechten Ecke vorgeworfen wurde, es handle sich um bei ihnen um eine reine Dagegen-Partei. In dem Moment, wo man selbst dagegen ist und zwar irgendwie gegen alles, ist das nicht mehr so ein Problem.

Kritisiert wird derzeit ungefähr alles. Für die einen ist Covid-19 eine reine Erfindung, für die nächsten eine harmlose Grippe, von den Testverfahren, über ihre mediale Darstellung bis zu Sinn und Unsinn jeder einzelnen Maßnahme gegen das Virus und der dahinter vermuteten wahren Absicht: Der Regierung, der Wirtschaft, der WHO, von Bill Gates, der Pharmalobby und so weiter, jeder hat das irgendwie schon mal am Rande gehört.

So schwer es ist darin eine gemeinsame Linie zu finden, so ungeschickt ist es, all diese Menschen als Extremisten und verschrobene Spinner anzusehen und darzustellen, denn das treibt sie nur in die Ecke, sie fühlen sich nicht nur missverstanden und nicht ernst genommen, sie sind es auch. Von offenen Staatsfeinden abgesehen fühlen sich aber auch andere Menschen übergangen, bei vielen Fragen und Entscheidungen der letzten Jahre. Die Corona-Politik ist vermutlich nur ein Sammelbecken das komplex genug ist, damit jeder etwas findet, was ihn schon länger stört, nur sind die einzelnen Aspekte keineswegs gleich schlecht.

Der Versuch mit einem Faktencheck darzustellen, wie es wirklich ist, ist das sicher gut gemeint, aber oft schlecht gemacht. Nicht einmal technisch, denn man müht sich redlich und kann tatsächlich die eine oder andere Wissenslücke füllen. Doch gleichzeitig wird hier ein Denken und eine Sichtweise unterstellt und vorausgesetzt, die längst hinterfragt werden müsste. Die Idee nämlich, dass Fakten etwas sind, was grob gesagt einfach so auf der Straße liegt, die man nur sammeln und zusammenstellen muss, weil sich durch sie für jeden das gleiche Bild ergibt, wie bei einem Puzzle, das man irgendwo findet. Das ist nicht der Fall, Fakten sind Bündel bestimmter Sichtweisen, abhängig von Methode, Art des Hinschauens und den bewussten und unbewussten Prämissen oder Vorannahmen, denen man folgt. Die Wissenschaftstheorie weiß längst und was man auch weiß, ist, dass die Wissenschaft selbst keineswegs unideologisch und vorurteilsfrei ist. Dass ärgert zum Glück jene, die das Ideal einer freien und unabhängigen Wissenschaft zurecht hoch halten und man muss diese redlichen Forscher unterstützen.

Ich halte die Idee einer Wissenschaft als objektiver Methode und Gipfel der möglichen Erkenntnis für falsch, aber auch wenn man das tut, kann und muss man Güteklassen der Erkenntnis unterscheiden. Menschen, die nur von Ressentiments getrieben sind und inhaltlich gar keine Ahnung haben, haben natürlich alles Recht zu protestieren, aber sie stehlen sich aus der Verantwortung und beschneiden ihre eigene Freiheit, wenn sie nicht in der Lage sind zu sagen, was sie genau stört. Manchen muss man helfen, ihr diffuses Unbehagen zu artikulieren und es ist völlig in Ordnung und sogar geboten, sich zum Anwalt oder Sprachrohr von Menschen, die sich nicht besser ausdrücken können, die aber Angst und Sorgen haben, zu machen.

Sie müssen gehört werden, selbst wenn sie keine guten Argumente haben, weil es für viele – die sich seit Jahren oder Jahrzehnten übergangen fühlen – schon ein Gewinn ist, dass man ihnen überhaupt man zuhört. Manche unbegründete Sorge kann man im Gespräch wirklich aufklären, manche Wissenslücke füllen, doch längst nicht alle Kritiker sind leichtgläubig oder Covidioten, es gibt hochintelligente Kritiker, mit sehr guten Argumenten zu so ungefähr jeder Sparte der Covid-19 Erkrankungen und ich sage das vor dem Hintergrund meiner eigenen Einstellung, dass ich Covid-19 als eine durchaus ernste Erkrankung ansehe, die für einige Gruppen der Bevölkerung, die bei uns häufig vertreten sind, lebensgefährlich ist.

Es gibt eine Fundamentalkritik der Ahnungslosen, aber eben auch berechtigte Kritik, an den offiziellen Zahlen und den daraus dann abgeleiteten Maßnahmen. Die guten Kritiker sind den durchaus bemühten Faktencheckern, die sich häufig mal eben in das Thema einarbeiten, dabei oft um Klassen überlegen, weil es eben doch einen Unterschied macht, ob man sich seit Jahrzehnten intensiv mit einem Thema beschäftigt oder man am Wochenende ein paar Quellen im Internet recherchiert. Sehr guten Journalisten ist zuzutrauen, dass sie sich sehr gut und hinreichend tief, bei den richtigen Stellen einarbeiten, denn das ist wiederum ihr Spezialgebiet, aber auch hier gibt es wie in der Wissenschaft bei den Protestierenden, größere qualitative Unterschiede.

Es gibt keinen leichten Weg in die Freiheit

Das alles ist lästig, mühselig und komplex. Aber die einfachen Antworten werden nicht mehr geglaubt und es ist ein Stück weit gut, dass das so ist. Dass viele Ansätze nicht über das Niveau primitiver Verschwörungstheorien hinaus kommen, ist bedauerlich, aber diskreditiert nicht jene, die das durchaus schaffen. Wie schon öfter ausgeführt, ist die Zeit für einfache Antworten, auch wenn die Sehnsucht danach groß ist, für die nächsten Jahrzehnte vorbei. In Neue Realitäten stellten wir da, dass es zu viel, zu komplexe Probleme gleichzeitig gibt, um die mit einer Maßnahme aus der Welt zu schaffen, zumal eine Vielzahl der Themen Langlaufthemen sind, die uns erhalten bleiben und da gab es Sars-CoV-19 noch gar nicht.

Es ist unsere Verantwortung so gut, wie es eben geht nach Antworten und Praktiken zu suchen und wer bis hier hin mit liest und aufgepasst hat, wird erkennen, dass dies zugleich unsere Freiheit ist (oder man möge eine bessere Definition für Freiheit vorlegen).

Ideologen wollen uns glauben machen, dass es genau eine Maßnahme ist, die man durchziehen muss, damit die Welt sich in eine bessere verwandelt, es ist die Stärke unserer Kultur gefunden zu haben, dass man vieles nicht probieren muss, sondern es reicht die Argumente zu prüfen.

Es gibt keinen leichten Weg in diese Form der Freiheit, man muss sich durch allerlei zähes Zeug durchwurschteln, aber ist das zu viel verlangt, wenn es um Freiheit geht? Ansonsten ist die Sache vergleichsweise simpel: Egal wie ferngesteuert und manipuliert uns jemand erscheint, so lange er selbst das so will, ist es seine freie Entscheidung, wie schlecht begründet oder wenig reflektiert – die wollen doch nur, dass du so denkst, wach’ endlich auf – uns das auch erscheinen mag: Wenn einer etwas will, was einfach Modetrend ist und denkt, er wäre sonst nicht vorne mit dabei, dann mag einem das simpel vorkommen, aber jeder hat nun mal das Recht seine Prämissen selbst zu setzen. Wir wissen inzwischen, dass eine Erziehung zu Kritik und Unabhängigkeit nicht das ist, was jeder will und daher auch ein Pushen in diese Richtung oft den Charakter einer Zwangsbeglückung hat.