Die Freiheit vom Ich

Ganz versunken in das, was man tut, vergisst man sich für Momente oft selbst. © Boris Thaser under cc

Die Freiheit des Ich, ist die Freiheit rationale Entscheidungen auf der Basis selbst gewählter Prämissen zu treffen. Aber kann es auch eine Freiheit vom Ich geben?

Es sind vor allem Mystiker, die diese Frage mit ‘Ja’ beantworten und dabei nicht schwärmerisch sind, sondern eher sehr technisch. Am meisten ist diese Einstellung aus dem Buddhismus bekannt, aber auch bei uns finden wir Stimmen. Inzwischen sind die Punkte gut genug behandelt, um sie darzustellen.

Das Ich ist das, aus dem heraus wir Innen- und Außenwelt erleben. Wir haben nicht ein Ich, wir sind Ich. Die ganze Psychotherapie ist im Grunde daran interessiert, dieses Ich zu stabilisieren, weil ein kompletter Ich-Verlust einer Psychose entspricht und eine Ich-Schwäche kein angenehmer Zustand ist. Die Möglichkeit einer gesunden Form der Ich-Losigkeit oder Überwindung ist im Grunde bei uns nicht vorgesehen.

Dennoch können Menschen, die Meditieren zuweilen eine überraschende Erfahrung machen, denn es gibt Erfahrungen in der Meditation, in denen man nicht etwa weggetreten oder in Trance ist, sondern klar und wach mit offenen Augen da sitzt, aber zusätzlich stellt sich noch ein bis dahin vollkommen unbekanntes Gefühl ein. Das Ich ist weg. Das ist ungewöhnlich und muss daher erklärt werden.

Wir haben üblicherweise keinen Zweifel daran, dass wir etwas erleben. Ich bin es, der oder die diesen Satz so eben gelesen hat, ich bin es, der oder die heute Morgen aufgestanden ist, vielleicht etwas geträumt hat, Kaffee oder Tee getrunken hat und so weiter. Egal was wir tun, wir erleben es als Ich oder wenn nicht, wie bei Tiefschlaf, Bewusstlosigkeit oder ‘Filmriss’ (nach zu viel Alkohol), erleben wir es eben auch nicht. Das ist so selbstverständlich, dass wir es nicht einmal erwähnen, es ist halt ganz einfach so. Umso seltsamer ist die Erfahrung, wenn es anders ist. Man erlebt die Welt ganz klar, nur ohne das Empfinden, dass ich es bin, der oder die es erlebt.
Für jene, die es erleben sehr ungewöhnlich, den spirituellen Meistern aber durchaus bekannt. Daher ist die Reaktion der Buddhisten auch, dass man sich erst mal wieder beruhigen soll. Mit unseren Hintergrund können und müssen wir fragen, warum man sich denn an diese Situation erinnert und wer es denn eigentlich ist, wenn nicht das Ich, das sich erinnert.

Spirituelle Meister machen uns darauf aufmerksam, dass man auch an dieser Erfahrung hängen bleiben kann. Das ‘Ziel’ spiritueller Erfahrungen ist das Erwachen oder die Erleuchtung, aber das ist nicht irgendwas, über das man fabulieren kann, sondern die Abwesenheit jeder Form von Anhaftung. Spirituelle Erfahrungen sind so gut wie immer außergewöhnlich und wir neigen dazu uns in diese Wow!-Erfahrungen zu verbeißen oder eben an ihnen doch wieder anzuhaften. Wir sind fasziniert, dass wir so etwas nach endlosen und langweiligen Jahren des faden Sitzens, doch erlebt haben und auf einmal ist unser Ich hellwach und präsent.

Hierfür hat sich die Mühe ja dann doch gelohnt, jetzt kennt es sich aus, kann berichten, was es erlebt hat, ist auf einmal kompetent … und so gut wie alle Schulen der Spiritualität haben die riesige Gefahr gesehen, die darin liegt, denn diese Erlebnisse pushen das Ich, statt es zu überwinden.

Nur leider wird man dies auch durch Bescheidenheit nicht los, denn was man erlebt hat, hat man ja nun mal erlebt, es war ja da und echt. Man versucht das irgendwie in den Alltag zu retten. So prüft man sich unablässig, tut etwas und kontrolliert fortwährend, ob man dabei auch achtsam, klar und bewusst genug ist, will ganz bei dem sein, was man macht und sich dabei beobachten und beides geht nicht zusammen. Es ist wie der Versuch Wasser und Öl zu mischen, es entmischt sich immer wieder.

Die merkwürdige Paradoxie der Freiheit

Vom Ich loszulassen heißt also auch noch von dem Hang loszulassen, sich zu beobachten. Darum geht es eigentlich auch in der Meditation. Es fängt damit an, dass man sich besonders intensiv wahrnimmt, den Körper, die Gefühle, das Denken und es geht damit weiter, dass man irgendwann davon loslassen kann, weil man den Strom des ewigen Wandels entdeckt. Die Dinge, die Empfindungen, die Gedanken kommen und gehen und die einzige Konstante ist der ewige Wandel und der ist eben keine Konstante, sondern wandelt sich.

Da haben wir den Salat. Das Ich wollte sich die ganze Zeit so gerne festhalten und glaubte, die Erfahrung, dass das Ich auch verschwinden kann, sei der definitive Anker, den es setzen kann. Es will diese Erfahrung der Ich-Losigkeit gerne für immer konservieren und das ist bereits die nächste Form des Anhaftens. Doch das Leben fordert uns schon wieder in neuer Weise heraus, es geht weiter, etwas anderes wird verlangt, als über die Frage der Ichlosigkeit zu sinnieren und es bleibt nichts weiter als das Versprechen, das man am Anfang in der Regel schon mal gehört und nie geglaubt hat, dass es nichts zum Festhalten gibt.

Das ist einigermaßen ernüchternd, weil es das ist, von dem wir im Grunde nichts haben und das ist der wesentliche Schlüssel. Auf die Frage, was ich denn eigentlich von dem ganzen mühsamen und anspruchsvollen Projekt Spiritualität habe, muss man ehrlicherweise antworten: Nichts. Weil der oder die, die die Frage stellt am Ende dieses Weges nicht mehr existiert.

Das Ich zu überwinden heißt aber nicht von einer Wolke auf sich selbst hinab zu blicken, sondern diesen Schritt noch zu überwinden und sich nur noch dem zu überlassen, was einem gerade begegnet. Selbstvergessen, wenn man es so ausdrücken will. Man ist einfach da und vertraut darauf, in der Situation das Richtige zu tun, weil es das ist, was man über Jahre gelernt hat. Es wird automatisch gestärkt, kommt zum Vorschein oder rückt in den Vordergrund, wenn man – aber das in an dem Punkt ohnehin klar – nicht mehr ständig hochrechnet, was man selbst davon hat, wie man da steht, ob einem auch nichts passiert und so weiter.

Das ist gewissermaßen zwar der Ausgangspunkt jedes spirituellen Weges, aber alle, die sich ein wenig damit auskennen wissen, dass das unterwegs gerne mal vergessen wird und zwar nicht ein mal, sondern eher ein Dutzend mal. Es kommt jedoch auch eines zum anderen, die Teile passen gut ineinander, vor allem kann man da wo man sich gerade befindet anfangen, den Weg zu gehen. Man steht immer schon an der richtigen Stelle, zu meinen, es sein anders – man bräuchte mehr Zeit oder eine andere Umgebung – sind schon wieder Projektionen des Ich, das sich vorstellt, wie es wohl ist, wenn man erleuchtet ist.

In radikaler Weise vom Ich loszulassen heißt eigentlich genau das, alles abzustreifen, was einen bindet. Bequemlichkeiten, Hochrechnung, was man vielleicht über ein paar Ecken doch noch davon hat, wenn man nun so ein netter und offener Mensch ist (wenigstens gutes Karma) oder so ein Gefühl des über den Dingen Stehens, bei dem einem im Grunde alles egal ist, weil man gelassen und gleichmütig ist oder eben die Selbstsicherheit auf Erfahrungen zurückblicken zu können, die andere nicht haben. Das ist alles schön und gut, solange man sich nicht in diese Dinge verbeißt und eine Identität draus strickt.

Wenn man auch davon loslässt und akzeptiert, dass man keinen Gewinn aus dem zieht und ziehen wird, was man erlebt hat, ist man wirklich angekommen. Es geht einfach immer weiter, wie für jeden anderen Menschen, für jedes fühlende Wesen auch. Wenn man das akzeptieren kann, ist es nicht wichtig, ob man 20.000 Stunden meditiert hat und anders herum kann man auch nach dieser Zeit noch immer subtil anhaften. Doch das Ich zu überwinden, die Freiheit vom Ich in diesem Sinne ist durchaus möglich, wir alle kennen Momente, in denen uns das gelungen ist. Es ist nicht falsch, dazwischen auch wieder ein Ich zu sein, weil wir als dieses unseren Alltag bewältigen, aber wir können uns davon auch wieder lösen, ganz egal was wir tun.

Die Freiheit des Ich besteht darin, sich rational zu entwerfen. Theoretisch ist das nicht leicht zu verstehen, wenngleich in vielen Aspekten kontraintuitiv. Praktisch ist es nicht so schwer, man muss nur einverstanden mit dem sein, was man tut. Die Freiheit vom Ich ist auf der einen Seite radikaler und noch schwerer zu verstehen, im Grunde ist dies eine Praxis, bei der erst im Verlauf derselben das Verständnis durch das Praktizieren entsteht und die rationale Einordnung verfehlt im Grunde immer den Punkt oder bleibt zumindest defizitär. Praktisch ist es jedoch fast noch einfacher in den Zustand der Selbstvergessenheit zu gelangen. Man darf nur nicht der Versuchung erliegen, diesen festhalten zu wollen. Dies zu verstehen, aber dennoch zu tun, ist die Funktion des Ich, doch niemand hindert uns daran, von ihm immer wieder loszulassen. Die Möglichkeit im Moment und bei dem, was man tut anzukommen, ist in jedem Moment gegeben. Diese Freiheit kann uns niemand nehmen.