Das richtige Leben. Eine normative Aussage?

Steckt hier ganz viel richtiges Leben drin oder besonders wenig? © Clint Budd under cc

Vielleicht ist das mit dem richtigen Leben ja auch normativ oder moralisch gedacht. So wie in Adornos berühmten Zitat: “Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Eventuell etwas abgeschwächter, so dass es eine richtige Art zu leben gibt und eine, davon abzuweichen. Adorno hat dabei jedoch kein uniformes Lebensmodell im Hinterkopf, keine Gleichmacherei, denn an anderer Stelle feiert er die Unterschiede und sich wechselseitig respektierende Lebensansätze.

Alles wäre gut, wenn jeder die Art und Weise des anderen zu leben akzeptiert und nicht versucht, ihn zu einem anderen Leben, Fühlen, Wollen, Handeln, Sagen oder Denken zu bekehren. Jedoch ist nicht jeder willens oder in der Lage, das einzusehen oder umzusetzen und so ist dann in der Praxis doch nicht jeder Lebensansatz gleich gut. Ein Punkt der längst nicht jedem klar ist und der daher auch noch nicht zu Ende diskutiert ist.

Dennoch hat eine andere Art der Normativität viele von uns im Griff. Das richtige Leben hat viel mit dem zu tun, wie man eben heute so lebt. Da wird zwar von manchen eine gewisse Uniformität beklagt, aber es ist ein Konformismus über Bande. Die Rede vom großen bösen Mainstream hört man immer aus eher bestimmten kleineren Ecken der Gesellschaft und jedes Mal sieht der Mainstream ein wenig anders aus. Was ihn eint ist lediglich, dass er anders ist als wir. Nicht die Werte einer bestimmten Randgruppe zu teilen ist aber noch keine übereinstimmende Eigenschaft, die Menschen verbindet.

Und im Gegensatz zu dem was behauptet wird, ist auch weniger die Orientierung an dem, was alle machen das verbindende Element, sondern es scheint heute wichtig zu sein, sich abzugrenzen, anders zu sein, das zu machen, was noch niemand gemacht hat. Teil eines bestimmten auserwählten Zirkels zu sein oder etwas erlebt zu haben, was so nie wieder zu erleben sein wird. Der eine magische Moment, das Konzert von 2012, das sensationelle Sportereignis, der unvergleichliche Urlaub oder die Party, die es so nie wieder geben wird. Singularität als die neue Norm, das Besondere und Unwiederbringliche als der neue Maßstab.

Stimmt ja auch. Das neue Buch genau da und dort gelesen zu haben, das gibt es vermutlich als Erlebnis so nur einmal auf der Welt. Aber bei Licht betrachtet ist jedes Ereignis auf seine Art einzigartig. Die Erkenntnis, wenn sie zündet, ist super, genau das will uns Zen beibringen, aber wenn jeder Moment besonders ist, ist auch wieder keiner besonders. Die nächste super Erkenntnis. Wir sind aber derzeit noch woanders unterwegs und feiern das Besondere, definieren uns darüber.

Das macht uns zwar besonders, aber es trägt kollektiv nicht und da gibt es immer weniger. Gerade noch die Hälfte der Menschen bei uns ist Mitglied einer christlichen Kirche, aber auch Parteien, Gewerkschaften und anderen Großorganisationen verlieren an Nachwuchs. Doch die vermeintliche Individualität ist in vielen Fällen eine neue Uniformität, eben nur gut verpackt. Oft ein bindungsloser Einzelkämpfer, der sich über seinen Beruf und seine Leistungsbereitschaft und -fähigkeit definiert. Ein unverheirateter Mensch, der sich so lange es geht für seine Arbeit fit hält und sich den Anforderungen seiner Umgebung weitestgehend geräuschlos anpasst, darf sich also heute als Leistungsträger fühlen. Früher galten solche Menschen als kauzige Sonderlinge und wurden Hagestolz genannt.

Der nicht reflektierte gesellschaftliche Druck

Die Schuld bei den Sündenböcken zu suchen ist zu einfach, wenngleich auch Habermas hier klare Worte findet:

“In der diffusen Gestalt frei konkurrierender öffentlicher Meinungen kann „das Politische“ – im Sinne eines Interesses für das Ganze unserer einstweilen noch über nationalstaatliche Öffentlichkeiten legitimierten Gemeinwesen – auch in funktional ausdifferenzierten Gesellschaften in Verbindung mit demokratischen Wahlen ein einigendes Zentrum bilden. Das ist freilich nur so lange möglich, wie die entscheidungsbedürftigen Themen überhaupt noch in die Kommunikationskreisläufe Eingang finden und die staatlich in institutionalisierten Entscheidungen selbst in dem pluralistischen Stimmengewirr einer vitalen Öffentlichkeit verwurzelt bleiben. Die Belastungen, die durch die Funktionsstörungen in einzelnen Teilsystemen der Gesellschaft, vor allem im ökonomischen System, hervorgerufen werden, finden auf dem Resonanzboden der Zivilgesellschaft ein Echo in einer zerstreuten, aber gesellschaftlich verbreiteten Krisenempfindlichkeit. Dieses noch vorpolitische Allgemeinbewusstsein richtet die Aufmerksamkeit auf Themen, die einen Handlungsbedarf der Politik einfordern. Es kann sich in der Öffentlichkeit artikulieren und unter günstigen Bedingungen mobilisierende Kraft entfalten. Die längst verstaatlichten politischen Eliten empfangen von dieser Seite einen intentionalen Gegendruck zu dem Erpressungspotential der Märkte und dem allgemeinen systemischen Druck funktionaler Imperative, die im Scheine von Sachnotwendigkeiten auftauchen”[1]

Habermas ist nie leicht zu lesen, beim zweiten Mal versteht man aber, was er meint. Den Funktionalismus können und müssen wir selbst loswerden. Auch indem wir uns klar machen, dass wir diese funktionalistische Sichtweise erst erworben haben.

Wir sind alle so individuell, dem kann man sich kaum nicht entziehen, wenn die Freunde das machen, macht man es mit. Natürlich nur, wenn man dazu steht, es muss schon zu mir passen. Aber mein Freundeskreis passt schon zu mir, sonst wäre es ja nicht mein Freundeskreis. In der Umgebung, der Nachbarschaft, da kann man nun auch nicht einfach machen, was man will, jedenfalls nicht ohne Gesichtsverlust, man will ja auch kein Asi sein. Schon ist man ganz individualistisch wieder im Gruppendruck, hat aber auswendig gelernt, dass man das alles freiwillig macht. Das mit dem Freiwilligen stimmt schon, aber es ist oft recht unreflektiert.

Man kann für die Mitwelt die Fassade eines doch ziemlich zufriedenen Lebens aufrecht erhalten, indem es darum geht über alle Widersprüche hinweg zu sehen, alle Ideale der Jugend (falls es da etwas gab) langsam auszudimmen, sich so anzupassen, dass man nicht merkt, dass das vermeintlich so hohe Maß an Individualität, die man aber bitte auch in den sozialen Medien fortlaufend zu dokumentieren hat, doch recht unfrei macht.

Die Lösung ist bestimmt kein billiger und floskelhafter Kollektivismus, sondern oft Reflexion der eigenen Zustände. Also genau das, was eigentlich doch gar nicht so viel mit dem richtigen Leben zu tun haben soll.

Es tut ja doch keiner was?

So hört man es oft und dann findet das richtige Leben wieder nur statt, wenn man schwitzt, sägt und Möbel verrückt. Reden scheint schon weiter weg und Denken kann ja nichts ändern. Denken kann sich höchstens zu Taten verdichten und die ändern das was. Es ist egal, was ich denke, wenn ich Durst habe, denn dann muss ich einfach was trinken. Aber eine schwierige Entscheidung treffe ich nicht dadurch, dass ich viel trinke, sondern da muss ich nachdenken. Klingt simpel, ist simpel, nur werden bei den ‘Beweisen’, wie wirkungslos das Denken doch sei, häufig merkwürdige Kontexte kreiert.

Dass man sich ja nicht denken kann, dass sich die Wand von selbst anstreicht, das müsste man schon selbst tun. Stimmt, aber hat auch keiner behauptet. Aber das Denken ändert sich, wenn man anders denkt. Man kann lernen anders zu fühlen, weiter zu werden, neue Möglichkeiten anzuschauen, neue Perspektiven einzunehmen und auf einmal ändert sich die ganze Welt.

Bei einer Psychotherapie gibt ein zwar den Ansatz, sein Verhalten zu ändern, aber das ist nur einer von vielen und dazu längst nicht der tiefgreifendste. Wenn er passt, ist er super, genau wie die Säge richtig ist, wenn man einen dicken Ast los werden will. Ansonsten ist eine erweiterte Perspektive das was die Welt eines Kranken fundamental ändern kann. Man denkt ‘nur’ etwas anders, etwas breiten und spielt das durch. Und auf einmal ist alles anders. Das sind die Paradefälle, aber es gibt sie.

Und es kann sogar noch sparsamer und passiver werden. Der Mystiker Meister Eckhart ist unter anderem dadurch bekannt geworden, dass er eine Art westlichen Buddhismus entwickelt hat. Eckhart schreibt in eindrucksvoller Weise, dass es nicht darum geht sich als religiöser Mensch abzustrampeln um ein gottgefälliges Leben zu führen, viel mehr solle man von all dem loslassen und darauf vertrauen, dass Gott einen schon so schafft, wie er es für richtig hält.

Das ist mal echtes Gottvertrauen, aber Eckhart verstört weiter und sagt, dass ihm in seinem Durchbrechen Gott als Schöpfergott nicht genügen kann. Trotz oder wegen seiner Reduziertheit lässt Meister Eckhart keinen Stein auf dem anderen. Er schreibt, ihm würde zuteil, dass er – in seiner ersten ungeschaffenen Ursache stehend – und Gott eins sind. Man muss den Weg nur konsequent zurück gehen und loslassen.

Das ist noch nicht mal ein Denken, sondern die Frucht konsequenter geistiger Armut. Eine Armut, die daher rührt, dass man los lässt und zurück lässt, was man als sicher ansieht. Aber Eckhart macht es uns nicht leicht. Seine Botschaft ist nicht, sich hinzusetzen, selig zu lächeln und darauf zu warten, dass alles gut wird. Denn einerseits redet er von Vertrauen, geistiger Armut, dem Geschehen lassen oder Gelassen werden.

Aber das ist eben keine Lethargie. Was erwarten Menschen von der Religion? Aktuell schwindet die konfessionelle Bindung, ob die Transzendenz je verschwinden wird, weiß man nicht. Es ist das Außeralltägliche, was die Menschen suchen und dieses Außeralltägliche scheint ein tiefes Bedürfnis des Menschen zu sein, eines, das Religion und Kunst verbindet. Es gibt jenseits des Alltags noch dieses andere, vielleicht diese andere Welt und auch sie ist echt und richtig, weil Menschen in ihr und mit ihr etwas erleben.

Meister Eckhart torpediert oder transformiert auch das, wenn er einerseits betont, “dass die Heiligkeit niemals auf ein Tun gegründet ist, sondern ausschließlich auf ein Sein.”[2]

Doch in seiner Predigt über Martha und Maria findet man:

“Eckharts Hochschätzung der von einem göttlichen Impuls geleiteten sozialen Aktivität führt ihn sogar zu einer unkonventionellen Auslegung der biblischen Erzählung von den Schwestern Maria und Martha, die dem herkömmlichen Verständnis völlig widerspricht. Er folgt nicht der traditionellen Interpretation der Darstellung im Lukasevangelium (Lk 10,38–42 EU), wonach Christus dort den Vorrang der rein kontemplativen Haltung Marias gegenüber der aktiven Marthas feststellt. Vielmehr steht nach Eckharts Deutung die äußerlich aktive Martha höher als die nur Christus zuhörende Maria. Martha war zwar mitten in den Sorgen der Welt tätig, aber unbekümmert, auf besonnene Weise und ohne dabei Gott aus dem Auge zu verlieren. So verband sie in ihrer Haltung die Vorzüge von Kontemplation und Aktion.

Den Vorrang der sozialen Aktion vor der passiven Kontemplation betont Eckhart noch drastischer in einem Traktat, wo er schreibt, dass jemand, der im Zustand der Verzückung ist wie der Apostel Paulus, wenn er von einem kranken Menschen weiß, der eines Süppleins von ihm bedarf, von der Verzückung ablassen soll, um dem Bedürftigen zu dienen. Dabei versäumt man keine Gnade, sondern gibt im Gegenteil Gott den Vorrang.”[3]

Das Besondere liegt im Alltäglichen und dort findet die Synthese statt. Erst mag es diese Trennung geben, vielleicht ist sie notwendig, um dem Sakralen, dem Besonderen einen Raum zu geben, aber letztlich kürzen östliche und westliche Mystiker diese Trennung ein. Die gleiche Handlung, dasselbe Tun kann vollkommen unterschiedlich motiviert sein und die Synthese ist kein engagiertes Wollen, kein besonderes Denken, sondern eine Einstellung, die alles abstreift und gleichermaßen für Gott und die Welt offen ist und wir sahen, dass der Meister mit einen konventionellen Gottesbild nicht viel am Hut hat.

Das richtige Leben, wo findet es statt?

Wer ist nun näher dran, am richtigen Leben? Der Waldarbeiter, der Philosoph, der in der Brunnen fällt oder die Magd, die ihn auslacht? Eine Quantenphysikerin oder ein Bäcker, der noch mit der Hand ehrlich knetet? Ein Lügner oder seine Anwältin? Ein Irrer oder sein Psychiater? Ein Märchenerzähler, Mathematiker, Musiker oder Mystiker?

Man kann die Realität nicht vermeiden, alles was man macht, ist gleich nah dran an und wirkt auf sie ein und in ihr. Das alles ist richtiges Leben. Dass das richtige Leben in einem normativen Sinne meint, so zu leben, wie es alle tun – auch wenn das was alle tun derzeit oft darin besteht, sich und anderen seine Einzigartigkeit durch Besonderheiten beweisen zu wollen – ist ebenfalls nicht überzeugend. Alles und jeder ist auf seine Art einzigartig. Hat man das mal verstanden und wirklich durchdrungen, kann man von der Suche nach dem Besonderen auch wieder ablassen, weil jeder Moment gleich einzigartig ist. Die Frage besteht darin, ob man es erkennt, nicht, ob es so ist.

Quellen