In der Isolation begegnen wir uns selbst

Wenn man äußerlich nichts tut, kann innerlich sehr viel passieren. © Meet the People, Witness … under cc

Ein eindrucksvolles Erlebnis der selbstgewählten Isolation und des freiwilligen Verzichts erlebte ich vor längerer Zeit, als ich im Rahmen einer Ausbildung im Anschluss an einen einwöchigen Fastenkurs, direkt einen 9-tägigen Kurs mit dem bezeichnender Titel: Fasten – Schweigen – Meditieren dran hing, der im Stile des Zen-Buddhismus, irgendwo am verschneiten Alpenrand statt fand.

Das Fasten war ich zu der Zeit bereits über einige Jahre gewohnt, Meditation kannte ich noch länger, das Schweigen war die für mich neue Komponente. Dieses Schweigen war im erweiterten Sinne gedacht, was heißt, dass man nach Möglichkeit auch keine Zeitungen lesen oder Fernsehen sollte, das Smartphone und Internet waren noch nicht verbreitet, ich fühlte mich also allein und abgeschnitten.

Der Kurs war gut besucht, es saßen also reichlich schweigende Menschen herum, die angehalten waren auch nicht auf anderem Weg zu kommunizieren, es galt für die Zeit ganz bei sich zu bleiben. Der “Iron Man Kurs” wurde er auch von einem der Kursleiter genannt, acht mal am Tage wurde 30 Minuten meditiert, dazwischen Kinhin die Gehmeditation und Körperübungen, damit man gut durchblutet und geerdet blieb und gemeinsames Tee trinken, schweigend, mit gesenktem Blick. Es war vielleicht die merkwürdigste Situation, mit mehreren Menschen schweigend am Tisch zu sitzen und die Spannung auszuhalten, doch irgendwie kommunizieren zu wollen, denn gerade in extremen Situationen sucht man ja Austausch und Nähe. Für mich eine spannungsreiche Situation. Andere, die beruflich viel Reden mussten, genossen die Stille und Besinnung. In der Mittagspause konnte man im ländlich-dörflichen Umland spazieren gehen.

Die nächste eindrucksvolle Erfahrung war, zu erleben, was Projektionen wirklich bedeuten und wie weit sie reichen. Ich war nicht abgelenkt, daher immer bei mir und das hieß Himmel und Hölle des Tages kamen aus mir. Der Tag war immer gleich und simpel strukturiert man hatte viel Zeit sich kennen zu lernen und dem inneren Getöse zu lauschen, dabei wie es zunahm und abnahm. Wenn alles sehr ähnlich ist, bringt es wenig, die inneren Hoch- und Tiefpunkte, am täglich Gleichen festmachen zu wollen. Ärger, den ich sonst auf andere schob, hier war er auf einmal wieder, nur eben ganz ohne andere, denen ich die Schuld dafür geben konnte und ganz ohne äußeren Grund. Das nicht nur einmal, sondern im Auf und Ab, für das ich zwar immer irgendwelche Begründungen fand, die ich mir dann aber irgendwann selbst nicht mehr glaubte.

Genervt, verunsichert und in Sorge: Wann ist das endlich zu Ende?

Es wäre falsch zu sagen, dass das eine durch und durch schöne Erfahrung war. Aus persönlichen Gründen fiel es mir zu jener Zeit noch besonders schwer diese Erlebnisse zu verarbeiten. Es hört sich auch so läppisch an, wenn man dann am vierten Tag da sitzt und zum fünften Mal an diesem Tag in sich schaut, sieht, wie die Gedanken, obwohl man doch schon zum 29. Mal hier sitzt, wieder spazieren gehen und dann hochrechnet, dass das noch fünf weitere Tage so weiter geht. Nur noch fünf Tage, könnte man sagen, aber so ganz ohne Zerstreuung empfindet man das als kleine Ewigkeit.

Kleine und banale Sorgen, Ängste und Freuden, wechselten mir sehr grundsätzliche Empfindungen der Leere und Fülle und das alles ungewöhnlich dicht gedrängt. Nur hier weiß man wenigstens, wann das Ende da ist, wer isoliert wird und sich so fühlt, kann außer bei einer zeitlich definierten Quarantäne von 14 Tagen, nicht sagen, wie lange der ungewohnte Zustand noch dauert. Ein Zustand in dem der andere immer mit dem Makel des potentiell Infizierten ausgestattet ist.

Auch das ist keine schöne Erfahrung, aber eine in der man etwas über sich und die Gesellschaft lernen kann. Viele würden gerne drauf verzichten, zumal es eben nicht freiwillig geschehen ist. Selbnst wenn wir uns vielleicht auch in Zukunft nicht täglich und ausgedehnt um den Hals fallen, wir könnten es immerhin tun. Aber so ein Crashkurs, auch dort, wo er schmerzt, hinterlässt auch seine positiven Spuren. Der Zen-Kurs, so karg und hart er war, ist der, mit der größten Zahl an Wiederholern.

Was man gewinnt und was bleibt

Was Isolation mit uns machen kann, kann man bezogen auf die Corona-Pandemie noch nicht sagen, da wir noch mitten drin stecken. Die selbstgewählte Isolation und Reduktion mit der Kombination von Fasten, Schweigen, Meditieren und einer Außenreizreduzierung brachte mich in Kontakt mit sehr grundlegenden Fragen und wenn man diesen nicht entweichen kann, ergeben sich daraus auch Antworten.

Der Mensch ist ein Gemeinschaftstier und das war ein Punkt, den zumindest ich verstärkt gemerkt habe. Es klingt fast kitschig, aber man merkt, dass das Wesentliche worum es geht, die Liebe ist, die Verbindung zwischen den Menschen. Nicht als gedankliches Konstrukt, sondern als tief gefühlte Sehnsucht und Gewissheit. Geliebte Andere fehlen und als ich aus meiner Isolation befreit werden sollte, der nächste Kurs stand im direkten Anschluss gleich vor der Tür und etwa 500 Kilometer dazwischen, da war das Handy das, was mich über Wasser hielt und ich habe mir geschworen, nie mehr über die Dinger zu schimpfen. Auch heute möchte man sich nicht vorstellen, was die Krise ohne Kommunikationsmittel bedeuten würde.

Es bleibt aber noch anderes. Ein merkwürdiges Selbstbewusstsein, das aus dem Verzicht und der Beschränkung aus sich selbst erwächst. Wer solche Phasen des Verzichts und der Isolation mitgemacht hat, der weiß, was man überstehen kann, man hat es ja schon getan. In einer Kultur, die zum Glück kaum mehr Mangel kennt, hat man dennoch ein irgendwie gutes Gefühl, wenn man weiß, dass man im Zweifel auch 2 oder 3 Wochen ohne Essen auskommt, auch wenn man es nie muss. Es ist die Gewissheit von: Kenn’ ich. Kann ich.

Auch wenn man weiß, dass man es locker 14 Tage zu Hause aushält und das sogar noch sinnvoll nutzen kann, ist das nicht schlecht. Man wird irgendwann ein Zeitzeuge sein und sagen können, dass man dabei war, es mitgemacht hat. So wie man sich heute noch an den 11. September 2001 erinnert, an die Zeit vor und nach dem Internet, die Wende und immer weniger an den zweiten Weltkrieg und die Jahre danach.

Manche konnten die Zeit für sich nutzen um sich ebenfalls die Fragen zu stellen, was für sie eigentlich zählt und was nicht. Da wir noch mitten drin sind, wer weiß, welche Anstöße wir noch erleben, vielleicht ist das Frühjahr 2020 nicht nur die Zeit der großen Pause, sondern ein weiterer großer Wendepunkt. Dann wird sich zeigen, was Isolation mit uns machen kann.