Soziale Verbote und ihre Wirkung

Keine Frage, er ist in einem Umfeld, in dem er keine gute Figur macht. © Irina under cc

Wenn es auch keinen großen Sinn ergibt ‘die Natur’ irgendwie als eigene, unabhängige Größe zu isolieren, so ist es sehr sinnvoll nicht zu vergessen, dass wir dennoch auch natürliche Wesen sind, mit einem biologischen Erbe und die Natur in uns fordert ihr Recht. Es ist schön, gelobt und anerkannt zu werden, ein wichtiges Bedürfnis, das an unserer immer da seienden sozialen Seite andockt, aber es gibt eben auch die andere Seite, an und in uns, die egoistische, die etwas für sich haben möchte.

Es ist müßig darüber zu spekulieren, ob diese Seite nun böse oder schlecht ist, es spricht einfach sehr viel dafür, dass eine gewisses Maß an Egoismus, Aggression und Gier zum Menschen gehört, neben weiteren Triebwünschen von denen man sich überlegen kann, ob man sie nun problematisch findet oder ganz und gar nicht. Wie etwa Neugierde oder Sexualität, neben einer ebenfalls in uns vorhandenen hohen Fähigkeit zur Kooperation und Empathie. Alles Grundlagen aus dem Reich der Natur, trainiert und verfeinert im sozialen Umfeld in das wir aber ebenfalls von Beginn an eingebunden sind, weil Menschen ohne gar nicht lebensfähig wären.

Die Natur ist also nicht das, worum es eigentlich geht, aber wir haben eine affektive Grundausstattung, primäre Affekte, Basisemotionen oder Grundgefühle genannt, die immer ein wenig variieren, aber doch viele Konstanten haben. Bei Wiki finden wir:

“Beispiele für Basisemotionen sind Freude, Überraschung, Furcht, Traurigkeit, Angst oder Ekel. Sie sind in allen Kulturen gleichermaßen anzutreffen und werden auf dieselbe Art zum Ausdruck gebracht. Oft werden auch Liebe oder Hass dazugezählt.”[1]

Und etwas später:

“Ekman hat sieben Basisemotionen empirisch nachgewiesen, die kulturunabhängig erkannt werden: Freude, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung.

Nach Martin Dornes sind Basisemotionen Freude, Interesse-Neugier, Überraschung, Ekel, Ärger, Traurigkeit, Furcht, Scham und Schuld.”[2]

Diese Affekte werden heute als Grundbausteine der Triebe angesehen und wie sich diese gestalten hängt seinerseits davon ab, welche Affekte im der Begegnung mit anderen besonders angesprochen werden. Chronisch ‘vergessen’ wird gerne, die Fähigkeit zur sexuellen Erregung.

Auf der einen Seite sind soziale Normierungen das, was eine Gesellschaft ausmacht. Es scheint dabei ungeheuer grundlegend für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft zu sein, dass sie gemeinsame Praktiken und Riten hat, das heißt auch, gemeinschaftlich etwas tut – oder eben lässt. Die Erzählung dazu kommt in der Regel erst später.

In der sozialen Normierung, eine Mischung aus Geboten und Verboten, werden bestimmte Egoimpulse unterdrückt, genauer, es wird vom Einzelnen erwartet, dass er lernt, sie zu unterdrücken, ‘sich zu beherrschen’ wie es heißt. Je nach Gesellschaft verschieden, aber dann doch eben nicht egal, denn es entscheidet darüber, ob jemand als ‘einer von uns’ betrachtet wird. Und es ist in der Summe sicher verheerender ausgegrenzt zu sein, als nicht unmittelbar jedem Impuls folgen zu können.

Freuds Erkenntnis

Es war ja Freuds Aufschlag, dass er genau diese Ambivalenz erkannte. Kultur heißt, sich ein Stück weit zu beherrschen und anzupassen, der Lohn dafür sind Schutz, Anerkennung und Zugehörigkeit. Der Preis ist allerdings der Verzicht auf spontane Triebbefriedigung. Ein Dilemma? Nicht unbedingt. Praktikabel ist der Triebaufschub. Man nimmt den Impuls mit und lebt ihn nicht unmittelbar aus, sondern später.

Dem Kind was einem entgegen kommt, sein Eis aus der Hand zu reißen, weil man jetzt spontan auch Lust darauf hätte, das gehört sich nicht, man würde als Idiot dastehen, wenn man so handelte. Was sexuelle Begehrlichkeiten angeht, hat der Volksmund die Empfehlung, Appetit dürfe man sich woanders holen, gegessen werde zu Hause. Immer wieder ein merkwürdiger Tanz um die Sexualität. Einerseits ist sie bei Befragungen Paaren meist gar nicht so wichtig:

“Und eine französische Umfrage zu dem Thema, was Frauen wichtiger als Sex ist, findet auf Platz 6 ein gutes Buch, 5. Fernsehen, 4. Selbstbefriedigung, 3. Smartphone oder Tablet benutzen, 2. Schlafen und auf Platz 1 natürlich: Schokolade.”[3]

Geht eine Beziehung dann aber in die Brüche ist eine Affäre oft der Hauptgrund.

Freuds Erkenntnis besteht darin, dass es zu gravierenden Problemen kommt, wenn man nun die triebhafte Seite und damit war vor allem jene gemeint, die sich um die spontanen Egointeressen dreht zu sehr oder gar dauerhaft verdrängt. Das geht und er nannte das Neurose. Da es sich nicht gut anfühlt einen Wunsch zu haben, den man vielleicht nicht erfüllt bekommt, gibt es sowohl in der Natur, als auch in der Kultur (und dem Amalgam der Mischform) diverse korrigierende Mechanismen. Ein Tier, das im Kampf immer wieder verliert, produziert weniger Aggressionshormone. Wenn das Tier nun weniger aggressiv ist, ist das sinnvoll, als schlechter Kämpfer könnte es schweren Schaden nehmen, wenn es, hormonell herunter gedimmt, Kämpfe vermeidet, lebt es vielleicht länger und glücklicher. Ist es nun frustriert? Wir wissen es nicht, mit dem Hormonen könnten ja auch Wut und Frust reduziert sein.

Beim Menschen könnte es ähnlich sein. Nur setzt hier noch ein Mechanismus ein, der uns das Gefühl gibt, wir hätte überhaupt kein Interesse an dem, was man uns dereinst verboten hat, fänden es aber ganz großartig, das zu tun, was man uns als geboten beigebracht hat. Darauf angesprochen, dass man dieses Interesse aber doch hätte oder zumindest mal hatte, wird es abgestritten, das Thema ist psychologisch verdrängt.

Nun könnte man sagen, das sei doch gut. Wenn einer den Wunsch den er vielleicht mal hatte, nicht mehr empfindet und sogar selbst davon überzeugt ist, dass er diesen Wunsch nun heute garantiert nicht mehr verspürt, dann ist doch alles in Butter. Alle sind zufrieden, der Einzelne und die Gesellschaft, was will man mehr?

Aber genau das ist eben das Wesen der Neurose, dass das Thema eben doch nicht vom Tisch ist. Es bricht sich immer wieder Bahn, freilich nicht offensichtlich, sondern auf sehr verschlungenen und seltsamen Pfaden, die manchmal deutlich pathologisch erscheinen, für den Betreffenden aber vor allem häufig großes Leid bedeuten. Denn nun haben wir eine Situation in der gleichzeitig ein Triebwunsch da ist und die Leugnung, dass man diesen Wunsch überhaupt hat. Das klingt anstrengend und unentspannt. Diese Spannung kostet Kraft, ständig muss man etwas vor der Welt und sich selbst verstecken und so kann diese Spannung in den Körper rutschen, dort zu Verspannungen führen, es kann zum immer wieder aufflackernden Ärger kommen, wenn man anderen sieht, die offen das leben, was man sich (ohne es zu wissen) nicht gestattet, es kann zu spezifischen Symptomen kommen und hier wird es kompliziert.

Entspann’ dich

Eine andauernde Spannung kann man natürlich auf vielen Wegen abbauen. Man kann sich beim Joggen, beim Putzen, aber auch mit Zwängen ablenken und beschäftigen. Immer wenn Emotionen drohen regelt, ,ordnet und sortiert man, putzt und macht Pläne, die den ganzen Tag durchstrukturieren, je straffer, desto besser. Da entsteht keine Lücke für Emotionen, der nächste wichtige Termin wartet schon, der Rasen muss gemäht werden und zwar immer Samstags um Punkt 15:00 Uhr.

Wer sich weit von den eigenen Emotionen distanzieren konnte – oder musste – der hat kein Verständnis dafür, wieso Menschen sich über so unwesentlichen Kram wie ihre Empfindungen austauschen, statt ihr Leben zu organisieren, was viel sinnvoller wäre. Oder aufräumen, putzen, eben strukturierende und vernünftige Dinge tun.

Aber der Punkt ist, es reicht halt nicht irgendwas zu tun, um sich abzureagieren. Sicher, man kann Druck aus dem Kessel lassen, aber man will ja was und das wurmt und auch wenn man selbst nicht mehr weiß, dass man es will, dass man das will, man bekommt es immer wieder präsentiert oder tut es selbst, durch seine Gereiztheit bei diesem Thema, aber auch bei Versprechern, Fehlleistungen, Symptomen und Ersatzhandlungen, die einen in die Nähe des ursprünglichen Zieles bringen, die irgendwie einen Kompromiss darstellen.

Auch das erkannte Freud, diese Assoziationsketten, die seiner Meinung nach kein Zufall waren. Die Symptome weisen den Weg zum Eigentlichen, so Freud. Es gibt immer wieder die Signallampen die leuchten, wenn man gelernt hat, sie zu sehen. Die Ersatzbefriedigung ist dabei etwas, was in die Nähe dessen kommt, um was es eigentlich geht. Man kann nicht bei jedem Thema sagen, jemand solle doch Joggen gehen, weil das entspannt.

Mit der Ersatzbildung geht auch eine gewisse Entspannung einher, dazu kommt aber noch, dass das Thema in assoziativer Nähe bearbeitet wird. Essen als Ersatz für andere orale Lüste, wie etwa das Küssen oder etwas anderes, was man sich gerne einverleiben würde, aber nicht bekommt. Dafür bekommt man vielleicht jede Menge Leckereien.

Oder man wäscht sich immer wieder, weil man sich doch bei irgendwelchen schmutzigen Phantasien erwischt hat, man ordnet und regelt, weil einen doch irgendwelche unkontrollierbaren und unberechenbaren Emotionen heimgesucht haben. Man hält seine Emotionen damit in einem überschaubaren und gewohnten Rahmen, kann sich höchstens noch drüber ärgern, dass die anderen alle so unpünktlich und schludrig sind – dabei wäre es doch so einfach ein bisschen disziplinierter zu sein – und bleibt auf gewohntem Terrain von Pünktlichkeit, Sauberkeit und Ordnung.