Der neurotische Wunsch nach Kontrolle

Die Welt des Zen ist klar, einfach, kontrolliert und strukturiert, doch das ist kein Selbstzweck. © John Gillespie under cc

Narzissten haben die Angewohnheit, aus ihrem kompensatorischen Größenselbst heraus resultierend, die Kontrolle an sich zu reißen, weil sie der Überzeugung sind, sie könnten im Grunde alles besser, als irgendwer sonst. Nur, weil es eben so viel ist, muss man Dinge delegieren, aus narzisstischer Sicht dann den unwichtigen Kram, den sowieso jeder machen kann. Alles Wichtige weiß man natürlich nach wie vor am besten. Aus dieser letztlich aufgeblasenen Selbstsicherheit heraus, kontrolliert, kritisiert, verunsichert und drangsaliert man dann andere und erwartet von ihnen perfekte Leistungen, von denen man denkt, man würde sie selbst abliefern, ohne zu erkennen, dass das sehr oft nicht der Fall ist oder sich auf Spezialgebiete beschränkt, von denen man meint, sie seien die wichtigsten der Welt.

Der neurotische Wunsch nach Kontrolle ist vollkommen anders motiviert. Neurotische Menschen, vor allem zwangsneurotische, sind exzessiv genau, ordentlich und gründlich, kontrollieren die Dinge, die sie tun und manchmal auch andere, doppelt und dreifach, aber aus der Angst heraus nicht zu genügen und einen Fehler zu machen. Diese Menschen sind sehr verantwortungsbewusst und haben intensive Schuldgefühle, wenn sie ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden und eine Aufgabe nicht zu mindestens 99,5 % erledigt haben.

Die Schuldgefühle, aber in Fällen anderer Zwangsstörungen auch das Aufkommen anderer Gefühle, müssen sofort durch das Schaffen von Ordnung, durch dem Kontext nicht angemessene Aufzählungen von richtigen, aber belanglosen Bagatellen und Planungen des Alltags unterdrückt werden. Nicht nur das vermeintliche Versagen im Angesicht einer übernommenen Aufgabe, sondern jedes zu intensive Gefühl, muss sofort wieder in das Korsett der Zwangsrituale gesteckt werden. Da wird sortiert, geordnet, gesäubert und geplant, bis die Welt wieder steril und in Ordnung ist.

Erledigen, wegwischen, saubermachen und abarbeiten, das sind die Aktionen, die einem ein kurzes Gefühl der Befriedigung verschaffen, nicht einfach so, sondern weil man rechtschaffen etwas dafür getan hat. Was der Zwangsneurotiker übertreibt, ist aber ebenfalls ein Teil von uns allen, setzen wir uns Ziele und erreichen diese, ist das ein erhebendes Gefühl.

Wo Paranoiker die Verantwortung dafür, dass die Welt nicht in Ordnung ist, stets auf dumme, leichtsinnige oder bösartige Andere schieben, nehmen depressive Menschen die Schuld auf sich. Ständig fühlen sie sich dafür verantwortlich, dass etwas nicht funktioniert, sie jemandem zur Last fallen, denken, dass die anderen böse auf sie sein müssen und das nur nicht sagen, weil sie gut erzogen sind. Die Antriebslähmung depressiver Menschen führt mitunter dazu, dass ihnen die Kontrolle entgleitet und sie Schwierigkeiten haben, den Alltag zu bewältigen, was ihre Gefühle von Schuld jedoch nur vergrößert, in anderen Formen kann jedoch auch exzessive Arbeit eine Form der Selbstbestrafung sein. Auch die Angst nicht zu genügen ist ein Motiv für exzessive Kontrolle, oft im Sinne einer Gründlichkeit, die den Schaden minimieren will, weil man meint, ohnehin nicht gut genug für die Welt zu sein und dann wenigstens das Bisschen, zu dem man in der Lage ist, halbwegs ordentlich hinbekommen will.

Im Allgemeinen sind neurotische Patienten – auch wenn Zwänge und Depressionen sich quer durch alle Ebenen oder Achsen der vergangenen DSM Klassifikationen erstrecken, die man nicht zuletzt deswegen wieder aufgegeben hat – in ihrer Darstellung und ihrem Empfinden viel weniger großartig oder allwissend, als Menschen mit Kontrollwünschen aus der Ebene der schweren Persönlichkeitsstörungen. Es sind eher tüchtige, fleißige und bescheidene Menschen, mit einem hohen – und manchmal zu hohen – Selbstanspruch und während Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen Spitzenleistungen von anderen erwarten und man es ihnen in der Regel nichts recht machen kann, haben neurotische Menschen einen hohen Anspruch an sich selbst, fühlen sich verantwortlich und wollen es vor allem anderen irgendwie recht machen und sind dabei oft strenger und selbstkritischer, als diejenigen, die ihnen eine Aufgabe übergeben haben. Der Sound ist hier ein generell anderer.

Psychosomatik und der Wunsch nach Kontrolle

Menschen, die sehr kontrollierend sind, können sich schlecht Situationen anvertrauen, die sie nicht überblicken und einschätzen können. Sie können oft auch im übertragenen Sinne schlecht locker oder loslassen. Wenn sie mal einen Körperteil locker lassen sollen, sind sie manchmal steif wie ein Brett, wenn sie sich anderen anvertrauen sollen, in Gegenwart anderer die Augen schließen oder sich mit dem Rücken zu einer Menge setzten, passiert ähnliches. Oft signalisiert das schlechte Erfahrungen, für die man nichts kann, die aber erklären, warum man doppelt und dreifach aufpasst, in diesem und jenem Sinne nicht locker lässt oder locker lassen kann und die Kontrolle nicht hergeben mag.

Wenn diese Menschen sich mit Hilfe von Drogen entspannen, achten sie oft darauf, dass es nicht zum völligen Kontrollverlust kommt, ein wenig lockerer will man sein, aber das Heft nicht aus der Hand geben.

Auf der anderen Seite ist diese Verknüpfung auch ein Weg zu lernen, die Kontrolle in bekömmlichen Dosierungen abzugeben. Menschen, deren Wunsch nach Kontrolle groß ist, leiden mitunter selbst darunter, dass sie nicht anders können. Sie spielen dieses Spiel schon seit Jahren, dort befinden sie sich auf gewohntem Terrain und unter emotionalem Druck siegt die Macht der Gewohnheit, also der Wunsch zu kontrollieren und alles was stört, in die Bahnen einer routinierten Ordnung der Gesprächsführung oder des Wegräumens, Planens oder Saubermachens zu pressen.

Der Weg über den Körper kann auch eine Möglichkeit sein, sich ein Stück weit zu öffnen und anzuvertrauen. Man darf auch hier nicht den Himmel versuchen auf die Erde zu holen, was für viele normal ist, ist für jemanden, der Angst davor hat, die Kontrolle loszulassen, eine Belastung und Stress, manchmal auch zu viel. Wenn andere sich wohl fühlen, wenn sie sich einfach mal treiben und loslassen können, ist das für Kontrollfreaks eine riesige Überwindung.

Der Körper kann helfen, weich zu werden, sich anzuvertrauen, bei einer Massage, bei Vertrauensübungen zu zweit, in der Geborgenheit des Thermalwassers, beim Yoga, wenn Sex kein Sport ist und so gibt es unzählige Möglichkeiten, nicht nur den Ziel- und Leistungsaspekt in den Mittelpunkt zu rücken, sondern einfach mal versuchsweise gar nichts zu wollen, sondern nur zu erleben. Für Kontrollfreaks eine vollkommen neue und andere Welt, aber wer sich drauf einlassen will, wird zig Möglichkeiten finden, die ihm helfen, zu bemerken, dass die Dinge laufen zu lassen auch eine Erlösung und Befreiung sein kann. Vor allem, wenn man sowieso nichts dran ändern kann. Die Balance zwischen Demut und Gelassenheit auf der einen, Willensstärke und Tatkraft auf der anderen Seite zu finden und vielleicht auch ein in unserer Kultur gar nicht so verbreitetes Gespür für Zeitqualität, den passenden Moment, in dem die Dinge geschehen zu lassen eine Kraft ist, die einen unterstützt, ist langwierig und individuell.

Überhaupt ist sich in andere Kontexte zu begeben etwas, was für Menschen mit einem zu großen Wunsch nach Kontrolle zu einer Art Therapie in Eigenregie werden kann, wenn sie mitbekommen haben und konfrontieren können, dass ihr Verhalten für andere sehr anstrengend sein kann. Es kann auch helfend und Struktur gebend für andere sein, aber stellt mitunter eine Reduzierung des eigenen Lebens dar, weil man von bestimmten Gefühlen abgeschnitten ist.

Bei Kontrollfreaks ist der Weg zum anderen Kontext nicht weit und bedeutet zumeist nur eine Kleinigkeit zu ändern und zu schauen, was dann in einem passiert. Wenn man das protokollieren möchte, was einige Menschen mit Kontrollwünschen gerne tun, dann eher das, was man fühlt, als den Zeitpunkt des Beginns und die Dauer. Was passiert eigentlich zwischen den Terminen? Zwischen dem, was man abarbeitet? – Und wenn ich etwas tue: Habe ich schon den nächsten Termin im Kopf und denke daran Hauptsache pünktlich fertig zu werden? Was erlebe ich eigentlich vom Leben – immerhin von meinem – außer der knappen Freude, pünktlich fertig geworden zu sein und was will ich sonst noch erleben? Was erlebe ich, wenn ich einen Termin abarbeite? Erlebe ich etwas, außer der Frage, wann es vorbei ist? Was? Das sind Fragen, die zu dem Spektrum der neurotischen Menschen passen.

Eine lohnenswerte Lebensaufgabe

Kontrollfreaks mit eher schweren Persönlichkeitsstörungen sind vor andere Herausforderungen gestellt. Denn sie erleben ihr Leben gerade als besonders intensiv und sehen sich oft ausgestattet mit einer geistigen Durchdringungskraft und oft auch mit einer Gefühlstiefe, die die vieler anderer bei weitem überragt. Deshalb fühlen sie sich bei der Deutung, dass Kontrolle Gefühlserfahrungen reduziert überhaupt nicht angesprochen. Manchmal gibt es sogar eine starke Neigung zu besonders intensiven Erfahrungen.

Doch hier ist es etwas anderes. Die Intensität kontrastiert mit der Fülle der Emotionen. Bei Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen geht es häufig um alles. Es wird viel entwertet, aber bei dem, was einen interessiert ist man Feuer und Flamme und schmeißt sich rein, was einem eine gewisse Bedeutung gibt. Paranoide Menschen sind eher die großen Checker, narzisstische eher jene, die eine emotionale Tiefe erleben, die allenfalls andere Genies nachvollziehen können.

Was ihnen fehlt, ist jedoch die emotionale Breite, die Viefalt. Es sind wenige Empfindungen der Ekstase und der Niedertracht der anderen, Raum für Zwischentöne und Ambivalenzen gibt es nicht. Von dieser Welt sind Menschen mit einer Ich-Schwäche ausgeschlossen, was sie oft neidisch diese Welt als oberflächlich, halb oder lauwarm entwerten lässt. Und tatsächlich ist das Erleben der Gefühlsbreite, die mit dem Auftauchen qualitativ neuer Emotionen verbunden ist, in gewisser Weise sedierend. Die Entspannung kommt also nicht daher, dass man sich von Gefühlen kühl distanziert und sie und alles kontrolliert, sondern dadurch, dass man sich auf sie einlässt.

Hier muss man wirklich Neuland betreten und Emotionen einüben, die man noch nie gefühlt und erlebt hat. Das kann zur Lebensaufgabe werden, aber es ist eine lohnende, weil sie die Qualität sämtlicher Beziehungen verändert, in aller Regel überwiegt der Gewinn den Verlust.

Der Wunsch nach Kontrolle und wann er zu weit geht

Es gibt leichte bis normale Zwangsstörungen, die einem helfen den Alltag zu bewältigen, indem sie Ängste und Unsicherheit minimieren. Das kann anderen aber gehörig auf den Senkel gehen und es ist die Frage, wo das Leid überwiegt, ob und wie man sich einigen kann.

Die Denkmuster von Menschen mit Zwängen sind oft die, dass man wie beim Schach einen Eröffnungszug macht, aus dem alles weitere abgeleitet wird und an einem Spiel teilnimmt, dessen Regeln unkorrigierbar sind. Dass der Weg beim Gehen entsteht und es nicht nur Regeln gibt, oder solche, die von Fieslingen gebrochen werden, sondern auch einen positiven Bruch gibt, ist der ‘Aufstieg’ in eine andere Liga, in der andere Regel gelten, als in der Welt davor, in der Vertrauen herrscht, statt Macht und Strategiespielen. Das ist für Menschen, die stark kontrollieren unvorstellbar und wird daher als naiv oder süßlich entwertet, zumindest aber mit Argwohn betrachtet.

Vertrauen kann man nicht verstehen, weil es keine letzte Sicherheit dafür gibt, warum man jemandem vertrauen sollte, man muss springen oder sich fallen lassen. Irreversible Entscheidungen gibt es zwar auch, aber der Weg entsteht öfter als man denkt, beim Gehen.

Der Wunsch nach Kontrolle gibt uns Menschen aber auch Struktur. Es mag banal erscheinen, dass man aufsteht, um sein Pflichtprogramm zu absolvieren, aber immerhin weiß man, wofür man lebt und aufsteht. Nicht alle haben dieses Glück. Im Zen wird die formale Strenge sogar genutzt, um im besten Fall zu einer Spontaneität und Freiheit durchzubrechen, die man nie gekannt hat. Auch das geht.