Bitte nicht alleine nachmachen!

Neugeborenes beim ersten Atemzug, Hand, Trichter

… mit dem ersten Atemzug beginnt unser Leben … © Geoff Livingston under cc

Dieser Warnhinweis ist ernst gemeint, aus mindestens zwei Gründen. Zum einen, ist ein schützendes Umfeld das A und O bei den ersten Malen. Menschen, die wissen, was da innerlich passiert, weil sie es selbst erlebt haben und daher nachvollziehen können, was derjenige, der da liegt und sich eventuell windet gerade durchmacht und wie man darauf reagiert. Zum anderen, kann ein unsachgemäßes Herumprobieren fatale Folgen haben, da auch mache beängstigende Situationen während Panikattacken ein ähnliches Atemmuster zeigen, ebenfalls verbunden mit dem Gefühl in einer Situation zu sein, die man nicht beherrschen kann und in der man eben panische Angst, manchmal vor dem drohenden Tod erfährt. So etwas ist traumatisierend und nichts, mit dem man spaßen darf.

Medizinisch gesehen erfolgt nämlich in beiden Fällen dasselbe. Im Rahmen einer Panikattacke und einer holotropen Atemsitzung, handelt es sich um eine gezielt herbeigeführte Hyperventilation, im beschriebenen Fall samt folgender Hyperventilationstetanie. In beiden Fällen ereignet sich eine Verschiebung des subtilen und hochempfindlichen Säure/Base-Gleichgewichts im Blut (nicht im Urin!), dass in seltenen Fällen einer respiratorischen (durch Atmung) oder metabolischen Verschiebung in Richtung Azidose (zu sauer) oder Alkalose (zu basisch) entgleisen kann. Bei der gezielten oder psychogenen Hyperventilation kommt es zu einer respiratorischen Alkalose, durch Sauerstoffüberschuss und eine Verschiebung in Richtung basischem Stoffwechsel.

Aber erklärt das alles? Ist das einfach ein immer gleich ablaufender Prozess, wie Essen und Verdauung oder die allergische Kaskade? Nein, denn es ist zwar so, dass holotropes Atmen mit einer Hyperventilationstetanie einher gehen kann, aber dies muss nicht so sein, vor allem wenn man ein wenig Erfahrungen gesammelt hat. Es kann durchaus sein, dass es über mehrere Sitzungen überhaupt nicht zu einer Tetanie kommt, das sind die beschriebenen Krämpfe im Körper und dann doch wieder einmal. Das Aufkommen der Krämpfe hängt auch nicht damit zusammen, dass man in diesen Fällen vielleicht doch nicht so tief geatmet hat. Es gibt Atemsitzungen in denen man tief und voll atmet, tiefe Erfahrungen macht und es kein bisschen zu Krämpfen kommt, in anderen Fällen hingegen kommt es schnell dazu. Aber es geht bei all dem nicht darum, mal ein paar lustige Muskelkrämpfe zu erleben.

Holotropes Atmen und sein tieferer und therapeutischer Sinn

Holotropes Atmen führt einen von der Enge, in die Weite. Enge ist sprachlich nicht zufällig verwandt, mit dem Begriff der Angst, sondern alle Angstsituationen sind Engesituationen: Enge der Atmung, Engstellung der Adern, der Muskulatur, aber auch eine Enge der Weltanschauung. Diese Enge kann man dadurch lösen, indem man der Kohlendioxid Abatmung bei der Hyperventilation begegnet und den Betroffenen in eine Tüte atmen lässt. Dort sammelt sich das verstärkt abgeatmete Kohlendioxid und wird beim nächsten Mal wieder eingeatmet. Die Krämpfe kann man durch Injektionen mit entkrampfenden Psychopharmaka lösen. Oder man macht die Erfahrung, dass man durch die Enge hindurchgehen kann, indem man einfach das tut, was man sowieso tut: weiter atmen. Im Idealfall tief und voll und ganz bewusst, aber die Angst zu Ersticken oder eine Panikattacke ist alles andere als der Idealfall. Aber wenn Hyperventilationsattacken wiederholt auftreten, ist die Frage, ob es nicht besser ist, einmal da durch zu gehen und dem Spuk ein Ende zu bereiten. Was man selbst erlebt hat, glaubt man und wenn man selbst erlebt hat, dass man in diesen Situationen nicht stirbt und noch nicht mal Panik erleben muss, umso besser. Das kann ein Kehrtwende bei genau solchen Krankheiten bedeuten.

Genau in diesem Kontext wird das holotrope Atmen auch eingesetzt. In dieser Version ist es von Stanislav Grof kreiert worden, ein tschechischer Psychiater und Bewusstseinsforscher, der ursprünglich mit LSD arbeitete, um Patienten mit schweren Erkrankungen bestimmte Erfahrungen zu zeigen, die ihnen helfen sollten, die Angst vor dem Tod zu verlieren. Grof übersiedelte in die USA und dort erhielt er keine oder nur höchst selten Genehmigungen für die therapeutische Arbeit mit LSD und aus dieser Not machte Grof eine Tugend und das holotrope Atmen entstand, das bestimmte Atemmuster kopierte, die in einigen Phasen der LSD Sitzung auftraten.

In ähnlicher Weise machte der deutsche Arzt, Autor und Psychotherapeut Rüdiger Dahlke mit dem Atem erste Erfahrungen. Als junger Medizinstudent flog er von Bombay (Mumbai) nach München zurück, als über den Lautsprecher gefragt wurde, ob ein Arzt an Bord sei. Da sich niemand meldete, raffte Dahlke sich auf und fragte, was los sei. Der Notfall war ein sehr dicker Araber, der wild mit den Armen ruderte, Schweißperlen auf der Stirn und Panik im Blick hatte und in Emryonalhaltung da lag. Was er ansonsten tat, war so zu atmen, wie ich es oben beschrieben habe, nur leider nicht in einer geschützten Umgebung, sondern an Bord eines Flugzeugens mit einem mutigen Medizinstudenten, der aus seinem Studium wusste, dass die Situation lebensbedrohlich werden könnte. Die Beschriftung der Medikamente im Notfallkoffer konnte Dahlke nicht lesen, die Versuche mit der Tüte vor dem Mund scheiterten an der Gegenwehr des arabischen Mannes, so blieb nur, irgendwie beruhigend auf den panischen Menschen einzuwirken, was ansatzweise gelang, ohne dass sich seine starken Krämpfe besserten. Das allerdings sollte sich ändern, buchstäblich von einem Moment auf den anderen und so lösten sich die Krämpfe und wichen einer “fassungslosen Glückseligkeit”, er weinte Tränen des Glück und der Erleichterung und umarmte nun jeden, den er in die Arme bekam und sagte, von der Stewardess übersetzt, dass er “so viel Liebe” und Glück erlebt hatte.[1]

Verbundenes oder holotropes Atmen bringt einen in einen Bereich, in dem sich viele Erfahrungen überschneiden. Einerseits scheint es eine drogenfreie Drogenerfahrung zu sein, je nach Schule werden aber immer andere Aspekte betont. Erfahrungen der Spiritualität, der Sexualität aber vor allem auch der Geburt treten immer wieder auf und werden in den unterschiedlichen Schulen unterschiedlich betont. Nicht nur die Angst vor wiederholter Hyperventilation im Rahmen von Angststörungen kann so überwunden werden, auch die Angst vor dem Tod und Geburtstraumata können nach Ansicht einiger Schulen gelöst werden.

So ergeben sich nach Grofs Forschungen vier perinatale Matrizen, also Grundmuster bei denen der Geburtsprozess schwierig werden kann und diese sollen mit psychopathologischen Mustern aber auch Vorlieben und Interessen im weiteren Leben zu tun haben. Tatsächlich werden auch beim verbundenen Atmen oft Geburtserlebnisse reaktiviert, was einerseits nicht gehen kann, da ein sich erinnerndes Nervensystem in dieser Phase des Lebens noch nicht ausgebildet sein soll, andererseits kommen bei den Erfahrungen der einzelnen Teilnehmer immer wieder Ereignisse zum Vorschein, die auf Nachfrage von der Mutter bestätigt werden konnten, ohne dass die Atmer vorher davon wussten. So muss sich auch hier jeder sein eigenes Bild machen. Auch ich habe Geburts”erinnerungen” gehabt, die mir vorher unbekannt waren, die sich in einem andauernden Gefühl noch hinten, unten gezogen zu werden manifestierten.

Doch der Nutzen, den man aus den systematischen Sitzungen ziehen kann, ist vielschichtig.

Muster erkennen in den Disziplinen: liegend, stehend, schwebend

Ob sich nun die Geburtsmuster im Leben wiederholen, oder nicht, Muster kann man beim Atmen in jedem Fall erkennen und gleichzeitig den Weg nach Innen vertiefen, ein weiterer Ansatz neben der Meditation und der Reflexion. Man lernt mit der Zeit mit dem Atem ein wenig zu spielen, ist man bei den ersten Malen noch dem Atem ausgeliefert, so merkt man mit der Zeit, dass man den Atem auch dosierter einsetzen kann und dennoch in jene Erfahrungsbereiche kommt, die man anstrebt. Ist man aber zu faul, wird die Schwelle nicht erreicht und man erlebt nichts, außer bei Musk zwei Stunden mittelstark zu atmen.

Bei mir ist es tatsächlich häufig so, dass ich am Höhepunkt des Atmens weg bin und dieses Wegsein, kann durchaus mit, für Unbeteiligte erschreckend langen Atempausen einhergehen. Der Körper ist allerdings durch die tiefen und unausgesetzten Atemzüge so übervoll mit Sauerstoff, dass das erst mal für längere Zeit reicht. Den gleichen Effekte nutzen Menschen, die unter Wasser tauchen. Nicht der eine tiefe Atemzug ist entscheidend, sondern, dass man mehrere Male tief ein- und ausatmet. Irgendwann weiß man, dass man durch die Enge kommt, was am Anfang überraschend ist, ist es später nicht mehr, was man dazu nutzen kann, die Innenwelten nun systematischer zu erforschen. Auch bei mir haben sich nicht jedes mal Krämpfe eingestellt, auch dann nicht, wenn ich tief und voll geatmet habe.

Mitunter kann man Dinge erleben, die man aus dem Alltag nicht kennt. Wir alle kennen Gefühle des Glücks und der Leids und so gut wie immer würden wir sie sofort mit äußeren Ereignissen verknüpfen. Ich bin glücklich, weil …, ich bin traurig, wütend oder ängstlich, weil …, aber beim verbundenen Atmen erlebt man Gefühle in ihrer reinen Form, ohne ihre Anbindung an äußere Ereignisse. Reine Emotionen, reine Energie zu spüren, das erinnert ein wenig an die Archetypen des Platon, jene Urideen, die die eigentlichere oder andere Seite der Wirklichkeit darstellen sollen. Da mir selber beim verbundenen Atmen die Begegnung mit etwas, was ich als so eine reine Emotion bezeichnen würde, widerfahren ist, stellt sich mir die Frage, ob die Ideenlehre wirklich ausgedacht ist oder nicht zu einem guten Teil auf Erfahrungen beruht, jenen, dass bestimmte Emotionen zu haben eben nicht notwendig mit dem verbunden sein muss, was wir als Träger derselben deuten, sondern, dass wir diese reinen Formen in uns finden oder was auch immer man da besucht, wenn man die diversen Pfade nach Innen betritt.

Ob man die Erkenntnisse eher zufällig oder systematisch gewinnt, hängt einerseits davon ab, wie oft man solche Atemsitzungen macht und ob man sie erforschen und vergleichen möchte, oder ob es einem reicht, wenn man durch die eindrucksvolle Wucht der Erlebnisse die eigene Welt ein wenig oder komplett anders deutet, als zuvor.

Dass verbundenes oder holotropes Atmen im Liegen stattfinden kann, ist einsichtig und wurde bereits oben beschrieben. Interessant ist, wenn man ein wenig Übung hat, dies stehend zu wiederholen. Einerseits ist es erstaunlich, dass man diese Stellung mit leicht gebeugten Knien über zwei Stunden durchhalten kann, zum anderen habe ich bei keiner anderen Disziplin so intensive körperliche Entladungen erlebt. Die Bewegungen die im Liegen wie Wellen durch meinen Körper gingen, durchschossen diesen auch beim Stehen und es sind ganz eigenartige Kaskaden, die man nicht künstliche herbeiführen kann, da die Frequenz der Bewegungen zu schnell war, um sie zu imitieren. Es ist mir zumindest vorstellbar, dass es sich um Kundalini Phänomene gehandelt haben könnte, zumindest habe ich auch hier eine Ahnung, wie man auf die Idee kommen kann, dass es diese Energien im Körper geben gibt. Auch dies scheint mir nicht einfach nur erfunden zu sein.

Schwebend meint im Wasser, genauer gesagt, im idealerweise körperwarmen Thermalwasser, eine Übung, die nur unter annähernd idealen Bedingungen möglich ist und mit eingespielten Partnern, die über eigene Erfahrungen mit dem verbundenen Atem und den Wasserübungen verfügen. Hier wird der ohnehin schon sagenhafte Effekt des Wassers mit dem des verbundenen Atems kombiniert, was die Erfahrungen des Schwebens und Losgelöstseins noch einmal intensiviert. Es spricht manches dafür, dass man das im Leben so wichtige Urvertrauen, wenn man es nicht von Kindesbeinen an erworben hat oder ein genetischer Optimist ist, hier nachträglich doch noch erleben kann und ein Gefühl der Geborgenheit gewinnen kann, das man sonst kaum kennt. Entsprechend sorgsam sollte man sein, dass diese Erfahrungen nicht schief gehen.