Reflektieren statt Katastrophisieren

Das hat doch alles keinen Sinn!? © Paolo Braiuca under cc
Gewohnheiten sind stark, Unbewusstes ist noch viel stärker. Ich werde wohl nie den Satz von Wolfgang Schmidbauer vergessen, der formulierte: „Der Wiederholungszwang ist kein Sparringspartner.“ Sich mal eine halbe Stunde hinzusetzen, kann eine Trendwende bringen, ein Zeichen setzen, mehr oft nicht. Aber das ist schon viel.
Geübte Katastrophierer werden eine gewonnene Einsicht stets gegen sich oder die Welt verwenden. Deshalb: Widerstehen Sie der Verlockung Ihr Katastrophisieren, katastrophisierend zu erklären. „Da hab‘ ich die Schuld bei anderen gesucht, was war ich doch all die Jahre für eine mieser und dummer Mensch. Ich habe es verdient, dass es mit so schlecht geht.“ Oder einfach: „Ich mach eben immer alles falsch.“ „Bei mir klappt das sowieso nicht.“
Selbst wenn man versteht, dass eine Idee einen nicht nur nicht weiter, sondern in Schwierigkeiten bringt, lässt man nicht so leicht und einfach von ihr ab. Man hat ja auch erst mal keinen Plan B, der einem sagt, wie man es denn anders sehen sollte, als die letzten Jahrzehnte. Wenn man seine Sicht wirklich mal hinterfragt und ernst damit macht, kommen sogleich wieder Emotionen ins Spiel, nämlich eine Leere und Unsicherheit, die man schwer ertragen kann. Die Rückseite davon ist eine immense Freiheit, aber die können wir oft nicht gut ertragen. Man hat jederzeit die Möglichkeit der Sache auf den Grund zu gehen, wenn man die Motive offenlegt und zum Reflektieren statt Katastrophisieren kommt. Das gibt dem fruchtlosen Grübeln ein Ziel und daraus formiert sich ganz von selbst ein neues Weltbild, das einem dann auch wieder Orientierung bietet. Wer abdriftet kann sich mit einem neuen Stopp! daran hindern und sich erneut fragen, was er davon hat, was an eben dieser Stelle liegt, so dass er wieder ins gewohnte Muster ausgewichen ist.
Von dem Schuldgedanken kann man ablassen, da vieles sich einfach mehr oder weniger von selbst ergibt oder dezenter formuliert, wir für vieles einfach keine gute Erklärung haben. Wir müssen umdenken! Vom starren und Schicksalhaften ins Bewegliche.
Von Gott zum Gen zum Hirn zur Psyche
Aber derzeit ist es anders. Wir sind Zeitzeugen einer moralischen und intellektuellen Regression, schon länger, sie zeigt sich nur inzwischen so oft und deutlich, dass man sie nicht mehr verleugnen kann. Der Naturalismus und mit ihm der Glaube an Wissenschaft, Technik und Fortschritt sind unsere Ersatzreligion geworden. Ein häufiges Argument aus der Ecke lautet, früher sei der Mensch nicht in der Lage gewesen, sich den Vorläufigkeiten und Unwägbarkeiten zu stellen, darum hätten sie Götter und deren ewige Wahrheiten gebraucht.
Mal abgesehen davon, dass man mit Gott ja einigermaßen handeln kann, mit der Natur eher weniger, haben wir unsere Lust an der Unabänderlichkeit nicht aufgegeben sondern nur verlagert. Wir sind noch immer wild auf die Erkenntnis, dass man an einigen Dingen eben nichts machen kann und stürzen uns auf alles, was diese Annahme stützt.
Im Zuge der Aufklärung stieß das wissenschaftlich-technische Weltbild in immer breiteren Kreisen die religiösen Mythen vom Thron. Gott und letzte Wahrheiten waren damit für viele erledigt, doch es dauerte nicht lange, bis das Bedürfnis nach unabänderlichem Schicksal groß wurde und man es scheinbar in den Genen fand. Noch bis in die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts galt, dass es durch genetisch festgelegte Informationen automatisch zu Merkmalen kommt, die man nicht ändern kann. Zu einem Teil ist das auch der Fall, aber im Rahmen der Epigenetik lernen wir seit einiger Zeit, dass Gene, vereinfacht gesagt, an- und abgeschaltet werden können. Gleichzeitig fanden wir aber die Idee, dass unsere neuronalen Verschaltungen uns dann wenigstens festlegen hoch attraktiv, obwohl die Datenlage auch hier eher mau ist. Neuerdings geht der Wunsch nach Schicksal im Sinne der Unveränderlichkeit, in eine politische Richtung, immer scheint der Wunsch nach moralischer und intellektueller Entlastung ein starkes Motiv zu sein, kurz: Ich kann nichts dafür.
Es liegt nicht in unserem Zeitgeist in einem soliden und vernünftigen Rahmen die Idee zu denken und Konsequenzen aufrecht zu erhalten, dass wir uns im Zentrum von Kräften befinden, die zwar an uns zerren, die wir aber auch ausbalancieren können. In einer Ecke des Dreiecks lauert die Projektion: Ich kann nichts dafür, dass die Welt so ist, wie sie ist. In der zweiten Ecke, lauert die Selbstverdammung und Depression: Die Welt mag gut sein, aber ich bin leider zu unfähig, davon zu profitieren, weil ich immer alles falsch mache. Beides fördert das Katastrophisieren. Die dritte Ecke sind Größenphantasien, in denen man meint, die richtigen Mittel in der Hand zu haben, damit einem die Welt zu Füßen liegt. Das schützt zwar vorm Katastrophisieren, führt aber erkennbar zu anderen Problemen.
Wir können diese Kräfte aber ausbalancieren und tun das bereits die ganze Zeit, wenn wir ein halbwegs gesundes Ich haben. Auch hier zerren einerseits die Triebe/Impulse/Affekt, andererseits die gesellschaftlichen Erwartungen, dieselben kontrollieren zu können, in Form von Normen/Konventionen/Moral an uns, drittens, das Realitätsprinzip, das unseren Wünschen Grenzen setzt. Wir haben also bereits Übung bei diesem Spiel.
Nun geht es also darum, irgendwo zwischen unrealistischem Größenwahn und blindem Fatalismus neue Möglichkeiten zu finden, wobei unsere Einstellungen einen größere Rolle spielen. Sätze wie: „Ich mach‘ mir nichts vor und kann das auch nicht“, klingen sehr rational, ohne es zu sein. Sie verwerfen von vorn herein Möglichkeiten, die anderen offen stehen. In Lebensbilanz stellten wir dar, dass es immer mehrere Möglichkeiten gibt die Welt und die eigene Geschichte zu deuten und mehr und mehr wird klar, dass es nicht genau eine zutreffende und 20 schlechte oder falsche Erklärungen gibt, sondern, dass unsere Deutungen uns die Welt in einem sehr unterschiedlichen Licht sehen lassen. Es ist nur auf den ersten Blick verstörend, dass verschiedene Modelle gleichberechtigt nebeneinander stehen.
Wenn wir also eine Schlagzeile wie diese lesen: „Katastrophisieren ist teilweise erblich“[2], in der es um das Schmerzkatastrophisieren geht, kann man sich denken, wie katastrophisierende Menschen darauf reagieren, entmutigt. Im Zuge des Umlernens müssen wir bestimmte physische, psychische und psychosomatische Krankheiten immer mehr als komplexes Ganzes ansehen, bei denen genetische Dispositionen oder bestimmte Hirnzustände eine Rolle unter vielen spielen, aber der Blick sollte auf andere Faktoren gelegt, diejenigen die variabel sind. Selbst das Konzept von Schicksal oder Karma muss nicht zwingend starr gesehen werden.
Die gute Nachricht ist, dass wir tatsächlich dabei sind hier neue Türen zu öffnen und dass sich das in modernen therapeutischen Ansätzen immer mehr niederschlägt. Die Psyche hat die Möglichkeit die Geschichte von Welt, dem eigenen Selbst und anderen Menschen immer wieder neu zu erzählen und diese Erzählungen sind nicht einfach Märchen, sondern konstituieren jene Weltbilder in denen sich die Psyche dann für eine gewisse Zeit einrichtet.
Dass wir uns unsere Welt zum Teil selbst schaffen, ist vermutlich viel weitreichender als gedacht, aber es läuft nicht auf der Basis eines reinen Wunschdenkens. Das Katastrophisieren zeigt uns exemplarisch, welche dicken Steine auf diesem Weg liegen.