Denken und Fühlen

Sportler auf Krankenliege

Wie geht es weiter? Hier hilft Optimismus. © Jeff Drongowski under cc

Wir haben immer die Möglichkeit unser Denken zu ändern. Tun es aber nicht. Dabei gäbe es durchaus in vielen Fällen gute Argumente. Glücklich, die Nichtwissenden. Ihnen kann man einfach sagen, wie es ist und das bringt sie weiter. Zum Beispiel bei der Frage, wo die nächste Toilette ist oder bei der Frage, was und wie man essen sollte, wenn man Diabetes hat.

Weniger glücklich sind die Dummen, die aus Mangel an Einsichtsvermögen von Informationen nicht profitieren. Aber längst nicht alle, die katastrophisieren, sind dumm, vermutlich sogar eher die Minderheit. Und so kann man langsam tiefer graben und zu weiteren Problemen vordringen. Denn, nach dem was wir eben besprochen haben, gibt es die Möglichkeit etwas nicht zu wissen oder nicht zu verstehen. Beides reicht aber nicht, denn es ist leicht zu argumentieren, dass man das Katastrophisieren lieber lassen sollte: Es macht die Krankheiten, unter denen man leidet, schlimmer und die Dinge, die man befürchtet, treten umso eher ein, je mehr man sie befürchtet. Man braucht kein Psychologiestudium, um das zu verstehen und deutlichste Hinweise darauf gibt es reichlich. Das Problem an dieser Stelle ist, dass sich die Ausgangslage nicht verbessert, wenn ich weiß, dass mein Verhalten oder Denken mir nun auch noch schadet. Ich bekomme dann nur noch mehr Angst, werde in meiner Depression oder negativen Weltsicht bestätigt und meine körperlichen Symptomen werden auch nicht besser, sondern schlechter.

Argumentativ ist das vollkommen überzeugend und die einzig sinnvolle Schlussfolgerung kann in dem Fall nur sein, dass man seine Einstellung verändert. Wenn es denn so einfach und rational laufen würde. Der Grund dafür, dass es das nicht tut, ist aber nicht, dass man das Argument nicht versteht, sondern, dass man von dem, was man bislang glaubt, natürlich auch überzeugt ist. Im besseren Fall ist das eine kaum reflektierte Gewohnheit. Dann könnte man die Überzeugungen einzeln hinterfragen, in der Art, ob man nie auf die Idee gekommen ist, dass es auch anders sein könnte. Ob das immer und für alle gilt? Ob man diese Überzeugung vielleicht als häufigen Kommentar auf bestimmte Lebensereignisse hörte? Nimmt man sich all diese Punkte einzeln vor, so kann man aktiv dazu Stellung nehmen und sie hier und da revidieren oder sich klar machen, dass die viele Überzeugungen im Grunde nur Gewohnheiten sind, mit denen man vielleicht prima sein Leben ordnen konnte, aber das mag 30 Jahre her sein. Muss man daran festhalten?

Aber es gibt auch die schlechteren Varianten. Einstellungen werden dann zu selbsterfüllenden Prophezeiungen, die mitunter eine erhebliche Kraft haben, so dass man schlechte Erfahrungen aufgrund selektiver Wahrnehmungen macht, die sich dann aber immer mehr verfestigen, weil das, was man heimlich erwartet eher eintritt und man diesen Aspekt bei der Interpretation zugleich mehr in den Vordergrund rückt. Das tut man nicht bewusst. In Lebensbilanz haben wir gezeigt, dass man durchaus immer auch anders könnte, aber wenn man sich einmal für einen Weg entschieden hat und den immer wieder geht, entstehen auch im Bewusstsein gewisse Trampelpfade und diesen Weg verlässt man zumeist so schnell nicht. Man hat untersucht, was Pechvögel ausmacht und herausgefunden, dass sie in einem hohen Maße zu lange zögern. Wenn sie noch grübeln und abwägen, was alles schief gehen könnte, hat ein anderer schon zugegriffen und schon ist das Bild wieder bestätigt, dass das Glück sich wieder einen anderen gesucht hat.

Aber man kann noch tiefer ins Unbewusste hinabsteigen. Es kann nicht nur sein, dass man einer Gewohnheit folgt, sondern, dass es zusätzlich noch bestimmte innere Motive gibt, die es sonderbarerweise attraktiv erscheinen lassen ein Pechvogel zu sein. Was könnte das sein? Das unbewusste Gefühl von Schuld und verdienter Strafe wäre eine Möglichkeit. Aber ständig Pech zu haben kann auch ein Mittel ein um Aufmerksamkeit zu erhalten. „Stell Dir vor, was mir schon wieder passiert ist.“ Vielleicht wollen viele eher Held sein, als der ewige Pechvogel, aber die Wahl ist ja nicht nur die zwischen Glückspilz oder Held, gegen arme Sau oder Pechvogel, es gibt ja zudem noch das weite Feld der Durchschnittlichen, die einfach nichts Spannendes zu erzählen haben. Da hat der Pechvogel mehr zu bieten. Oder man ist von bestimmten Pflichten befreit, dies und das wird nicht von einem erwartet oder thematisiert, für das andere sich rechtfertigen müssen, weil da irgendwer schreckliches Pech im Leben hatte, immer die falschen Menschen traf und dann auch noch so lange krank war. Auch die Möglichkeit andere zu manipulieren, also unbewusst Macht auszuüben, sollte man nicht vergessen. Nicht immer liegen tiefenpsychologische Motive vor, nicht immer stellen sie die erste und einzige Erklärung dar, aber wenn nichts anderes zu finden ist, sollte man auch danach Ausschau halten. Da man nicht gleich mit Kanonen auf Spatzen schießt, fängt man eher im Kleinen an und schaut, ob da bereits Erklärungen zu finden sind, die dann auch Besserungen im Leben und der Symptomatik nach sich ziehen.

Biologie, Verhaltenstherapie und Tiefenpsychologie

Das spiegelt sich natürlich auf der Ebene therapeutischer Ansätze zur Lösung des Katastrophisierens wieder. Wer denkt, dass er Schwein gehabt hat, bei dem heftigen Skiunfall nur ein Bein gebrochen zu haben und schon ausrechnet, ob er es schafft noch in diesem Winter noch mal fahren zu können, ist ganz anders unterwegs, als der, der sich Sorgen macht, ob das wohl jemals richtig heilen wird und er je wieder fahren können wird.

Wer beim Kopfschmerz an den Hirntumor denkt, wird vielleicht beruhigter sein, wenn er hört, dass Hirntumore sehr selten sind und nur in 1% der Fälle überhaupt isolierte Kopfschmerzen, ohne weitere, oft gravierende Symptome auslösen. Hier kann pures Wissen schon helfen und die Anspannung soweit reduzieren, dass man irgendwann auch seine Angst verliert. Und wer Schmerzen hat, kann sich vielleicht entspannen, wenn er erlebt, dass die heutige Schmerzmedizin, mindestens beim Akutschmerz, schon sehr gut ist und immer besser wird.

Der ganz eigene Charakter der chronischen Schmerzen ist ein anderes Kapitel und Krankheitsbild, wird aber inzwischen auch als solches erkannt und anerkannt. Hier ergänzen sich die in der Vergangenheit nicht immer befreundeten Bereiche der Verhaltenstherapie und Tiefenpsychologie in schöner Weise. Ersonnen wurde der Begriff Katastrophisieren von den kognitiven Verhaltenstherapeuten Albert Ellis und Aaron T. Beck. Die Auflistung Becks im Rahmen seiner Theorie kognitiver Verzerrungen sind sicher gut und richtig, ob die Arbeit an den Gedanken immer ausreichend ist, darf man im Zug der Grenzen der Verhaltenstherapie infrage stellen. Schön sind in jedem Fall die Muster, die wir dort finden und die auffallend denen der Verschwörungstheorien ähneln.

Das Zusammenwachsen verhaltenstherapeutischer und tiefenpsychologischer Ansätze beobachten wir in vielen Bereichen und man kann die Elementen beider Fraktionen auch hier kombinieren. Ein einfacher Dreiklang aus 1. Stopp!, 2. Was habe ich davon? 3. Reflektieren statt Katastrophisieren kann eine Lösung sein. Schauen wir uns die Elemente näher an:

Stopp!

Das Stopp!-Signal ist ein probates Mittel aus der Verhaltenstherapie, um Endlosschleifen des Grübelns bei Depressionen, den negativen Erwartungen und prognostizierten Folgen destruktiver Gedankengänge ein bewusstes Ende zu setzen und die Kontrolle zurückzugewinnen. Man sagt – je nach Möglichkeit, ob man allein oder in Gesellschaft ist – einfach in Gedanken oder laut “Stopp!” und unterbricht den Gedankengang bewusst. Dabei geht es nicht nur um ein aktuelles Ende der Gedanken, sondern auch und langfristig darum, die Kontrolle zurück zu erlangen, denn das Gefühl einem blinden Schicksal ausgeliefert zu sein und selbst am wenigsten Einfluss auf die Situation zu haben, gehört zum Katastrophisieren elementar dazu. Wenn man diese vermeintlichen Selbstverständlichkeiten immer wieder unterbricht und durchbricht, ändert das schon etwas.

Was habe ich davon?

Wie gesagt, kann es sein, dass einem einfach nur Informationen fehlen. Nicht nur darüber, was alles schief gehen kann, was einen unausgesetzten Nocebo-Effekt darstellt, sondern zum Beispiel, indem man sich mal mit den erstaunlichen Reparaturleistungen des Körpers auseinandersetzt. Hier können wir aufdeckende Elemente ins Spiel bringen.

Zunächst durch einfaches Hinterfragen: Das Unbewusste ist nicht immer hinter einer dicken Mauer verborgen und wie erwähnt, haben wir es oft nicht mal mit Unbewusstem, sondern einfach Unhinterfragtem zu tun. Um das dann doch mal zu hinterfragen, muss man erst mal wissen, womit man es zu tun hat:

Was schwirrt einem da eigentlich immer wieder als typischer Kommentar, in bestimmten Situationen im Kopf rum? Wer spricht da eigentlich? Kann man die Stimme oder Person identifizieren? Oft sind es Kommentare aus der Kindheit: Hat man öfter ein aufmunterndes “Wird schon” oder “Schaffst Du schon“ gehört, oder ein niederdrückendes “Oh oh oh, wenn das mal gut geht”, “Wenn Du es jetzt nicht schaffst, schaffst Du es nie”. Was ist der typische Sound Ihrer Vergangenheit?

Das kann einige Zeit dauern, aber die Gedanken drängen sich ja ohnehin von selbst auf, wenn man Katastrophisierer ist, man braucht also nur abzuwarten und sie dann wenn sie wieder kommen anzuschauen, von allen Seiten, sie zu drehen und zu wenden und in die Sonne zu halten. Was bleibt? Stimmt das eigentlich wirklich?

Wie lautet eine typische Erfolgsgeschichte? Es gibt eher selten den glatten Durchmarsch. Oft ist da die Rede von Ablehnungen, Umwegen und Misserfolgen vor allem aber, dass jemand es immer und immer wieder versucht hat. Es muss nicht beim ersten Mal klappen.

Eine verbreitete Ansicht ist, dass man hart arbeiten muss, härter als die anderen (Die Konkurrenz schläft nicht!) und wenn sich der Erfolg nicht einstellt, eben noch härter und wenn das nicht reicht, bis zum Burnout, sonst ist man ein Loser. Auch hier sind die Gegenbeispiele reichlich, wo Menschen eher spielerisch zum Erfolg kamen, durch Zufälle und indem sie Türen, die sich öffneten, einfach nutzten. Nicht zu vergessen, durch Umwege und Misserfolge. Man wollte eigentlich Förster werden, aber dann kam alles ganz anders.

Sammeln Sie zu Ihrer katastrophisierenden Variante noch zehn andere, wie etwas auch weitergehen könnte. Das ist eine schöne Übung, die Psychotherapeuten empfehlen.

Auch das Unbewusste ist uns zugänglich und es zeigt sich natürlich ständig, aber auch uns selbst immer mal wieder in entspannten Momenten. Es ist dynamisch, das heißt, einiges kommt leichter an die Oberfläche, anderes ist tiefer vergraben. Ein recht durchgehendes Motiv bei vielen Arten des Katastrophisierens ist, dass man davon ausgeht, dass irgendwer Schuld haben muss. Die Grundüberzeugung ist, es muss einen Schuldigen geben. Hat man diese Prämisse erstmal kritiklos geschluckt geht es zwar logisch weiter – der Schuldige muss nun gefunden werden – aber gleichzeitig Gefangener in einem blöden Spiel, was keinesfalls immer Sinn ergibt.

Unabhängig vom Inhalt habe ich nun zwei Möglichkeiten, die das Katastrophisieren beide antreiben: Ich gebe einem anderen die Schuld. Thorwald Dethlefsen hat dazu gesagt, dass es vollkommen egal ist, auf wen man projiziert, es hat immer dieselbe Funktion. Ob das Rechte, Linke, Migranten, Frau Merkel, die böse Medizin, die bösen Heilpraktiker, der Chef oder die Eltern sind ist völlig egal, denn immer erlebt man sich als Opfer von Umständen, an denen man nichts ändern kann.

Die andere Variante, zu der Katastrophisierer neigen, ist jedoch nicht besser, nämlich sich die Schuld zu geben oder sich als einen völlig hoffnungslosen Fall zu sehen. “Alles mache ich falsch.” “Immer habe ich Pech.” “Keiner kann mir helfen.” “Ich bin die Ausnahme von der Regel.” “Ich bin der, bei dem die sehr seltenen Nebenwirkungen garantiert alle eintreten.”

Nun gut. Stellen Sie Sich mal vor, Sie würden als Frau einen Mann kennen lernen, der Sie immerhin genug interessiert, dass Sie Sich auf ein Gespräch einlassen. Man redet über dies und das, auch was er so macht und recht schnell sagt er, er sei eine gute Partie, weil er demnächst unweigerlich Lottomillionär würde, oder den Nobelpreis bekommen, vermutlich aber beides. Wahrscheinlich changiert der andere nun bereits zwischen Spinner und da höre ich doch mal genauer nach. Könnte ja sein, dass er eine bahnbrechende wissenschaftliche Arbeit über ein neues Lottotippsystem eingereicht hat. Aber er sagt nur, dass einer ja den Nobelpreis bekommen muss und auch den 6er im Lotto. Das sei dann eben er. Spätestens jetzt werden die meisten mindestens innerlich etwas wegrücken.

Genau das tun Katastrophisierer, nur auf der anderen Seite der Unwahrscheinlichkeit. Es wird sie treffen, das ist Gesetz. Wenn bisher nicht, so dann nur umso sicherer beim nächsten Mal. “Jetzt habe ich schon drei mal Glück gehabt, das geht nicht mehr lange gut, die Katastrophe rückt unweigerlich näher.” Überlegen Sie mal, wie überzeugend die Aussage ist, dass man nun drei mal keinen Großgewinn im Lotto hatte, also es immer wahrscheinlicher wird, dass demnächst einer kommt.

Aber das ist noch halbwegs rational, die prickelnde Frage ist, was man davon hat. Wie oben schon gesagt, man ist kein Langeweiler, bekommt vielleicht Frührente, profitiert vom sekundären Krankheitsgewinn oder sonnt sich darin, so besonders zu sein, dass einem niemand helfen kann. Oder man hat einfach nur Recht gehabt. Dieses verlockende Triumphgefühl, das uns antreiben kann. Etwas davon bei sich zu erkennen löst noch nicht die Problematik im vollen Umfang, aber es macht offen dafür, sich helfen zu lassen. Dieses Mal an der richtigen Stelle.