Die German Angst vor der Masse?

Plakat gegen Überwachung

Die Angst vor Überwachung ist in der Breite nicht sonderlich ausgeprägt. © Stephan Luckow under cc

Aus den Erfahrungen der Verführbarkeit der Masse, aus der Möglichkeit, dass Massen regredieren können, aus der politischen Aufarbeitung und dem Wunsch und der gefühlten Verantwortung, dass dies nie wieder vorkommen möge, resultiert ein Misstrauen gegenüber der Masse. Der Begriff „Volk“ provoziert bereits einige, die Forderung man möge mit dem Begriff „völkisch“ doch wieder entspannter umgehen, soll provozieren, ist kalkulierte Eskalation.

Doch der Wunsch, nur ja keinen Fehler mehr zu machen, beförderte die Anstrengung in Sachen Gleichberechtigung und manchmal darüber hinaus den Anschein der Gleichmacherei erweckend. Davor hatte Götz Aly jedoch gewarnt. Ein eigenes großes Thema, hier nur wichtig im Zusammenhang mit der German Angst vor dem Kollektiv, das aber, wenn Aly Recht hat, genau in dem Bemühen, es nach Möglichkeit allen Recht zu machen, genau das tut, was schlecht ist, in irgendeine Art und Weise des Kollektivismus einzumünden.

Vor der regressiven Masse ist oft genug gewarnt worden, Heidegger hat sie verachtet (und ist ihr auf seine Art dann doch verfallen), mit dem Begriff der Schwarmintelligenz wird ihr hier und da etwas zu viel aufgebürdet, doch nicht alle Situationen, in denen viele Menschen zusammenkommen, sind Massenbewegungen. Innerhalb von Massen können auch reife Individuen auf ein fundamentalistisches Niveau des Werturteils regredieren. Nicht alle diese Menschen regredieren dauerhaft. Es gibt neben der direkten Demokratie viele Formen einer stärkeren Einbindung des Bürgers in die Gesellschaft und die Politik.

Es mag Gründe für eine Skepsis geben, es gibt aber ebenso gute Gründe dem Bürger, uns allen, etwas zuzutrauen. Auch in der gegenwärtigen Phase eines Umbruchs, mit einer streckenweisen Verunsicherung größerer Teile der Bevölkerung, sind wir Deutsche alles in allem recht cool und souverän geblieben. Selbst als es zu den schon befürchteten Terroranschlägen im Deutschland kam, blieben die Deutschen, entgegen vieler Unkenrufe, gelassen.

Zwar ist die Zahl der Extremisten mit etwa 60.000 aktuell (28.500 Linksextremisten, 12.800 Reichsbürger, 12.100 Rechtsextremisten, 10.000 Salafisten), doch mit einer Größenordnung von insgesamt < 0, 1% ist das nichts, was uns in Panik versetzen muss. Man sollte all das nicht auf die leichte Schulter nehmen, doch es würde reichen, wenn man sich um die Rädelsführer und Intensivtäter kümmert. Aber so oder so, gerade die Masse ist nicht bedrohlich in Deutschland und dass Teile von ihr alternative Modelle entwerfen, die durchaus immer auch konstruktive Anteile haben, ist erkennbar und hätte, klug genutzt, das Potential, die Bevölkerung mit der politischen Kaste wieder stärker zu versöhnen.

Die German Angst gibt es eher nicht

International sind die Deutschen extrem beliebt und seit 2006 ist auch klar, dass sie gut feiern können und nette Gastgeber sind. Die Identifikation einer German Angst ist nichts, was man uns Deutschen konsistent vorwerfen kann. Deutschland wird statistisch immer älter und ältere Menschen werden tendenziell konservativer. Die Deutschen haben nun öfter bewiesen, dass sie sich an Veränderungen anpassen können und in einer gewissen Unbeirrbarkeit in ihrem Alltag denoch immer weiter machen. Immer wieder mal hört man dabei, dass wir alle nur manipulierte Schafe sein sollen, doch dass wir alle manipuliert seien, lässt sich nicht erweisen, schon weil es, je nach dem welche Splittergruppe diese Auffassung vertritt, stets andere sind, die angeblichen Hirten sind.

Man kann den Begriff der German Angst gut instrumentalisieren, wenn man versucht, irgendwelche Interessen durchzuboxen. Dass wir Deutsche da erst mal abwarten und skeptisch sind und in einer gewissen Beharrlichkeit dem einen oder anderen Gewünschten ein Absage erteilen, finde ich eher sympathisch, verärgert natürlich die, die sie durchdrücken wollen. Der Mainstream ist nicht unser Feind, sondern oft genug unser Freund. Wir Deutsche, vermutlich auch andere Bevölkerungen, haben die Kraft, achselzuckend weiter zu machen und unser Leben zu leben und das keinesfalls so unkritisch wie einige meinen oder so hysterisch, wie die schrillsten Stimmen erahnen lassen.

Der Mainstream ist das gesellschaftliche Rückgrat und vermutlich ist eine Hinwendung zu eigenen Traditionen das, was uns gut täte. Dass kein Element in uns Deutschen völlig fehlt, wie wir gesehen haben, ist ein gutes Zeichen. Der Mainstream bekommt immer auch Gegenwind und Kritik ab und das ist auch gut so. Wir müssen lernen, dass Kritik wichtig ist, aber das lernt man nicht in einer regressiven Gruppe, die ihre Feindbilder braucht und selbst schafft. Es lernen begabte Individuen. Die Erfindung des Individuums ist eine westliche Errungenschaft und ein gutes Gegengift gegen zu viel Kollektivismus und Gleichschritt im Denken. Nicht jeder Individualist ist ein Narzisst, der nur um sich kreist. Es gibt zwei Nebenströme unseres Mainstreams. Der eine ist der unreife Narzissmus, der gesellschaftlich problematisch ist. Der andere ist ein reifer und reflexiver Individualismus. Auch diese Menschen sind oft alles andere als bequeme Ja-Sager, aber genau das ist gut und wichtig.

Wir brauchen Integration im breitesten Sinne und damit ist nicht (nur) die Integration der gutwilligen Teile anderer Kulturen gemeint, sondern wir müssen auch die klugen Anregungen der Sonderlinge und Querdenker zur Kenntnis nehmen und haben oft genug bewiesen, dass wir dazu in der Lage sind, aber eben auf der anderen Seite auch nicht jeden Mist mitmachen. Wo uns der Begriff der German Angst begegnet, lohnt es sich genauer hinzuschauen und zu prüfen, ob dieser Begriff nicht instrumentalisiert werden soll, um uns schnell zu etwas zu bringen, was wir noch nicht ausreichend geprüft haben. Dafür haben wir unsere Querulanten und Gerechtigkeitsfanatiker. Und in den meisten Fällen ist das gut.

Quellen: