Amoklauf

Mann mit  Sonnenbrille, Hut und Spielzeugpistole

Der will nur spielen. © Cory Denton under cc

Uneleganter ist der Amoklauf. Die psychologischen Muster bei Amokläufen sind immer ähnlich. Ein Mensch, der nicht besonders auffällig ist, oft ein stiller und etwas zurückgezogener Außenseiter, vielleicht etwas linkisch, aber alles in allem oft kein extremer Sonderling, tendenziell sogar eher brav und angepasst, greift irgendwann zur Waffe und ist „Held“ für einen Tag, oft nur für ein paar Stunden seines, aus seiner Sicht, durch und durch verkorksten Lebens.

Bei der Ursachenforschung sieht man die anderen oft ratlos. Ja, der war schon komisch, aber dass er zu so etwas fähig ist, hätte niemand gedacht. Aus Sicht des Amokläufers finden wir einen oft über lange Jahre gekränkten Menschen. Eigentlich läuft es bei ihm vielleicht nicht anders als bei vielen anderen auch, aber vielleicht fehlen Freunde, ein offenes familiäres Umfeld, ein Hobby, bei dem man auch seine dunklen Seiten ausdrücken kann. Oft fehlt die Fähigkeit zu trauern und dazu stehen zu können. Denn das wäre eine Form der Schwäche, wie überhaupt Emotionen oft als eine Form von Schwäche gesehen werden.

Wenn schon, dann müssen es die ganz großen Emotionen sein, das Unvergleichliche, Erhabene, das, was man nicht teilen kann, während die kleinen Emotionen, das Gewusel im Alltag, Menschen mit einem pathologischen Größenselbst oft unendlich langweilt. Wie kann man sich nur mit dem unwichtigen Kram durchschnittlicher Leute abgeben und daran auch noch Spaß haben? Sie können das nicht nachvollziehen, weil sie diesen Spaß nicht empfinden und das kränkt sie erneut. Kompensatorisch werden die anderen entwertet, die belanglosen Freunden des Durchschnitts, des Pöbels. Sie haben auch den emotionalen Zugang zum anderen nicht, der aus diesem einen interessanten und spannenden Menschen machen würde. Die Eckdaten sind schnell abgecheckt: Ist der andere gefährlich, mächtig, einflussreich, originell? Dann gibt man sich mit ihm ab. Ist er einfach nur nett, solide und unauffällig, ist er langweilig. Das Interesse am anderen, die Fähigkeit sich mit ihm zu freuen und zu trauern, mitzufühlen, das alles kommt ja in der Welt eines narzisstischen Menschen nicht vor. Hier herrscht der Wunsch vor, im Mittelpunkt zu stehen, zu dominieren und zu kontrollieren und einen schnellen Eindruck von den Stärken und Schwächen es anderen zu gewinnen, um im Zweifel über den anderen triumphieren zu können (oder mit ihm zu verschmelzen und ihn zu idealisieren). Viel mehr findet da nicht statt und diese emotionale Begrenztheit ist die eigentliche Schwäche der Narzissten, die sie aus eigener Kraft nicht überwinden können.

Ein Mensch, der diesen Zugang zu anderen gerne haben würde, aber in der Realität nie erlebt, ist immer mehr darauf angewiesen in Phantasiewelten, in ideale Welten mit idealen Begründungen und Konstruktionen abzudriften. Nicht im Sinne einer Psychose mit Realitätsverlust, sondern was die Erklärungen der Motive anderer angeht. Eine beliebte Phantasie gegen Ohnmacht, Kleinheit, Kränkung und Zurückweisung ist „in Wirklichkeit“ stark und mächtig zu sein. Das ist auch vollkommen in Ordnung und eine gelinde Selbstüberschätzung ist im Leben sogar hilfreich, Tagträume sorgen dafür, dass wir besser und zufriedener leben, nur darf die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit nicht zu groß werden. Wir sehen dem anderen auch nicht an, wie bedürftig er ist, wir wissen nicht, wie viele Demütigungen und Kränkungen er schon erfahren musste, ja häufig ist der Außenseiter auch noch derjenige, der oft gehänselt wird. Es ist vielleicht keine besondere Kränkung, die das Fass zum überlaufen bringt, die dafür sorgt, dass Phantasien der Rache immer konkreter werden und wenn der Vater dann noch Sportschütze ist. Es ist einfach die gefühlte Grundüberzeugung, dass die anderen ja gar nicht wissen, mit wem sie es hier zu tun haben, wer man eigentlich ist und dass man es ihnen irgendwann, auf irgendeinem Weg zeigen wird. Das kann dazu motivieren, der beste Sportler zu werden oder ein Konzernchef, aber eben auch ein Amokläufer. In ihrer Biographie findet man so gut wie immer eine lange Kette von Kränkungen, die nicht verarbeitet werden konnten, aber wir sehen eben nicht so leicht, wie jemand innerlich gestrickt ist.

Irgendwo zwischen „Schade“ und einem Amoklauf befinden wir uns auch und der beste Weg mit Kränkungen umzugehen, ist über viele und tiefe emotionale Antworten zu verfügen. Über eine reiche Zahl an verinnerlichten Objektbeziehungen, die wohlmeinend sind, also über innere Freunde, die einem helfen, sich realistischer und konstruktiver Kritik zu stellen und diese anzunehmen und die gleichzeitig auch einen Schutz vor unfairer und exzessiver Kritik bieten.

Deutungen sind konstruktive Kränkungen

Letzten Endes sind ja auch psychologische Deutungen Kränkungen. Diese Deutungen stellen ja ganz bewusst unser bisheriges Selbst- und Weltild infrage und bieten eine alternative Version an. Näheres dazu in: Wie wirken psychologische Deutungen? Das ist durchaus verwirrend, manchmal ein Ärgernis, mit Trauer verbunden, also eine Kränkung. Man unterstellt dem Therapeuten in der Regel nur, dass er es gut meint und idealerweise finden Therapeut und Patient in der Therapie eine tragfähige Basis damit dieses Band auch dann hält, wenn der Patient sich zwischenzeitlich falsch verstanden und gekränkt fühlt, weil der Therapeut notwendigerweise sein bisheriges Weltbild hinterfragt.

Die Kränkung als solche ist also nicht schlimm, sondern jede Revision unseres Selbst- und Weltbildes stellt notwendigerweise eine kleinere oder größere Kränkung dar. Viel wichtiger als die gefühlte Kränkung zu klären, oder ob überhaupt die Absicht bestand jemanden kränken zu wollen ist die Frage, wie jemand mit diesem Gefühl zurecht kommt. Kann er es konstruktiv nutzen, wie wir es bei einer Psychotherapie erwarten und erhoffen, ist ein kurzes Gekränktsein zu vertreten. Wenn sich jemand schnell berappeln kann, Enttäuschungen und Kränkungen nach einem kurzen „Schade“ oder einer Phase der Trauer tatsächlich hinter sich lassen kann, ist alles in Ordnung. Türmen sich die Kränkungen jedoch zu einem inneren Gebirge auf, ist das im schlimmsten Fall gefährlich und für den Betreffenden immer ein Aufruf sein Selbstbild zu überprüfen.

Quellen:

  • [1] http://www.zeno.org/Adelung-1793/A/Kr%C3%A4nken?hl=krankung
  • [2] Carl Eduard Scheidt, Alexithymie und Narzissmus in der Entstehung psychosomatischer Erkrankungen, in: Otto F Kernberg (Herausgeber), Hans P Hartmann (Herausgeber), Narzissmus: Grundlagen – Störungsbilder – Therapie, Schattauer 2009, S. 564