Alexithymie oder emotionaler Analphabetismus

Mann mit Vorhang um den Kopf, vor roter Wand

Verwickelt und in sich selbst gefangen. © aka Tman under cc

Die Gefühlswelt dieser Menschen ist von der der meisten anderen abgeschnitten, soll heißen, bei Menschen mit einem pathologischen Größenselbst finden wir eher simple Emotionen, solche die um grobe Kategorien von Erfolg und Niederlage, Gut und Böse, wertvoll und wertlos kreisen und in deren Weltbild es keine Graustufen oder Zwischentöne gibt. Die Emotionen anderer können sie nicht erfassen, darum sind sie unempathisch. Ihr Gefühlsleben wirkt zuweilen extrem und bombastisch und sie interessieren sich oft auch stark für extreme Erfahrungen. Aber auch das ist oft eine Kompensation, weil sie das reichere Gefühlsleben anderer Menschen nicht erfassen. Viele Gefühle, die andere haben, kennen sie nicht und so müssen sie diese wiederum entwerten und in ihre Gefühlswelt übersetzen. Doch mit Schwarz und Weiß lassen sich Farben nicht darstellen, es bleibt ein Abklatsch. Auch das ist kränkend. Die anderen haben ihren Spaß an so blödsinnigen Sachen. Doch wie sehr man sich auch müht und zuweilen mitmacht: Denselben Spaß, dieselbe ausgelassene Freude oder emotionale Ergriffenheit … man kann sie einfach nicht empfinden. Und falls doch, ist einem das peinlich, weil man den Verlust der Kontrolle befürchtet und obendrein, wie die anderen ist.

Alexithmyie wird diese emotionale Armut auch genannt. Wenn man von den Gefühlen anderer und auch eigenen Empfindungen abgeschnitten ist, springt oft der Körper ein. Dieser macht dann deutlich, was man emotional nicht zu empfinden vermag. Das gebrochene Herz gibt es im übertragenen, aber durchaus auch im konkreten Sinn. So ist die Hypochondrie auf eine bestimmte Art nichts anderes als ein Selbstgespräch, das die Buntheit der Welt auf „meine Körperreaktionen auf die Welt“ reduziert. Der Anteil narzisstischer Kränkungen als Auslöser psychosomatischer Reaktionen einerseits bekannt, aber andererseits „relativ wenig beachtet worden.“[2]

Was hier besonders deutlich wird, betrifft uns alle. Wir sind alle kränkbar, haben Erwartungen, die enttäuscht werden können, haben unsere Kompensationsmechanismen und eine Durchlässigkeit und Wechselwirkung zwischen Emotionen, mentalen Konzepten und Körperreaktionen. Je breiter unser emotionales Spektrum, umso besser unsere Möglichkeit mit Kränkungen umzugehen und umso weniger grandios muss unser Selbstbild sein. Auch die Therapie der Hypochondrie bedeutet, wieder mit der Welt in Kontakt zu treten, Realität gegen Phantasie, Dialog gegen Selbstgespräch einzutauschen. Alles hängt hier eng mit einander zusammen.

Elegante und weniger elegante Lösungen bei Kränkungen

Kränkungen sind vom Selbstbild abhängig stellten wir fest. Neutral betrachtet, also, wenn man die emotionale Ebene mal ausblendet, ist eine Kränkung ja erst mal eine neue und unerwartete Information. Ich sehe es so, ein anderer teilt diese Auffassung nicht und sieht es anders. Eine Ent-täuschung im wahrsten Sinne des Wortes. Weiterhin neutral oder ideal betrachtet könnte man für die Enttäuschung dankbar sein. Man hatte sich offenbar geirrt, jetzt weiß man es besser. Der andere freut sich gar nicht so über das Geschenk. Mein Chef sieht mich gar nicht als besten Mitarbeiter des Unternehmens. Ich bin nicht für alle der attraktivste Mensch.

Aber, wie wir alle wissen ist der Mensch nicht einfach nur eine Rechenmaschine, die Fehler optimiert und es beim nächsten Mal besser macht, sondern die Enttäuschung bedingt ab und zu, dass wir schwer angeschlagen sind. Vor allem dann, wenn unser Welt- oder Selbstbild tangiert wird. Änderungen im Detail nehmen wir relativ leicht hin (außer Menschen mit zwanghaftem Charakter), aber fundamentale Änderungen stellen uns vor größte Schwierigkeiten. Weil unser Selbstbild mit Emotionen verknüpft ist. Doch dies ist kein Nachteil, wie man glauben könnte, denn Emotionen machen nicht starr, sondern beweglich. Es kommt nur auf die Art und Qualität der Emotionen an.

So wäre die elegante Lösung bei einer größeren Kränkung ein kurzer Moment des Bedauerns, manchmal auch der Trauer, je nach dem, als wie gravierend die Kränkung empfunden wird. „Schade“, ist so eine Reaktion auf eine Situation, die anders gelaufen ist, als man es gerne gesehen hätte. Eine elegante Lösung, die die Mischung aus Ärger und Trauer beinhaltet und relativ undramatisch auf den Punkt bringt und verarbeitet.