Wie könnte Europa werden?

Atompilz Nagasaki

Die Atombombe von Nagasaki. Ungeheuer zerstörerisch und für heutige Verhältnisse ein Kinderspielzeug. Wikimedia under <gemeinfrei

Die Not zwingt uns schon hier und da, nun endlich zu entscheiden, was wir wollen. Europa muss dabei aber gar nicht mit einer Stimme sprechen, wenn es sich von der Idee verabschiedet, man müsse immer zentralistischer werden. Manches kann zentral geregelt werden, anderes sollte es aber nicht einmal. Je mehr dezentrale Strukturen entstehen, um so besser. Sie könnten in vieler Hinsicht autonom sein, sich an regionale Besonderheiten, altes Brauchtum anpassen, sich aber auch in Teilen neu ausrichten, indem man eine lebenswerte Region wird.

Eine Region die energieautonom ist, die kurze Wege kennt, viele Lebensmittel selbst herstellt, Kultur wieder mehr in den Vordergrund rückt. Regionen, die zugleich kooperieren und konkurrieren, darum, wo es besser und schöner ist. Man kann durchaus auch Technologiestandort sein, KI Forschung betreiben, Weinbau, Musikinstrumente bauen, eine Ökoregion werden, ein spirituelles Zentrum. Man kann, schon weil ein alterndes Land es muss, Migranten integrieren, ihnen eine soziale Rolle anbieten und sie gemäß ihrer eigenen Neigungen und Talente empfehlend zuordnen.

Geht nicht? Eine Utopie? Es ist unsere Vergangenheit über lange Zeit. Nicht vor 1000 Jahren, sondern 1648, nach dem Westfälischen Frieden, bestand das Heilige Römische Reich aus 300 deutschen Staaten und das bis weit ins 19. Jahrhundert. Ein Fiasko war das nicht, sondern für manche eine Blütezeit.

„Der Geschichtspublizist Bodo-Michael Baumunk trifft es wohl, wenn er schreibt: „Wo es galt, ein Resümee der Kleinstaaterei zu ziehen, waren Politik und wirtschaftliche Verhältnisse ihren Gegnern, die Kultur hingegen ihren Fürsprechern in der Argumentation willkommen.““[3]

Energieautonom und dezentral heißt aber auch weniger angreifbar, weniger erpressbar. Auf eine gute Weise weniger interessant. Durchoptimierte Lieferketten aus aller Welt, in just in time Produktionen mögen hocheffizient sein, aber wehe dem, die Kette reißt mal. Weil Corona ist, weil Krieg ist, oder ein unerwartetes geologisches oder Wetterereignis eintritt. Soll es ja alles schon gegeben haben.

All das können und sollen nur grobe Anregungen sein, denn wo die Reise hin geht, sollen und müssen die kreativen Kräfte selbst bestimmen. Aber wenn der ökologische, energieautonome Umbau, zusammen mit einer Integration von Migranten gelingt, wenn wir die regionale Identität stärken, ohne gleich in einem Regionalismus in den nächsten Krieg zu ziehen, ist viel gewonnen. Wenn man einsieht, dass Europa gegen Atomwaffen nicht zu verteidigen ist, aber sich gleichzeitig eine starke, schnelle und effektive konventionelle Eingreiftruppe leistet und ansonsten abrüstet, dann könnte das ein Modell für die Welt sein, Europa eine Art Labor und nur wenige Regionen auf der Welt können ein ähnliches Labor sein. Jede Großregion der zukünftigen Welt könnte sich dieses Experiment anschauen und die passenden Bausteine in ihre eigene Region übertragen und verändern. Das wäre ein Angebot, kein Eurozentrismus und auf eine gute Weise sehr interessant.

So aber auch

Das System Putin könnte weiter marschieren. Die Publizistin, Psychologin und Grünen-Politikerin Marina Weisband sagt in einem n-tv Interview ein Krieg in Europa, auch mit Atomwaffen, würde in Russland seit Jahren im Fernsehen durchgespielt, auch um die Bevölkerung einzustimmen.

„Nochmal: Im russischen Fernsehen wird das völlig offen so kommuniziert: „Die Ukraine ist nur ein Zwischenschritt in der Wahrung unserer sicherheitspolitischen Interessen in der Welt.“ Wir müssen einfach lernen, Diktatoren zu glauben, wenn sie so etwas sagen. Das heißt: Putin wird in Moldawien einmarschieren, er wird in Georgien einmarschieren. Dann werden grüne Männer, die offiziell nicht zu Russland gehören, aber tatsächlich natürlich schon, in Polen und im Baltikum stehen. Dann wird es Cyberangriffe geben auf europäische Infrastruktur, die NATO wird sich streiten, ob das schon kriegerische Handlungen sind, wird schließlich beschließen, dass es noch keine kriegerischen Handlungen sind, denn sonst müsste man ja Krieg führen gegen Russland. Diesen ganzen Spielplan sehe ich schon vor mir, und er wird uns so unendlich viel mehr kosten.“[4]

Sollte Marine Le Pen in Frankreich gewinnen, so sieht der Kommentator im Tagesspiegel dies auf Europa zukommen:

„Eine ähnliche Faszination hegt die französische Rechtspopulistin für den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Noch 2017 ließ sie sich für den Wahlkampf auf einer Moskaureise mit ihm fotografieren und erklärte, sie teile seine Sicht auf die Ukraine. In diesen Tagen erklärte sie, dass der inzwischen von der demokratischen Welt geächtete Kreml-Herrscher „selbstverständlich“ wieder ein guter Partner für den Westen werden könne. Das heißt, dass mit ihrem Einzug in den Élysée-Palast die europäische Einheitsfront gegen Russlands Krieg in der Ukraine zerbrechen würde.
[…] Konkret bedeutet das, dass Marin Le Pen Frankreich aus den Kommandostrukturen der Nato lösen will. Das würde nicht den Austritt der Atommacht bedeuten, hätte aber wohl im Falle des Krieges in der Ukraine fatale Konsequenzen.“[5]

Da Themen mit der Politbrille gerne im Block statt einzeln betrachtet werden, bedeutet das, für eine Energiewende das Aus und eine schleichende Diktatur in Europa, in der Rechtspopulisten die Macht übernehmen, die Zukunft.

Und die Psychologie?

Nein, das ist nicht noch ein herausgequälter Anhang, weil wir ja ein Psychologie Magazin sind und diese noch gar nicht vorkam, zumindest in klassischer Lesart. Da ist Psychologie nämlich irgendwas fürs Individuum, wenn man sich zu oft die Hände wäscht, depressiv ist oder sich nicht den Fahrstuhl traut, aber ohne gesellschaftliche Relevanz. Allenfalls ist die Kriegsangst noch ein aktuelles Thema oder die Psychologie der Werbung und Betriebsberatung.

Ich sehe Psychologie grundsätzlich anders, nämlich so, dass unser Welterleben immer psychisches Erleben ist und dabei die sogenannte Innenwelt und die Außenwelt bunt gemischt sind und es auch immer schon waren. Schon Freud war der Ansicht, dass man das Treiben der Gesellschaft auch deuten kann, dieser Ansatz ist nur etwas unter die Räder gekommen. Die Marginalisierung des Inneren, der Innenwelten, die bei uns immer mehr über äußere Ursachen, die wesentlich sein sollen, erklären muss, ohne es überzeugend zu können, stellt eine ungeheure Verarmung dar.

Der Blick auf die Innenwelten ist nicht allein eine psychologische Betrachtung. Richtig an Fahrt nimmt er auf, wenn es in den Bereich der Reflexion geht, insofern ist er wesenhaft mit der Philosophie verbunden, sowie mit anderen Interpretations- und Geisteswissenschaften, auch mit einer ernsthaften Spiritualität. Dieser ist immens wichtig, weil dieser Bereich über lange Jahrzehnte sträflich vernachlässigt worden ist.

Wenn man die nahezu albernen Kategorien eines heute oft zu findenden Schwarzweißdenkens betrachtet, kann man nur erahnen, was da noch möglich ist, wenn man die Welt einfach mit anderen, verstehenden Augen an oder in sie hinein schaut. Denn schon das ist ein Fehler, wir sind ein Teil des Ganzen, keine Beobachter, die auf die Welt drauf schauen oder gar Kunden, die sich an ihr bedienen können, solange der Vorrat reicht.

Die Weitsichtigen verstehen einander sowieso. Kulturelle Eigenheiten trennen da nicht, wenn man erkennt, dass wir alle sehr ähnliche Bedürfnisse haben und es ist keine Floskel, dass wir zu aller erst alles Menschen sind. Nur löst das längst nicht bei jedem das gleiche aus, der ethische Imperativ, der darin steckt, er kann auch ungehört verhallen.

Wie es dazu kommt, dass etwas für Menschen nicht einfach nur ein Satz ist, sondern sie berührt oder besser: den einen berührt, die andere nicht, auch das ist eine Sache der Psychologie. Nicht nur dezentrale Strukturen können uns weiter bringen, auch einzelne Menschen, die den anderen wirklich als jemanden sehen, der eigene Vorstellungen hat, aber ihn dennoch wertschätzen kann, auch dann noch, wenn er die anderen Ideen nicht teilt.

Koordiniert zu denken, Visionäres und Mögliches zu vereinen, kreativ und mutig Schritte zu gehen, die unsere Regression dreht, ist nichts, was man Politikern überlassen kann. Die Fehleinschätzungen dort sind die große Gefahr und Europa ist längst nicht mehr die Insel der Seligen. Das muss man sehen, verstehen, ertragen, verarbeiten und in kreative Denkansätze und Taten umwandeln. Für die ganz kurze Frist ist der Einfluss eher gering, aber bereits auf die mittlere Sicht, einer etwaigen Wiederwahl Trumps, muss man sich etwas einfallen lassen. Wann ist Europa für eine Welt der Interessen und Interessenbünde als soziales, vielleicht ökologisches, technologisches, vor allem kreatives Labor interessanter, denn als Kriegsschauplatz zu fungieren? In einer Region, die sich nicht wehren kann.

Quellen:

  • [1] Amrit Dhillon, „Warum Indien weiter zu Russland hält“, Guardian, übersetzt in der Freitag, https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/narendra-modi-warum-indien-weiter-zu-russland-haelt#1649552086297741
  • [2] ebd.
  • [3] Ulli Kulke, „Diese deutsche Kleinstaaterei war segensreich“, Welt, Veröffentlicht am 05.10.2011, https://www.welt.de/kultur/history/article13641035/Diese-deutsche-Kleinstaaterei-war-segensreich.html
  • [4] „Weisband über russisches TV: „In Talkshows wird diskutiert, wie ein Atomkrieg ablaufen könnte““, n-tv.de, 10.04.2022, 16:49 Uhr, https://www.n-tv.de/politik/In-Talkshows-wird-diskutiert-wie-ein-Atomkrieg-ablaufen-koennte-article23258563.html
  • [5] Knut Krohn „Was eine Wahl Le Pens für Europa bedeuten würde“, Der Tagesspiegel, 11.4.22, 6:15, https://www.tagesspiegel.de/politik/zwischen-laehmung-und-radikaler-zeitenwende-was-eine-wahl-le-pens-fuer-europa-bedeuten-wuerde/28243142.html

Um das Europabild verwenden zu dürfen, sind wir angehalten, dieses Europaquiz zu verlinken: https://globalquiz.org/en/europe-quiz/