Berechtigte Kritik und überzogene Reaktionen

Harmloser Esokitsch oder unwissender Transporteur einer radikalen Ideologie? © kylelf_ under cc

Dann ist da noch etwas. Die Kritik aus Teilen der Öko- oder Esobewegung und der Gesundlebeszene ist gegen bestimmte Teile der assoziativen Einheit gerichtet, die da lautet:

Leistung, Fortschritt, Wachstum, Wissenschaft und Technik, Moderne, Humanismus, Fleiß, Vernunft und Differenzierung, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat.

Aber auch hier besteht keine Notwendigkeit jeden Begriff als Teil des Ganzen zu denken. Die Linke schafft es ja selbst Wachstum zu kritisieren – also ein Element heraus zu brechen – und die anderen Aspekte des naturalistischen Gesamtkonzepts, was auf einen linearen Fortschritt ausgerichtet ist, dennoch zu unterstützen. Gerade das emotional oft stärkste, weil inhaltlich nicht zu rechtfertigende Band, geschmiedet zwischen Wissenschaft und Humanismus ist dabei eine Schwachstelle. Eine Schwachstelle deshalb, weil die Wissenschaft im Grunde amoralisch ist und sich daher mit dieser oder jedner Idee verbünden kann – und das leider immer wieder auch bewiesen hat. Also suchte man sich gerne die Koalition zwischen Wissenschaft und Humanismus, als Garant für den vermeintlichen Fortschritt auf allen Ebenen.

Inhaltlich sind die beiden überhaupt nicht verwandt, aber es klingt halt gut, wenn Wissenschaft, Fortschritt und Humanismus in einem Atemzug genannt werden. Der Fortschritt selbst ist ein Trip, wenn er kein Ziel definiert. Fortschritt muss nicht automatisch besser sein. Heute haben weltweit deutlich mehr Menschen Übergewicht. Das ist Fortschritt, weil es eben neu ist, aber sicher nicht gut. Die Wissenschaft hat in den Terrorregimen dieser Welt oft eine erbärmliche Rolle gespielt, einzelne Idealisten haben sich quer gestellt, die Mehrheit hat sich jedoch stromlinienförmig angepasst. Aber der Humanismus, der ist doch toll, oder?

Yuval Noah Harari zieht uns in Eine kurze Geschichte der Menschheit diesen Zahn. “Zwar verehren alle Humanisten den Menschen, doch sie können sich nicht darauf einigen, was den Menschen genau ausmacht.”[3] Er unterscheidet liberale Humanisten, die behaupten, tief im inneren Wesen des einzelnen Menschen seien Sinn und Bedeutung, moralische und politische Autorität zu finden, die uns zu den Menschenrechten führen und der Idee der größtmöglichen Freiheit für die größtmögliche Zahl an Menschen. Zudem sozialistische Humanisten, für die Idee der Chancengleichheit aller Menschen eintreten. Außerdem die evolutionären Humanisten, die sich auf der Basis der Evolutionstheorie gegen universelle Werte der Menschheit wenden, sondern, der Evolution folgend der Auffassung sind, der Mensch könne zum Übermenschen oder zum Untermenschen mutieren. Also gilt es, das Reine und Schöne zu bewahren. Harari resümiert:

“Heute spricht zwar niemand mehr davon “minderwertige Rassen und Völker” ausrotten zu wollen, doch viele denken darüber nach, mithilfe neuester biologischer Erkenntnisse Übermenschen zu züchten.

Gleichzeitig tut sich ein immer größerer Graben zwischen den Glaubenssätzen des liberalen Humanismus und den neuesten Erkenntnissen der Biowissenschaften auf, der sich nicht mehr ignorieren lässt. Der liberale Rechtsstaat und die liberale Demokratie gehen von der Überzeugung aus, dass jedem Menschen eine heilige, unteilbare und unveräußerliche menschliche Natur innewohnt, die der Welt Sinn und Bedeutung verleiht und von der alle moralische und politische Macht ausgeht. Das ist nichts anderes als die christliche Vorstellung von der freien und unsterblichen Seele des Menschen, wenngleich in einem anderen Gewand. Doch in den vergangenen zwei Jahrhunderten haben die Biowissenschaften diese Vorstellung zunehmend infrage gestellt. Im Innersten des Menschen haben sie keine Seele gefunden, sondern nur Organe. Unser Verhalten wird nicht vom freien Willen gesteuert, sondern von Synapsen, wie sie auch Schimpansen, Wölfe und Ameisen haben. Unser Rechtsstaat und unsere Demokratie kehren diese unbequemen Wahrheiten gerne unter den Teppich. Wie lange wird es noch dauern, bis wir die Mauer zwischen der biologischen und juristischen Fakultät einreißen?”[4]

Dabei hatten wir doch gerade gelernt, dass die Religion die Quelle allen Übels sei. Esoterik wurde dann die Happy-Version davon, doch linke Kritiker meinten dort dasselbe Motiv zu finden. Dem Inneren des Menschen wird nichts zugetraut, ein Band was Linke und nicht wenige Naturalisten vereint. Vielleicht hat Harari ja Recht und der eigene humanistische Schatten wird projiziert, weil der Humanismus doch so hübsch klingt und Antihumanist ein billig zu habender Vorwurf ist, gegen jene, die die stille assoziative Reihe nicht beachten.

Keiner dieser Begriffe in der Reihe ist heilig oder gänzlich unbelastet, eine innere Verbindung zwischen Wissenschaft, Fortschritt, Humanismus, Vernunft, Moderne und so weiter kann man ziehen, man muss es aber nicht. Wie im ersten Teil erwähnt, die Reihe dieser Begriffe hängt eher davon ab, dass sie immer zusammen aufgezählt werden, ein inferentieller Zusammenhang ist nicht zu sehen, die Assoziation wird zur Gewohnheit, aber das ist eben selbst nicht rational.

Vorrangig darum erscheint jemand, der ein Gegner der (Schul-)Medizin ist gegen die Wissenschaft zu sein, damit auch antimodernistisch, antihumanistsich, gegen Fortschritt und Vernunft, mit anderen Worten ein mindestens sehr naiver Mensch, wenn nicht ein Spinner oder gar Faschist. Im Grunde eine Immunisierung gegen Kritik und selbst irrational, da assoziativ oder einfach propagandistisch. Wiederhole immer die Verbindung der gleichen Begriffe und irgendwann schleift sich diese Verbindung ein.

Wird das oft genug praktiziert, wird aus jemandem der Globuli schluckt auch ein Feind der Menschenrechte. Wer an natürliche Gegebenheiten oder eine göttliche Einheit erinnert, ist ein reaktionärer Antimodernist. Wer in Krankheit mehr sieht, als ein zufälliges Geschehen, ist mindestens verdächtig.

Eine neue Wissenschaft am Horizont?

Durch viele Wissenschaften weht heute ein neuer Wind. Die Esoterik mit ihrem Einfluss von den späten 1970er bis in den ausklingenden 1990er hat den Fehler gemacht, es oft bei einer hübschen Version, beruhend auf oberflächlichen Ähnlichkeiten zu belassen. Eine Version, deren Problem kein latenter Faschismus war, sondern eine zu große und wohlmeinende Oberflächlichkeit. Jeder der irgendwie guten Willens was, konnte dabei sein, in einer an sich der gleichberechtigten Welt, in der alle Recht hatten, Männlichkeit, das Ego, Analyse und Rationalität und im Schlepptau auch die Wissenschaft, besonders die ‘Schulmedizin’ als kalt und herzlos galten.

Alles was anders als bei uns war, war gut. Wissenschaft und Technik, Heimat und Christentum, das ging gar nicht. Je ferner, je mythischer und ursprünglicher etwas war, umso besser, ob Getreide oder Religion. Die Mondin und die Große Mutter führten das Regiment und Hexe war kein Schimpfwort, sondern oftmals eine Auszeichnung. Es wurde zu flach, zu süßlich, zu kitschig, kurz es wurde regressiv, aber eben zu einer Regression auf die erste Ebene, des Kindes des Latenzperiode. Das Faschismus lauert aber ein Stockwerk tiefer und erfordert eine weitere Umdrehung der Regression. Diese war in einigen magischen Logen durchaus zu finden, die in der breiten Öffentlichkeit aber keinerlei Bedeutung hatten.

Vergessen wir nicht, was der Biologismus in Form eines Richard Dawkins oder der Hirnforschung angerichtet haben, im Namen der Wissenschaft und oft ohne kritische Begleitung. Die Abrechnung mit Dawkins ist so erfolgt, wie es die Wissenschaft oft tut, er wurde einfach nicht mehr erwähnt. Von Aufarbeitung war da nichts, seine Thesen eines grundlegenden Egoismus, mit einem Hang zur Kooperation aus Eigennutz (reziproker Altruismus) ist jedoch nicht ohne, in schöner Koalition mit dem Humanismus, der von seinen Weggefährten besonders in Deutschland gerne angeführt wird. Und „die Mauer zwischen der biologischen und juristischen Fakultät“ (Harari) wollten die frühen Protagonisten der Hirnforschung dann in ihrer kurzen Sturm und Drang Phase liebend gerne einreißen. Das Strafrecht sei zu überdenken, wenn der Mensch doch erwiesen von seinem Hirn ferngesteuert wird. Finde den Fehler.

In der sympathischen Absicht eine neue Geschichte unseres Menschseins zu suchen, kommt in einem WDR Feature von Geseko von Lüpke eine Reihe Wissenschaftler und Denker zu Wort. Vom bekannten Astrophysiker und Journalisten Harald Lesch über den Systemtheoretiker Ervin László bis zum buddhistischen Mönch Thích Nhất Hạnh, der vom Interbeing, dem ‘Intersein’ spricht. Das Dinghafte, das physikalisch-mechanistische Bild in dem man dem Universum unterstellt tot zu sein, gehöre der Vergangenheit an.

Statt dessen sei der Mensch kein separates Wesen, sondern mit anderen verbunden. Organistisch verbunden, sei der Mensch, so László. Wer den Himmel berechnen könne, kann alles berechnen, auch den Menschen, so dachte man in der Aufklärung, sagt Lesch. Mathematisiert, quantifiziert, berechen- und manipiulierbar, aus empirischen Daten abgeleitet und all das sei völlig falsch, so der Astrophysiker.[5]

Im Grunde wird in dem Feature alles, was Wissenschaft, Vernunft, Fortschritt und Co. ausmacht zerschreddert, zugunsten einer Weltsicht, die ziemlich esoterisch klingt. Das Universum soll eher organisch als mechanistisch gedacht werden. Man kann darüber streiten, weil ich glaube, dass die Biologie die größten Verwüstungen angerichtet hat, auch in jüngster Zeit und weil Physik einfach gegen Biologie und System auszutauschen beileibe kein Fortschritt sein muss, wie Ken Wilber in Eros, Kosmos, Logos schon vor 25 Jahren ausführte.

Der Hass auf die Erzählung einer organischen Welt kommt daher, dass damit die lose Reihe von Begriffe in ihrer Halt-Losigkeit erkennbar wird:

Leistung, Fortschritt, Wachstum, Wissenschaft und Technik, Moderne, Humanismus, Fleiß, Vernunft und Differenzierung, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat.

Das ist beliebig und keinesfalls innerlich verbunden, weil die scheinbare Vernunft, der Humanismus, die Freiheit alle auseinander streben. Die große linke und naturalistische Gegenerzählung beruht auf einem Mythos der vor unseren Augen zerbröselt. Esoterik, oder moderner: Spiritualität, Ökologie, Religion und weitere Vertreter einer ganzheitlichen Sicht haben eine Gegengeschichte. Es ist die Geschichte eines sinnerfüllten Universums, in dem es für jeden einen Platz gibt. Eine an sich schön Vision, da wir vielen doch heute mehr oder minder explizit sagen, dass es besser wäre, es würde sie nicht geben.

Man kann sich drüber streiten, ob diese Sicht nicht vielleicht nur etwas Sinn und Bedeutung in die Welt pumpt, weil wir das brauchen. Aber weil wir das brauchen, brauchen wir Erzählungen. Und dass die Mischung aus Wissenschaft & Technik, Fortschritt & Humanismus mehr als eine Erzählung ist und die Wahrheit abbildet, wird uns mehr und mehr als eine immer weniger erklärende und glaubhafte Story bewusst.

40 Jahre nach dem Erstversuch sollten wir die Fehler von damals nicht wiederholen. Es ist nicht alles gleich gut. Aus einer letztendlich spirituellen Perspektive mag dies so sein, aber man muss dann auch erläutern können, was man genau damit meint und diese Perspektive kennen und einnehmen können. Es ist unbedeutend, ob man an Verschmelzungen und Einheitserfahrungen glaubt, es könnte jedoch wichtig sein, sie zu erleben. Diese Einheit fordert den Einzelnen als Individuum, nicht als amorphes Teilchen, ohne Sinn, Verstand, Gefühl und Absicht.

Es geht um den Diskurs von Menschen, die mehr gesehen haben, aber dies zugleich auch einordnen können, statt nur zu schwärmen oder zu raunen. Es gibt sehr viele Formen einer erwachsenen Spiritualität. Diese muss auf die Elemente von sozialem und wissenschaftlichem Fortschritt nicht verzichten, sondern sortiert diese neu. Die politisch-ideologische Fehldeutung verwechselt die Ähnlichkeiten faschistischer und anderer Erzählungen und setzt diese zu sehr absolut und verschweigt die bedeutsamen Unterschiede. Es mag sein, dass man in einer spirituellen Weltsicht (falls man eine solche dort überhaupt noch braucht) seinen Platz einnimmt. Je mehr man unverwechselbares Individuum ist, das seine eigenen Akzente einbringt, umso besser. Das Rädchen im System und die Zelle im Organismus, die einfach nur klaglos mitmachen, sind eine Möglichkeit zu leben, es gibt keinen guten Grund, warum es die einzige oder eine privilegierte sein soll. Kritik, auch von links, wird weiter gebraucht, doch sie muss präziser werden und auf der Höhe der Zeit sein.

Quellen