Marx & Engels, bedeutende Wegbereiter, aber mehr im Einklang als im Widerspruch mit den aktuellen Problemen? © Jean-Pierre Dalbéra under cc

Die politisch-ideologische Fehldeutung klingt zunächst theoretisch, íst aber äußerst lebensnah und emotional aufgeladen.

Haben Sie sich mal gefragt, warum Alternativmedizin und ein bio-dynamischer Lebensansatz eigentlich immer wieder mal als rechtsradikal, versponnen oder beides zusammen angesehen wird? Viele drücken das vielleicht mit einem Achselzucken weg, denn wer die Szene kennt, wird eher den Eindruck gewinnen, dass man hier wenig rechtes Gedankengut findet, sondern das Selbstverständnis der meisten die sich hier bewegen eher linksliberal, weltoffen und grün ist.

Früher war man damit ein weltfremder Sonderling, vielleicht nicht ernst zu nehmen, aber harmlos. Doch auch in der Frühphase gab es schon ‘mahnende’ Stimmen, die in all dem rechte Tendenzen sahen. Auf den ersten Blick – schaut man durch die Brille der Kritiker – verständlich und doch zu kurz gesprungen. Die Kritiker kommen aus der politisch (sehr) linken Ecke. Der Marxismus kritisiert die vermeintliche Naturgegebenheit von an sich gesellschaftlichen Prozessen und Ordnungen. Ökonomische und gesellschaftliche Prozesse, so die Kritik, unterliegen nicht den Naturgesetzen, sind uns also nicht gegeben, sondern sind von Menschen gemacht und daher veränderbar. Wo sie vermeintlich nicht verändert werden können, stellt sich dem jemand quer, um seine über die Jahre oder Jahrhunderte gewonnenen Herrschaftsansprüche nicht preiszugeben.

Das ist an sich richtig erkannt und formuliert und markiert zugleich die Konfliktlinie: Denn auch auf der Seite des gesellschaftlichen Mainstream gab es Ideengebilde, die sich mit dem Marxismus nicht vertrugen. Der Marxismus setzte vor allem nicht auf Wachstum, kritisierte diesen Aspekt sogar, aber ansonsten gab er sich wissenschaftlich, fortschrittlich, humanistisch und technikfreundlich, er passte damit mehr ins Bild der Moderne, als diesem zu widersprechen. Die Erklärungsansätze des Marxismus sind materialistisch und werden oft in Richtung einer Einbahnstraße formuliert: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Mit dem Sein sind die Produktionsbedigungen und die von diesen geprägte Gesellschaft gemeint. Da ist was dran, aber es ist nur die halbe Wahrheit.

Linke Theoretiker stoßen sich am Naturbegriff, was so weit geht, dass selbst biologische Unterschiede kaum noch akzeptiert werden, hier oft in der Koalition mit feministischen Theorien und mit solchen, die sich gegen Rassismus, Sexismus und auch gegen Religion aussprechen. Das tun sie mitunter aus gutem Grund, weil es immer wieder biologistische Interpretationen gab, die ein gewisses Sosein und daraus abgeleitete Rechtsansprüche aus vermeintlichen oder tatsächlichen biologischen Gegebenheiten ableiteten.

Für die Kritik spricht, dass wir keine rein biologischen Wesen sind, sondern die Biologie kulturell überformt werden kann und wird. Gegen sie spricht, dass wir noch immer biologische Wesen sind, wie uns dann spätestens Klimawandel und die Corona-Pandemie vor Augen führen. Vor allem ist die Diskussion fruchtlos, weil sich kulturelle und biologische Faktoren unauflösbar durchdringen.

Der Rückgriff auf die Biologie plus die mythische Erzählung, dass etwas eben immer schon so war und sein wird, ist eine oft kritische Mischung. Denn qua Geburt ist die Rolle im Leben dann oft schon (weitgehend) festgelegt. Weil man eine bestimmte Hautfarbe hat, ein bestimmtes Geschlecht oder auch einer bestimmten Tradition, Kaste oder Familie angehört. Die damit schon festlegten Rollen werden von linken Theoretikern kritisiert und eben als soziale, von Menschen gemachte und veränderbare Rollen identifiziert. Man muss das, was immer schon so war, nicht als gegeben hinnehmen. Das ist zu einem guten Teil richtig. Streiten muss man dann darüber, ob alle Rollen und Muster soziale und veränderbare Konstrukte sind.

Die Rolle der Natur in biologischen, ökologischen, religiösen und esoterischen Weltbildern

Die für Linke provozierende Sicht der eben genannten Weltbilder liegt darin, dass sie der Natur – häufig in einer direkten oder indirekten Verbindung mit einer Form von Göttlichkeit oder Heiligkeit – einen anderen Stellenwert zukommen lassen, als sie selbst es tun und – nicht unwichtig – als die Wissenschaft es tut.

Was diese Sichtweisen eint, sind im Wesentlichen vier Punkte, die sich zum Teil überschneiden:

1. Unveränderbarkeit und 2. Eine daraus abgeleitete Ordnung der Natur oder des Kosmos

In der Natur gibt es, so die Meinung, gewisse eherne Regeln und Gesetze, die stets galten, immer gelten werden und gegen die man nicht verstoßen sollte, will man keinen Schaden erleiden. Mitunter verstärkt durch die Ansicht, dass es einen festen Platz gäbe, für den man vorgesehen sei und den man einzunehmen habe.

3. Dialog

Aufgrund dessen kann man eine Art Dialog mit der Natur oder dem Kosmos führen, der wesentlich dazu dient, seinen Platz zu finden und einzunehmen. Dabei wird dieser Dialog manchmal noch als eine Art Metapher angesehen, damit als eine Art reflexives Selbstgespräch, bei dem durchaus linke Theoretiker zustimmen könnten, wenn man gewisse Gesetzmäßigkeiten der Natur als Einsicht in die Notwendigkeit der sich daraus ergebenden Konsequenzen anerkennt. Die Notwendigkeit, dass man eben nicht alle Regeln per Beschluss ändern kann.

4. Lebendigkeit

Manchmal wird die Möglichkeit zum Dialog aber noch weiter gefasst, wenn nämlich der Natur in Gänze eine Lebendigkeit und Intelligenz unterstellt wird.

Für den Marxismus ist das Naturgeschehen als solches tot und vor allem nicht bewusst oder intelligent. Ein Dialog ist daher unmöglich, eine Ordnung, die sich daraus ergibt immer reaktionär. Die Reaktion ist eine “abwertende Bezeichnung für gegen den gesellschaftlichen Fortschritt eingestellte Kräfte” (Wikipedia)

Erinnern wir uns kurz an den ersten Teil in dem ich die These aufstellte, dass auf der Seite des ‘Guten’ ein assoziatives Begriffsknäuel steht, das sich scheinbar gegenseitig stützt und durch das Gewicht seiner Assoziation auf das zurück greift, wogegen man angetreten ist. Denn selbst sieht man sich in der Tradition:

Leistung, Fortschritt, Wachstum, Wissenschaft und Technik, Moderne, Humanismus, Fleiß, Vernunft und Differenzierung, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat.

Der Reaktionär ist gegen den Fortschritt, die Vernunft und die Wissenschaft. Wie die Gesundesser, die davon reden, was Mutter Natur uns zu essen aufträgt. Wie die Anthroposophen, die von kosmischen Gesetzen und Rhythmen reden oder die religiös Gläubigen, die von einem Schöpfergott berichten, der die Welt geschaffen hat, samt der darin geltenden Regeln und Gesetze.

Und was sagt die Wissenschaft?

Soziobiologie und Ökologie sind ja selbst Teile der Wissenschaft, aber hier ist es wichtig einen entscheidenden Punkt zu erkennen. Biologie und Ökologie handeln zwar von lebendigen Organismen und Systemen und den Grundlagen und Funktionsweisen, die dieses Leben ermöglichen und aufrecht erhalten. ‘Die Natur‘ in Gänze ist in ihrem Weltbild aber ebenfalls ein blindes, totes und letztlich ungerichtetes System. Die Natur hat keine Absicht, sie trägt uns daher gar nichts auf und wo die Rede davon ist, dass man den Gesetzen der Natur vernünftigerweise gehorchen sollte, ist das eben etwas, das sich aus der vernünftigen Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten der Natur ergibt. Es sind nicht die Regeln, die die Natur uns selbst geben würde, sondern wir uns, im Umgang mit ihr. Eine weise Mutter Natur gibt es so wenig wie einen Gottvater, der die Regeln in die Welt gesetzt hat. Aus der naturalistischen Sicht der Wissenschaft.

Wissenschaft und Marxismus divergieren manchmal in Ansichten über den Biologismus. Folgt man einigen Biologen, so ergeben sich aus bestimmten Festlegungen der Natur doch gewisse Regeln und sind uns gewisse Grenzen gesetzt, manche Dinge sind eben so, man kann sie nicht mal eben ändern. Gerade Evolutions- und Soziobiologen versteigen sich zuweilen in einem Biologismus, der dann im Kapitalismus das natürlichste System sieht, weil es eben den Konkurrenzkampf der Natur am besten abbildet. Die Willensfreiheit sieht man eingeschränkt, weil das Gehirn ein Organ wie die Leber sei und also biologischen Funktionen folgen würde und nicht der Logik oder sonstigem. Es ließen sich weitere Beispiele finden.

Aber es gibt auch innerhalb der Biologie, starke Gegenstimmen gegen den Biologismus und alles in allem gehen die Wissenschaft, in ihrer Sicht, dass die Welt ein mehr oder minder vom Zufall angetriebenes System ist und der Marxismus hier Hand in Hand. In einem gewissen Grad endet die biologische Evolution durch ihren Erfolg, im Menschen selbst, der sich nun qua Bewusstsein eigene Regel geben kann und gibt, womit sich ein bloßes Abspielen vererbter Muster zu einem guten Teil erledigt hat. Die Impulskontrolle gehört zu unserem festen Inventar und wird als soziale Basiskompetenz vorausgesetzt.

Mit anderen Worten. Die Unveränderbarkeit des Platzes in einer geordneten, lebendigen und zum Dialog bereiten Natur, wird von Wissenschaftlern und vielleicht mehr noch von linken Theoretikern zurück gewiesen. Aber woher kommt der Hass?