Die wirklich wichtigen Streitfälle

Streifall Grippeimpfung

In diesen Tropfen liegt die Hoffnung vieler, die auf einen Impfstoff gegen die Coronaviren warten. © Papiertrümmer under cc

Ursachen für den Zusammenhang zwischen 65-Jährigen und älteren Grippegeimpften und Covid-19 Toten können zum einen darin liegen, dass diese Gruppe alt ist und bevorzugt natürlich alten Menschen mit Vorerkrankungen geraten wird, sich gegen Influenza impfen zu lassen. Auf der anderen Seite muss man aber auch fragen, ob die Zahl der Toten dann nicht geringer sein sollte, wenn die Grippeimpfung wenigstens indirekt – indem zum Beispiel das Immunsystem sich nicht auch noch mit einer Virusgrippe abgeben muss – auch gegen Covid-19 helfen soll.

Denn dass man sich gerade jetzt gegen Grippe impfen lassen soll, wird von vielen Seiten geraten. Aufgrund eines ‘eindeutigen’ Computermodells, von dem es dann unten im Artikel heißt, die Studie müsse “noch von Fachkollegen begutachtet werden.”[8] Überzeugend klingt anders.

“Gleichzeitig eine Grippewelle und die Corona-Pandemie könne das Gesundheitssystem nur schwer verkraften.” So heißt es bei tagesschau.de, Quelle sind Jens Spahn und Karl Lauterbach.[9] Als Grund wird die drohenden Überlastung der Intensivstationen genannt, ein an sich guter Grund, denn dass diese nicht überfüllt werden, ist sehr wichtig. Auf der anderen Seite schützen die Maßnahmen, die wir gegen die Coronaviren ergriffen haben – Abstand, Hygiene und Maske tragen – auch vor Influenzaviren und es gibt Ärzte, die erwarten, dass die Grippesaison genau aus dem Grund in diesem Jahr schwächer ausfallen wird. Der einzelne Betroffene, der zu einer Risikogruppe gehört, möchte aber vielleicht genau wissen, was er tun und lassen sollte und so wäre eine Aufklärung dieser Datenlage für alle Beteiligten wünschenswert.

Streitfall Maske

Die meisten Menschen sind mit den Coronamaßnahmen laut Umfragen zufrieden und auch die jüngsten Wahlen dürfen als Indikator gelten, die Gegner der Maßnahmen konnten dabei nicht punkten. Dennoch gibt es hartnäckige Streits unter anderem um die Maske. Kritisiert wird wahlweise, dass sie nichts bringen würde oder die Situation durch unsachgemäßen Gebrauch der Maske, die dann irgendwann selbst zur Keimschleuder würde, sogar verschlimmern würde.

Beide Argumente können allerdings nicht gleichzeitig gelten. Wenn eine Maske zur Keimschleuder wird, dann kann das nur heißen, dass sie diverse Keime abhält und diese sich eben in der Maske verfangen. Es gibt Gründe anzunehmen, dass sie das auch tatsächlich tut. Dadurch kann sie aber wirklich zur Keimschleuder werden, dazu später mehr.

Ein Gegenargument stammt von der Hautärztin Karina Reiß, die mit Sucharit Bhakdi einem emeritierten Professor und Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie gegen die offizielle Interpretation anschreibt und -redet. Eines ihrer Argumente lautet, dass die Masken unwirksam seien, was man an den nun einsetzen Fällen von Erkältungskrankheiten durch Rhinoviren sehen könne.

Rhinoviren sind jedoch kleiner und kontakiöser als Coronaviren, das heißt nur wenige Viren reichen (ähnlich wie bei Noroviren), um sich anzustecken, hier auch durch Oberflächen, auf denen sie bleiben. Viren haben, wie auch Bakterien und andere Erreger sehr unterschiedliche Eigenschaften.[10]

Dass die Masken nichts bringen würden ist daraus nicht abzuleiten, zumal viele den leichten Verlauf und das frühe Ende der letztjährigen Grippesaison auf die bekannten Kombination von Maßnahmen zurückführen. Richtig ist jedoch, dass die Maske richtig getragen, abgenommen und öfter gewechselt werden muss. Eine bräunlich verfärbte Maske, bei der die dünnen Gewebefäden von der Seite sichbar sind, weil sie schon seit 2 Wochen getragen wird, hat keinen schützenden Effekt. Das richtige Tragen und Abnehmen, damit sie schützt, ist allerdings keine weitere Zumutung, bei der man die Augen verdrehen sollte, sondern eine Selbstverständlichkeit, den Autogurt wickelt man sich schließlich auch nicht um den Hals. Wieder ein Fall für entspannte Wachsamkeit.

Masken reduzieren die augenblickliche Viruskonzentration, dadurch, dass sie den Strom der Tröpfchen mindern, sie stellen eine Maßnahme in Kombination mit den anderen dar. Kostenlose Masken für Bedürftige, in ausreichend hoher Zahl wären wünschenswert.

Streitfall Corona-Impfung

Viele sehen im Corona-Impfstoff die ultima ratio, doch wann einer oder mehrere Impfstoffe kommen, die kein Experiment am lebenden Menschen sind, ist noch nicht zu sagen. Viele Labors forschen, doch was die Impfung letztlich bringt, zu wie viel Prozent sie schützt und wie lange, wann sie kommt und für wen, kann niemand sagen. Über Risiken und Nebenwirkungen weiß man auch erst mehr, wenn genügend Menschen, geimpft und über längere Zeit untersucht worden sind. Ob man da zu den ersten gehören will, ist Geschmackssache, irgendwer muss jedoch auch den Anfang machen.

Viele meinen, dass eine Kombinaton mehrerer Impfstoffe eine Lösung ist, oder sich bestimmte Impfseren für spezifische Typen als geeignet erweisen werden. Auf mittlere Distanz liegt auf Impfstoffen eine sicher berechtigt hohe Hoffnung.

Streitfall Messmethoden und ihre Darstellung

Ob die Tests genau genug sind und was überhaupt genau genug wäre, ob die richtigen Daten erfasst wurden, welche das sind und wie diese dargestellt wurden. All das wurde bereits kritisiert. Ein Wirrwarr an statistischen Feinheiten, bei dem sich selbst Statistiker nicht einig werden. Das RKI hat sich aber angreifbar gemacht, da man eingleisig auf die Zahl der Neuinfektionen verwiesen hat, statt auf die Quote der Positivtestungen, wie oben dargestellt. Und das ist nicht der einzige Punkt.

Innerhalb des RKI gibt es eine Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI), die die Laborstests für respiratorische (die Atemwege befallende) Viren erfasst, auswertet und regelmäßig veröffentlicht. Seine Daten erhält das AGI von diversen Arztpraxen aus sechs verschiedenen Bundesländern, nach Auswertung der dortigen Rachenabstriche.

Zwischen der KW 10 und 15 wurden auch insgesamt 13 positive SARS-CoV-2 Abstriche erfasst, die meisten in KW 14, nämlich 4 Stück. Das war damals schon wenig, im Vergleich zu den sonstigen respiratorischen Viren, aber erstaunlich ist eigentlich, was ab der KW 15 passierte, denn die Zahl der ab da bis heute nachgewiesenen SARS-CoV-2 Abstriche ist 0.

Es war Oliver Märtens, der zuerst auf diesen Zusammenhang hinwies und ihn in Das Schweigen der Viren veröffentliche. Der aktuell verfügbare Influenza-Monatbericht für die KW 33 bis 36 (8.8. bis 4.9.2020), zeigt, dass sich daran bis zum 4.9.2020 nichts geändert hat.

Coronaleugner und Panikmacher

Fast 90% der Bundesbürger ist mit dem staatlichen Umgang mit der Coronakrise zufrieden[11], ein sehr hoher Wert, der nur Dänemank und Australien übertroffen wird. Dennoch organisiert sich ein lautstarke Minderheit, die sich aus verschiedenen Quellen speist.

Es ist zu einfach und unfair, diese Menschen als Covidioten abzustempeln oder pauschal in die rechte Ecke zu stellen. Manche von ihnen sind sicher seltsam, einige sind jedoch gut informiert und folgen ihrer durchaus oft nachvollziehbaren Logik. Man könnte ihnen vorwerfen, dass sie sich zu stark auf ‘ihre’ favorisierten Quellen und Experten stützen, jedoch gilt das auch für die offizielle Seite, bei der durchaus nicht alles widerspruchsfrei ist.

Coronaleugner, ihre Strategien und Hintergründe

Ob Coronaleugner nach einer festen Strategie vorgehen darf bezweifelt werden. Eher nutzen sie, mehr intuitiv als geplant, die Mittel einer Emotionalisierung der Debatte. Frust, Wut und Empörung, sowie die wechselseitige Selbstbestätigung über die Richtigkeit ihrer Sichtweisen, Experten und Quellen.

Die Vorgehensweise beider Lager sind annähernd spiegelbildich: Covid-19 wird von den Leugnern konsequent verharmlost, ein Schnüpfchen, wenn es nicht überhaupt ein Medienfake ist. Niemand wird krank, keiner stirbt und wenn, dann mit, statt an Covid-19. Alle offiziellen Zahlen sind von Trotteln erhoben, die nicht wissen, was sie tun oder durchtrieben sind. Die Bilder der Toten, allesamt Fakes.

Alle Schäden der Maßanhmen werden dagegen konsequent aufgebauscht. Ein totaler Einbruch der Wirtschaft, gepaart mit einer rigiden Einschränkung der Freiheit, überall Menschen, die unter dramatischen psychischen Folgen leiden, eine Gesellschaft mit Millionen Menschen, die kurz vor der Revolution stehen. Es wird sich bemüht Skandale aufzudecken, die keine sind, alle offiziellen Zahlen und Sichtweisen werden nicht geglaubt.

Eine bunte Truppe von Querdenkern, bestehend aus Rechten, Hippies, Reichsbürgern, Esoterikern, Impfskeptikern und so weiter, gemischt mit ‘ganz normalen Menschen’, die keiner ideologischen Gruppe angehören. Was sie eint, ist ein in den letzten Jahren gewachsenes Misstrauen gegen das sogenannte Establishment. Das Misstrauen mag überzogen sein, ganz falsch ist es nicht.

Panikmacher, ihre Strategien und Hintergründ

Die erste Phase der Pandemie verlief bei uns recht glücklich, da Italien das erste europäische Land war, was herber erwischt wurde, wir hatten Zeit uns vorzubereiten. Das Ergebis lässt sich sehen, aktuell weniger als 10.000 Tote in einem großen Land, freie Intensivbetten, manchmal mehr durch Glück als Geschick.

Irgendwann wurden die Strategiewechsel nicht mehr gut mitgeteilt, es wurden – in der Sache nachvollziehbare – neue Ziele ausgegeben, aber es gab auch Ansätze zu Strategien, die alles andere als gelungen und glücklich waren: “Wie wir Covid-19 unter Kontrolle bekommen”[12], so lautete ein in Teilen stark missglücktes Strategiepapier, in dem Ende April die Lage analysiert und Strategien erarbeitet wurden.

Insbesondere Kapitel 4, das sich um die Kommunikation kümmert, ist deutlich missraten, wenn wir lesen:

“Wir müssen wegkommen von einer Kommunikation, die auf die Fallsterblichkeitsrate zentriert ist. Bei einer prozentual unerheblich klingenden Fallsterblichkeitsrate, die vor allem die Älteren betrifft, den-ken sich viele dann unbewusst und uneingestanden: «Naja, so werden wir die Alten los, die unsere Wirtschaft nach unten ziehen, wir sind sowieso schon zu viele auf der Erde, und mit ein bisschen Glück erbe ich so schon ein bisschen früher». Diese Mechanismen haben in der Vergangenheit sicher zur Verharmlosung der Epidemie beigetragen.

Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen, müssen die konkreten Auswirkungen einer Durchseu-chung auf die menschliche Gesellschaft verdeutlicht werden: …”[13]

Eine Emotionalisierung der Debatte ist eigentlich das Niveau des Boulevardjournalismus, der Rekurs auf Ängste der Bevölkerung (das Wort “Urangst” wurde sogar unterstrichen) ist aber nicht nur emotionalisierend, sondern darüber hinaus auch noch handwerklich dumm.

Wenn schon, ist es gut Sicherheit und Kompetenz auszustrahlen und zu zeigen, dass man weiß, wo es lang geht, was man tut und dass man die Sache im Griff hat. Angst macht nicht gefügig, sondern Angst fördert aggressives Misstrauen, in dessen Folge es zu regressiven Tendenzen kommt, die überhaupt nicht zu kontrollieren sind. Da dies ein sehr wichtiger, aber offenbar in weiteren Kreisen unbekannter Punkt ist, gehe ich in einem eigenen Artikel demnächst darauf ein.

Da auch die Zahl Tests zu dieser Zeit eher mau ausfielen, muss man den Entscheidern zugute halten, dass sie das Papier offenbar selbst nicht sonderlich ernst genommen haben.

Verstörend ist auch, wenn die Polizei (die aktuell genug mit sich selbst zu tun hätte), die Gunst der Stunde nutzt und bei der Strafverfolgung auf Namenslisten von Restaurants und anderen Veranstaltungen zurück greift, auch das vergrößert das Vertrauen nicht.

Abfällige Begriffe, wie “Covidioten” oder eine vorschnelle Zuschreibung von Kritikern, als zur rechten Ecke gehörend, schaffen auch eher eine Entfremdung, mit einem trotzigen Gemeinschaftsgeist, den manche nutzen könnten.

Fazit und Ausblick

Der Herbst und Winter 20/21 wird entscheidend werden. Es ist zu erwarten, dass die Fallzahlen ansteigen, schließlich erleben wir Herbst und Winter zum erstem Mal mit Covid-19, die Anfälligkeit für (die meisten) Viren steigt in dieser Zeit. Wir haben alle viel gelernt in den letzten Monaten, allerdings sind auch viele der Maßnahmen überdrüssig.

Entspannte Wachsamkeit ist das Gebot der Stunde. Die meisten Menschen werden ohnehin weiter mit machen, mit den Skeptikern sollte man in einem Dialog bleiben, die Emotionalisierung eher heraus nehmen und die wichtigen Daten betrachten und klar machen, welche das sind.

Die Logistik ist besser, wie Bevölkerung fitter, viele wissen, wie sie ihr Immunsystem verbessern können. Die Therapiemethoden der Ärzte sind besser geworden, man kennt das Virus inzwischen sehr gut, es bleibt für die Risikogruppen dennoch sehr gefährlich.

Irgendwann kommt wieder der Frühling, dann die ersten Resultate von geimpften Menschen, vielleicht auch aus Ländern, denen man nicht unterstellen muss, dass sie die Daten schönen. Es sind mehr Menschen infiziert gewesen, wodurch sich die Hintergrundimmunität verbessert.

Covid-19 wird wieder ernster genommen werden, denn inzwischen kennen immer mehr Menschen Bekannte oder Verwandte mit schwereren Verläufen, das verändert die Sichtweise noch einmal.

Die Relation von Infizierten und Toten wird aktuell bei uns besser, weil die Ärzte mehr Erfahrungen haben, aktuell jüngere Menschen erkranken und wenn wir großes Glück haben, sich der Fokus des Infektionsgeschehens (durch Virusmutationen) vom Lungen- auf den Nasen-, Rachenraum verlagert hat. Das würde bedeuten, dass es weniger Thrombosen im in Bereich der Lunge gibt und weniger Menschen an einer Pneumonie oder Überreaktion des Immunsystems sterben.

Wir werden weiter mit Covid-19 leben müssen, doch die Krankheit dürfte austrudeln. Der Umgang mit ihr ist nicht auf ein einziges Fachgebiet zu reduzieren, wir sehen seit der Spanischen Grippe vor etwa 100 Jahren und seit AIDS in den 1980ern erstmalig wieder eine virale Infektionskrankheit, die uns alle, in vielen Lebensbereichen berührt, mit Verwerfungen, die mitunter dramatisch sind. Dennoch sind Infektionskrankheiten nicht das einzige Problem, mit dem wir gerade umgehen müssen.

Quellen