Einige Spielarten des charakterologischen Sadomasochismus

Für kurze Momente ein nettes Glücksspiel, doch auf Dauer sind die Folgen verheerend. © Andreas Trojak under cc

Das führt zu seltsamen Verhaltensweisen. Die Schuldgefühle bei erfolgreicher Therapie, die dann droht abgebrochen zu werden wurde erwähnt, etwas zugespitzter ist die Variante, dass man die stille Überzeugung hat, dass nur wer mich erniedrigt, wirklich aufrichtig zu mir ist. Das Ende ist nah, die Situation ist hoffnungslos, ich hab’s ja auch eigentlich nicht besser verdient und so richtig sauer wird man nur noch, wenn einem jemand sagt, die Situation in der man sich befände sei doch eigentlich gar nicht so schlimm. Denn man weiß, die Situation ist schlimm, weil es meiner Nichtswürdigkeit durchaus angemessen wäre in einer schlimmen oder sogar sehr schlimmen Situation zu stecken und wer mir sagt, es sei nicht so schlimm, hat einfach keine Ahnung wovon er redet. Aus einem wohlmeinenden: ‘Alles halb so wild’ wird postwendend ein ‘Ich werde nicht ernst genommen’ konstruiert.

Und daraus folgt: Nur wer mir sagt, dass nichts zu machen ist, nimmt mich wirklich ernst. Man steckt in einem Schraubstock, in den man sich selbst eingespannt hat, weil man genau davon zutiefst überzeugt ist, aber nicht weiß, warum man davon überzeugt ist.

Manchmal schaffen andere es doch einen zu überzeugen, dass die Lage keinesfalls aussichtslos ist und die Reaktion darauf ist das Gefühl einer fundamentalen Erlösung. Es ist wie das Untersuchungsergebnis, auf das man fieberhaft gewartet hat und dann erfährt man, die Gewebeprobe ist nicht entartet. Tiefe Erlösung, manchmal mit dem Gefühl einer zweiten Geburt verbunden.

Die Zuspitzung von Situationen, in denen es buchstäblich um alles, nämlich um die Frage nach der Weiterexistenz im basalsten Sinne geht, hat aber auch ihren eigenartigen Reiz. Das Abfallen einer Zentnerlast, das momentane Gefühl einer allumfassenden Erlösung, die sichere Gewissheit, dass heute passieren kann, was will, es wird mich nicht erschüttern, hat nicht nur seinen Reiz, sondern ist gar nicht so leicht zu toppen. Es kann fast zur Sucht werden, diese Situationen immer wieder erleben zu wollen.

So setzt man immer wieder alles aufs Spiel. Menschen mit sadomasochistischem Charakter sind auch jene, die ihr berufliches Fortkommen dadurch sabotieren, dass sie in dem Moment, wo der Chef ihnen verkündet, dass sie in der Firma auf eine tatsächlich begehrte Posten aufsteigen, es sich nicht verkneifen können, jenem Chef zu erzählen, was sie wirklich von ihm halten, etwas dass er ein saudummer, infantiler Idiot ist. Klar man muss aus seinem Herzen keine Mördergrube machen, aber es gäbe bessere Wege und Momente und sadomasochistische Charaktere sabotieren immer wieder ihren eigenen Aufstieg, ihr soziales Ansehen, ihren Erfolg und manchmal ihre Gesundheit.

Selbstzerstörung als Lebensform

Wenn die sadistische Komponente überhand nimmt, dann wird die Selbstzerstörung zu einer Lebensform, sobald man erkannt hat, dass man andere damit manipulieren und im Falle des Sadismus quälen kann. Auf den noch nicht so ausgeprägten Stufen dominiert eher chronische Schuld, das Gefühl ein gutes Leben einfach nicht verdient zu haben und so ist es ein guter Kompromiss zwischen Schuldgefühl und Lustgewinn, dass es einem gut geht, wenn es einem schlecht geht. Wenn man chronisch überarbeitet ist, keinen Dank erhält, sich bescheiden bis selbstüberfordernd aufopfern kann und dergleichen. Gesteigert wird das dadurch, dass man geradezu missachtet wird, obwohl man treue Dienste leistet und heimlich denkt, auch das hätte man durchaus verdient.

Wenn man jemanden liebt, ist man daran interessiert, dass es dem anderen gut geht. Körperlich, psychisch und sozial. Sieht man, dass jemand leidet oder schlecht behandelt wird, oder sich gar zugrunde richtet, macht einem das etwas aus, es tut manchmal mehr weh als eigenes Leid. Sadisten wissen das und benutzen die eigene Vernachlässigung bis zur Selbstzerstörung als Druckmittel. Bei Menschen mit einer Borderline-Störung[link] eher als Mittel zur emotionalen Erpressung, wenn genügend Sadismus im Spiel ist, liegt der Genuss darin, dass man sich selbst hinrichtet und der andere nichts dagegen tun kann, so gerne er auch würde. Das kann man beliebig variieren und wenn man dem anderen immer wieder Hoffnungen gibt, dass es jetzt besser wird, dann aber einen Rückfall erleidet, dann kann Sadismus ein Motiv dabei sein und Rückfall kein Zufall, sondern Programm. Wenn auch eines, aus dem der Sadist selbst nicht aussteigen kann.

Die schwersten Fälle von antisozialer Persönlichkeitsstörung können mitunter so aussehen, dass ein Therapeut von jemandem aufgesucht wird, der schon sagt, dass er ein schwerer Fall ist und ihm sowieso niemand helfen kann. Das fordert natürlich manche Menschen erst recht heraus, es dennoch oder gerade deshalb zu versuchen. Nach einigem Hin und Her endet so eine Therapie manchmal in einem dramatíschen Abbruch mit einem Suizidversuch oder sogar mit einem erfolgreichen Suizid, bei dem noch über den Tod hinaus versucht wird, nicht nur die maximale Unfähigkeit des Therapeuten aufzuzeigen, denn man zappeln lässt, um ihm final zu zeigen, wie ohnmächtig er ist und wie lächerlich all seine Versuche zu helfen waren. In schwersten Fällen wird versucht den Therapeuten komplett zu zerstören, etwa in dem man ihn in einem Abschiedsbrief des wiederholten Missbrauchs beschuldigt und dies als Grund für den Suizid angibt, was natürlich oft kaum mehr aufzuklären ist. Wenn man einen anderen zerstören will, nimmt man natürlich die gravierendsten Vorwürfe, die sich aktuell in einer Gesellschaft finden lassen, würde man jemandem vorwerfen, er würde Hexenzauber betreiben, wäre das ein obskurer und unwirksamer Vorwurf.

Die Freude am Spiel mit dem Feuer

Eine weniger schlimme und schwere Form betrifft etwa Menschen, die Spieler sind oder an einer anderen Sucht leiden und wissen, dass sie ein Problem damit haben. Mitunter verzocken sie das Geld der Familie, können sich dann aber doch immer wieder fangen und geben sich alle Mühe, halten Phasen der Abstinenz durch, dann solche, in denen ihnen ein kontrollierter Umgang scheinbar gelingt. Doch schließlich gibt es irgendein Stressereignis oder einen Streit in der Partnerschaft und alle guten Vorsätze scheinen zusammen zu brechen, scheinbar berechtigt: Wofür denn auch? Warum soll ich mich täglich zusammenreißen, meine Freuden beschränken und dann werde ich doch schlecht behandelt. Schon verballert man wieder 500 Euro. Und es scheint ja auch nicht nur schlecht zu sein, denn der Hauptgewinn ist ja nur ein Kästchen, Knopfdruck und Feld entfernt.

Dann ist da der Druck, wenn man weiß, dass man ‘gesündigt’ hat, man hat allen Grund sich schuldig zu fühlen. Wieder hat man den Partner enttäuscht? Soll man es noch mal beichten? Oder macht die Verheimlichung alles nur noch schlimmer? Noch mehr Druck, noch mehr Kitzel, wie beim Spiel. Wie viel Geld hat man verzockt, wie viel Vertrauen verspielt, kann man noch mal auf Erlösung hoffen? Die masochistische Seite. Gleichzeitig quält man den anderen, der ja immer zwischen Hoffen und Bangen lebt. Wie lange wird es dieses Mal gut gehen, wird es überhaupt jemals ein Ende nehmen, hat das alles noch Sinn? Gleichzeitig will man einen Menschen in Not ja auch nicht im Stich lassen, erinnert sich an bessere Zeiten, all diese Aspekte spielen mit hinein. Und doch ist man dem Verhalten des anderen an dieser Stelle ausgeliefert oder man entscheidet sich das Spiel zu beenden und geht, ein für alle mal. Der Spieler wäre bestätigt, er hätte es verdient, wäre ja wieder mal selbst schuld. Doch das ist allenfalls die halbe Wahrheit.

Aber dieses Mal vielleicht noch nicht und der Spieler gelobt Besserung, dieses Mal wirklich, und wenn ihm dieses Mal, unverdienterweise doch noch mal verziehen wird, dann ist das eine Erlösung, ähnlich wie die, wenn die Gewebeprobe gutartig war. Die Welt ist nicht zusammen gebrochen, wieder nicht, noch einmal nicht. Auch danach kann man süchtig werden und damit quält man gleichzeitig sich – man pokert mit der Beziehung – und andere – man macht sie abhängig vom eigenen Verhalten, denn ob sie selbst betteln, flehen oder drohen, ändert wenig.

Der charakterologische Sadomasochismus kann sich auch auf der sexuellen Ebene ausdrücken, aber er ist nicht auf diese beschränkt, das ganze Leben ist eine Spiel von Selbst- und Fremdqual, Macht und Ohnmacht, Versprechen, Enttäuschungen und Lügen.