Regel 2: Alles, was dich im Leben stört, ist (d)eine Projektion

Der Spiegel ist unser Weg uns unsichtbare Bereiche zu erkennen. Unsere Projektionen sind psychische Spiegel und wir wissen nie genau, wie verzerrt das Spiegelbild ist. © fiction of reality under cc

Bestimmt haben manche auch dies schon gehört, aber oft wird dieser Punkt zu schnell weggewischt, falls er überhaupt klar ist. Im Grunde ist diese Regel eine gewaltige Herausforderung, wenn man sie annimmt, sogar immer wieder an der Grenze zur Frechheit oder Überforderung. Was Projektionen sind, haben wir bereits in eigenen Beiträgen ausgeführt. Einmal die eher pathologische Variante und zum anderen, die normale.

Freud sagte: “Projektion ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen.”[2] Nur, dass man eben nicht erkennt, dass es die eigenen Wünsche sind, auch dann nicht, wenn man genau hinschaut. Projektionen sind unbewusst, man entschließt sich nicht, dies oder das jetzt mal auf andere zu projizieren. Man kann sich immer nur nachträglich bei einer schon stattgefundenen Projektion ertappen.

Jeder erlebt die Welt anders, manchmal minimal, manchmal drastisch. Alle verinnerlichen, was sie als Welt und Beziehungen erleben – auch das unbewusst, die Introjektion oder Internalisierung – und stellen es wieder als ‘die Welt’ nach draußen, was als Gesamtergebnis herausgekommen ist – erneut unbewusst, die Projektion oder Externalisierung. Mit anderen Worten, man projiziert im Grunde ständig, problematisch und bedeutsam sind nur jene Projektionen, bei denen man sich über andere ärgert und insbesondere dann, wenn man sich über sehr viele Menschen ärgert, die dieses Verhalten zeigen.

Klar muss sein, dass es für den Charakter der Projektion vollkommen unwichtig ist, ob ich der einzige Mensch bin (oder einer von wenigen), den ein Verhalten ärgert oder ob die ganze Welt (oder sehr viele andere Menschen) das ebenso sieht. Die Gefahr, die Projektion nicht zu erkennen ist vermutlich sogar größer, wenn sehr viele meiner Meinung sind. Denn dann steht man in der Versuchung recht zu haben und zu ignorieren, dass die psychologische Komponente bleibt.

Recht zu haben ist, je nach dem, ein Aspekt der Wahrheitstheorie oder der Juristerei, vielleicht noch der Moral und Ethik, aber die Psychologie bleibt davon unberührt. Bin ich vom Verhalten eines anderen auffallend verärgert, bleibt es eine Projektion und ich kann mich fragen, warum es mich ärgert. Ich kann mit dem Thema meinen Frieden schließen und auch das ist unabhängig davon, ob das den herrschenden Normen entspricht.

Woran erkenne ich Projektionen?

Kurz gesagt, am Ärger. Man ist halbwegs empört darüber, wie jemand so etwas machen kann, um so häufiger einem dieses Verhalten begegnet – es scheint manchmal geradezu wie verhext zu sein –, um so eher ist es eine Projektion. Wenn auf einmal alle so aggressiv zu sein scheinen, geizig, oder immer nur auf Sex fixiert. Mit dem Thema kann man zunächst aus dem Grund keinen Frieden schließen, weil man zutiefst überzeugt ist, dass es sich dabei um eine Art und Weise handelt, die wirklich nicht sein sollte.

Man ist tatsächlich empört, dass es so was gibt, bei anderen. Sich selbst spricht man hingegen völlig frei von dieser Denk-, Empfindungs- oder Verhaltensweise. Niemals im Leben ist man selbst so, darum fuchst es einen ja auch, dass andere es sind. Aber da ist eben noch etwas. Vielleicht ist man ja auch kein Modellbauer, aber es verärgert einen in der Regel nicht, wenn andere sich für Modellbau begeistern oder für Bonsai-Bäume. Man findet es vielleicht seltsam, aber es juckt einen nicht. Dass andere aber immer so neidisch sind, geizig, schwächlich, eifersüchtig, unbeherrscht, wehleidig, gierig, laut, sexfixiert oder wild, das kann einen dann schon mal erregen. Dabei ist es doch eigentlich wie mit beim Modellbau, der eine bastelt gerne, der andere ist eben jemand, der etwas wilder oder wehleidiger ist.

Aber warum ärgert es einen eigentlich, könnte man ganz unschuldig fragen. Na, weil man ‘so’ eben nicht sein sollte. Es ist irgendwie nicht okay, so zu sein, sowas tut man einfach nicht. Das sind die Wertvorstellungen im eigenen Kopf. Man selbst hat es sich vielleicht abgewöhnt wild zu sein, oder man bekam es abgewöhnt. Man sollte ein sauberes, stilles und artiges Kind sein, vielleicht die Oma nicht aufregen, das Herz. Offen oder auch subtiler wird sanktioniert, was nicht sein sollte und Kinder merken sehr schnell, was erwünscht ist und was nicht. Und sie passen sich an – welche Wahl hätten sie auch? – und damit es nicht so weh tut, nicht zu dürfen, was man will, internalisiert man die Regeln und ist fortan überzeugt, es seien nicht die Wünsche anderer, die man da erfüllt, sondern man selbst sieht auf einmal die ganzen Vorteile, wenn man artig, brav, still und sauber ist.

Trifft man auf jemanden, der nicht so ist, ist man seltsam herausgefordert, denn das, was man in sich weggesperrt hat – erneut, ohne es zu wissen, ohne es bewusst getan zu haben – tut nun frecherweise dieser andere. Das irritiert und ist etwas anderes, als wenn jemand etwas tut, was einen selbst nie groß interessiert hat, etwas kleine Einzelteile zu Flugzeugen zusammen zu kleben.

Wie geht man mit Projektionen um?

Am besten, indem man sie erst mal in der Weise annimmt, dass man denkt, es könnte was mit mir zu tun haben. Man merkt es nicht, auch wenn man ehrlich ist, was folgt, ist eine innerer Indizienprozess. Warum ärgert mich der Neid, aber nicht dass jemand gerne kocht? Warum sind andere eventuell nicht so verärgert wie ich, auch wenn sie die Verhaltensweise des anderen ebenfalls bemerken? Was würde es denn bedeuten, wenn das wirklich mein Thema wäre?

Spielerisch mit dem Thema umzugehen, statt es zu meiden, wäre ein weiterer Punkt. Was genau ärgert mich eigentlich? Wie lange schon? Wieso denke ich eigentlich, dass diese Einstellung, dieses Verhalten einfach nicht sein sollte? Wer hat mich auf die Idee gebracht und was sind eigentlich die Argumente derer, die nicht so denken? In welchem Moment verliere ist immer die Fassung, was macht mich sauer?

Wenn ich mich darüber ärgere, dass sich jemand ständig aufspielt und der Mittelpunkt sein will, was daran ist eigentlich für mich so ärgerlich? Vielleicht, dass ich dann weniger Beachtung bekomme? In unserem Indizienprozess, der immer gegen uns selbst geht, sollte es uns verdächtig vorkommen, wenn wir Angewohnheiten die normalerweise allen Menschen zugeschrieben werden, bei mir (scheinbar?) überhaupt nicht vorkommen. Wir alle wollen ein gewisses Maß an Anerkennung erfahren, haben sexuelle Bedürfnisse, sind hier und da mal neidisch, manchmal ein wenig gierig und hier und da auch aggressiv oder schadenfroh.

Tatsächlich nur hier und da, denn der Mensch ist keine Bündel ‘schlechter’ Eigenschaften. Die meisten Menschen sind im Kern recht gute Menschen und selbst jene, die es nicht sind, haben sich das nicht ausgesucht, sondern sind Täter und Opfer in einer Person. Oft sind Aggressionen sozial gut kaschiert. Wenn uns jemand Leid tut und wir meinen, er bräuchte Hilfe, kann das eine Reaktionsbildung gegen Entwertung sein. Aus “Der Trottel schafft das sowieso nicht” wird dann “Der Arme, dem muss man helfen”, vor allem wenn es sich im Menschen dreht, von denen man notorisch denkt, sie bräuchten Hilfe. Es geht nicht um Notfälle, da gelten andere Kriterien, nur wenn jemand im Wochentakt Dramen und Notfälle erlebt, muss man auch hier genauer hinschauen.

Es ist auch nicht falsch von jemandem zu denken, dass er ein Idiot ist, wir haben es unter Umständen nur gelernt, dass man so etwas nicht sagt und noch nicht mal denkt. Also verbeißt man sich das, bis man es irgendwo wirklich nicht mehr bei sich wahrnimmt und wenn ein anderer diesen Menschen einen Trottel nennt, sind wir besonders empört. Das ist das Prinzip: Wo wir projizieren, merken wir am eigenen Ärger.

Spielerische Annäherungen an das Thema helfen

In schweren Fällen muss vielleicht eine Psychotherapie helfen, damit man dieses Muster einmal bei sich erkennt und durchschaut, danach weiß man wenigstens, worauf man auch in anderen Fällen achten muss, aber bei vielen Menschen kann es reichen, sich dem Thema spielerisch zu nähern. Was ärgert mich am meisten? Und schon seit Jahren? Habe ich psychosomatische Symptome und was drücken diese aus? Klassische Fragen hier: Wozu zwingt mich mein Symptom und woran hindert es mich?

Man kann Bücher lesen oder Filme schauen, die mit dem Thema zu tun haben, man kann sich in Imaginationen vorstellen, wie es denn wäre, wenn man ‘so etwas’ auch in sich hätte? Was würde es denn heißen, wenn ich tatsächlich so wäre? Was wäre die schlimmste Befürchtung? Würde die Welt untergehen? Würde niemand mehr mit mir reden? Würden mich alle Menschen auf der Straße anschauen?

Unterschätzen wir das nicht. Der Widerstand, den man einem Thema entgegen stellt, ist beachtlich, mitunter über Jahrzehnte. Ständig muss man sich selbst und anderen klar machen, dass man zwar hier und da nicht perfekt ist, aber dass eines klar ist: So ist man auf jeden Fall nicht. Alle mögen so sein, nur ich nicht. Unterschätzen wir den Druck nicht, der auf diesem Thema liegt. Wer in einer Therapie seinen Schatten konfrontiert, für den bricht zunächst eine Welt zusammen, nämlich die eigene. Man erlebt sich bei einer Therapie, die super läuft, als der, der man nie sein wollte.

Aber gleichzeitig erlebt man, dass der Therapeut nicht angewidert den Raum verlässt, sondern gelassen bleibt. Der hat das Problem ja nicht oder schon bearbeitet. Die Erkenntnis ist, dass man in diesem Bereich ist, wie jeder andere Mensch. Vielleicht hat man ein bisschen mehr Drang nach Anerkennung, Sex oder Aggression, vielleicht ein bisschen weniger, aber es ist eben auch bei mir so, wie bei allen anderen.

Und wenn man sich erinnert. Man litt ja unter anderem auch daran, dass die anderen das Thema gar nicht so dramatisch fanden. Willkommen im Club. Man braucht eine Zeit, um sich neu zu sortieren, um wirklich zu erfassen und zu verarbeiten, dass man auch so ist und das heißt gewaltige Vorzeichen der bisherigen Lebensgeschichte zu verändern. Aber wenn man die Regel 1 umsetzt und bewusster lebt, kann einem das nun helfen.

Mit zwei Regeln bestens durchs Leben kommen

Sicherlich ist das zu Beginn etwas anspruchsvoll, aber es ging ja um eine ideale Annäherung daran, wie wir mit zwei Regeln bestens durchs Leben kommen. Nicht mit einem Bündel von 1000 Regeln und Normen für jede Eventualität, sondern: Was sind die dicksten roten Stränge, die am Ende durchschimmern? Wer bewusster durchs Leben geht, wird es leichter haben seine Projektionen zu durchschauen, wer sie durchschaut geht automatisch bewusster durchs Leben, denn nun versteht man besser, warum andere so sind. Man ist ja selbst so.

Man kann auch hier spielerisch forschend weiter gehen und aus der ehemaligen Blindheit nun eine Kompetenz entwickeln. Wenn ich schon nachempfinden kann, warum jemand so ist, wie das, was ich 30 Jahre in mir bekämpft und nun gefunden habe, was kann ich eigentlich noch alles nachempfinden? Und was nun wirklich nicht mehr? Andere verstehen zu können, ist ja etwas Tolles, wir nennen es Empathie und es ist hoch angesehen und meint nichts anderes, als sagen zu können, dass man selbst vielleicht nicht mit jeder Faser seines Seins so ist, aber irgendwo in sich auch verstehen kann, dass jemand so ist. Und wenn man auf dem Gebiet sehr virtuos ist, kann man erkennen, wieso ein anderer aktuell so sein muss. Ein großartige Fähigkeit, die einen sensibler, klarer, bewusster und gelassener macht.

Sie zwingt einen nicht zur moralischen Indifferenz. Wer einen Mörder verstehen kann, muss den Mord dennoch nicht billigen, denn man kann ja vermutlich auch das Opfer verstehen. Man sieht, versteht und muss nicht mehr reflexhaft reagieren, was nicht heißt, dass man inaktiv sein muss. Im Gegenteil, man ist oft sogar kreativer und weniger gehemmt, weil man ja Zugang zu viel mehr Bereichen in sich hat, als zuvor. Denn all das was in einer Gesellschaft als negativ bewertet ist, muss ja nicht nur schlecht sein. Aggression, Sexualität, die Lust auch mal eine Rampensau zu sein, alles wunderbar, wenn man es dosiert einsetzen kann.

Quellen