Die Kultur des Besonderen

Mann mit Kapuze vor Andenpanorama

Hier war noch nicht jeder. Vom Massentourismus setzt man sich zunehmend ab, wenn man wer ist oder sein will. © paramita under cc

Denn, nach einer viel beachteten Analyse des Professors für Kultursoziologie, Andreas Reckwitz, leben wir in einer Kultur des Besonderen oder einer Gesellschaft der Singularitäten. Das heißt, das Besondere ist nicht mehr Höhepunkt, nicht mehr Ausdruck derer, die es geschafft haben und nun auf dem Gipfel stehend den anderen sagen, wie es von hier oben aussieht, sondern ein Trend der die gesamte Gesellschaft durchzieht, nicht nur deren Individuen, auch Gruppen und Warenangebote zeichnen sich dadurch aus, dass sie “einzig, nicht artig” sind.

Man hat das alles schon erlebt, kennt das alles, kann das, was den alten weißen Männern und ihrer Kultur erstrebenswert schien, sogar noch locker überbieten. Einen der Hauptunterschiede zu damals, den Reckwitz in “Die Gesellschaft der Singularitäten” herausarbeitet, lässt sich so ausdrücken: Früher wollte man das haben, sein oder machen, was die anderen auch machen, heute das, was sie nicht machen, sind oder haben.

War man im Zuge der Nachkriegsjahre darauf bedacht ein Auto, einen Fernseher, eine Waschmaschine, eine Jeans, Urlaub, Möbel, Zigarren, Alkohol und Fleisch zu besitzen oder zu konsumieren, weil die anderen das auch so machten und es einfach eine Auszeichnung war, dass man im Urlaub war, so gilt es heute eben den exklusiven Individualurlaub zu präsentieren, der so ganz anders ist, als das, was die anderen machen und ihn gut zu dokumentieren. Denn wie gut man den Urlaub in den Social Media präsentieren kann, gilt heute als hoch relevanter Faktor bei der Urlaubsplanung.

Die Kosmopoliten haben durchaus ein elitäres Bewusstsein, in dem Sinn, dass sie den Konservativ-Etablierten etwas entgegen zu setzen haben und deren Lebensstil mit einem Ausdruck des mitleidigen Bedauerns quittieren. Man will mobil sein und bleiben, zu viel Besitz ist da nur Ballast, der Plan ist eher ein paar Jahre hier und da zu leben, über die Online-Vernetzung hat man seinen Community überall dabei. Die Kosmopoliten stehen somit in gewisser Weise an der Spitze der Kultur des Besonderen.

Klima- und Umweltbewegte: (K)ein neuer Trend

Ebenfalls seit Jahren stabil ist die Zahl derer, die in einem bestimmten Sinne auch zur Elite gerechnet werden, weil sie das gesellschaftliche Klima prägen oder jedenfalls bis in die jüngste Vergangenheit prägten, die Sozialökologischen und die Liberal-Intellektuellen, die nach dem Sinus-Institut jeweils 7% auf sich vereinen. Auch wenn die Gruppen stabil waren, es ist zu erwarten, dass aufgrund der ins Auge springenden Klimaproblematik das Ökolager in der nächsten Zeit wachsen wird. Schon für die letzten Jahren oder Jahrzehnten wurde ein grünlinker Zeitgeist attestiert, zuletzt immer lauter kritisiert und die Art der Kritik ist interessant.

Diese Mischung aus Ökosozialem und Linksliberalen wurde als eine elitäre und snobistische, oft moralisierende Haltung kritisiert. Ein paar zu relativem Wohlstand gekommene Menschen, diktieren den anderen, wie sie zu leben hätten und der perfide Zug bei der Geschichte liegt darin, dass die relativ Armen sich diese Lebensweise nicht leisten können. Der Klassiker ist, mit dem SUV beim Bioladen vorzufahren und Obdachlose zu verachten, weil die ihr Bier aus der Dose trinken, denn das sei ja umweltschädigend.

Bei ökologisch orientierten Menschen muss man jedoch mindestens drei verschiedene Aspekte sehen, die oft miteinander verwoben sind. Das unangenehme Moralisieren, mit dem man dem anderen zeigt, dass er falsch lebt, man selbst hingegen richtig oder besser. Manchmal ist dieser Ansatz der oberflächlich, so dass dahinter im Grunde kein ökologisches Bewusstsein steht, sondern man ist natürlich öko, weil es weit vorne ist und heute eben dazu gehört, so wie man bei allem anderen auch weit vorne ist. Garniert mit dem fiesen Moralismus und dem falschen Mitgefühl gegenüber denen, die noch nicht so weit sind und das alles nicht verstehen.

Klima- und Kosmopoliten beanspruchen schnell die Deutungshoheit für sich, wenn sie meinen, alles müsse sich dem Thema unterordnen, weil ja nun das wichtigste im Leben sei zu überleben, was man bezweifeln darf, es ist einfach der grundlegendste Bereich. Damit fängt alles an, doch der Mensch hat nicht die Aufgabe sich still und bescheiden in die Natur einzufügen, das ist ein reaktionäres Weltbild, bei dem man zu wissen meint, wie die Welt funktioniert und aus Sicht einer idealisierten Natur gedeutet wird, in der alles in bester Ordnung wäre, wenn nur der blöde Mensch nicht immer stören würde. Dass man damit ein Weltbild verabsolutiert und aus diesem heraus immer wieder zu den gleichen Ergebnissen kommt – weil man zirkulär argumentiert – wird dabei selten reflektiert.

Sachlich gesehen haben viele Klima- und Kosmopoliten jedoch recht, wenn sie darauf hinweisen, dass es unsinnig bis suizidal ist, an dem Ast zu sägen, auf dem man sitzt. Zudem haben viele ein falsches Bild von Ökosystemen, sie verwechseln diese mit einfach physikalischen Systemen, wie einer Waage, bei der man auf der Stelle eine Veränderung sieht, wenn man auf einer Seite etwas hinzufügt oder wegnimmt. Viele Ökosysteme funktionieren jedoch anders, sie haben eingebaute Puffer, die ihnen erlauben das Gesamtsystem längere Zeit stabil zu halten, doch wenn diese komplexeren Systeme dann kippen, ist die Bewegung erst einmal nicht wieder umzudrehen.

Wie eingangs erwähnt, ist die Zahl des linksliberalen und ökologischen Lagers zwar begrenzt, aber ihr Einfluss wird mit jedem Ereignis wachsen, was sich nicht mehr unter den Teppich kehren lässt, wie Rekordtemperaturen, Wald- oder Artensterben und schon heute ist ihr Einfluss groß, weil sie oftmals die gebildete Schicht, die Wissenselite hinter sich vereinen kann. Wie erwähnt jedoch auch solche, die auf diesen Zug nur aufspringen und so signalisieren möchten, dass auch sie zu einer Elite gehören.

Kosmopoliten vs. Umweltbewegte

Die neuen, hippen, internetaffinen Kosmopoliten und die klassischeren Umweltbewegten treffen sich oft in dem Punkt einer grundsätzlichen Liberalität. Man kennt die sozialen Codes, die weitaus mehr zählen, als nur das Einkommen, gibt sich häufig locker, freundlich und entspannt, man kann es sich schließlich leisten und sich damit manchmal hinter einer Form von Toleranz verstecken, die eigentlich Oberflächlichkeit ist. Die stets netten Rücksichtslosen, für die Freundlichkeit oft zu einen Attribut wird, was sie selbst auszeichnet, etwas, über das man heute verfügen sollte, eine Zutat für den erfolgreichen Selbstoptimierer. Die anderen interessieren dabei zuweilen nur am Rande.

Doch bei allen Ähnlichkeiten gibt es auch gravierende Unterschiede. Die Kosmopoliten legen oft Wert auf Stil, sehen sich als Avantgarde, man kennt sich bei Weinen, Craftbieren, veganen Rezepten und den angesagtesten Serien ebenso aus, wie in den Städten der Welt, die man gesehen haben muss und ist überall nur auf nette, entspannte Menschen getroffen. Doch das Reisen durch die Welt geht nun mal nur begrenzt mit Fahrrad und Bahn, ab und zu geht es eben nicht ohne Flugreise – so sorry – und hier wird es zu Konflikten kommen, denn den Ort, an dem noch niemand war, sollte man besucht haben. Hauptsache besonders. Wenn ökologisch, multiethnisch und maximal tolerant zum chicen Lebensstil passt, toll, aber man leistet ja was – zählt sich manchmal zur Leistungselite – und daher will man sich auch was leisten. Da ist alles was auf das eigene Konto einzahlt, sei es soziales oder ökologisches Engagement ein Attribut, was man haben muss, ein Statussymbol, wie Mehrsprachigkeit und das kunstvolle Tattoo, aber zu ernst sollte man das dann doch alles auch nicht nehmen. Einschränkungen, och nö, die Welt hat (m)ein großer Selbstbedienungsladen zu bleiben.

Doch die Klima- und Umweltbewegten aus tiefer Überzeugung wollen, dass wir alle anders leben und ihr Einfluss wächst und er passt nicht sonderlich gut zum Lebensansatz der Kosmopoliten, denen es eher um das Symbol geht, die zu wirklichen Veränderungen aber nicht bereit sind.