Luxuspool mit Meeranschluss

Ein Ambiente, das nicht für jeden erschwinglich ist. Hush Hush under cc

Eliten haben in unserer Zeit keinen guten Ruf, was aber vornehmlich einer Veränderung des Elitebegriffs geschuldet ist, ja sogar einem Kampf der Eliten. Kampf bedeutet dabei, dass wir eine alte Elite sehen, deren Bedeutung und Status abnimmt, während eine oder mehrere neue Eliten dabei sind, sich zu etablieren. Das führt zu einem Gerangel in dem sogar die grundlegenden Ziele und Einstellungen hinterfragt werden.

Verschiedene Arten Eliten

Elite ist, wer Einfluss hat und nicht nur über virtuelle Macht verfügt. Dazu der Soziologieprofessor Michael Hartmann:

“Wenn jemand Millionär ist und sein Geld bloß auf dem Sparbuch liegen lässt, gehört er nicht zur Elite. Wenn er es nutzt, um Einfluss zu nehmen, dann schon. Natürlich kann man darüber streiten, wie mächtig man sein muss, um dazuzugehören. In unserer letzten Elitestudie untersuchten wir nur die wichtigsten Machtpositionen: Konzernmanager, Ministerpräsidenten, Bundesrichter, einige Journalisten. Andere zählen auch die Oberbürgermeisterin von Köln dazu. Aber egal wie man rechnet: In Deutschland umfasst die Elite im Kern etwa 1000, breiter gefasst maximal 4000 Leute.”[1]

Die Elite verfügt öfter über ein höheres Einkommen, aber dies ist nicht zwingend, in Wikipedia lesen wir:

“In der Soziologie wird der Begriff sowohl wertfrei beschreibend oder erklärend als auch in gesellschaftskritischer Absicht gebraucht. Als „eigentliche“ Elite wird z. B. im Strukturfunktionalismus mehr die Funktions- und Leistungselite gesehen; die Konfliktsoziologie rückt die Machtelite in den Mittelpunkt ihres Interesses.
[…] “Elite” unterscheidet sich vom Begriff “Oberschicht”, obwohl es häufig Schnittmengen gibt. Eine Elite muss aber nicht notwendigerweise aus Mitgliedern privilegierter sozialer Schichten bestehen. Konzepte wie Schicht und Klasse betonen die ökonomische Dimension sozialer Strukturen, während mit dem Konzept “Elite” deren politische Dimension betont wird. Zudem zielt der “Schicht”-Begriff auf industrielle Gesellschaften ab, während der “Elite”-Begriff auf alle möglichen Formen gesellschaftlicher Differenzierung Anwendung gefunden hat, bis zurück in die Ur- und Frühgeschichte, insoweit dort bereits feste Arbeitsteilung bzw. legitimierte Herrschaftsformen erschlossen werden konnten.”[2]

Eliten sind also diejenigen, die was zu sagen haben, die den Stil einer Zeit prägen oder mitbestimmen. Es ist vermutlich ein Zeichen des Umbruchs, dass nicht so ganz klar ist, wer nun alles zur Elite gehört und wer nicht mehr. Denn nur Geld zu haben, reicht nicht. Wer Geld und Macht hat, Beziehungen und einen Einfluss über Netzwerke, der hat weit bessere Chancen, bei einem Vergehen nicht bestraft zu werden, als jemand, der, ohne in die sozialen Codes der Elite eingeführt worden zu sein, einfach nur zu Geld gekommen ist.

Was vielen Machteliten fehlt ist ein Unrechtsbewusstsein. In einem gewissen Selbstverständnis gehen Menschen, die vielleicht tatsächlich etwas für die Welt getan haben, davon aus, dass ihnen aufgrund besonderer Leistungen nun auch automatisch mehr Rechte zustehen, als den normalen Bürgen. Was an sich gegen das Gesetz ist, wird vielleicht von Teilen der Bevölkerung noch verstanden, wenn es sich um echte Leistungen handelt, von denen alle irgendwie profitieren. Sei es durch Verbesserungen des Alltags, sei es über gute Unterhaltung, in Show Biz oder Sport. Doch diejenigen, bei denen man das Gefühl hat, dass sich Inkompetenz und Selbstüberschätzung paaren ernten immer mehr Kopfschütteln. Diese Menschen können oft nicht tief fallen, weil die Strafe allenfalls eine Versetzung in einen Bereich ist, in dem man wieder zu viel Einfluss und Geld hat. Oft sind damit Wirtschaftbosse und Politiker gemeint, bei denen man das Gefühl hat, dass sie sich nicht verantworten müssen. Wo der mittelständische Unternehmer oft noch persönlich gerade steht und hohe Risiken eingeht, ist man, wenn man in 12 Aufsichtrräten sitzt, fein raus.

Doch heute kann man auf der anderen Seite schneller zur Elite gehören, als man denkt. Entgegen den immer wieder zu hörenden Beteuerung, der Einzelne sei machtlos, erleben wir in steter Reihenfolge das Gegenteil. Die Schiffskapitänin Carola Rackete, der YouTuber Rezo, die schwedische Klimaaktivisten Greta Thunberg sind aktuelle Beispiele.

Die alten Werte zählen nicht mehr

Und da ist noch etwas. Man verweigert den alten Eliten, die bislang den gesellschaftlichen Ton angaben, aktuell immer stärker die Nachfolge. Die Mitglieder dieser alten Eliten waren es gewohnt letztlich doch das letzte Wort zu haben, indem, durch die Unterstützung breiter Teile der Gesellschaft klar gemacht wurde, wer hier was zu sagen hatte, wer wichtig war, etwas erreicht hatte und wen man gar nicht erst zu nehmen brauchte.

Doch genau diese Menschen, die die soziokulturellen Trends setzten, betrachtet man skeptisch. Nicht nur, dass ihre Ansichten nicht mehr geteilt werden, auch das Insgesamt ihrer Lebensweise und ihrer Ziele werden abgelehnt und nicht mehr kopiert. Vielleicht in einem dramatischeren Ausmaß als früher, denn auch wenn es Ende der 1960er schon einmal breite und lautstarke Proteste gab, nur wurden die Protestierer in ihrem Marsch durch die Institutionen ruhiger und viele Revoluzzer haben heute gut dotierte Posten und sind irgendwie „zur Vernunft“ gekommen oder so geworden, wie sie selbst nie werden wollten.

Das Auto, das eigene Haus, das solide Einkommen, vor allem Macht und Anseehen, das beruhigte viele Revolutionäre doch nachhaltig in ihrem Drang und genau das wird heute nicht mehr automatisch geteilt. Besitz, Einkommen, soziales Ansehen nach den alten Kriterien und Auto sind nicht länger die überragende Werte, junge Menschen wollen heute etwas von der Welt sehen, vor allem wollen sie sich nicht für einen Beruf aufreiben und sind nicht bereit ihr sonstiges Leben dem vollkommen unterzuordnen.

Vertreter der alten Garde reagieren wie gewohnt, reden davon, dass wir eben eine Leistungsgesellschaft seien und rechnen damit, dass die Jugend sich schon wieder beruhigen und auf Kurs kommen wird, aber es tut sich tatsächlich was in Deutschland, denn die Milieus derjenigen, die auf neugierige und eher spielerische Weise der Zukunft zugewandt sind, steigen von zusammen 23% in den Jahren 2015 (Adaptiv-Pragamatische, Expeditive und Performer) auf heute 28% und das geht auf Kosten der bürgerlichen Mitte und der Traditionalisten, die in 2015 noch 28% auf sich vereinten, 2018 waren es noch 24%. Die Zahl der Konservativ-Etablierten ist seit 2010 stabil bei 10%.[3]

Die Elite der alten weißen Männer vs. Neue Kosmopoliten

Das was heute eher unglücklich als alte weiße Männer diskreditiert wird, ist neben einer dreifachen Entwertung ganzer sozialer Gruppen – aus einem Milieu heraus, dass sich sonst ausdrücklich gegen jede Art der Gruppendiskriminierung ausspricht – auch eine Neupositionierung, die sich artikuliert: Man kündigt die Gefolgschaft auf und zwar insbesondere die Selbstverständlichkeit, mit der man einem bestimmten Gestus folgte und einer Denkweise, dass die Dinge hier nun mal so laufen, wie sie immer liefen.

Inbesondere die Mischung aus sexueller Anzüglichkeit, Herabsetzung der Frauen und der nichtweißen Teile der Bevölkerung wird den Betreffenden vorgeworfen, so kommt die Begriffsbildung aus dem linken, neofeministischen Milieu, doch auch andere Teile der modernen Kosmopoliten schließen sich an, die dem Herrenwitz und dem gefühlten Anrecht auf das letzte Wort und die traditionellen Werte von Heimat und Besitzwahrung nichts mehr abgewinnen können.

Die neuen Kosmopoliten sind in vielem anders aufgestellt: Sie sind quirlig, wollen die Welt kennen lernen, fühlen sich nicht an bestimmte Standorte gebunden, sondern überall zu Hause. Mobilität ist daher ein hohes Gut ebenso wie Vernetztheit auf der Online-Ebene. Die Werte sozialer und Gendergerechtigkeit sind ihnen selbstverständlich, auch die prinzipielle Gleichheit Ethnien und Länder. Doch diese Arten des Denkens und Protest hat es immer schon gegeben, was neu ist, ist dass die Zwangsläufigkeit mit der man irgendwann so wird, wie die ältere Generation, sich nicht einstellen muss, denn die Jugend hat eigene Kompetenzfelder.

Das Internet ist eine neue Größe, auch viele älteren Menschen haben das erkannt und nutzen dies auf ihre Art, doch die Generation derer, die mit der digitalen Welt ganz selbstverständlich aufwachsen, für die das Smartphone oder Tablet, der Klang des Modems oder das Intro bestimmter Programme so selbstverständlich war oder ist, wie das Schuhe zu binden, wird immer größer. Und hier stehen die alten weißen Männer oft vor verschlossener Tür, diese Welt ist ihnen fremd, über YouTuber oder Influencer lesen sie etwas, aber sie bewegen sind nicht in diesen Welten. Und langsam dämmert, dass die digitale Welt kein Ausdruck von Jugendkultur ist, die sich dann irgendwann wieder auflöst, sondern eine Neuerung, die bleibt, wie seinerzeit das Auto, das Radio oder die Waschmaschine. Da kommen die alten weißen Männer nicht mehr mit, es ist nicht ihr Terrain, hier fühlen sie sich abgehängt und sind es auch oft.

Ob das immer gut ist, weiß man nicht, doch man muss konstatieren, dass die Attraktivität der digitalen Medien hoch ist und durchaus mit den Angeboten der Etablierten konkurrieren kann. Der Kampf der Eliten wird auch über die Attraktivität der Ziele ausgefochten. Mit dem Cabrio oder Chopper durch die Welt fahren, Partys oder die luxuriöse Segelyacht, als Zeichen, dass man es geschafft hat, damit kann die neue Elite der Kosmopoliten durchaus mithalten. Denn die wollen das alles gar nicht unbedingt besitzen und live präsentieren, es reicht ihnen oft das auch mal erlebt zu haben, es vielleicht noch in den Social Media per Selfie zu dokumentieren und dann geht die Reise weiter.

Auf der Segelyacht irgendwo vor Monaco zu liegen oder eine Nummer kleiner, eine Kreuzfahrt zu unternehmen, um attraktive Orte zu erleben, das toppen die Kosmopoliten locker, bei denen die Individualreise in den Urwald führt, oder an Orte, zu denen der normale Tourist überhaupt keinen Zugang hat. Nur alles eben lockerer und selbstverständlicher.

Die Kultur des Besonderen

Mann mit Kapuze vor Andenpanorama

Hier war noch nicht jeder. Vom Massentourismus setzt man sich zunehmend ab, wenn man wer ist oder sein will. © paramita under cc

Denn, nach einer viel beachteten Analyse des Professors für Kultursoziologie, Andreas Reckwitz, leben wir in einer Kultur des Besonderen oder einer Gesellschaft der Singularitäten. Das heißt, das Besondere ist nicht mehr Höhepunkt, nicht mehr Ausdruck derer, die es geschafft haben und nun auf dem Gipfel stehend den anderen sagen, wie es von hier oben aussieht, sondern ein Trend der die gesamte Gesellschaft durchzieht, nicht nur deren Individuen, auch Gruppen und Warenangebote zeichnen sich dadurch aus, dass sie “einzig, nicht artig” sind.

Man hat das alles schon erlebt, kennt das alles, kann das, was den alten weißen Männern und ihrer Kultur erstrebenswert schien, sogar noch locker überbieten. Einen der Hauptunterschiede zu damals, den Reckwitz in “Die Gesellschaft der Singularitäten” herausarbeitet, lässt sich so ausdrücken: Früher wollte man das haben, sein oder machen, was die anderen auch machen, heute das, was sie nicht machen, sind oder haben.

War man im Zuge der Nachkriegsjahre darauf bedacht ein Auto, einen Fernseher, eine Waschmaschine, eine Jeans, Urlaub, Möbel, Zigarren, Alkohol und Fleisch zu besitzen oder zu konsumieren, weil die anderen das auch so machten und es einfach eine Auszeichnung war, dass man im Urlaub war, so gilt es heute eben den exklusiven Individualurlaub zu präsentieren, der so ganz anders ist, als das, was die anderen machen und ihn gut zu dokumentieren. Denn wie gut man den Urlaub in den Social Media präsentieren kann, gilt heute als hoch relevanter Faktor bei der Urlaubsplanung.

Die Kosmopoliten haben durchaus ein elitäres Bewusstsein, in dem Sinn, dass sie den Konservativ-Etablierten etwas entgegen zu setzen haben und deren Lebensstil mit einem Ausdruck des mitleidigen Bedauerns quittieren. Man will mobil sein und bleiben, zu viel Besitz ist da nur Ballast, der Plan ist eher ein paar Jahre hier und da zu leben, über die Online-Vernetzung hat man seinen Community überall dabei. Die Kosmopoliten stehen somit in gewisser Weise an der Spitze der Kultur des Besonderen.

Klima- und Umweltbewegte: (K)ein neuer Trend

Ebenfalls seit Jahren stabil ist die Zahl derer, die in einem bestimmten Sinne auch zur Elite gerechnet werden, weil sie das gesellschaftliche Klima prägen oder jedenfalls bis in die jüngste Vergangenheit prägten, die Sozialökologischen und die Liberal-Intellektuellen, die nach dem Sinus-Institut jeweils 7% auf sich vereinen. Auch wenn die Gruppen stabil waren, es ist zu erwarten, dass aufgrund der ins Auge springenden Klimaproblematik das Ökolager in der nächsten Zeit wachsen wird. Schon für die letzten Jahren oder Jahrzehnten wurde ein grünlinker Zeitgeist attestiert, zuletzt immer lauter kritisiert und die Art der Kritik ist interessant.

Diese Mischung aus Ökosozialem und Linksliberalen wurde als eine elitäre und snobistische, oft moralisierende Haltung kritisiert. Ein paar zu relativem Wohlstand gekommene Menschen, diktieren den anderen, wie sie zu leben hätten und der perfide Zug bei der Geschichte liegt darin, dass die relativ Armen sich diese Lebensweise nicht leisten können. Der Klassiker ist, mit dem SUV beim Bioladen vorzufahren und Obdachlose zu verachten, weil die ihr Bier aus der Dose trinken, denn das sei ja umweltschädigend.

Bei ökologisch orientierten Menschen muss man jedoch mindestens drei verschiedene Aspekte sehen, die oft miteinander verwoben sind. Das unangenehme Moralisieren, mit dem man dem anderen zeigt, dass er falsch lebt, man selbst hingegen richtig oder besser. Manchmal ist dieser Ansatz der oberflächlich, so dass dahinter im Grunde kein ökologisches Bewusstsein steht, sondern man ist natürlich öko, weil es weit vorne ist und heute eben dazu gehört, so wie man bei allem anderen auch weit vorne ist. Garniert mit dem fiesen Moralismus und dem falschen Mitgefühl gegenüber denen, die noch nicht so weit sind und das alles nicht verstehen.

Klima- und Kosmopoliten beanspruchen schnell die Deutungshoheit für sich, wenn sie meinen, alles müsse sich dem Thema unterordnen, weil ja nun das wichtigste im Leben sei zu überleben, was man bezweifeln darf, es ist einfach der grundlegendste Bereich. Damit fängt alles an, doch der Mensch hat nicht die Aufgabe sich still und bescheiden in die Natur einzufügen, das ist ein reaktionäres Weltbild, bei dem man zu wissen meint, wie die Welt funktioniert und aus Sicht einer idealisierten Natur gedeutet wird, in der alles in bester Ordnung wäre, wenn nur der blöde Mensch nicht immer stören würde. Dass man damit ein Weltbild verabsolutiert und aus diesem heraus immer wieder zu den gleichen Ergebnissen kommt – weil man zirkulär argumentiert – wird dabei selten reflektiert.

Sachlich gesehen haben viele Klima- und Kosmopoliten jedoch recht, wenn sie darauf hinweisen, dass es unsinnig bis suizidal ist, an dem Ast zu sägen, auf dem man sitzt. Zudem haben viele ein falsches Bild von Ökosystemen, sie verwechseln diese mit einfach physikalischen Systemen, wie einer Waage, bei der man auf der Stelle eine Veränderung sieht, wenn man auf einer Seite etwas hinzufügt oder wegnimmt. Viele Ökosysteme funktionieren jedoch anders, sie haben eingebaute Puffer, die ihnen erlauben das Gesamtsystem längere Zeit stabil zu halten, doch wenn diese komplexeren Systeme dann kippen, ist die Bewegung erst einmal nicht wieder umzudrehen.

Wie eingangs erwähnt, ist die Zahl des linksliberalen und ökologischen Lagers zwar begrenzt, aber ihr Einfluss wird mit jedem Ereignis wachsen, was sich nicht mehr unter den Teppich kehren lässt, wie Rekordtemperaturen, Wald- oder Artensterben und schon heute ist ihr Einfluss groß, weil sie oftmals die gebildete Schicht, die Wissenselite hinter sich vereinen kann. Wie erwähnt jedoch auch solche, die auf diesen Zug nur aufspringen und so signalisieren möchten, dass auch sie zu einer Elite gehören.

Kosmopoliten vs. Umweltbewegte

Die neuen, hippen, internetaffinen Kosmopoliten und die klassischeren Umweltbewegten treffen sich oft in dem Punkt einer grundsätzlichen Liberalität. Man kennt die sozialen Codes, die weitaus mehr zählen, als nur das Einkommen, gibt sich häufig locker, freundlich und entspannt, man kann es sich schließlich leisten und sich damit manchmal hinter einer Form von Toleranz verstecken, die eigentlich Oberflächlichkeit ist. Die stets netten Rücksichtslosen, für die Freundlichkeit oft zu einen Attribut wird, was sie selbst auszeichnet, etwas, über das man heute verfügen sollte, eine Zutat für den erfolgreichen Selbstoptimierer. Die anderen interessieren dabei zuweilen nur am Rande.

Doch bei allen Ähnlichkeiten gibt es auch gravierende Unterschiede. Die Kosmopoliten legen oft Wert auf Stil, sehen sich als Avantgarde, man kennt sich bei Weinen, Craftbieren, veganen Rezepten und den angesagtesten Serien ebenso aus, wie in den Städten der Welt, die man gesehen haben muss und ist überall nur auf nette, entspannte Menschen getroffen. Doch das Reisen durch die Welt geht nun mal nur begrenzt mit Fahrrad und Bahn, ab und zu geht es eben nicht ohne Flugreise – so sorry – und hier wird es zu Konflikten kommen, denn den Ort, an dem noch niemand war, sollte man besucht haben. Hauptsache besonders. Wenn ökologisch, multiethnisch und maximal tolerant zum chicen Lebensstil passt, toll, aber man leistet ja was – zählt sich manchmal zur Leistungselite – und daher will man sich auch was leisten. Da ist alles was auf das eigene Konto einzahlt, sei es soziales oder ökologisches Engagement ein Attribut, was man haben muss, ein Statussymbol, wie Mehrsprachigkeit und das kunstvolle Tattoo, aber zu ernst sollte man das dann doch alles auch nicht nehmen. Einschränkungen, och nö, die Welt hat (m)ein großer Selbstbedienungsladen zu bleiben.

Doch die Klima- und Umweltbewegten aus tiefer Überzeugung wollen, dass wir alle anders leben und ihr Einfluss wächst und er passt nicht sonderlich gut zum Lebensansatz der Kosmopoliten, denen es eher um das Symbol geht, die zu wirklichen Veränderungen aber nicht bereit sind.

Der elitäre Habitus

Reiterin im Dressurdress

Das Pferd ist öfter das Tier der Eliten. David Merrett under cc

Doch die echten Eliten des alten Stils, so wie sie im Drehbuch stehen, gibt es nach wie vor. Geld ist hier nicht das entscheidende Kriterium, man spricht nicht drüber, sondern geht davon aus, dass es im angemessenen Rahmen vorhanden ist. Was die Spreu vom Weizen trennt sind viel mehr die soziales Codes, die Art wie man spricht und über was, die Selbstverständlichkeit mit der man sich in besseren Kreisen bewegt, wie man sich kleidet, welche Sportarten man macht, all das nicht aufgesetzt, sondern so natürlich, wie kulturelle Blasen und Gewohnheiten eben natürlich sein können. Und das können sie, denn wenn man drinnen ist, fühlt sich das alles sehr normal an, die Welt hier um mich ist eben so.

Hier ist die Schnittmenge der wirklich Reichen, Schönen und Einflussreichen und es klappt ganz gut, unter sich zu bleiben, href=”https://www.diw.de/de/diw_01.c.584241.de/themen_nachrichten/soziale_mobilitaet_in_deutschland_durchlaessigkeit_hat_sich_in_den_letzten_30_jahren_kaum_veraendert.html” target=”_blank”>da die soziale Durchlässigkeit in Deutschland eher gering ist. Wer nicht von Anfang an dazu gehört bleibt in aller Regel draußen, wenn es um den verschärften Kreis der Elite geht, doch auch da ist nicht alles so, wie man es sich vorstellt. Eliteforscher Hartmann in einem anderen Interview:

Die Welt: Dann ist vielleicht eine Eliteschule eine gute Idee? Dort würden die Kinder mit dem Nachwuchs aus reichem Hause aufwachsen und solche Verhaltensweisen unbewusst lernen.

Hartmann: Auf den meisten deutschen Elite-Internaten stoßen Sie doch gar nicht auf die Elite. Dort treffen Arzt- oder Anwaltskinder auf ihresgleichen, also das klassische Bildungsbürgertum. Das belegt auch die Statistik: Nur eine Handvoll Vorstände waren auf Elite-Internaten. Mein Lieblingsbeispiel ist das Internat Torgelow. Als Referenz kann die Privatschule auf einen Formel-3-Rennfahrer und eine Siegerin bei den Gedächtnisweltmeisterschaften verweisen. Beeindruckend liest sich das nicht. Tatsächlich schicken die wirklichen Eliten ihre Kinder eher auf öffentliche Schulen, vor allem auf humanistische Gymnasien, damit sie mehr vom normalen Leben mitbekommen.

Die Welt: Also besser gleich ein Elite-Internat in England wählen, wo auch die Royals ihren Nachwuchs schulen?

Hartmann: Auch das funktioniert nicht so einfach. Es besteht für soziale Aufsteiger an einem solchen Ort immer das Risiko, Außenseiter zu bleiben. Natürlich können Sie Ihr Kind nach Eton schicken, wo es auf den Nachwuchs aus der britischen Oberklasse trifft. Aber sobald Ihr Sprössling nicht vom Chauffeur abgeholt wird, ist es schon wieder aus.[4]

Der Mythos des Aufsteigers gehört zwar nach Amerika, wo es eben möglich sein sollte, den sprichwörtlichen Weg vom Tellerwäscher zum Millionär zu gehen, aber auch in Deutschland glaubt man gerne daran, dass man durch Klugheit und Fleiß zum Erfolg kommt. Zu einem Teil ist das auch so, aber in die klassische Elite wird man hinein geboren und wenn nicht, ist der Zugang so gut wie immer verbaut.

Proteste von vielen Seiten

Proteste gegen die Eliten sind im Laufe der letzten Jahre immer stärker geworden und damit sind nicht nur sehr wohlhabende Menschen gemeint, sondern viele Institutionen in Deutschland haben stark an Vertrauen[link] verloren. Die Politik, die Wirtschaft, aber auch die Wissenschaft und auch das Vertrauen in die deutsche Technologie ist gesunken. Gleichzeitig schwinden die Mitgliederzahlen der Kirchen und gesellschaftliche Leitfiguren, moralische Instanzen und große Intellektuelle melden sich auch nicht mehr zu Wort, vielleicht weil es kaum noch welche gibt oder es nur noch wenige Menschen gibt, deren Stimme von allen gehört und akzeptiert wird.

Darum ist der Kampf der Eliten auch einer des Ringens um Deutungshoheiten und Eliten sind gerade dadurch welche, dass sie zu einem guten Teil mitbestimmen, welche Erzählungen gerade bestimmend sind. Die Elite der alten weißen Männer befand sich letztlich in der selbstsicheren Position, wenn es drauf ankam, die Macht im Diskurs zu haben, die anderen zur Ordnung zu rufen. Man ermahnte die anderen zur Sachlichkeit, zur Nüchternheit, hier war man Experte und auf dem eigenen Terrain. Man hatte etwas vorzuweisen, Titel, Status und erbrachte Leistung, etwas, mit dem man sich garnieren konnte und was zweifelsfrei als Ausdruck einer erbrachten Leistung galt.

Doch auch hier ist einiges weggebrochen, denn viele dieser Attribute sind erstunken und erlogen, wie bei vielen Politikern, die sich ihre akademischen Grade ergaunert haben, vermutlich einfach, weil es sich ganz gut in der Biographie macht und irgendwie dazu gehört. Zudem begreifen inzwischen immer mehr, dass auch gesellschaftliche herausragende Positionen oft mehr mit der Herkunft als mit der Leistung zu tun haben, so dass das Argument, der eigene Erfolg zeige doch schließlich, dass man irgendwie zurecht herausragt, stumpf geworden ist.

Die Schwierigkeiten in die die Schicht der sogenannten alten weißen Männer geraten ist, markiert ein Ende des persönlichen und gesellschaftlichen Zentralismus, in der es jemanden gibt, der das Sagen hat und zuverlässig weiß, wie es weiter geht und was richtig und falsch, gut und böse ist. Doch dieser Machtverlust der Institutionen und alten Eliten hat mehrere Kehrseiten. In einer Welt, in der mehrere alternative Deutungen für den gleichen Sachverhalte bestehen, herrscht eine gewisse Konfusion und ein Orientierungsverlust, über den wir seit Jahren klagen. Bei der Kritik an den alten weißen Männern wird nicht selten das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und so steht das kritisierte Weltbild in der Tradition eines Bildungsideals, in dem man versuchte, sich in vielerlei Hinsicht zu verbessern, was aber auch eine humanistische und sittliche Komponente mit einschloss. Der ganze Ansatz war darauf angelegt, zwar aus dem Gefühl der eigenen prinzipiellen Überlegenheit heraus, mit dem man den unterentwickelten Teil der Welt erziehen wollte, aber bei allen Verwerfungen wollte man selbst oft noch ein guter Mensch sein.

Heute ist dies oft einem Leistungsideal gewichen, bei dem Sittlichkeit als eher weltfremd und hinderlich für Geschäfte angesehen wird, man gibt sich zwar gerne ein grünes oder soziales Image, aber im Kern geht es darum Geld zu verdienen. Jung, smart, erfolgreich und innovativ zu sein, bricht daher oft mit den alten Idealen, das Überlegenheitsgefühl wird behalten, der Rest über Bord geworfen.

Die Unterschicht protestiert ebenfalls gegen die Eliten, die ihnen viel versprechen, aber wenig davon halten. Der Protest sammelt sich politisch links wie rechts hier wird oft das als unangemessen hoch empfundene Einkommen kritisiert und immer mehr wird allen Eliten misstraut, der Einkommenselite ebenso, wie der Bildungs- oder Machtelite, bei denen gemutmaßt wird, sie steckten alle unter einer Decke.

Keiner hat derzeit die Oberhand

Im Moment ist nicht zu erkennen, dass beim Kampf der Eliten eine Gruppe dominiert, die Macht der Umwelt- und Klimabewegten wächst aufgrund der immer drastischeren Auswirkungen auf unseren Alltag inzwischen weit über das Lager der Grünen hinaus, doch auch die alten weißen Männer oder Traditionalisten organisiersen sich in einer wachsenden politischen Rechten, die sich globalisierungskritisch gibt und viele Proteste der geschwächten Linken aufgegriffen hat, darunter die Strategie sich als Opfer zu inszenieren. Rechtspopulisten gewinnen Stimmen derzeit in einem inhomogenen Lager von Menschen, die sich von der Politik und “dem System” generell nichts mehr versprechen, aus Teilen der Unterschicht, die sich verraten fühlt, weil sie, selbst arm, sozial abgehängt und vergessen, mit Migranten um bezahlbaren Wohnraum, Arbeitsplätze und anderes konkurrieren muss. Menschen, denen der Gedanken der Einwanderung generelles Unbehagen bereitet und die sich in ihren Ängsten nicht ernst genommen fühlen und wohlhabenden Menschen, die man durchaus zu den begrifflich hoch unglücklich bis diffamierend bezeichneten alten weißen Männern rechnen darf, die um ihre Privilegien und ihre als selbstverständlich erachtete Macht kämpfen.

Die Kosmopoliten finden sich häufiger in einem libertären oder wirtschaftsliberalen Lager, das primär frei sein und sich nichts vorschreiben lassen möchte, aber es gibt genügend Menschen, die diese Angeboten bunt gemischt aufgreifen und leben. Wie erwähnt, hat das Besondere in unserer Zeit einen hohen Stellenwert, so dass Einstellungen, die im Grunde nicht zusammen passen gerade als reizvoll erlebt werden, doch weil sie nicht zusammen passen eben oft auch der oberflächlich gelebt werden müssen. Dass man mit dem SUV zum Biomarkt fährt; andere Kulturen toll findet, nur nicht im eigenen Land; die Umwelt vor dem Menschen schützen will; als jemand aus der Unterschicht sich mit Menschen verbündet, die die Unterschicht verachten; vegan isst, aber dennoch durch die Welt fliegt und hilft, weil man sich damit gut darstellen kann, sind nur ein paar dieser zu kurz gegriffenen Aspekte.

Man weiß nicht, wie der Kampf der Eliten ausgehen wird, Traditionalisten, Kosmopoliten und Kosmopoliten sind im Insgesamt des Kräftespiels derzeit ungefähr gleich stark, alle haben gute Argumente aber auch ihre schwachen Seiten. Der gut gemeinte Trend, jedem zuzusprechen, dass er auf seine Art ja irgendwie auch Recht hat und in allen Fällen ernst zu nehmen ist, führt der zu mehr Demokratisierung oder mehr Entwertung. Denn es mit den guten Gründen nicht mehr so genau zu nehmen und dafür die großen Gefühle und flammenden Affekte an die Stelle zu setzen, bringt uns in eine gefährliche Schieflage, vor allem in eine fortschreitende Entqualifizierung. Dass traditionalistische Argumente oft zirkulär sind und von den Standards leben, die sie selbst, als sie noch unumstrittene Elite waren, gesetzt haben, mag ein richtiger Einwand sein, doch der Rekurs allein auf Emotionen ist ein Schuss in den Ofen, die Konsequenzen erleben wir gerade.

Quellen