Warum die Integralen besser sind

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Regionale Produkte in einer lebenswerten und entschleunigten Umgebung. Cittaslow Deutschland under cc

Die Idee, dass alle recht haben kennen wir in unserer Zeit recht gut, es ist die Idee des Pluralismus. Jede Sichtweise ist irgendwie richtig und alle würden sich auch vertragen, wenn man einander nur respektvoll begegnet. Nur, wie will man die Einstellungen von Nationalisten oder gar Rassisten mit denen, die für Offenheit und Toleranz werben, verbinden? Wo ist der gemeinsame Nenner? Die praktische Antwort der Pluralisten ist daher auch, dass sie einige aus dem Diskurs raushaben wollen. Denn eigentlich könnten sich alle lieb haben, wären da nicht diese blöden Rassisten und Nationalisten. Oder auch die anderen Skeptiker, die ihre Probleme oder eine andere Antwort als maximales Verständnis haben und auf enttäuschtes Vertrauen als Antwort nur noch mehr Vertrauen kennen. Im Grunde wollen Pluralisten mit sehr vielen nicht reden oder finden sie blöd, ihr gutes Recht, nur ist das weder tolerant, noch sonderlich pluralistisch.

Die Integralen nehmen die Sache insofern ernst, als sie sagen, dass eigene Interessen prinzipiell in Ordnung sind, nur eben nicht zu weit gehen dürfen. Dass regionale oder nationale Regeln in Ordnung sind, aber ebenfalls kippen können, wenn das Wohl des eigenen Landes über die Herabsetzung oder gar den Krieg mit anderen erreicht wird. So geht es weiter und natürlich ist auch der tolerante Diskurs in Ordnung, er ist sogar großartig. Selbst den Vorschuss, den er anderen zu geben bereit ist, ist im Grunde richtig, nur kippt das System in Richtung Naivität, wenn man nicht erkennen will, dass andere am Diskurs überhaupt kein Interesse haben und Kooperation, wenn überhaupt, bestenfalls vorspielen, wenn es ihnen nützt. Dann ist der Pluralismus in Ideologie übergegangen, der einfach nicht sehen will, was andere erkennen und dieser Diskurs muss geführt und nicht trotzig verweigert werden.

Aus einer integralen Sicht kann man bei einem der heißen Themen, wie Einwanderung, durchaus fordern, dass wir mit starkem Vorrang jene Menschen aufnehmen, die für uns nützlich sind, der Staat hat neben echtem Asyl die Pflicht das zu tun. Aber hier zu beginnen, bedeutet ja nicht hier stehen zu bleiben. Im Gegenteil, wer nützlich ist, hat zunächst schon einmal eine soziale Rolle und wird gebraucht, was im Grunde sehr gut ist und vielen fehlt. Dass ein Mensch darüber hinaus auch noch weiter kommt, gemocht oder gar geliebt wird, wäre ein wunderbarer Fortschritt und ist dadurch keinesfalls ausgeschlossen. Dass man nicht die ganze Welt nach Deutschland holen kann, da dürfte inzwischen ein breiter Konsens bestehen, dass man aber klare Regeln für die aufstellt, die kommen und nebenbei von allen diskutiert wird, wie wir zusammen leben wollen, das sollte längst ein Grundvoraussetzung sein. Neben rechtlichen Möglichkeiten besteht bei einem Konsens obendrein die Möglichkeit der moralischen Ausgrenzung oder Aufwertung, die sehr wirksam ist. Dafür muss aber diskutiert, gestritten und formuliert werden, was man von einander erwartet.

Das Thema Migration ist nur eines, aber eines, was die Gesellschaft spaltet. Klima und Umwelt, Wohlstand, Rente, Demographie, Infrastruktur und Sicherheit im Alltag und im virtuellen Raum, sowie Privatsphäre wäre weitere Themen und längst nicht alle. Sie müssen eingeflochten werden, es müssen verschiedene Konzepte diskutiert werden und erneut alle Stufen berücksichtigt werden, die konstruktiven Seiten, nicht die pathologischen Verzerrungen. So wie wir es für das Thema Umwelt in Rituale und Mythen durchgespielt haben.

Integration der Vorgänger

Dort wurde der Fokus auf die Integration von Mythen und Ritualen gesetzt, weil diese eine Lücke füllen können, die sich in unserer Zeit aufgetan hat, die mangelnde Verbindlichkeit. In einer im praktischen Alltag zunehmend funktionalen Welt besteht die Rolle die für den Einzelnen bleibt weitgehend darin, sich an die Verhältnisse anzupassen, so dass die Frage, ob man die Verhältnisse so überhaupt haben will, kaum noch auftaucht.

Man ist als Einzelner kaum noch gefragt, nur noch in der Weise, ob man einer ist, der gut oder nicht gut funktioniert und zu gebrauchen ist. Wie oben, beim Thema Migration gesagt, mit der Nützlichkeit kann es ja anfangen, man braucht gemeinsame Werte und Ziele in einer Gemeinschaft, aber es wird kalt und technokratisch, wenn unser Dasein damit endet. Manche Menschen wollen auch herausragen und nicht nur brav angepasst funktionieren, andere haben noch weitere Interessen als einfach alles am Laufen zu halten, mit recht wird die Wachstumsideologie als Trip in den kollektiven Selbstmord problematisiert und “Weiter so” ist längst zum Buhwort geworden.

Nur bringen eben Protest und Empörung allein auch nichts, als erster Impuls sind sie okay, aber immer nur angewidert gegen alles zu sein, ist wiederum zu wenig. Konkrete Schritten und positive Ziele vermitteln Mythen und Rituale, hier können sich immer wieder auch Menschen treffen, die ansonsten sehr verschieden sind, hier können sie zusammen agieren.

Jeder kann dabei jedoch auch ein Individuum bleiben, man muss nicht in der Masse und Gruppe aufgehen. Rein und wieder raus, mal befindet man sich im Modus der Gruppe, mal des reifen Individuums und auch dafür zu sorgen, dass man selbst nicht zu kurz kommt, ist vollkommen in Ordnung. Man sieht, dass dieser Ansatz nicht starr sein kann man hat zwar gewisse Standpunkte, reagiert aber flexibel auf sie, hier vielleicht ähnlich wie im Buddhismus, wo Weisheit und die geeigneten Mittel, dynamisch Hand in Hand gehen.

Entscheidend ist, dass die Themen zusammen gesehen und angegangen werden und die Vorgänger der Entwicklungsstufen eingebunden werden, auch weil die Psyche davon profitiert wenn Kopf, Hand und Herz gleichermaßen angesprochen werden. Ein gesundes Ich hat keine Probleme damit sich in Rollen einbinden zu lassen, vor allem dann, wenn man weiß, dass man die Rollen auch verlassen kann und bei einem reifen Ich ist das der Fall.

Die Allianz von Innen und Außen

Dass man die problematischen Themen der Gegenwart zusammen denken muss, haben inzwischen einige erkannt doch es gibt nach wie vor einen entscheidenden Unterschied, den die meisten anderen Ansätze nicht auf dem Schirm haben, nämlich dass das Bewusstsein ein ungeheuer entscheidender Faktor ist. Die Medizin macht gerade diese Erfahrung und bindet den Patienten wenigstens auf dem Gebiet chronischer Erkrankungen stärker mit ein, bei globalen Problemen erkennt man das Bewusstsein noch immer nicht als Verbündeten, sondern sieht es eher als Gegner an, zumeist jedoch als etwas, was man vernachlässigen kann.

Dabei sind gerade wir Menschen, wie niemand sonst in der Lage unser Verhalten komplett zu verändern, wenn wir überzeugt sind. Das Zusammenspiel individual- und massenpsychologischer Effekte ist dabei wenig bekannt, dass individuelle Veränderungen auch über den Einzelnen hinaus wirken und so wie ein System das Individuum beeinflussen kann, dieser auch das System ändern kann, wird selten wahrgenommen, Hier sind Multiplikatoren entscheidend, etwa dann, wenn Menschen mit einem integralen Bewusstsein an bedeutsamen Schaltstellen der Gesellschaft sitzen. Wiederum nicht, indem sie eine Ideologie transportieren, sondern Vorbild sind und andere begeistern, was am besten dadurch geht, dass man selbst für etwas brennt.

Im Zuge der Esoterikwelle, die in den 1980ern für mindestens 10, wenn nicht 15 Jahre das Land erfasste, hat man die Bereiche des Inneren stärker berücksichtigt und mit einbezogen. Doch damals war alles ein ziemlicher Gemischtwarenladen, der letzten Endes dazu führte, dass das, was mit Anspruch und guten Ideen begann, nach einiger Zeit versandete. Hier konnte man bereits sehen, dass eine zu unkritische Haltung zwar kreativ und offen ist und schöne Impulse bringt, dann aber irgendwann auch zerfasert und immer flacher oder abgedrehter wird.

Doch etwa zur selben Zeit hat die Tiefenpsychologie, zunächst von der Öffentlichkeit unbemerkt, bedeutende Fortschritte gemacht, auch wenn öffentlich noch die Verhaltenstherapie dominierte. Als die Esowelle den Scheitelpunkt schon überschritten hatte, wurde in Deutschland das Werk von Ken Wilber populärer, das 1997 in Deutschland erschienene „Eros, Kosmos, Logos“ gilt noch immer als sein Hauptwerk und bald darauf wurde der integrale Ansatz formuliert. Wilber vereinte Spiritualität, Psychologie und Philosophie, sowie das westliche, naturwissenschaftliche Denken in furioser Weise und brachte eine Struktur in die oft unorganisiert wirkenden deutschen Ansätze. Aber er kam letztlich ein paar Jahre zu spät und um die 2000er Jahren begann eine stark biologisch orientierter Naturalismus dominierend zu werden, der gemeinsam mit der damaligen Begeisterung für den Neoliberalismus Moral und Werte diskreditierte. Der Mensch galt fortan als ein rationaler Agent, der stets in allem seinen Vorteil sucht, so hatte es die Idee des Homo Oeconomicus und die Ideen des Biologismus beschlossen. Die Hirnforschung behauptete wir hätten keinen freien Willen und die Neuen Atheisten, wir alle seien Diener egoistischer Gene, die uns zu allenfalls berechnender Mitspielern machten, Wirtschaft und Wissenschaft passten zusammen. Dass es auch ein Innen gibt, hatte man für 15 Jahre wieder vergessen, der Sprung ins Integrale erinnert wieder daran.