Die Chance der Wiedervorlage

Waldkirch Frühling Luftaufnahme

Alte Architektur. die sich in die Natur integriert. Jürgen Gocke/Cittaslow Deutschland under cc

Inzwischen brodeln die Affekte, die Erfolgsmeldungen können nicht mehr darüber hinweg täuschen, dass die äußerlichen Verbesserungen nicht mehr beeindrucken. Das Innen ist zurück, wenngleich oftmals in einer regressiven und manchmal hässlichen Form. Aber man könnte lernen, dass man das Innen nicht verleugnen kann, es reicht nicht aufzuzählen, was im Außen alles super läuft, die Menschen sind nachhaltig verärgert und man kann verstehen, dass einige Politiker tatsächlich nicht kapieren, wie ihnen geschieht. Sie starren auf die Zahlen, alles wirkt so gut, doch viele Menschen sind einfach nicht mehr bereit irgendwem was zu glauben und fühlen sich tatsächlich schlecht. Man hat manchmal das Gefühl um Jahrzehnte zurückgeworfen zu sein. Gleichzeitig aber gab es immer welche, die die neuen Informationen verarbeiten und einordnen konnten und so ist die Zahl derer, die heute zum integral informiert sind, oder sogar integral leben, gar nicht so gering, wie man meinen könnte und dazu kommt noch, dass man keine Mehrheit sein muss, um Anstöße zu geben.

Die Themen, um die es in den nächsten Jahren gehen wird, kristallisieren sich gerade heraus: Klima und Umwelt, Migration, Wohlstand, Rente und einige mehr, wie oben schon beschrieben. Diese Themen verschwinden nicht von selbst wieder, was aber erheblich ins Wackeln gerät, ist der alte Lösungsstil des Abwartens und Aussitzens, des Wachstums und der Warnung, dass etwas Arbeitsplätze kosten könnte, die Menschen wollen es nicht mehr. Wir haben die Chance es noch mal mit Visionen zu versuchen, nun mit einer besseren Ordnung und Struktur versehen, die ein wohlmeinendes, aber leider oft naives: Alles ist gut und jeder hat recht in die Schranken weist.

Doch nicht nur die Pluralisten haben Fehler gemacht, auch bei den Integralen haben sich kritische Punkte gezeigt.

Gefahren des integralen Ansatzes

Ich sehe vier bedeutende kritische Punkte des integralen Ansatzes:

Immunisierung gegen Kritik

Am auffälligsten ist die Gefahr der Immunisierung gegen Kritik. Der integrale Ansatz hat zwar den Vorteil, dass er die innere Entwicklung des Individuums und statistischen gesehen der Bevölkerung ernst nimmt und einbezieht, doch das Farbenmodell selbst ist eher einfach und wer es versteht, sieht sich oft befugt, nicht mehr auf die Argumente des Gegenüber zu achten, sondern ihn sogleich von der Warte seiner vermeintlichen Entwicklung her zu bewerten.

Das problematische: ‘Alle haben recht’ der Pluralisten wird hier in ein ‘Du hast nicht recht, weil das ein orangenes Argument ist und ich von gelb her argumentiere.’ Anders ausgedrückt: ‘Du bist noch nicht so weit, ich weiß es besser als du, irgendwann wirst du das einsehen.’ Das ist so nervtötend, wie falsch, Wilber selbst weiß es besser, wenn er sagt, dass niemand nur falsch liegt und jede Sicht in Übertreibungen enden kann.

Die Angst der Pluralisten vor Hierarchie wird hier korrigiert, aber übertrieben, wenn höher oder tiefer Argumente ersetzen soll. Denn die Einstufungen und demjenigen, der ad hoc einstuft unhinterfragt glauben zu schenken zu müssen, dazu besteht kein Grund und als Argument ist: ‘Du bist noch nicht so weit wie ich, sonst wärst du ja meiner Meinung’ ein Fehlschluss, eine Petitio Principii, die die Prämisse in der Konklusion wiederholt.

Die Angst vor ‘bösen’ Hierarchien zu überwinden, ist super, nur noch Hierarchien gelten zu lassen, ohne dass ihre Plausibilität geklärt ist, ist eine gefährliche und diskursschädigende Übertreibung.

Der integrale Supermensch

Menschen, die Projekten folgen, wie dem integralen Ansatz, der im Grunde ein Superoptimierungsprogramm ist, können der Tendenz erliegen, sich dann auch wie Superman oder Supergirl zu fühlen und entsprechende Allüren entwickeln, selbst wenn diese angestrengt kaschiert werden, da man ja auch in sozialer Kompetenz und ethischer Entwicklung vorbildlich ist. Solche Ansätze bergen ein erhebliches narzisstisches Potential und hier muss man wachsam sein, denn auch der superempathische Allversteher, der für alles und jeden eine Lösung weiß und für die ganze Welt natürlich auch, sowie sein weibliches Pendant, können mit erheblichen Größen- und Allmachtsphantasien durchsetzt sein, was allein schon für die Absicht gilt erleuchtet sein zu wollen. Eine Problematik, die die keinesfalls nur schlechten esoterischen Ansätze hat untergehen lassen.

Die bisherigen praktischen Rückschläge

Der integrale Ansatz hat sich entgegen dem, was man von seiner Effizienz hörte, bislang nicht durchgesetzt. Das muss man nüchtern anerkennen und dann heißt die Aufgabe, zu überlegen, woran das liegen könnte. Einem integralen Ansatz zu folgen macht einen nicht automatisch super gesund und erfolgreich, spirituell, kreativ, sexy und nett. Überdies dauerte es sehr lange, bis man über halbwegs valide Kriterien verfügte, die mehr als oberflächlich erkennbar werden lassen, was die eine Stufe nun tatsächlich von der anderen unterscheidet und das für alle Entwicklungslinien. Was unterscheidet genau ‘grüne’ Kunst von ‘gelber’ und woran kann man das sicher erkennen? Das haben die Integralen inzwischen auf dem Schirm und bezeichnen sich als lernende Bewegung.

Das Wohl der ganzen Spirale?

Ein inhaltlicher Punkt: Der integrale Ansatz verfolgt nicht die Absicht, dass alle Menschen integral werden sollen, sondern hat statt des Wohls der integralen Stufe, das Wohl der ganzen Spirale der Entwicklung im Blick, mit dem Ziel die Entwicklung des Bewusstseins zu fördern, wo immer es geht. Das klingt zunächst einmal nach einer guten Idee, ist aber letztlich auch nicht mehr als ein utilitaristischer Ansatz.

Utilitarismus ist aber nirgendwo überzeugend, seine Schwächen hat er immer im Einzelfall, wenn konkret gemacht werden soll, wo denn nun mehr Glück, Leid oder Entwicklung zu finden ist und schon Kant hat gegen ihn argumentiert. Zudem geht der Utilitarismus oft mit einer Aufweichung prinzipieller Standards einher, was eher eine Schwäche als eine Stärke sein könnte. Vielleicht ist ein einziehen roter Linien, die nach wie vor die Menschenwürde als unantastbar festlegt, sinnvoll, aber jeder Integrale muss es, in seiner Zeit und Kultur selbst und immer wieder neu beantworten, so mitfühlend und gut begründet es geht.