Vergesst das Bewusstsein nicht

Spalt Hopfenzupferfest. Kind

Regionales Brauchtum zu pflegen ist kein Widerspruch zu einem Interesse an der Welt. © Cittaslow Deutschland under cc

Der vermutlich stärkste Aspekt der Integralen ist, dass sie um die Bedeutung des Innen wissen, auch darum, dass aus Brunnen bohren und Wahlurnen aufstellen nicht automatisch eine Demokratie wird. Auch ein demokratisches oder gelungenes postdemokratisches Modell muss wachsen, muss verstanden werden und eine Selbstverständlichkeit im Alltag werden.

Die Integralen wissen, dass sich Bewusstsein hierarchisch entwickelt, andere trauen sich aus ideologischen Gründen nicht, dies zu formulieren und landen in Selbstwidersprüchen. Man tritt für universelle Werte ein, vermeidet aber zu sagen, dass man meint, dass diese besser sind und vergisst dann ganz nebenher auch zu begründen, warum man meint, dass sie es sind. So entsteht der Eindruck, der auf wachsende Gegenwehr stößt, dass universelle Werte einfach eine Idee des Westens sind, die er – wie man immer öfter nachweisen kann – obendrein sehr bedarfsangepasst bis willkürlich interpretiert.

Wer keine besseren Werte einfordert braucht auch nicht zu begründen, warum sie besser sein sollen, aber warum sollte sich dann irgendwer dran halten, wenn doch alles andere auch gut ist und ohnehin jeder irgendwie recht hat? Nur wenn man Ansprüche offen formuliert und begründet und die Begründung mehr als ein Zirkelschluss ist, kann man einen fairen Diskurs führen und das können die Integralen im Zweifel viel besser, als die Pluralisten.

Und es war Ken Wilber, der neben diesem Punkt schon 1995 in “Eros, Kosmos, Logos” auf den subtilen Reduktionismus hinwies, der alle noch so umfassenden systemtheoretischen und materialistischen Ansätze durchzieht, die das Bewusstsein und seine Entwicklungsfähigkeit vernachlässigen. Dass das Bewusstsein nicht vergessen werden darf haben zwar auch andere erkannt, aber man hat aufgrund des naturalistischen Weltbildes nach wie vor große Schwierigkeiten zu verstehen, dass das Bewusstsein ein relevanter und kausal wirksamer Faktor ist. Im naturalistischen Weltbild ist Bewusstsein irgendwie nicht greifbar, weil hier nur Materie wirken darf und so muss Bewusstsein in Hirnaktivität oder Neuronenfeuer übersetzt werden, bei dem man dann wieder nicht nachvollziehen kann, wie dieses über das Innere des Kopfes oder Körpers hinaus wirken kann. Integrale haben von der Innerlichkeit ein sehr viel klareres Bild.

Bewusstsein und Praxis sind nicht zwei

So wird die Beziehung zwischen Innen und Außen, zwischen Bewusstsein und Praxis noch immer kaum verstanden. Obwohl alle gegen einen Dualismus argumentieren, sind sie diesem doch verfallen, wie nicht zuletzt Siri Hustvedt völlig zurecht feststellte. Praxis und Bewusstsein scheinen merkwürdig getrennt zu sein und fast beziehungslos neben einander zu stehen, im Bewusstsein vieler Forscher.

Die Beziehung zwischen Innen und Außen, Individuum und Kollektiv können die Integralen zwar auch nicht erklären, aber sie leugnen die engen Zusammenhänge und Wechselwirkungen wenigstens nicht. Dass Innen und Außen einander beeinflussen ist eine Idee, die sich auch in neuen Lebensformen niederschlagen kann. Wenn das Integrale sich auch nicht flächendeckend durchgesetzt hat, so wächst die Bewegung doch langsam und integrale Splitter und ein integrales Bewusstsein sind immer mehr zu sehen.

So ist eine Reintegration von Ritualen und Mythen auch in dem Kontext des Integralen zu sehen, weil es speziell die mythische Ebene ist, die Menschen mit Werten, Zielen und Sinn und somit mit Orientierung versorgt. Die Angst die Psyche könne zerfasern, wenn man nicht einem Weltbild aus einem Guss folgt, erscheint mit praktische widerlegt, da wir bereits inmitten unseres naturalistischen Weltbildes in einer hochgradig zersplitterten Zeit leben, vermutlich gerade weil ein fortschrittsgläubiger Funktionalismus der technische Erklärungen oft mit Bedeutung verwechselt und selbst nicht erklären kann, warum irgendetwas Bedeutung haben sollte, sehr trocken und bürokratisch wirkt.

Integrale sind im besten Fall Wegbereiter und notwendiges Korrektiv in einer Zeit, die oft nicht ein und aus weiß, in der ein hysterischer bis aggressiver Grundton herrscht und das ist etwas, was auf die Dauer immer mehr Menschen auf die Nerven geht. Vernetzte Projekte, wie etwa die Cittaslow Bewegung, deren Mitglieder im Rahmen kleiner Städte und Dörfer ein lebenswertes und entschleunigtes Leben führen wollen, haben das Zusammenspiel von Innen und Außen durchaus auch begriffen. Nachhaltigkeit, regionale Produkte, dennoch ein effektives Leben, was die Zukunft annimmt ohne alte Bräuche und regionale Traditionen zu vergessen, die auf Kultur setzen und die Natur dennoch nicht vergessen, haben Wesentliches verstanden und hier weht, auch wenn man sich dort nicht darauf beruht, sicher auch ein integraler Wind.

Integrale haben begriffen, dass sie keine Mehrheit sein müssen, sondern sie können sich als kulturell Kreative effektiv in Diskurse einmischen. Dabei geht es nicht um Gleichschaltung oder Werbung, sondern um die Verbreitung einer Bewusstseinsstufe, dadurch, dass man sie praktiziert, die eine Richtung kennt, Förderung von Bewusstsein zum Ziel hat. Das alles bei persönlich zu findenden und zu interpretierenden Wegen, die sich in regionale Gefüge einpassen können, die das aufnehmen was ist, mal Ideen geben, mal Fehlentwicklungen kritisieren und mal eigene Projekte gründen. Über den Pluralismus hinaus, der es gut meinte, ohne es gut zu machen, weil er die Stimmen derer die gegen blinden Pluralismus Vorbehalte hat, nicht ernst nimmt und konservative Positionen oft ablehnt. In der Wiedervorlage kann der große Sprung ins Integrale durchaus gelingen und das sollte er sogar.