Zweifel an der Methodik – Ein Rückzugsgefecht der Homöopathen?

Globuli

Die Mittel der Homöpathie kommen recht uniform und harmlos daher. Kann das starke Placeboeffekte auslösen? © Tim Reckmann under cc

Nur wurde von Seiten der Homöopathen moniert und das nicht ganz zu unrecht, man könne die Homöopathie nicht doppelblind testen, da die Homöopathie nicht gegen etwas gegeben werde – also gegen Kopfschmerzen, Asthma oder Herzbeschwerden – sondern es wird dasjenige Mittel gesucht, was dem jeweiligen Typen entspricht und eigentlich sucht man das Simile, also das Mittel, dessen Arzneimittelbild: – das sind die typischen Vergiftungssysmptome an einer ganzer Reihe getesteter Menschen, in deren Gesamtheit – den gegenwärtigen Symptomen eines Patienten am ähnlichsten ist. Denn das ist der Grundsatz der Homöopathie: “Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt.”

Den Wirkstoff eines Kopfschmerzmittels kann man gegen Placebo testen, was statistisch besser abschneidet, als die Placebogruppe, geht auf einen Wirkeffekt des Mittels zurück. Doch es gibt in der Homöopathie dutzende Mittel gegen Kopfschmerzen und laut Simile-Gesetz muss das dem Gesamtbild ähnlichste Mittel gefunden werden. Homöopathie zu testen, heißt auch, sie zu ihren Bedingungen zu testen. Ein guter Kompromiss sind Vorauswahlen von Homöopathen, so dass man die Test-Personen typischen großen Mitteln zuordnet und sagt, dass A ein Belladonna und B ein Nux vomica Typ ist und dann gibt man die entsprechenden Mittel. Aber auch hier hat die Homöopathie nicht gut abgeschnitten.

Aus einer anderen, der Homöopathienähe unverdächtigen Ecke, dem bei uns vorgestellten Buch “Schmerzmedizin”, in dem alternative Verfahren ideologiefrei referiert werden, die Homöopathie aber unerwähnt bleibt, schreibt die Neurologieprofessorin und Placeboforscherin Ulrike Bingel:

“Die neurowissenschaftlichen und klinischen Erkenntnisse zur Plazeboanalgesie bringen auch neue Impulse für die pharmakologischen Forschung mit sich, Zum einen wird zunehmend infrage gestellt, dass es sich, bei der in klinischen Studien typischerweise durchgeführten Plazebokontrolle um eine geeignete Kontrollbedingung handelt. Krankheits- und substanzspezifische neurobiologische Interaktionen zwischen kognitiven und pharmakologischen Faktoren sind bislang nur ungenügend untersucht und verstanden.”[1]

An der Stelle scheinen die Homöopathen einen berechtigten Einwand zu haben. Dass der dann für die Homöopathie ausgeht ist dabei allerdings nicht gesagt, nur ihr Einwand ist richtig. Neben der evidenzbasierten Medizin, die als unideologisch galt, inzwischen aber auch umstritten ist und anderen Verfahren der Wissenschaft ist ganz aktuell noch ein weiterer Eckpfeiler der Argumente der Kritiker der Homöopathie ins Wanken geraten, die statistische Signifikanz, jenes als mächtig empfundene Mittel, dass zwar nicht das Meer, aber die Welt in eine wissenschaftliche und unwissenschaftliche Hälfte teilen konnte, bis der Beitrag Methodendebatte: Schickt die statistische Signifikanz in den Ruhestand!
Drei Statistiker fordern gemeinsam mit mehr als 800 weiteren Fachleuten, den p-Wert als Signifikanzkriterium aufzugeben: Er unterstelle zwei Kategorien von Ergebnissen, die es eigentlich nicht gibt
erschien.

Erneut: Sollte die Signifikanzgröße fallen, heißt auch das nicht, dass homöopathische Mittel wirken, es bedeutet nur, das ein weiterer Teil dessen, was man als unverrückbare Widerlegung ihrer Wirksamkeit anführen kann, eventuell unhaltbar ist. Das darf nicht verwechselt werden, aber es könnte eine neue Runde einleuten.

Aber was wirkt dann?

Nun, eventuell gar nichts. Die Homöopathie könnte, im schlimmsten Fall für ihre Anhänger zu 100% auf den Placeboeffekt zurück zu führen sein, das heißt, die Homöopathie wirkt nicht, wohl aber die Behandlung durch den Homöopathen. Für die Gegner der Homöopathie wäre das wohl der Todesstoß für dieselbe, aber das ist etwas vorschnell.

Würde die Wirkung einer homöopathischen Behandlung einzig auf dem Placeboeffekt beruhen, spräche nichts dagegen, ihn auszuschöpfen, natürlich nur für Menschen, die davon profitieren. Wie gesagt, seine Stärke liegt etwa bei einem Drittel der Heilwirkung (in Einzelfällen deutlich darunter oder höher) und er ist damit ein ungemein kräftiger Effekt. Es ist nicht nur eine Überlegung wert, sondern geradezu ethisch geboten den Placeboeffekt in die Medizin einzubauen, natürlich auf die Art, die dem einzelnen Patienten und seinen Vorstellungen, seinem Weltbild entgegen kommt.

Wer die Homöopathie ablehnt, soll damit natürlich nicht traktiert werden, sondern das erhalten, was ihm behagt. Man kann sich vorstellen, dass Ansätze, wie in der multimodalen Schmerztherapie auch in anderen Bereichen der Medizin einen Vorteil bringen, in dem einzelne Module dann der Krankheit und den Bedürfnissen den Patienten angepasst werden. Ein neutrales Abwägen, wer ins jeweilige multimodale Team gehören könnte, kommt irgendwann an den Punkt, sich verschiedene Fragen zu stellen, etwa:

  • Wie ausgedehnt soll sich die Zusammensetzung des Teams nach den Wünschen den Patienten richten?
  • Wäre es ethisch vertretbar, dass ein Team zugunsten der subjektiven Schwerpunkte eines Patienten vom therapeutischen Goldstandard abweicht?
  • Sollte ein Placeboeffekt während der gesamten Dauer der Therapie gleichmäßig hoch gehalten werden oder gibt es sensible Momente, in denen er besonders entscheidend ist – und in denen er Spitzenwerte bezogen auf die Wirksamkeit erreicht?
  • Wie sind die Faktoren Sympathie, Teamfähigkeit und Kompetenz zu gewichten?

Ist ein Therapeut von “seinem” Verfahren nicht stark überzeugt, merkt Patienten das sofort, eine starke Überzeugung hinsichtlich des eigenen Verfahrens könnte hingegen zu Spannungen im Team führen. Alles Fragen, die in diesem Kontext wichtig sein können.

Ich bin nicht überzeugt, dass es allein der Placeboeffekt ist, der in der Homöopathie wirkt und zwar aus Gründen, die aus der Placeboforschung selbst kommen.

Wie stark ist der Placeboeffekt der Homöopathie?

Der Placeboeffekt zerfällt in zwei Arme, nämlich in die Erwartungen und einen Konditionierungseffekt. Man hat beide Arme bestimmten Bereichen zuordnen können, so ist der Konditionierungseffekt eher in der Lage Drüsentätigkeiten anzuregen, so dass ein Lebewesen, dem beispielsweise Insulin verabreicht werden muss, nach einigen Gaben davon, auch eine Placeboinjektion so verstoffwechselt, als sei Insulin gespritzt worden. Die Erwartungen, die jemand an den Arzt, das Verfahren oder Medikament hat, wirken hingegen besonders gut, bei Schmerzen.

Ein von Homöopathen immer wieder ins Feld geführtes Argument ist, die Homöopathie würde auch bei kleinen Kindern und Tieren wirken. Der Hinweis meint, diese würden keine besondere Neigung zur Homöopathie verspüren, bei Kindern mag man darüber streiten, bei Tieren eher nicht. Damit würde der Arm Erwartungen bei Tieren jedoch wegfallen. Nicht jedoch die Konditionierung. Doch schaut man sich das Setting einer Konditionierung an, dann ist es ja nicht so, dass ein Tierheilpraktiker oder -arzt dem Hund zunächst etwas gibt, was wirkt und dies dann schrittweise reduziert und gegen ein Homöopathikum austauscht, das er einschleicht. Sondern der Behandler gibt sofort ein homöopathisches Mittel, wenn er meint, dass es angezeigt ist. Manchmal wirken die Mittel gegen jede beschriebene typische Placebowirkung.

Die Gegner meinen, der Placeboeffekt wirke auch nicht unbedingt auf das Tier selbst ein, sondern die Besitzer würden durch die Behandlung euphorisiert und dieser Effekt würde sich dann auf das Tier übertragen. Doch auch das wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet: Es ist, als wolle man mit Reiki gegen die Homöopathie argumentieren, oder weniger polemisch: Wer so eine Wirkung behauptet, muss sie ebenfalls belegen. Zudem ist nicht einzusehen, warum positive oder euphorisierende Effekte einzig beim Homöopathen auftreten sollten und nicht bei anderen Behandlern.

Drehen wir das Rad noch ein bisschen weiter und wieder zurück zum Menschen, so ist ebenfalls aus Sicht der Placeboforschung der Placeboeffekt der Homöopathie eher nicht beeindruckend. Es wird die lange Erstanamnese erwähnt – die aber gar nicht in allen Fällen stattfindet – hier liegt der Placebovorteil auf Seiten der Homöopathie. Schaut man sich ansonsten die Ergebnisse der Placeboforschung an und das was die Homöopathie macht, kommt man eher zu dem Schluss, dass die Homöopathie einen schwachen Placeboeffekt induziert. Wenn nicht alles am Erstgespräch hängen soll, was ist es dann? Die komplizierten Begriffe werden angeführt. Aber was ist an Sulfur und Mercurius exotischer als an Amoxicillin oder Novalminsulfon? Das therapeutische Setting wird genannt, aber was ist an einer Gabe Kügelchen unter die Zunge placebowirksamer als an einer Spritze (das Gegenteil ist laut Forschung der Fall – Homöopathen spritzen auch, aber eher selten) und ist der Hinweis, das Mittel zu Hause noch mal zu schütteln und in Wasser aufzulösen, wirklich so unendlich viel stärker, als eine bildgebende Untersuchung? Die Größe, Farbe und der Preis der Mittel ist relevant. Aber da hat die “Schulmedizin” deutlich die Nase vorn. Homöopathen haben Tropfen und Spritzen, ein langweiliges Weiß der Kügelchen und Tabletten in einer placebotechnisch unbeeindruckenden Einheitsgröße aller Mittel. Gut wirken aber bunte und verschieden große Tabletten, etwa die kleinen Blauen oder die großen Granaten, besonders bei Schmerzen. Es scheint hier besonders Zeit und Zuwendung zu sein, von denen die Homöopathen profitieren.

Der Noceboeffekt

Die Argumente der Gegner gehen jedoch weiter. Manche sagen, dass die Homöopathie Zufriedenheit hervorruft, sei eher dem systematisch eingesetzten Noceboeffekt zu verdanken und zwar einem, den man für sich nutzt, anders gesagt: Homöopathen machen die Schulmedizin systematisch nieder, schüren Ängste und Sorgen vor Chemie, Giften, Nebenwirkungen und einer kalten, unpersönlichen Apparatemedizin.

Generell ist der Noceboeffekt der dunkle Bruder oder einfach die andere Seite des Placeboeffektes und ebenso von sehr beeindruckender Kraft. Wo der Placeboeffekt die Überzeugung des Betroffenen ist, dass es Mittel und Wege gibt, mir zu helfen, ist der Noceboeffekt die stille Gewissheit, dass der Ofen aus ist. Das kann sich aus kleinen, hochgradig tragischen Missverständnissen ergeben, die uns lehren können, wie groß die Macht des Wortes sein kann.

Auch hier muss man wieder sagen, dass es bestimmt Homöopathen gibt, die die Medizin kritisieren, aber sicher nicht die Mehrheit. Wenn jemand jedes mal zu Tiraden über die böse Schulmedizin ansetzt, wird er lediglich die Ideologen unter seinen Patienten erreichen, den anderen würde er merkwürdig vorkommen. Zudem ist an den Vorwürfen der Homöopathen natürlich immer auch etwas dran, wie viele ihrer Patienten wissen, für die der Homöopath in der Regel nicht die erste Wahl ist, normal ist bei uns der Gang zum Haus- oder Facharzt.

Dennoch gibt es Homöopathen auf groben Irrwegen. Wenn Homöopathen Homosexuelle von ihrer ‘Krankheit’, die eine sexuelle Orientierung ist, heilen wollen, manchmal in einer Koalition mit religiösen Kräften, so ist das nichts, was ohne Widerspruch hingenommen werden muss, generell ist es aber so, dass Religion und Homöopathie keine zwingende Koalition bilden, es gibt sogar merkwürdige, religiös motivierte Bücher, in denen die Homöopathie als Teufelswerk dargestellt wird.

Üble Fouls der Homöopathiegegner

Allerdings sind auch die Gegner der Homöopathie nicht zimperlich. Absonderliche Argumentationen, in denen der Homöopathie angelastet wird, einerseits vollkommen wirkungslos aber doch gefährlich zu sein. Oder, wenn sie gar zur tödlichen Gefahr zu stilisiert wird, weil zur Homöopathie angeblich zwingend gehört, sich nicht anders behandeln zu lassen, egal, worunter man leidet. Wirklich? Ist das immer und überall so?

Noch perfider sind die Framing-Versuche. Gerne wird versucht alternative Medizin durch andauernde Erwähnung in den Kontext des Rechtsextremismus und des ideologischen Irrsinns zu ziehen, das nicht zufällig, sondern mit System, was einigermaßen abstoßend ist.