
Taktik, Spieltheorie und Cyberwar. In der Armee spielt der Computer eine große Rolle. © U.S. Naval War College under cc
Mikroemotionen
Im Dunstkreis zwischen Psychologie, Kriminalistik und der Absicht, jemandem auf die Schliche zu kommen, sind in dieser Zeit auch die Mikroemotionen oder -expressionen und ihre Analyse populär geworden. Vor allem Paul Ekman hat hier Heldenhaftes geleistet und steht in der persönlichen Begegnung in dem Ruf, Gedanken lesen zu können, dabei hat er „nur“ trainiert, auf unsere Mikroemotionen zu achten. Die ersten Bruchteile von Sekunden nach dem Erhalt einer Nachricht, dem Blick auf ein Bild oder dergleichen, reagieren wir unbewusst und erst dann sind wir in der Lage unsere Mimik und Gestik zu kontrollieren, egal was wir für geübte Schauspieler im Leben sind. Also ein letztes sicheres Zeichen, dass wir zu durchschauen sind? Nur bedingt. Diese Methode kann Spannungen und Widersprüche in der Psyche anzeigen, aber es gibt Menschen, die von den merkwürdigsten Ideen und Ansichten zutiefst überzeugt sind und sie würden sich nicht verraten, weil sie keinen inneren Widerspruch empfinden.
Der Siegeszug des Internet
Weiter wurde in dieser Zeit das Internet populär und setzte sich in der heute uns allen bekannten Form durch. Das Smartphone ist heute so gut wie immer und überall dabei und nicht nur unser Aufenthaltsort lässt Rückschlüsse auf unser Verhalten zu, auch unser Onlineverhalten ermöglicht einen Grad an freiwilliger Überwachung, von dem Geheimdienste früher nur geträumt hätten. Allerdings gibt es eine ganze Generation von Usern, die das nicht im mindesten stört.
In den 15 Jahren nach 1990 ist das noch kein Faktor, weil der Siegeszug des Internet hier erst beginnt. Doch die Bewegung ist nicht mehr aufzuhalten.
Terror dringt in unser Bewusstsein
9/11 im Jahr 2001 ist zum stehenden Begriff geworden. Die mediale Allpräsenz dieser Anschläge und ihre Dauer über viele Stunden der Berichterstattung sorgten dafür, dass so gut wie jeder diese Anschläge über das Fernsehen miterlebte. Der Terror, ein Phänomen, was man eher weit weg wähnte, rückte uns in den nächsten Jahren immer näher und hält uns bis heute in seinem Bann.
Ein scheußliches Phänomen, aber ein guter Gradmesser dafür, wie es um die Fähigkeit zu wissen, was der andere denkt, denn nun tatsächlich bestellt ist. Denn von kaum jemandem möchte man derzeit genauer wissen, wie er tickt und was er vorhat, als vom nächsten potentiellen Terroristen.
Eine merkwürdige Wende der Hirnforschung
Noch, wir befinden uns etwa im Jahr 2005, ist der Umfang der Möglichkeiten des Internet nicht klar. Umso mehr jedoch schienen die Möglichkeiten der biologischen Methoden in den Himmel zu wachsen. Um die Jahrtausendwende war ein beispielloser Hype um die Hirnforschung ausgebrochen, teilweise von den führenden Protagonisten selbst befeuert, der Zug war kaum zu stoppen, zu allem und jedem befragte man nun die neuen Stars.
Doch die sich abzeichnende Wende betraf nicht allein die Hirnforscher, auch das eben entschlüsselte menschliche Genom brachte andere Ergebnisse mit sich, als zunächst gedacht. Aber der Reihe nach.
Die Hirnforschung war populär, aber man verdribbelte sich. Der Protest, oft von Seiten der Philosophie wurde immer lauter und geordneter. Der wesentliche Gegenspieler wurde die Position des Kompatibilismus, dessen Clou darin besteht, dass er unsere neuronalen Verschaltungen, ja sogar einen umfassenden neuronalen Determinismus, nicht leugnen muss, sondern stattdessen fragt: Gesetzt, wir sind vollkommen determiniert, wären wir dann tatsächlich unfrei? Die intuitive Antwort lautet, dass wir dann selbstverständlich unfrei wären. Aber mit den Intuitionen ist es manchmal so eine Sache und hier in jedem Fall. Die Antwort des Kompatibilismus lautet: Egal, wie determiniert wir wären, unserer Freiheit täte das keinen Abbruch (ausführlicher: Freiheit und Determinismus).
Zudem gibt es noch ein ganzes Bündel an ernstzunehmender Kritik an der Methodik, etwa die, durch Falschfarben und die sehr willkürlich zugeordnete Durchblutungssituation (Frage: Ab welchem Grad von Durchblutung beginnt denn Denken?) im Kopf, mit Denken gleichzusetzen oder die technische Frage der Auflösung der fMRT-Geräte und so weiter. Heute würde kaum noch einer die vollmundigen Behauptungen um 2005 wiederholen, erst recht sind die daraus abgeleiteten Implikationen (Änderung des Strafrechts) weit übers Ziel geschossen.
Bezogen auf unser Thema heißt das, dass wir heute noch immer nicht wissen, was jemand denkt, selbst wenn wir ihn unter den modernsten fMRT legen. Wir können gerade einmal ganz basale Affekte zuordnen und ungefähr wissen, dass jemand jetzt gerade sieht oder riecht, was jemand denkt, was die Eindrücke mit ihm machen, wann und warum sich jemand zum Beispiel radikalisiert und vielleicht einen terroristischen Anschlag oder ein sonstiges Verbrechen plant, das kann man nicht sehen. Selbst Hirnforscher schätzen die Situation heute oft vollkommen anders ein, auch ganz aktuell wieder.
Unser Erbgut
Etwa zur gleichen Zeit, als die Diskussion um den freien Willen hochkochte, wurde das menschliche Genom im Rahmen des Humangenomprojekts (HGP) vollständig entschlüsselt. Doch auch hier war auf einmal der Effekt zu beobachten, dass eine Zunahme unseres Wissens in Nichtwissen kippt:
„Anstatt die These vom genetischen Determinismus zu bestätigen, machten die Ergebnisse des HGP „schnell klar, dass es äußerst schwierig sein würde, von gewissen Genen auf bestimmte Eigenschaften zu schließen“. Es wurde vielmehr offensichtlich, dass es keine kausal gerichtete Beziehung zwischen Genotyp und Eigenschaft gab, „sondern es sich bei der Ausprägung phänotypischer Merkmale um einen hochkomplexen Prozess von Wechselwirkungen und Rückkoppelungen zwischen DNS, RNS, Proteinen und Zellplasma handelte“.“[1]
Mit einem Mal wurde klar, dass die Gene zwar nach wie vor in vielen Bereichen eine große Bedeutung haben, aber dass es eine andere Frage ist, welche der vorhandenen genetischen Informationen abgerufen werden. Die Rolle der Epigenetik trat mit einem Mal ins Bewusstsein und die epigenetischen Faktoren sind wiederum stark abhängig von der Umwelt und weiteren Faktoren. Der Blick in die Gene und ins Gehirn brachte neue Erkenntnisse, aber die lauteten, dass vieles bei weitem komplexer ist, als man es am Anfang dachte. Der Blick ins Innere, er blieb uns weiter verwehrt.