Narzisstische Eltern (bzw. Elternteile) werden im Alter möglicherweise hilfsbedürftiger – aber ihre Hilfsbedürftigkeit macht die Beziehung nicht unbedingt weniger narzisstisch.
Wenn Eltern älter werden, verändert sich häufig die Beziehung zu ihren erwachsenen Kindern. Menschen, die jahrzehntelang selbstständig waren, benötigen zunehmend Unterstützung. Vielleicht müssen Einkäufe erledigt, Arzttermine begleitet oder später sogar die Pflege organisiert werden.
Für Kinder narzisstisch geprägter Eltern/Elternteile kann diese Lebensphase zudem noch herausfordernd sein, da ungeachtet der wachsenden Hilfsbedürftigkeit die alten Beziehungsmuster nicht verschwinden. Elterliches Anspruchsdenken, getriggerte Schuldgefühle und frühere Rollenverteilungen, aus denen man sich vielleicht sogar im Laufe der letzten Jahre befreit hatte, können nun wieder auftreten.
Narzisstische Eltern: Dieses Verhalten ist typisch
Nicht jedes schwierige oder egoistische Verhalten eines Elternteils spricht für narzisstische Eltern/Elternteile. Worauf es ankommt, ist ein überdauerndes Muster im Umgang miteinander, das deutliche Züge von Selbsterhöhung und Fremdabwertung zeigt. Die eigenen Bedürfnisse, die eigene Sichtweise und der individuelle Stellenwert werden immer wieder über die Wünsche und Wertigkeiten anderer Personen (auch Kinder) gestellt.
Hohe Ich-Zentrierung bei narzisstischen Eltern

Narzisstische Eltern werden im Alter ebenfalls zunehmend auf Unterstützung angewiesen sein – alte Beziehungsmuster verschwinden dadurch jedoch nicht. © Sage Ross under cc
Narzisstische Väter/narzisstische Mütter betrachten das Familienleben stark aus der Perspektive ihrer eigenen Bedürfnisse, Gefühle und Erwartungen. Die Kinder werden dabei sozusagen zu Statisten im Leben der Eltern. Ihre Aufgabe besteht vor allem anderen darin, bestimmte Rollen zu erfüllen und das Selbstbild des Elternteils sowie seine Emotionalität zu stabilisieren. Die nachfolgenden Punkte gehen damit einher:
- Starkes Bedürfnis nach Anerkennung: Das Kind soll bestätigen, bewundern und stolz machen.
- Bedingte Zuwendung: Nähe und Anerkennung hängen davon ab, ob das Kind die Erwartungen erfüllt und sich zusprechend verhält.
- Geringe emotionale Empathie: Die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes treten immer wieder hinter denen des Elternteils zurück. Für die Emotionen des Kindes wird wenig bis gar kein Verständnis erbracht. Das Kind soll „funktionieren“.
- Anspruchsdenken: Das Kind soll verfügbar, loyal und dankbar sein – auch als erwachsene Person.
- Schwierigkeiten mit Grenzen: Ein Nein oder Rückzug wird als Kränkung und Undankbarkeit verstanden.
- Kontrolle: Entscheidungen, Beziehungen sowie allgemein die Lebensgestaltung des Kindes werden stark kommentiert und sogar beeinflusst.
- Schuldgefühle als Bindungsmittel: „Nach allem, was ich für dich getan habe …“ Es werden Schuldgefühle erzeugt, Vorwürfe getätigt und Beschämung erzeugt, damit das Kind „in der Spur bleibt“.
- Schuldumkehr: Eigenes verletzendes Verhalten wird relativiert, während das Kind zum eigentlichen Problem erklärt wird. Ernstgemeinte Entschuldigungen oder eine real gefühlte Einsicht gibt es nicht.
- Hohe Kritikempfindlichkeit: Widerspruch kann Abwertung, Verärgerung oder auch Rückzug auslösen.
Kind wird in Entwicklung gehemmt
Kinder narzisstischer Eltern können sich nicht frei entfalten. Eine wachsende Eigenständigkeit wird seitens der Eltern im Prinzip als Verrat an ihnen erlebt. Die Kinder müssen ihnen zusprechen und sich unterordnen. Bei vielen von ihnen gestaltet es sich so, dass sie später zum People Pleasing neigen: Sie orientieren sich übermäßig daran, was andere brauchen und erwarten, während es ihnen schwerfällt, die individuellen Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen, geschweige denn ihnen Raum zu geben. Begonnen haben sie in der Kindheit einst als Parent Pleaser, weil sie früh lernen mussten, dass das Erfüllen elterlicher Erwartungen weniger Konflikte versprach.
Verschiedene Punkte können damit einhergehen, wenn man in einer Familie mit narzisstischen Elternteilen aufgewachsen ist:
- Instrumentalisierung: Das Kind bekommt eine bestimmte Funktion – beispielsweise als Versorger, Vermittler, emotionaler Stabilisator oder Aushängeschild.
- Starre Geschwisterrollen: Kinder werden miteinander verglichen, unterschiedlich behandelt und mitunter sogar gegeneinander ausgespielt.
- Fokus auf Außenwirkung: Wie die Familie nach außen erscheint, ist wichtiger als das Erleben innerhalb der Familie.
Allgemein lässt sich zusammenfassen, dass es Schwierigkeiten mit der Autonomie des Kindes gibt. Je selbstständiger das Kind wird, desto stärker treten Kontrolle, Schuldappelle sowie auch Abwertung auf. Selbst bei vielen erwachsenen Kindern bleibt die ursprüngliche Funktion innerhalb des Familiensystems weiterhin stabil. Die damit zusammenhängenden Gefühle ebenso.
Werden narzisstische Eltern nun alt, haben viele erwachsene Kinder einen Zwiespalt zwischen einer gefühlten Fürsorgepflicht, den eingeimpften Schuldgefühlen und der Befreiung, die sie sich über die letzten Jahre so hart erkämpft haben.
Wenn narzisstische Eltern alt werden
Im höheren Alter sind vermutlich die meisten Menschen in irgendeiner Form stärker auf andere angewiesen. Die besondere Problematik bei narzisstischen Eltern oder Elternteilen liegt jedoch in einer möglichen Funktionalisierung dieser wachsenden Hilfsbedürftigkeit: Sie kann genutzt werden, um alte „Ansprüche“ an Verfügbarkeit und Loyalität neu zu legitimieren. Was früher mit „Ich bin deine Mutter/dein Vater“ eingefordert wurde, erhält nun durch Krankheit und Gebrechlichkeit ein zusätzliches Gewicht: „Du kannst mich jetzt doch nicht alleine lassen.“
Erwachsenen Kindern narzisstischer Mütter und Väter könnten solche typischen Situationen bekannt vorkommen:
Die elterliche Bedürftigkeit bekommt Vorrang
Mit höherem Alter wird sich sehr wahrscheinlich die ohnehin bestehende Ich-Zentrierung weiter auf die eigene Hilfsbedürftigkeit verlagern.
- Fremde Bedürfnisse/Alltagsanforderungen zählen nicht: Beruf, Familie bzw. allgemein die Belastungsgrenzen des erwachsenen Kindes werden nachrangig behandelt. Es scheint mitunter so, als wären narzisstische Eltern nicht fähig, die Perspektive des Kindes wahrzunehmen bzw. zählt diese für sie nicht.
- Hilfe wird erwartet statt ausgehandelt: Nicht nur ob, sondern auch wie und wann geholfen wird, soll der Elternteil bestimmen. Schnell wird die Hilfe selbstverständlich. Was gestern noch eine besondere Unterstützung war, wird heute bereits vorausgesetzt.
- Andere Familien werden zum Vergleich herangezogen: „Frau X‘ Tochter kommt jeden Tag.“ Es wird sich bei Personen im Umfeld beklagt, dass die Tochter oder der Sohn nicht helfen oder zu selten da sind (selbst wenn dies überhaupt nicht der Fall ist).
- Frühere Fürsorge wird zur Rechnung: „Ich habe schließlich mein ganzes Leben für dich gesorgt.“ Die Versorgung des eigenen Kindes wird rückblickend wie eine Vorleistung behandelt, aus der sich nun ein Anspruch auf Gegenleistung ableitet. Gegebenenfalls wird professionelle Unterstützung abgelehnt. Pflegedienst, Haushaltshilfe oder Fahrdienst wären möglich, dennoch soll das Kind diese Arbeiten kostenfrei übernehmen (oder Ehepartnerin/Ehepartner sollen dafür rund um die Uhr zur Verfügung stehen).
- Ein Nein wird persönlich genommen: Aus „Ich kann heute nicht“ wird „Du lässt mich im Stich“. Die Grenze des erwachsenen Kindes wird nicht als Grenze seiner Belastbarkeit verstanden, sondern als Zurückweisung bzw. mangelnde Loyalität. Zieht das Kind dennoch eine Grenze, folgen Vorwürfe, Schweigen, Abwertung, Rückzug und häufig auch eine demonstrative Hilflosigkeit.
- Exklusivitätsanspruch: Partner*innen, Kinder, Beruf und Freizeit des erwachsenen Kindes werden als Konkurrenz erlebt. Krisen verlangen eine sofortige Verfügbarkeit. Selbst kleinere Probleme werden derart vermittelt, dass das Kind alles stehen und liegen lassen soll.
Emotionaler Druck auf das erwachsene Kind

Auch im Alter der Eltern tragen sich alte Familienrollen oft weiter: Während ein Kind selbstverständlich zuständig sein soll, bleiben andere weitgehend frei von Verantwortung. © Phil Scoville under cc
Aus der steigenden Hilfsbedürftigkeit narzisstischer Eltern im Alter wird zunehmend eine emotionale Verpflichtung. Diese ist keinesfalls für alle Kinder in der Familie gleich.
- Geschwister werden oft unterschiedlich verpflichtet: Von einem Kind wird Versorgung erwartet, während ein anderes „zu beschäftigt“, „zu weit weg“ oder angeblich nicht belastbar ist.
- Leistung und Anerkennung fallen auseinander: Gerade das Kind, das am meisten übernimmt, erhält mitunter besonders wenig Anerkennung, weil sein Einsatz als selbstverständlich gilt.
- Das schlechte Gewissen bekommt zusätzliches Gewicht: „Wie kannst du deiner alten Mutter so etwas antun?“
Zwischen Verantwortung, Schuldgefühlen & alten Rollen
Für die sich kümmernden Kinder entstehen nun zwei Teufelskreise, aus denen sich kaum noch ausbrechen lässt:
- Hilfsbedürftigkeit schafft mehr Kontakt: Je mehr organisiert werden muss, desto häufiger muss das erwachsene Kind verfügbar sein – und desto schwieriger kann eine gesunde Distanz werden.
- Endlichkeit verschärft den Konflikt: Darf ich Grenzen setzen, wenn uns vielleicht nicht mehr viel Zeit miteinander bleibt? Das schlechte Gewissen und Schuldgefühle nehmen zunehmend mehr Raum ein.
Die vielleicht schon erarbeitete Abgrenzung zu den narzisstischen Elternteilen wird immer weiter erschwert. Es bleibt kaum Zeit zur Reflexion. Schließlich haben die erwachsenen Kinder neben der Fürsorge für die Eltern auch noch ihr eigenes Leben zu bewältigen bzw. die eigenen Kinder in das Erwachsenenleben zu begleiten.
Narzisstische Eltern unterstützen vs. Abgrenzung
Eines vorweg: Jedes erwachsene Kind darf selbst entscheiden, ob und in welchem Umfang es seine Eltern im Alter unterstützen möchte. Insbesondere nach einer Kindheit, die von Gewalt, Missbrauch oder schweren Grenzverletzungen geprägt war, besteht keine moralische Verpflichtung, erneut Nähe herzustellen oder persönliche Fürsorge zu übernehmen. Auch Alter, Krankheit oder Pflegebedürftigkeit nehmen Betroffenen nicht das Recht, sich vor einer Beziehung zu schützen, die ihnen weiterhin schadet.
Entscheiden sich die erwachsenen Kinder für eine Unterstützung ihrer Eltern, müssen sie eine Balance zwischen Fürsorge und Abgrenzung finden. Das ist keine leichte Aufgabe. Vielmehr muss immer wieder nachjustiert werden, da der Druck durch narzisstische Eltern (so wie in der Kindheit) die eigenen Bedürfnisse verklären kann. Die folgenden Überlegungen können dir helfen, deine Grenzen und Möglichkeiten im Blick zu behalten – auch dann, wenn von außen Druck entsteht:
1. Helfen heißt nicht, alles selbst zu übernehmen
Natürlich benötigen ältere Menschen Hilfe. In diesem Artikel geht es nicht darum, diese abzuwehren. Jedoch liegt ein wichtiger Unterschied darin, wie diese Bedürftigkeit kommuniziert wird und ob diese als Erwartung geäußert oder mit Bitte und Dankbarkeit verknüpft ist.
Beispielsweise könnte ein Elternteil sagen: „Ich schaffe den Einkauf nicht mehr. Kannst du mir bitte helfen, eine Lösung zu finden?“ Eine gegenteilige Botschaft würde auf einer Erwartung basieren, die offen ausgesprochen oder subtil vermittelt werden kann: „Wie soll ich den Einkauf nur schaffen? Und keiner hilft, nicht einmal die eigenen Kinder!“ In diesem Fall wird aus einem Bedürfnis ein Vorwurf oder eben auch Anspruch.
Vor allem schwierig wird es, wenn seitens der Eltern Alternativen abgelehnt werden. Ein Pflegedienst könnte bestimmte Aufgaben übernehmen, Essen könnte geliefert oder ein Fahrdienst organisiert werden, aber akzeptiert wird ausschließlich die persönliche Hilfe des Kindes oder Ehepartners/Ehepartnerin.
Tipp 1: Du entscheidest, welche Hilfe du leisten kannst

Das eigene Leben erfährt durch die Pflege der Eltern mitunter deutliche Einschränkungen. © Aine under cc
Eine hilfreiche Unterscheidung in Bezug auf „Helfen, aber nicht alles übernehmen“ lautet: Braucht mein Elternteil meine Hilfe – oder braucht mein Elternteil Hilfe? Ein erwachsenes Kind muss nicht jede notwendige Unterstützung persönlich leisten, um fürsorglich zu handeln. Eltern können Hilfe von außen ablehnen, aber sie können nicht darüber bestimmen, was du ausgleichend dafür tragen sollst.
Tipp 2: Tatsächlichen Bedarf klären
Insbesondere narzisstische Eltern oder Elternteile können Krankheiten bzw. Gebrechlichkeit mitunter nutzen, um sich mehr Aufmerksamkeit und Einfluss zu sichern. Das soll keine böswillige Unterstellung sein und bedeutet keineswegs, dass Beschwerden nicht real sind. Entscheidend ist, welche Funktion die Erkrankung innerhalb der Beziehung bekommt: Wird Hilfsbedürftigkeit besonders betont, werden Beschwerden dramatisiert oder wird Krankheit gezielt dann ins Spiel gebracht, wenn das erwachsene Kind Grenzen setzt, kann sie zu einem wirksamen Mittel werden, um Verfügbarkeit und Fürsorge einzufordern.
Dementsprechend entsteht so für erwachsene Kinder die schwierige Aufgabe, zwischen tatsächlichem Hilfebedarf und emotional erzeugtem Handlungsdruck zu unterscheiden.
2. Alte Geschwisterrollen ausblenden
Wenn Eltern hilfsbedürftig werden, treten (wie oben bereits erwähnt) alte Rollen unter Geschwistern häufig deutlich hervor. Ein Kind organisiert Arzttermine, telefoniert mit der Pflegekasse, kauft ein, fährt regelmäßig vorbei und ist im Notfall erreichbar. Ein anderes hält sich weitestgehend heraus.
In narzisstisch geprägten Familien muss diese unterschiedliche Unterstützung keineswegs dazu führen, dass das engagierte Kind nun eine besondere Anerkennung bekommt. Tatsächlich ist häufig sogar das Gegenteil der Fall: Ein Kind darf sich freimachen und sein eigenes Leben leben, während von dem anderen wie selbstverständlich erwartet wird, dass es funktioniert und da ist. Gleichzeitig wird gerade das weniger engagierte Geschwister weiterhin bewundert und idealisiert.
Ungleichheit unter Geschwistern bleibt
Das verantwortungsbewusste Kind erlebt im Zuge dessen eine bittere Diskrepanz: Seine Leistung ist groß, sein Status innerhalb der Familie verändert sich dadurch aber kaum. Möglicherweise finden darüber hinaus seitens narzisstischer Eltern vorgenommene Vergleiche zwischen den Kindern sowie Triangulation statt – also der Versuch, Geschwister gegeneinander auszuspielen, Bündnisse zu schaffen oder über Dritte Druck auf ein Kind auszuüben.
Das kann so weit gehen, dass Geschwister plötzlich anrufen und sagen: „Mama hat erzählt, dass du kaum noch da bist.“ Statt Unzufriedenheit direkt mit dem betreffenden Kind zu besprechen, wird ein Geschwisterteil einbezogen, das nun – bewusst oder unbewusst – zusätzlichen Druck ausübt. So kann aus einem Konflikt zwischen Elternteil und Kind schnell eine Dynamik entstehen, in der sich das Kind plötzlich gegenüber der ganzen Familie rechtfertigen muss.
Dieses Ungleichgewicht innerhalb einer dysfunktionalen Familie sorgt sowohl für eine ungleiche Aufgabenverteilung als auch für die Fortschreibung alter Familienrollen, die überaus belastend für die benachteiligen Kinder sind.
Tipp: Nicht länger um Gleichbehandlung kämpfen
Betroffene Kinder dürfen nicht in den Teufelskreis geraten, die alte Rollenverteilung durch noch mehr Einsatz korrigieren zu wollen. Wer innerhalb der Familie seit Jahrzehnten als das „zuständige“ Kind gilt, wird durch zusätzliche Leistung nicht zwangsläufig mehr Zuneigung erfahren. Meistens ist sogar das Gegenteil der Fall: Je mehr du wie selbstverständlich übernimmst, desto selbstverständlicher wird dein Einsatz wahrgenommen.
Es könnte nützlich sein, deine Unterstützung von der Bewertung durch Eltern und Geschwister zu entkoppeln. Damit einhergehend versuche, den Druck von außen nicht an dich herankommen zu lassen. Du musst niemandem zeigen, was du alles tust. So schwer es auch fällt, wenn andere ihre Erwartungen an dich herantragen, überlege dir: „Was bin ich bereit zu übernehmen – unabhängig davon, was meine Geschwister tun und wie meine Eltern das bewerten?“
Was andere Geschwister leisten, was ihnen zugestanden wird und wie die Eltern dies bewerten, muss nicht länger der Maßstab für das eigene Handeln sein. Versuche, dich von den an dich herangetragenen Bewertungen zu lösen und stattdessen deine eigenen Werte zum Maßstab zu machen: Welche Form der Unterstützung fühlt sich für dich richtig an? Was möchtest du geben – und was kannst du leisten, ohne dabei beständig über deine Grenzen zu gehen?
3. Schlechtes Gewissen vs. Grenzziehung
Ein 40-jähriger Elternteil, der eine Grenze überschreitet, wird anders wahrgenommen als derselbe Mensch mit 80 Jahren. Alter, Krankheit und Gebrechlichkeit erzeugen Mitgefühl – zu Recht. Aus diesem Grund wird auch Abgrenzung schwieriger. Viele erwachsene Kinder fragen sich in dem Zusammenhang:
- Darf ich meiner alten Mutter wirklich sagen, dass ich heute nicht komme?
- Muss ich meinen Vater pflegen, obwohl unsere Beziehung immer schwierig war?
- Bin ich egoistisch, wenn ich einen Pflegedienst möchte?
- Darf ich meinen Kontakt reduzieren, obwohl mein Elternteil einsam ist?
- Was ist, wenn meine Mutter stirbt und ich später bereue, nicht mehr getan zu haben?
Wer bereits als Kind gelernt hat, sich für das Wohlergehen des Elternteils verantwortlich zu fühlen, ist für solche Schuldgefühle vor allem empfänglich.
Tipp 1: Abhängigkeitsverhältnis hinterfragen

Aktiv zu bleiben, kann im Alter viel Lebensqualität erhalten – ebenso wichtig ist es, Unterstützung anzunehmen, wenn die Kräfte nachlassen. Oft kommt diese aus der Familie. © Vee under cc
Während die Eltern immer öfter vom erwachsenen Kind abhängig werden, kann das Kind emotional weiterhin stark unter ihrem Einfluss stehen. Objektiv besitzt das erwachsene Kind also heute viel mehr Entscheidungsfreiheit. Subjektiv kann es sich trotzdem wieder wie das abhängige Kind fühlen.
Ein offener oder subtiler Vorwurf (Sätze wie: „Von meinem Kind hätte ich das nicht erwartet“) kann genügen, um alte Schuldgefühle sofort zu aktivieren. Der körperlich abhängige Elternteil besitzt dadurch weiterhin erhebliche emotionale Macht.
Das erklärt auch, warum erwachsene Kinder narzisstischer Eltern (oder auch allgemein stark selbstbezogener Eltern) manchmal weit über ihre Belastungsgrenzen hinausgehen. Sie reagieren nicht ausschließlich auf die gegenwärtige Situation, denn alte Beziehungserfahrungen tragen sich in das aktuelle Miteinander mit hinein: Ich darf sie nicht enttäuschen. Ich muss mich kümmern. Ich bin verantwortlich.
Folglich: Mache dir bewusst, dass das Gefühl, einem Elternteil gehorchen oder ihn zufriedenstellen zu müssen, aus einer Zeit stammt, in der du von ihm abhängig warst. Heute bist du es nicht mehr. Du kannst dich also in belastenden Situationen fragen: Was würde ich entscheiden, wenn ich keine Angst vor Vorwürfen oder Enttäuschung hätte? So schaffst du es eher, die heutige Entscheidung von alten Beziehungsmustern zu trennen und stärker danach zu handeln, was du wirklich möchtest und leisten kannst.
Tipp 2: Klare Strukturen festlegen
Mitgefühl und Verantwortung sind zwei Dinge, die nicht dasselbe sind und durchaus gleichzeitig nebeneinander gelten können. Beispiele dafür:
- Meine Mutter ist hilfsbedürftig – aber ich kann nicht täglich für sie da sein.
- Mein Vater ist einsam – aber ich bin nicht allein dafür verantwortlich, seine Einsamkeit zu beenden.
- Meine Eltern brauchen Unterstützung – aber diese Unterstützung darf auch von anderen Menschen kommen.
- Mein Elternteil ist alt – aber verletzendes Verhalten bleibt trotzdem verletzend.
- Ich kann Mitgefühl haben – und dennoch Grenzen setzen.
- Ich kann helfen – ohne jede Forderung erfüllen zu müssen.
Grenzen zu setzen, steht logischerweise nicht zwangsläufig für Verrat oder Kontaktabbruch, selbst wenn narzisstische Eltern dich das so fühlen lassen können. Eine gesunde Grenzziehung kannst und solltest du vornehmen und zwar anhand möglichst konkreter Strukturen, damit diese nicht immer wieder verschwimmen:
- einmal wöchentlich einkaufen statt jederzeit verfügbar sein
- feste Telefonzeiten vereinbaren
- Arzttermine organisieren, aber nicht jeden persönlich begleiten
- Aufgaben zwischen Geschwistern verteilen
- professionelle Pflege oder Haushaltshilfe einbeziehen
- auf Schuldappelle nicht mit zusätzlicher Leistung reagieren
- Gespräche beenden, wenn sie abwertend oder verletzend werden
Solche klaren Strukturen helfen nicht nur dir, sondern geben auch deinen Eltern Orientierung und Verlässlichkeit. Statt immer wieder neu aushandeln zu müssen, wie viel Hilfe genug ist, gibt es konkrete Absprachen, an denen du dich orientieren kannst. Das kann auch das diffuse Geflecht aus Erwartungen, Vorwürfen und Schuldgefühlen entwirren: Du musst nicht bei jeder Forderung neu entscheiden, sondern kannst dich auf das berufen, was du für dich als tragfähige Grenze festgelegt hast.
Was schulde ich meinen Eltern?
Hinter vielen dieser Konflikte steht letztlich eine viel größere Frage: Was schulden erwachsene Kinder ihren Eltern?
„Sie haben mich schließlich großgezogen“ kann sich wie eine lebenslange Rechnung anfühlen. Doch die Versorgung eines Kindes gehört zur elterlichen Verantwortung. Daraus entsteht kein automatischer Anspruch darauf, dass dieses Kind Jahrzehnte später sein eigenes Leben zurückstellt.
Natürlich können erwachsene Kinder ihre Eltern unterstützen. Sie können Zeit schenken, Pflege organisieren, begleiten und Verantwortung übernehmen. Aber Fürsorge muss nicht bedeuten, die persönlichen Grenzen aufzugeben. Neben der Frage: „Was braucht mein Elternteil?“, sollte auch immer eine zweite stehen: „Was kann und möchte ich geben, ohne mich selbst dabei zu verlieren?“
Erwachsene Kinder, die narzisstische Eltern/Elternteile haben, stehen damit vor einer schwierigen Entwicklungsaufgabe: Im Alter wird der Elternteil objektiv abhängiger, während das erwachsene Kind versuchen muss, emotional unabhängig zu bleiben. Dazu gehört es, Grenzen zu setzen und die Beziehung als Verhältnis zwischen zwei gleichberechtigten Erwachsenen zu begreifen – statt innerlich wieder in die Rolle des Kindes zurückzufallen, das funktionieren bzw. die Erwartungen des Elternteils erfüllen muss.
Hinweise zu der von der Einwilligung mitumfassten Erfolgsmessung, Protokollierung der Anmeldung und deinen Widerrufsrechten erhältst du in unserer Datenschutzerklärung.