Narzissmus & Lügen stehen nicht selten in einem unmittelbaren Zusammenhang. Das wissen Betroffene von einer toxischen Partnerschaft mit narzisstischen Personen nur allzu gut. In diesem Artikel betrachten wir, inwieweit Narzisstinnen/Narzissten häufiger lügen und warum sie das tun. Außerdem zeigt eine psychologische Studie, wie man sie wahrscheinlicher dazu bringen kann, die Wahrheit zu sagen.

Narzissmus Lügen: Lügen Narzissten häufiger?

Tatsächlich gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass stärker ausgeprägte narzisstische Persönlichkeitsmerkmale mit einer größeren Bereitschaft zu Unehrlichkeit einhergehen. In einer experimentellen Untersuchung mit 70 Studierenden zeigte sich dies besonders dann, wenn die Teilnehmenden durch eine Täuschung selbst profitieren konnten.

In einer Aufgabe konnten sie gegenüber einem virtuellen Mitspieler verschweigen, wie viele Punkte in Wirklichkeit zur Verfügung standen, und dadurch mehr Punkte für sich behalten. Dabei zeigte sich: Je stärker die narzisstischen Merkmale ausgeprägt waren, desto mehr Punkte verschwiegen die Teilnehmenden und behielten diese für sich. Auch die eigene Einschätzung, besonders gut lügen zu können, hing damit zusammen, wie stark sie in dem Experiment täuschten.

Die Studie deutet darauf hin, dass narzisstische Merkmale vor allem dann mit Unehrlichkeit zusammenhängen, wenn die Täuschung einen persönlichen Vorteil verspricht.

Höhere Bereitschaft zu Fehlverhalten

Mann mit Brille legt Frau Arm um die Schultern

Bei Narzissmus können Lügen dazu dienen, die eigene Version der Realität durchzusetzen. © Jacob Bøtter under cc

Eine weitere Forschungsarbeit kam zu dem Ergebnis, dass Personen mit stärker ausgeprägten narzisstischen Merkmalen eher bereit waren, zu lügen, zu betrügen und zu stehlen als Menschen mit geringeren Narzissmuswerten.

Die Forschenden untersuchten insbesondere grandiosen Narzissmus und die Frage, ob bestimmte narzisstische Eigenschaften mit unethischen Entscheidungen zusammenhängen. Im Mittelpunkt standen Situationen, in denen die Teilnehmenden einen persönlichen Vorteil erzielen konnten, dafür jedoch moralische oder soziale Regeln verletzen mussten.

Über die drei Untersuchungen hinweg zeigte sich ein ähnliches Muster: Je stärker narzisstische Merkmale ausgeprägt waren, desto größer war die Bereitschaft, sich zum eigenen Vorteil unethisch zu verhalten.

Anspruchsdenken begünstigt unethisches Verhalten

Eine Rolle beim Zusammenhang zwischen Narzissmus und Lügen könnte das für narzistische Merkmale typische Anspruchsdenken (Entitlement) spielen. Dahinter steckt die Vorstellung: Mir steht mehr zu als anderen. Menschen mit ausgeprägtem Anspruchsdenken erwarten eher eine besondere Behandlung oder empfinden bestimmte Vorteile als etwas, das ihnen zusteht.

Eine Studie fand einen Zusammenhang zwischen stärkerem narzisstischen Anspruchsdenken und unethischen Entscheidungen zum eigenen Vorteil. Das lässt sich psychologisch gut nachvollziehen: Wer überzeugt ist, etwas verdient zu haben, kann leichter rechtfertigen, dafür auch Regeln zu übertreten oder die Interessen anderer zurückzustellen.

Das eigene Verhalten muss sich dann subjektiv gar nicht zwangsläufig unfair anfühlen. Aus „Ich verschaffe mir einen ungerechtfertigten Vorteil“ kann innerlich beispielsweise „Eigentlich steht mir das ohnehin zu“ werden. Anspruchsdenken kann folglich eine Art Rechtfertigung dafür liefern, warum die individuellen Interessen in diesem Moment wichtiger sein sollen als die Regeln, die ursprünglich für alle gelten.

Wie wir Fehlverhalten vor uns rechtfertigen

Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir eine Vorstellung davon, was richtig und was falsch ist. Diese moralischen Überzeugungen beeinflussen unser Verhalten: Handeln wir entsprechend unserer Werte, fühlen wir uns meist gut damit. Verstoßen wir dagegen, können Schuldgefühle oder Selbstkritik entstehen.

Trotzdem verhalten sich Menschen manchmal unfair oder unehrlich – ohne sich deshalb selbst als schlechten Menschen zu betrachten. Damit beides zusammenpasst, finden wir Erklärungen für unser Verhalten. Wir reden es beispielsweise kleiner, geben anderen eine Mitschuld oder überzeugen uns davon, dass wir einen guten Grund dafür hatten.

Auf diese Weise lässt sich problematisches Verhalten mit dem eigenen positiven Selbstbild vereinbaren. Diesen psychologischen Vorgang bezeichnet man als Moral Disengagement – vereinfacht gesagt: Wir finden einen Weg, unser Verhalten vor uns selbst zu rechtfertigen. Das Konzept geht auf Albert Banduras Theorie des Moral Disengagement zurück.

Acht Wege, sich Fehlverhalten schönzureden

Geschäftsmänner in der Rückansicht

Narzissmus und Lügen können auch im Arbeitskontext zusammenhängen: Studien deuten darauf hin, dass ausgeprägte narzisstische Merkmale mit häufigerem unehrlichen und unethischen Verhalten verbunden sein können. © Anthony Easton under cc

Typischerweise werden acht Mechanismen des Moral Disengagement unterschieden. Sie haben gemeinsam, dass das eigene problematische Verhalten gedanklich leichter akzeptierbar wird:

  • Moralische Rechtfertigung: Das eigene Verhalten wird mit einem vermeintlich guten oder wichtigen Grund gerechtfertigt. Statt „Das war falsch“, eher: „Ich musste das tun, um meine Familie zu schützen.“
  • Beschönigende Sprache: Durch die Wortwahl erscheint problematisches Verhalten weniger schlimm. Aus einer Lüge wird eine „Notlüge“, aus Betrug eine „kleine Schummelei“ und aus einer Beleidigung ein „ehrliches Wort“.
  • Vorteilhafter Vergleich: Das eigene Verhalten wird mit etwas Schlimmerem verglichen und wirkt dadurch plötzlich weniger problematisch: „Andere machen viel schlimmere Dinge.“
  • Verschiebung der Verantwortung: Die Verantwortung wird einer anderen Person oder äußeren Umständen zugeschrieben: „Ich hatte keine andere Wahl“ oder „Mein Chef wollte es so.“
  • Verteilung der Verantwortung: Wenn mehrere Menschen beteiligt sind, lässt sich die eigene Verantwortung leichter relativieren: „Die anderen haben schließlich auch mitgemacht.“
  • Folgen herunterspielen oder ignorieren: Die Auswirkungen des eigenen Handelns werden kleingeredet oder ausgeblendet: „So schlimm war es doch gar nicht“ oder „Es ist doch niemandem wirklich etwas passiert.“
  • Entmenschlichung: Die betroffene Person wird abgewertet bzw. ihr werden menschliche Eigenschaften und Bedürfnisse weniger zugestanden. Dadurch fällt es leichter, ihr gegenüber rücksichtslos zu handeln.
  • Schuldzuweisung an das Opfer: Die Verantwortung für das eigene Fehlverhalten wird teilweise oder vollständig der betroffenen Person zugeschrieben: „Wenn er sich nicht so verhalten hätte, wäre das gar nicht passiert.“

Kognitives Uminterpretieren

Das Interessante bei dieser kognitiven Uminterpretation ist: Die eigenen moralischen Regeln müssen dafür nicht aufgegeben werden. Stattdessen wird das eigene Verhalten so erklärt, relativiert bzw. umgedeutet, dass es scheinbar nicht mehr gegen diese Regeln verstößt. So kann ein Mensch beispielsweise weiterhin überzeugt sein, Ehrlichkeit wichtig zu finden – und sich gleichzeitig erklären, warum die eigene Lüge in diesem speziellen Fall vollkommen gerechtfertigt war.

Narzissten dazu bringen, ehrlicher zu sein?

Was haben nun die acht Wege, sich problematisches Verhalten schönzureden, mit Narzissmus und Lügen zu tun? Lässt sich eventuell die Neigung narzisstischer Personen zu unehrlichem Verhalten beeinflussen? Eben das untersuchten Forschende um den Psychologen Daniel N. Jones in drei Studien mit insgesamt 972 Teilnehmenden. Dabei interessierten sie sich vor allem für Menschen mit unterschiedlich stark ausgeprägten Merkmalen der Dunklen Triade – Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie.

Die Forschenden verglichen zwei unterschiedliche Ansätze. Ein Teil der Teilnehmenden beschäftigte sich mit generell ethischen Regeln und Grundsätzen. Die anderen wurden dagegen darauf vorbereitet, wie Menschen unethisches Verhalten vor sich selbst rechtfertigen – etwa indem sie die Folgen herunterspielen, die Verantwortung von sich weisen oder sich einreden, einen guten Grund für ihr Verhalten zu haben.

Der zweite Ansatz zeigte bei Menschen mit stärker ausgeprägten narzisstischen Merkmalen einen interessanten Effekt: In der ersten Untersuchung äußerten sie stärkere Absichten, sich ethisch zu verhalten. In der zweiten verhielten sie sich tatsächlich ehrlicher. Und in der dritten Untersuchung zeigte sich der Effekt sogar über einen längeren Zeitraum: Nach der Intervention berichteten sie von weniger Lügen.

Psychologische Inokulation bei Narzissmus-Lügen

Den Ansatz in der Studie bezeichnet man als psychologische Inokulation. Die Idee dahinter ist, Menschen vorab mit typischen Rechtfertigungsstrategien vertraut zu machen – sie sozusagen aufzudecken. In der Studie wurde zudem darauf hingewiesen, dass unethisches Verhalten trotz solcher Rechtfertigungen negative Folgen haben und beispielsweise dem eigenen Ruf schaden kann.

Wer solche gedanklichen Auswege nebst Folgen bereits kennt und durchschaut, scheint sie offenbar später weniger leicht nutzen zu können. Warum das ausgerechnet bei stärkerem Narzissmus funktionierte, lässt sich aus der Studie nicht abschließend beantworten. Eine mögliche Erklärung könnte jedoch das Bedürfnis nach einem positiven Selbstbild sein. Menschen, die sich grundsätzlich positiv sehen möchten, müssen einen Weg finden, unehrliches Verhalten mit diesem Selbstbild zu vereinbaren. Rechtfertigungen können diese Funktion erfüllen: „Eigentlich bin ich kein unehrlicher Mensch – aber in diesem Fall hatte ich einen guten Grund.“ Werden solche Rechtfertigungen allerdings bereits im Vorfeld sichtbar gemacht, könnte es schwieriger werden, sie später unbemerkt zur eigenen Entlastung einzusetzen.

Grüne Tasche mit weißer Schrift

Nicht immer ist alles so offensichtlich wie bei dieser Tasche: Narzissmus und Lügen können zu einem schwer durchschaubaren Geflecht aus Halbwahrheiten und Verdrehungen werden. © xentac under cc

Bemerkenswert ist außerdem: Bei Machiavellismus und Psychopathie zeigte sich dieser Effekt nicht in gleicher Weise. Die Inokulation scheint in diesen Untersuchungen also gerade bei stärker ausgeprägten narzisstischen Merkmalen eine besondere Wirkung zu haben und könnte in puncto der Aufdeckung von Lügen bei Narzissmus von Vorteil sein.

Wie du ehrliche Antworten begünstigen kannst

Die Ergebnisse der Studie lassen sich nicht eins zu eins auf Beziehungen oder Alltagsgespräche übertragen. Aus dem Prinzip der psychologischen Inokulation lassen sich jedoch einige Ideen ableiten, die Selbstrechtfertigungen erschweren und ehrliche Antworten wahrscheinlicher machen könnten:

Rechtfertigungen vorwegnehmen

Sprich typische Ausweichmöglichkeiten bereits an, bevor du die eigentliche Frage stellst. Zum Beispiel: „Mir geht es nicht darum, dich anzuschuldigen, du musst nicht versuchen, einen Grund zu finden. Ich will doch nur wissen, was passiert ist.“

Vergleiche nicht mitdiskutieren

Auf „Andere machen das doch auch“ lässt sich ruhig antworten oder besser noch vorwegnehmen: „Verstehe mich richtig: Es geht für mich nicht darum, ob andere das auch machen. Die sind nicht relevant für mich. Mir geht es um diese konkrete Situation.“

Herunterspielen der Folgen erkennen

Aussagen wie „Es ist doch nichts passiert“ beantworten nicht die Frage, ob jemand gelogen oder eine Grenze überschritten hat. Diesem Herunterspielen von problematischem Verhalten kannst du im Vorhinein so begegnen: „Es ist gut, dass nichts passiert ist. Da bin ich sehr erleichtert. Ich möchte trotzdem nur einfach wissen, was sich zugetragen hat.“

Gesichtswahrende Möglichkeit für Ehrlichkeit lassen

Wenn ein Eingeständnis unmittelbar mit Demütigung oder einem massiven Angriff auf das Selbstbild verbunden ist, kann Abwehr wahrscheinlicher werden. Man kann deutlich bleiben, ohne die gesamte Person abzuwerten: „Mir geht es nicht darum, dich als schlechten Menschen darzustellen. Ich möchte wissen, was sich tatsächlich ereignet hat.“

Positive Eigenschaften betonen

Menschen mit narzisstischen Tendenzen sprechen auf positives Zusprechen an. Beispielsweise lässt sich sagen: „Ich weiß, dass dir Gerechtigkeit wichtig ist. Außerdem kannst du Dinge gut einschätzen. Deshalb würde ich gern aus deiner Sicht wissen, was sich zugetragen hat.“

Freundlichkeit ist zielführender

Gerade der letzte Punkt könnte in Bezug auf Narzissmus und Lügen erfolgversprechend sein. Laut den Ergebnissen einiger Studien ist es für Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitszügen wichtig, wie sie von anderen wahrgenommen werden. Sie wollen ihr Gesicht wahren. Narzisstisch motivierten Menschen geht es vor allem um ihren Ruf, ihre Reputation – um ihr Image. Und sie reagieren empfindlich auf Bedrohungen dieser Reputation. Auch aus dem klinischen Kontext ist bekannt, dass Menschen dieser Charaktertendenz sensibel auf Lob und Anerkennung ansprechen. Im Jobkontext oder bei privaten Gesprächen mit narzisstischen Personen wäre eine solche Dialogstrategie eine Möglichkeit, sich diesen Wunsch nach Anerkennung zunutze zu machen. Ansonsten gilt natürlich wie immer, sich von Menschen mit destruktiven, manipulativen Verhaltensweisen bestmöglich fernzuhalten. Weitere Tipps zum Umgang mit narzisstischen Menschen im Gespräch findest du hier: Umgang mit Narzissten – Wenn jedes Gespräch zum Streit wird (1).

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