Blasenbildung in der Wissenschaft

Oder sind wir kooperativ und gesellig, wie Meerschweinchen? © Thomas Stüven under cc
Blasen tendieren dazu sich immer mehr zu verfestigen und je mehr man sich in ihnen bewegt, umso größer der Anteil den ihre Narrative, Deutungen und Sichtweisen in der eigenen Innenwelt einnehmen. Viele Einstellungen prallen da recht unversöhnlich aufeinander, doch es ist unklar, was davon ein reiner Hype ist, der einen Großteil der Bevölkerung überhaupt nicht erreicht, aber durch eine geschickten Umgang mit Social Media künstlich vergrößert wird.
Eine Tendenz wird jedoch in den letzten Jahren immer sichtbarer. Die alten Institutionen, die mit moralischem oder wissenschaftlichen Gewicht sagen, was richtig und was falsch ist, verlieren an Zustimmung. Vielleicht nicht so dramatisch, wie man manchmal hört, dafür aber stetig. Politik, EU, Printmedien und Fernsehen verlieren an Vertrauen, nur das Internet liegt weit abgeschlagen hinter allen.[1]
Etwas starr versucht die Wissenschaft nach wie vor eine Auflösung der diversen entstandenen Narrative, nach dem altbewährten Muster der Fakten. Man sagt, wie es ist und daran orientieren sich dann im Zweifel alle. Doch das ist nicht mehr zwingend so, aus mehreren Gründen. Zum einen gefährden die Einflüsse der Politik und der Privatwirtschaft die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung, die in der Bevölkerung ebenfalls an Vertrauen verliert[2], zum anderen wird immer mehr diskutiert, ob nicht in der Methodik der Wissenschaften selbst Vorselektionen liegen und die so gewonnenen Fakten solche sind, die nur dann gewonnen werden, wenn man eine bestimmte Methode anwendet, die man in der Lebenswelt nicht unbedingt vorfindet.
Darüber hinaus haben die unterschiedlichen wissenschaftlichen Fakultäten ihre jeweils eigene Sprache und Sichtweise und auch ein Vorstellung von ihrem Zuständigkeitsbereich, sowie dem der anderen. So wird Sozial- und Geisteswissenschaftlern von naturwissenschaftlichen KollegInnen gerne mal Unexaktheit und Gerede vorgeworfen, diese wiederum sehen anderes herum Reduktionismus und Unterkomplexität.
Wie sind wir denn nun wirklich? Egoistisch und gierig? Kooperativ und einsichtig? Auch die Antworten der Wissenschaften hierauf sind uneinheitlich, je nach dem ob man Biologen, Soziologen, Psychologen, Anthropologen oder Philosophen fragt. Aber wie sind wir denn nun wirklich?
Wie kriegt man das alles zusammen?
Nun ist es keine Sensation, dass es verschiedene Perspektiven gibt, die Frage ist eher, welche denn nun stimmt. Woran wir uns gewöhnen müssen, ist, dass die Antwort hier lauten sollte, dass es darauf ankommt, für wen etwas stimmt. Wie oben dargestellt, sind zu globale Aussagen – dass wir alle Menschen sind – ebenso wenig zu gebrauchen, wie zu enge – dass wir alle Individuen sind.
Wenn wir uns aber die soziale Blasenbildung mal näher anschauen, sehen wir, dass sich manche Gruppen trefflich streiten können, etwa wenn sie die Frage, ob es Gott gibt oder nicht gibt für ihr Leben als bedeutend einschätzen. Gläubigen Menschen und entschiedenen Atheisten ist dieser Punkt wichtig. Sehr viele andere Menschen berührt diese Frage aber nicht, weil es ihnen im Grunde egal ist. Diese Menschen zucken kurz mit den Schultern und werden sich nicht in eine leidenschaftliche Debatte über die (Nicht-)Existenz Gottes stürzen, andere schreiben dicke Bücher darüber.
Dasselbe ist vorstellbar, wenn es um Themen wie Politik, Wirtschaft, Moral oder Wissenschaft geht, aber auch um Essen, Promihochzeiten, Mode oder Wintersport. Oder wie kooperativ oder egoistisch wir sind. Muss man einfach feststellen, dass die Menschen eben verschieden sind, verschiedene Interessen haben und fertig, oder gibt es auch Einstellungen verschiedener Güteklassen?
Jetzt kommt der schwierige Teil, weil eine gute Antwort lautet: Ja, es gibt verschiedene Güteklassen, aber daraus folgt nicht automatisch, dass diese besser, erfolgreicher oder richtiger sind.
Zunächst einmal gibt es überzeugende Daten dafür, dass Menschen ihre Lebenswirklichkeit unterschiedlich komplex verarbeiten, in der Psychologie wird das Persönlichkeits-Organisationsebene genannt und es gibt signifikante Hinweise darauf, wann jemand auf einer bestimmten Organisationsebene ist und wann nicht. Eine Schwelle markiert die bei uns öfter angesprochene Identitätsdiffusion.
Menschen auf einer höheren Organisationsebene erkennen häufig mehr Zusammenhänge, die sie in ihr Ich integrieren können. Wie öfter ausgeführt, ist unser Alltag mit seiner Vielzahl an stillen und offenen Regeln sehr komplex. Sich in ihm zu bewähren ist schon eine logistische Großtat. Aber nicht alle haben gleiche Chancen und nicht alle interessiert es eine gute Performance abzuliefern, sie wollen tiefer graben, stellen andere Fragen, auch die nach dem Sinn dahinter.
Aber auch Genies bringen nicht alles zusammen, sie erkennen Muster und Zusammenhänge, die anderen verborgen bleiben, aber bekommen diese nicht in den Alltag integriert. Nun ist jemand mit genialen Durchbrüchen auf der einen und psychotischen Zusammenbrüchen auf der anderen Seite vielleicht nicht unbedingt glücklich. Einige der schrulligen Exzentriker gehören zu den glücklichsten Menschen, andere leiden unter grausamen Zwängen. Auf einem Gebiet der Psyche höher entwickelt zu sein, heißt nicht unbedingt, es auf anderen zu sein.
Höher ist nicht unbedingt besser, auch weil man das gesellschaftliche Spiel vielleicht viel kritischer sieht, als jemand, der mit Wonne dieses Spiel spielt und eintaucht. Teile der Existentialisten sind vermutlich sehr weit entwickelt gewesen, aber vor nicht allzu langer Zeit gab es noch die existentielle Depression, bei der man unter der Sinnlosigkeit des Ganzen litt, das man messerscharf erkannt hatte.
Wie sind wir denn nun wirklich? – Egoistisch und gierig? Kooperativ und einsichtig?
Aus der Vielfalt all dieser Positionen bilden sich Ansammlungen von Menschen auf einer ähnlichen Organisationsebene, die häufig die Bedeutung bestimmter Themen als wichtig und unwichtig teilen. Darunter auch die Frage, wie wir denn nun wirklich sind. Es gibt nicht die eine richtige Antwort.
Man wird immer Kronzeugen für die Einstellung finden, dass der Mensch des Menschen Wolf ist, aber eben auch dafür, dass die Menschen grundgute, kooperative Wesen sind, in neuer Zeit mit allerlei Studien garniert. Doch oft fällt beides zusammen. Oxytocin gilt als das Kuschelhormon, es knüpft die Bande nach innen, man ist aber gleichzeitig reserviert bis abweisend Fremden gegenüber. Ist man nun ein warmer, netter Mensch oder kühl und hart, weil man nicht alle gleich behandelt?
Wäre es überhaupt angemessen, allen gegenüber gleich offen, nett und großherzig zu sein? Der Lebenspartner wäre vielleicht nicht begeistert, wenn er seine herausragende Stellung in der Psyche des anderen mit allen teilen müsste. Ob Hormonstudien oder Utopien, nichts hat das Zeug zur eindeutigen Wurzel, auf die sich alles zurückführen lässt, man probiert es aber immer wieder. Die Gene, das Hirn, die Kultur, der soziale Status, die Erfahrung, der Zeitgeist alles spielt eine gewisse Rolle und daraus kann man zig beliebige Storys stricken, die vom Psychopathen bis zur Heiligen reichen, allem dazwischen und noch zur manchmal merkwürdigen Verbindung der extremen Enden.
Gruppen zu bilden und sich wechselseitig zu unterstützen, auch wenn man nicht verwandt ist, ist super, aber auch damit grenzt man andere aus, jene, die die prominenten Merkmale der eigenen Gesellschaft oder Gemeinschaft nicht besitzen. Aber kann man fordern das nicht zu tun? Wer würde sein Kind hungern lassen, für eines, das 1000e Kilometer entfernt lebt und was würden wir von einem solchen Menschen halten?
Es ist gewiss eine Projektion den Traum des einfachen Menschen oder edlen Wilden zu träumen, von dem man meint, er lebe bedürfnisarm und friedlich mit sich, den anderen und der Natur in Einklang, aber die einfache Gleichung höher = besser gilt eben auch nicht. Otto Kernberg:
„Ich stimme Ihnen zu, dass Selbstreflexion und eine ehrliche Suche nach den unbewussten Motivationen das Wissen und den Sinngehalt des Lebens bereichern. Man sagt: „Nur ein erforschtes Leben ist lebenswert.“ Und dabei hat die Psychoanalyse geholfen. Diese forschende Selbstreflexion nach unbewussten Motivationen kann nicht nur zu größerer Selbsterkenntnis führen, sondern kann auch helfen, sich – zumindest teilweise – von den destruktiven Aspekten unterdrückter Konflikte zu befreien. In dieser Hinsicht helfen die Selbstreflexion und die ehrliche Suche nach den eigenen Motivationen der Spiritualität, doch macht dies nicht unbedingt glücklich; es bringt auch den Schmerz und Kummer der Entdeckung, dass wir weniger ideal sind, als wir von uns glauben möchten.“[4]
Die Finnen sind in Studien über die glücklichsten Menschen der Erde weit oder ganz vorne. Sie haben sowohl ein gutes Sozialsystem, das sie trägt und dem sie vertrauen, gleichzeitig sind Finnen aber auch oft allein mit sich oder dem kleinsten Kreis und ziehen sich zurück und haben gelernt, das kleine Glück zu schätzen und zu genießen und Entspannung ist ihnen wichtig. Dort kann man beide Aspekte leben, vielleicht ist es das, dass man in seinem Leben einfach Raum für beide Aspekte haben sollte.
Bei der Entwicklung von Stufe zu Stufe hat es den Eindruck, dass mal die egoistische und mal die soziale Komponente mehr betont wird, bis man zu einer Stufe gelangt, die beides nicht mehr als Gegensatz sieht. Aus dem ‚mir geht es nur gut, wenn ich besser dastehe, als mein Umfeld‘ wird die Frage, was ich denn eigentlich für mein Leben wirklich möchte und brauche, damit ich mich wohl und angekommen fühle. Die Steigerung ist vermutlich die Erkenntnis, dass es mir besonders gut geht, wenn ich dafür sorgen kann, dass es anderen gut geht und auch das nicht tue, weil ich das als Glücksrezept ausprobiere, sondern weil es mir ein inneres Bedürfnis ist.
Auch das ist wichtig, dass wir selbst an unserer Lebensgeschichte mitschreiben können. Leben stößt uns nicht einfach nur zu, sondern wir sind oft in der Lage es mit zu gestalten. Wir sind wir denn nun wirklich? Das können wir auch vielfältige Weise mitgestalten.
Quellen:
- [1] Institutionen: Wem vertrauen die Deutschen noch? von Marzena Sicking, 12. Juni 2021, https://www.arzt-wirtschaft.de/vermischtes/institutionen-wem-vertrauen-die-deutschen-noch/
- [2] Die Grenzen der Forschungsfreiheit – Wie Politik und Wirtschaft die freie Forschung gefährden, Von Matthias Becker · 23.05.2019, https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-grenzen-der-forschungsfreiheit-wie-politik-und-100.html
- [3] Deutsche Post Glücksatlas 2021, https://www.dpdhl.com/de/presse/specials/gluecksatlas.html
- [4] Otto Kernberg in einem Interview mit Susan Bridle, in: Was ist Erleuchtung, Herbst/Winter 2000, S. 134