Wer bin ich?

Baby Kind Erwachsener Greis

So stellt man sich Reinkarnation üblicherweise vor. © new 1lluminati under cc

Denn die Antwort auf die Frage ob ich nach dem Tod weiterleben kann, hängt ja entscheidend davon ab, wer ich denn nun eigentlich genau bin. Sie erscheint zunächst einfach, ich, das ist mein Körper. In ihm, genauer, im Kopf laufen dann auch Gefühls- und Gedankenprozesse ab und all das zusammen, das bin dann ich, eine biologische Einheit.

Auf der anderen Seite bin ich, was ich bin durch Beziehungen. Meine ersten Beziehungen zur Umwelt entscheiden darüber, wie (in)stabil mein Ich ist. Dadurch, dass ich umsorgt werde, meine Eltern im Alltag beobachte und erfahre, wie man miteinander umgeht. Ich lerne, was in ihrem Leben passiert, wichtig ist und was nicht, wie und heftig schnell man, auf wen und was reagiert.

„Mit einfachen Worten könnte man sagen, dass wir von Geburt an die ererbte Fähigkeit der Wahrnehmung, der Erinnerung haben, der Fähigkeit, Repräsentationen von dem, was wahrgenommen wird, zu schaffen, und nach und nach entwickeln wir ein symbolisches Denken und die Fähigkeit zum abstrakten Denken und der Intelligenz. Wir absorbieren, was um uns herum geschieht: Unsere Beziehungen zu Dingen und Menschen. Das Ego ist wie ein Computer, der Informationen absorbiert, sie integriert und lernt, sie in Wichtiges und Unwichtiges zu sortieren, in das was gut und was schlecht, was hilfreich und was schädlich ist.

Wir lernen die Kontrolle unseres eigenen Körpers, und nach und nach lernen wir zu unterscheiden, was in ihm und außerhalb von ihm ist. Und schließlich wird eine innere Welt aufgebaut. Ein Teil davon bleibt in der bewussten Erinnerung haften, im Bewusstsein – ein kleiner Teil. Und ein großer Teil versinkt in die unbewusste Erinnerung, in das, was man das „Vorbewusstsein“ nennt. Das Vorbewusste ist wie ein Reservoir an Informationen, an das wir nicht ständig denken, doch zu dem wir Zugang haben. Und ein Teil sinkt auf eine noch tiefere Ebene, das dynamische Unbewusste oder das Es.

Was ist in diesem dynamischen Unbewussten oder dem Es enthalten? Alles, was das Ego oder Selbst im Bewusstsein nicht dulden kann. Es ist zu intensiv, es ist zu gefährlich und gewöhnlich ist es verboten. Freud sagte, dass das, was besonders intensiv ist und oft verboten wird, frühe sexuelle und auch frühe aggressive Impulse und Wünsche seien.

So hat das Ego die doppelte Aufgabe sowohl des allgemeinen Lernens wie auch des Errichtens einer inneren Welt von Repräsentationen des Selbst und der anderen. Und diese Repräsentationen werden allmählich integriert, und so entwickelt das Ego ein integriertes Selbstgefühl und ein integriertes Gefühl der signifikanten anderen – eine innere Welt der Menschen, die wir lieben und die uns lieben – oder was Joseph Sandler die „repräsentative Welt“ nannte.

Kurz gesagt, das Ego ist der Sitz des Bewusstseins, der Wahrnehmung, der motorischen Kontrolle, der bewussten Erinnerung, des Zugangs zum Vorbewussten. Aber es ist auch – und das ganz grundlegend – der Sitz der Welt verinnerlichter Objektbeziehungen und eines integriertes Selbstgefühls.“[1]

Sprache, Gott und Bakterien

Sprache ist nicht nur die Möglichkeit sein Inneres auszurücken, sondern mit unseren sprachlichen Bildern konstituieren wir Welt. Was wir nicht benennen existiert für uns nicht. Wir könnten an etwas sterben, was wir nicht kennen, etwa als Mensch im Mittelalter an einer bakteriellen Infektion, aber wenn man nicht weiß, was Bakterien sind, interpretiert man den Tod durch diese anders, vielleicht als Strafe Gottes.

Die Geschehnisse mit allen Folgen sind für alle da, auch wenn man ihre genaue Ursache nicht kennt. Aber was ist eigentlich die Ursache, die genaue noch obendrein? Das ist eher ein Sprach- und damit Vorstellungsbild unserer Zeit. Was in einer Zeit sprachlich existiert rückt ins Zentrum, der Rest zunehmend an den Rand. Heute glauben wir nicht mehr an Gott und seine Strafen, dafür an bakterielle Infektionen, die wir auch nachweisen können. Abstrich oder Blutprobe, ab ins Labor, Erregerbestimmung, passendes Antibiotikum und der Spuk ist zu Ende.

Die genaue Ursache ist dann die starke Vermehrung bestimmter krankmachender Bakterien, mit 99% leben wir in Symbiose, wir brauchen sie, damit wir überhaupt leben können – das Gesamtgewicht der uns besiedelnden Bakterien ist mit etwas 2 kg, größer als das des Hirns, dass etwa 1,4 kg wiegt – und wenn dann die krankmachenden Bakterien reduziert werden, sind wir wieder gesund.

Doch so einfach ist es nicht, denn längst hat sich unser Kausalitätsdenken gewandelt. Da ist nicht mehr die eine eindeutige Ursache, nach der es zu genau einer Wirkung kommt, die auf diese zurück geht, sondern es gibt in der Regel ein ganzes Bündel von Ursachen, die sich gegenseitig durchdringen und dabei hemmen und verstärken können. So ist es auch mit den Bakterien, manche erkranken daran, andere nicht. Krankmachende Bakterien und Viren gibt es schließlich überall.

Wie fit das eigene Immunsystem ist spielt eine nicht unerhebliche Rolle, seit Corona wissen wir das alle etwas besser. Aber auch dessen Fitness ist wieder abhängig von zig weiteren Faktoren.

Beim Bild der eindeutigen Ursache zoomen wir in einem Kunstgriff zeitlich und räumlich maximal nahe an ein Ereignis – etwa unsere bakterielle Infektion – heran und behaupten dann, dass alles was in diesem eng umgrenzten Umfeld stattfindet die eigentliche Ursache ist. Also die Infektion und davor die Vermehrung von bestimmten Bakterien in einer bestimmten Region. Aber wer sagt uns eigentlich wie eng der Kreis räumlich und zeitlich zu ziehen ist?

Natürlich ist der zeitlich nahe Kontakt mit krankmachenden Bakterien wichtig, aber wie fit das Immunsystem ist eben auch. Darüber entscheidet wiederum das Lebensalter, wie intakt die engen Beziehungen sind, wie entspannt man gerade ist, ob man eine Radtour entlang eines Flusses im Sonnenlicht gemacht hat oder Walspaziergänge, wie ausgewogen man sich ernährt, wie gut man schläft und so weiter. Auf einmal spielen die letzten Wochen und Monate eine mitentscheidende Rolle. Wirklich monokausale Ereignisse, also eindeutige Beziehungen von genau einer Ursache zu einem Ergebnis, sind seltene Spezialfälle im Leben, die man oft sogar mit viel Aufwand unter Laborbedingungen erzeugen muss. Damit ‚die Realität‘ unseren Welt- und Sprachbildern angepasst werden können.

Und wer bin ich jetzt, der ich nach dem Tod weiterleben möchte, also falls ich das möchte?

Bin ich eine Unterabteilung meiner Gedanken, die in meinem Hirn hergestellt werden? Mein Ich, das lasen wir, besteht aus Repräsentationen von mir und wichtigen anderen, diese produziert mein Gehirn, das in meinem Kopf sitzt. Ein paar Regionen werden immer aktiviert, wenn mein Ich angesprochen wird. Also sitze ich irgendwo in meinem Kopf, was schon schief klingt, weil mein gesamter übriger Körper ja auch zu mir gehört.

Der wird dann, so heißt es, in anderen Regionen meines Hirns repräsentiert. So wie auch die Sprache und alles andere was zum Leben gehört. Nun ist die Sprache allerdings kein rein biologisches Ereignis. Sie wird in der Umgebung gesprochen. Was gesprochen wird ist abhängig von der Umgebung. Andere Sprachen, andere Klimazonen, Geschichten, andere Geografie, anderes Arten des Bewusstseins. Anderes Außen dringt nach Innen, wird zum Ich und seinen Repräsentationen. Wer ich bin ist stark abhängig von vielen Faktoren meiner Umgebung.

Variablen und Konstanten

Aber immerhin, man kann sich irgendwie vorstellen, dass hier Repräsentationen der Umgebung verinnerlicht werden, auch wenn sehr viel Unterschiedliches repräsentiert und zusammen gemischt werden muss. Auf der anderen Seite gibt es jedoch Vereinfachungen und diese wurzeln vielleicht in Konstanten. Es ist jedoch unklar welche das sind. Eine scheint zu sein, über die Möglichkeit zu verfügen ein Ich auszubilden. Allerdings weiß man, dass diese Ich-Bildung durch Störungen, wie häufige Spitzenaffekte behindert werden kann. Aber immerhin, die Tendenz ein Ich zu bilden, ist stark.

Bis vor kurzem hätte man vermutlich noch sagen können, dass sich als Mann oder Frau zu fühlen recht stabile Konstanten sind, doch genau diese Kategorisierungen sind aktuell umstritten. Da dies vor dem Hintergrund bestimmter Weltbilder geschieht, ist die Ausbildung von Weltbildern zur Orientierung vermutlich eine Konstante, nur müssen Weltbilder nicht lebenslang beibehalten werden. Man kann das gleiche Ereignis aus einem Weltbild heraus als Strafe Gottes sehen, aus einem anderen als bakterielle Infektion.

In verschiedenen Weltbildern nimmt auch das Ich eine jeweils unterschiedliche Gestalt an, so dass die Frage wer es ist, der nach dem Tod weiterleben könnte, auch vor diesem Hintergrund zu sehen ist. Zum Ich gehört zwingend auch eine Geschichte, eine erzählte Spur, die aus der Vergangenheit kommt. Der private Mythos der Ich-Erzählung fügt sich dabei in ein gesellschaftliches Narrativ ein. Mehr und oft weniger bewusst schwingen sie alle mit, wenn ich von mir, meiner Geschichte und meinen Vorstellungen, Werten und Träumen rede: ein wenig Familie, Zeitgeist, Produktionsweise, unsere Sprache und Kultur und vieles mehr, so wie die stets dazu gehörenden Grenzen des Bewusstseins.

Doch ist die Art der Sprache und der Argumentation nicht stets von einer gewissen logischen Reihenfolge abhängig, so dass die Logik vor allem anderen eine gewisse Struktur gibt? So setzt ein Ich zu denken, auch sich als Ich wahrzunehmen, die Erfahrung eines anderen, eines Du oder einer Umwelt logisch voraus. Aber wie kommt eine Logik, eine logische Struktur, die über allem schwebt, in die Welt? Wie ordnet sie unser Denken, wie kann sie überhaupt auf es einwirken?

So gibt es eine Menge Fäden, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart reichen und bewirken, dass ich der und so bin, wie ich eben bin. Ohne Spur aus der Vergangenheit könnte ich nicht sein, kein Ich sein. Man kann sich fragen, welche Spuren besonders wichtig sind und welche vielleicht nicht so.