Muss das Leben denn immer ein besonderes sein?

Vier Totenköpfe im Dunkeln

Gedanken an den Tod spielen neuerdings wieder eine Rolle. Das muss nicht nur schlecht sein. © Marco under cc

Klar, viele wollen reich und berühmt werden, Superstar, Topsportler, heute vielleicht Influencerin oder Experte für was auch immer. Einige entdecken aber auch, dass die Nummer kleiner viel besser zu ihnen passt. Immer häufiger gibt es Bücher von Menschen, die aus einer Karriere ausgestiegen sind, die eigentlich gut lief, weil sie merkten, dass das nicht ihr Leben ist. Nach dem vermeintlichen Scheitern ist ihr Leben viel besser.

Das Leben muss nicht außergewöhnlich sein, um gut gewesen zu sein. Bei bald 8.000.000.000 Menschen ist der Wunsch herauszuragen reichlich aufreibend. Ich hörte irgendwann ein Interview mit einem Menschen, dessen weit über 90 Jährige Mutter ihr Leben lang als Hauswirtin gearbeitet hat, das Wort Freizeit kannte sie nicht, unglücklich war sie nicht. Meine Oma ist 98 geworden, hat zwei Weltkriege miterlebt, in den Urlaub ist sie zum ersten Mal jenseits des 60. Lebensjahrs gefahren und das auch nicht sehr oft. Sie hatte aber die Fähigkeit sich an Kleinigkeiten des Lebens zu erfreuen. An den Vögeln, der Sonne, den Kindern.

Von einem Leben mit einer schweren Krankheit trennt man sich leichter, vor dem Tod sinkt dann auch die Angst vor demselben noch einmal deutlich. Doch auch ein Leben was Freude macht, kann einen dazu bringen, dass man das nicht depressive Gefühl hat, dass es irgendwann dann auch mal genug ist.

Existentielle Ängste vor dem Tod

Sie beziehen sich nicht auf die Angst vor dem Sterben, sondern darauf, dass der kurze Moment des Lebens im Angesicht von Jahrmilliarden die hinter dem Kosmos liegen und weiteren, die folgen, an irgendeinem Ort, unbedeutender als ein Staubkorn in einer Kathedrale so unglaublich sinnlos erscheint. Sei das Leben auch noch so bedeutend und erfüllt … wozu das alles?

Für die Existentialisten sind alle Antworten mehr oder minder inauthentische Tröstungsversuche, schiebt man sie beiseite, bleibt die Konfrontation mit dem Absurden übrig und als passende Antwort ein: Dennoch. Ja, es ist verrückt, absurd, aber wir können dennoch unseren eigenen Lebenssinn stiften, sind qua unserer Freiheit dazu aufgefordert, wenn nicht verdammt.

Der Tod ist zurück, doch als er es noch nicht war übten ihn manche sogar ein. Es ist zu einer Praxis einiger Menschen geworden, ein Jahr lang so zu leben, als sei es ihr letztes. Für viele wird ihr Leben so wieder wesentlicher. Auch andere Übungen des bewussten Verzichts können eine ähnliche Wirkung haben, so etwas wie Fasten, Rückzug oder Schweigen für einige Zeit.

Formen des Weiterlebens

Manche tröstet es, dass sie in ihren Kindern weiterleben, doch immer mehr Menschen in unserer Zeit bleiben kinderlos. Sei es, dass Kinder nicht in ihr Leben passten oder als ganz bewusste Entscheidung, weil man meint, dass der Planet schon ächzt oder man in diese Welt keine Kinder setzen möchte.

Im Bewusstsein der Trauernden lebt man weiter, wie schon erwähnt. Zu vererben oder eben der letzte Wille gelten als Versuche den Einfluss auf die Zeit über den Tod hinaus ausdehnen zu können. In früheren Zeiten dachte man öfter als heute an ein weiterleben oder eine Wiederauferstehen irgendwo, als wir das tun. Bei uns lebt man nur einmal und da muss dann auch alles hinein gepresst werden.

Jede Falte, jedes graue Haar ein kurzer Gruß vom Tod, der geglättet und gefärbt wird. Der Psychiater Jan Kalbitzer litt selbst unter Todesangst, im Zeit Interview erzählt er:

„ZEIT ONLINE: Aber macht nicht vielen Menschen einfach der Umstand Angst, dass der Tod der maximale Kontrollverlust ist?

Kalbitzer: Ja, das scheint ein wichtiges Motiv zu sein, auch bei mir. Aber letztlich ist die Frage, wohin einen diese Angst führt. In vielen Bereichen haben wir keine Kontrolle über unser Leben, bilden uns aber ein, wir hätten sie. Der allgemeine Gesundheits- und Zufriedenheitswahn unserer Zeit beruht auf der Vorstellung, wir könnten Dinge, die weitestgehend von Genen, Umweltfaktoren und schlicht Schicksal abhängig sind, durch Sport, Gemüsesmoothies und Meditation unter Kontrolle bringen. Ich glaube, dass viele Menschen in unserer Gesellschaft vor genau dieser Einsicht fliehen: Konsumzwang, das Sichverlieren in sozialen Medien, das Sich-ständig-mit-irgendwas-beschäftigen-Müssen ist Ausdruck davon. Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir uns der Angst stellen. Weil wir nur so der Flucht entkommen und ein vernünftiges Leben leben können. Wenn viele Menschen die Angst nicht weiter verdrängen würden, sondern sie annehmen und danach fragen, woher sie kommt, vielleicht wären wir dann eine reifere Gesellschaft.“[2]

Man kann auch in Ideen weiter leben. Wenn meine Gene in den Nachkommen Informationen sind, dann sind auch gedruckte oder sonst wie konservierte oder gar in die Gesellschaft eingesickerte Informationen Muster, die weiter existieren. Ein Lied, Buch oder Foto.

Doch es geht auch nonverbaler:

„ZEIT ONLINE: Hat sich durch die Suche nach der Angst also auch Ihr Blick auf Ihre Arbeit als Psychotherapeut verändert?

Kalbitzer: Ja, ich habe gemerkt, dass ich noch viel weniger reden muss. Und dass es oft genügt, da zu sein. Aber für dieses Dasein muss man viel tun, man muss ständig präsent sein und aushalten, was im Raum steht. Das kann eine enorme Herausforderung sein.“[3]

Aber womöglich reicht das alles nicht, denn oft wollen wir selbst, so wie wir uns erleben, ja weiterleben. Transhumanistische Unsterblichkeitsprojekte suggerieren uns, dass das geht, wie ernst man das nehmen darf, sei dahingestellt. Molekukarbiologen arbeiten daran, die Alterung oder den Tod abzuschalten, man kann sich drüber streiten, ob das Fluch oder Segen wäre, gelungen ist es bislang nicht.

Aber man kann den Stier auch hier bei den Hörnern packen. Wenn wir uns trauen den narzisstischen Gedanken: ‚Ich bin so wertvoll, ich sollte unbedingt weiter leben‘, zu denken, dann kann man auch versuchen die Frage zu beantworten: Warum eigentlich? Was macht mein Leben so wertvoll, dass es fortgesetzt werden sollte? Die wenigsten von uns werden die Menschheit entschieden weiter gebracht haben, aber wenigstens bei uns selbst können wir spüren, dass der Wert des Lebens oft im Leben selbst besteht.

Man kann ein gewisses Recht auf Leben aus der Tatsache ableiten, dass Leben (in aller Regel) leben will. Schwieriger ist die Frage nach dem Ich. Psychologisch ist es elementar ein Ich zu haben und doch bestehen Mystiker darauf, man könne dieses Ich auch überwinden. Vielleicht gelingt das auf die Dauer besser mit der Egozentrik, als mit dem Ego, da gewisse Ich-Kräfte auch für Mystiker unerlässlich sind. Aber der radikale Abbau der Egozentrik – grob gesagt, für sich selbst keine Sonderrechte abzuleiten – ist ausreichend, um mit allem was lebt, fühlt oder auch einfach ist, identifiziert zu sein. Wer ist da noch der sterben könnte, wenn man in allem ist?

Allerdings, wenn ich nun angestrengt ‚mein Ich‘ überwinden will, damit ‚ich‘ letztlich doch dem Tod ein Schnippchen schlagen kann, agiere ich aus einer Anklammerung heraus, die ganz das ausrückt, was man eigentlich überwinden will.

Ob es andere Formen des Weiterlebens gibt, wissen wir nicht. Unser Weltbild schließt das mehr oder minder aus. Ob unser Weltbild noch so überzeugend funktioniert, wie man vor wenigen Jahrzehnten dachte, wird zunehmend bezweifelt. Auch das kann helfen, wieder an die guten Seiten der Vergangenheit anzuknüpfen. Der Tod ist zurück und auch in Europa kannte man mal einen besseren Umgang mit ihm.

Quellen:

[1] Anni Dietzke im Interview mit dem Direktor der psychiatrischen Klinik für Kinder und Jugendliche der Charité Berlin, Christoph Correll, Angststörung und Panikattacken: 75 Prozent der psychischen Erkrankungen vor dem 24. Lebensjahr, Tagesspiegel 10.06.2020, 14:49 Uhr, https://www.tagesspiegel.de/wissen/angststoerung-und-panikattacken-75-prozent-der-psychischen-erkrankungen-vor-dem-24-lebensjahr/25900350.html

[2] Jan Kalbitzer: „Ich hatte ständig Angst, morgens nicht wieder aufzuwachen“, Die Zeit, Interview: Jakob Simmank, Aktualisiert am 21. März 2022, 15:39 Uhr, https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2019-04/todesangst-sterben-psychologie-jan-kalbitzer/komplettansicht

[3] ebd.