Das Böse fasziniert

Hexe auf dem Dachgipfel

Hexen. Komische Frauen, mit magischen Kräften, das machte vielen Angst. © dierk schaefer under cc

Es ist vielleicht die gewisse Kühle, der Charme, manchmal eine Noblesse, der böse Menschen umweht und auch eine faszinierende Komponente hat. Serienmörder bekommen angeblich Fanpost, gerissene Gauner ebenfalls und in den künstlerischen Darstellungen den Bösen begegnen uns diverse Aspekte. Manchmal ist es der Wüterich, der Klischees übererfüllt, grausam, hässlich, dumm und brutal, leicht zu verachten. Der fette Prolet, der ungewaschen und unrasiert, besoffen die Familie tyrannisiert.

Aber das ist eigentlich nicht das, was uns interessiert. Wenn das Böse das Menschsein übersteigt und Kunst oder Archetypus wird, werden die Darstellungen, Phantasien und Einkleidungen oft deutlich anders. Denken wir an die fiktive Figur Hannibal Lecter: ein hochintelligenter Psychiater und sexuell kannibalistische Serienmörder. Da ist dann so ziemlich alles vereint, was an Ambivalenzen zur Verfügung steht.

Oder an filmische Darstellungen von Mafia Paten. Es wird gessagt, dass reale Mafia Paten mitunter die Filme als Vorbild für ihr Leben und ihre Häuser genommen haben. An der Spitze der bösen Macht begegnen uns keine kraftstrotzenden Kampfmaschinen, es sind Menschen mit Stil und einer manchmal irritierenden Höflichkeit. Sie brüllen nicht, sie sprechen leise. Sie töten selten, sie lassen töten.

Literarisch begegnet uns in Littells Die Wohlgesinnten der überzeugte Nazi, SS-Offizier und Doktor der Juristerei Maximillian Aue, der intelligent und kultiviert ist, Bach hört und auf Erschießungen psychosomatisch reagiert, der homosexuell ist und eine sexuelle Beziehung mit seiner Schwester hat.

Gehen wir weiter zurück, kommen wir am Mephistopheles oder Mephisto nicht vorbei, der Teufel, also das absolut Böse, in Goethes ‚Faust‘. Auch er ist kein Monster, sondern Goethe lässt ihn sich selbst erklären:

„[Ich bin] ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft. …
Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär’s, daß nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz das Böse nennt,
Mein eigentliches Element.“[2]

Ein Feingeist, obwohl es seine Absicht ist, alles radikal zu zerstören.

Zweiheit und Freiheit

In älteren Darstellungen unserer Kultur begegnet uns der Teufel, der Satan im Christentum, aber auch schon jüdischer und persischer Mythologie, sowie bei den Griechen und Römern. Eine schöne Darstellung findet man bei wiki. Dort findet man gemeinsame und trennende Elemente in den Traditionen. Mal ist der Satan eine eigene Kraft, mal ist er abhängig von Gott.

Stets ist er ein Widersacher, Verführer, Versucher, der eine Gegenwelt errichtet. Die Teilung, die Zweiheit finden wir nahezu überall, wenn vom Satan die Ree ist. Explizit, wie im Zoroastrismus oder symbolisch, bei der Schlange des Christentums mit ihrer gespaltenen Zunge. In der Redewendung ‚mit gespaltener Zunge sprechen‘ begegnet uns dieses Bild als Synonym der Lüge, die auch ein Attribut des Bösen ist. Zweiheit, Spaltung, Zweifel, Gegenwelt, das sind Aspekte die mit dem Bösen assoziiert sind. Die Gabelung, die Bockshörner, der gespaltene Huf, die Geste mit nur noch ausgestrecktem kleinen und Zeigefinger verweisen, mal spielerisch, mal ernsthafter auf den Satan.

Doch der Gott der Unterwelt ist ein schrecklicher Gott. Der griechische Hades wird mit Beinamen beschrieben, die einmal seine Furchtbarkeit und Stärke betonen, zum anderen seine Verborgenheit, seine Unsichtbarkeit, er repräsentiert, nicht nur hier, die dunkle Seite des Macht. Wir kennen sie in zahllosen Variationen. Mit ihm weitgehend identisch ist Pluton, eventuell auch Plutos, der Gott des Reichtums. So ganz klar ist es nicht, das Reich der Unterwelt, aber auch die Verschiebung der Grenzen und ihre Infragstellung ist ein Prinzip des Bösen. Dionysos ist so ein Grenzgänger, der Gott des Weines, Rausches, der Raserei, der Zerstückelung, aber auch der Wiederauferstehung. Ein Gott der in Oberwelt und Unterwelt lebt, zweideutig (und vielnamig) wie kaum ein anderer.

Grenzen können nach zwei Seiten hin aufgelöst werden. Man kann zurückfallen in einen Zustand vor einer Differenzierung oder man kann die Polarität überwinden und die Teile zu einem größeren Ganzen integrieren. Das böse Prinzip ist zumeist mit einer Rückkehr in einen prä- oder vordifferenzierten Zustand verbunden. Die Zerstörung, aber auch die Lüge sind Gleichmacher, da nichts mehr gilt, Wert und Bestand hat, außer der puren Macht.

Das ist die Wahl, die man hat, so hört man, in der Gefangenschaft der konventionellen Regeln zu leben, oder eben in der Freiheit dessen, der auf die Regeln pfeift und seine eigenen aufstellt. Das sind dann die des Stärkeren, wobei Stärke eben auch Geschicklichkeit bedeutet. Man braucht Koalitionen, Überredungskunst oder muss, als radikaler Einzelgänger, die anderen wenigstens gut täuschen. Am Ende geht das eher nicht auf und auch die Rechnung mit der Freiheit ist ohne den Wirt gemacht.

Konventionelle Regeln sind zwar gegen die Triebhaftigkeit gerichtet, verlangen vom Einzelnen Gehorsam und Triebverzicht oder mindestens den Aufschub der Triebe, doch auf diese Regeln zu pfeifen heißt zugleich seinen Impulsen ausgeliefert zu sein. Kaum kommt ein genügend starkr Reiz daher kann man nicht – man muss. Freiheit sieht anders aus, aber immerhin ist es Hemmungslosigkeit. Wie sagte Wilber: Hedonismus ist aufreibend.

Das Böse stößt uns ab

So wie der kühl überlegene Pate, der entspannte Psychopath, der es sich leisten kann auch auch gönnerhaft zu sein, weil er weiß, wer die Macht hat und dem Bösen immer wieder auch eine stilvolle Seite gibt, so gibt es eine ganz Reihe Darstellungen in denen das Böse Ekel und Abscheu erregt. Das soll villeicht verhindern, dass man sich identifiziert, manchmal ist es auch eine Verarbeitung, wenn man das Böse nicht besiegen kann. Man kann sich dann immerhin drüber lustig machen.

Hässlich ist das Böse dann, erinnert in Darstellungen oft an einer Mischung aus geiferndem Monster, Reptil und Insekt. Kalt und glitschig stellt man es sich vor. Verschlagen, habgierig, aber ältlich und krumm. Mit gebogener Nase oder krummem Rücken, der Hexe darf die dicke Warze nicht fehlen. Oder eben als der schwitzende, stinkende Unsympath.

Dieses Böse wird dann oft triebhaft, geil und gierig dargestellt, so soll man nicht sein. Zurückgeworfen auf seine Kreatürlichkeit, bei der man, so wird suggeriert, seine Würde verliert, mindestens aber seine Ehre. Das so entwertete Böse kann man selbst hassen. Das ist allerdings die Gefahr, dass man, um das Böse abzuwehren, die Mittel des Bösen anwendet. So hat das böse Prinzip auch dann gesiegt, wenn es besiegt wurde. Man hat sich gewissermaßen selbst infiziert. Eine schwierig zu handhabende Gratwanderung. Wenn man für den Frieden quält und foltert, ist man abgestürzt.

Darum wird auch so selten verstanden, dass es Menschen die Terror verbreiten und Zwietracht säen wollen, gar nicht unbedingt darum geht, ein übergeordnetes Ziel zu erreichen, sondern Terror und Zwietracht sind das Ziel. Man kann sich oft nicht vorstellen, dass genau diese Stimmung für manche Menschen das Umfeld ist, in dem sich sich wohl fühlen.

Böse, irre oder krank?

Das erscheint uns sonderbar, bis verrückt. Aber auch das ist eine Entidentifikation, man will sich das Böse vom Leib halten. Wenn der böse Mensch krank ist, sind wir oft eigenartig erleichtert. Als würde es das besser machen. Was besser geht, ist die Beschäftigung damit wegzuschieben. Ein Kranker, ein Irrer, ein einzelnes, aus der Art geschlagenes Monster. Bei Anschlägen war das in Mode, zu fragen, ob die Tat einen krankhaften oder terroristischen Hintergrund hatte. Das sind falsche Fragen.

Man steht kopfschüttelnd da und fragt: Wie kann man nur? Was ist das nur für ein Mensch? Selbst würde man nie zu so etwas fähig sein. Würde man es an sich entdecken, man würde vor sich selbst erschrecken. Böse Menschen sind keinesfalls immer irre, also psychotisch. Manche Psychotiker können gefährlich werden, die meisten nicht. Die Begegnung mit dem Wahnsinn ist verstörend, aber eine andere Kategorie. Es gibt eine enge Korrelation zwischen Narzissmus und Kriminalität, in dem Sinne, dass fast alle Kriminellen narzisstisch sind, aber es sind längst nicht alle Narzissten kriminell.

Neuerdings in Mode gekommen sind Psychopathen. Eine etwas diffuse Bezeichnung für die wachsende Pathologie beim Narzissmus, der von immer mehr Aggressionen durchsetzt ist und damit immer sadistischer und grausamer wird. Die Grade haben wir in Narzissmus: die Verlängerung des Selbst dargestellt. Aber von einer Zunahme zu sprechen, ist ebenfalls verwirrend. Denn eine schwere Persönlichkeitsstörung ist eher die Unterbrechung einer Entwicklung, meist aufgrund von chronischen Aggressionserfahrungen die man selbst durchleiden oder bezeugen musste.

Wenn man Güte, Milde, Freundschaft, Geborgenheit, Mitgefühl, Liebe, Vertrauen und dergleichen nie erfahren hat, kann man mit ihnen auch dann nichts anfangen, wenn maa sie mal erlebt, so wie man Chinesisch nicht versteht, wenn man die Sprache zum ersten Mal hört. Menschen mit einer psychotischen Störung können in einer akuten Episode nicht mehr nachempfinden, was konventionell richtig und falsch ist. Psychopathen wissen es, aber es interessiert sie nicht. Wobei das unsauber ist, denn in ihrer Psyche ist wirklich eine leere Stelle und die Rede von Rücksicht und Mitgefühl ist für sie nur ein Ausdruck für Schwäche, weil in ihrer Welt Mitgefühl nicht existiert … oder von ihnen eben authentisch als Schwäche wahrgenommen wird.

Freilich belastet sie das nicht sonderlich, ihr Verhalten ist wirklich dem entsprechend, was wir böse nennen, es ist grausam, sadistisch und verfolgt keinen weiteren Zweck. Das kann mal sein, dann ist das Böse skrupellos, aber es muss nicht sein. Das Böse genügt sich bisweilen selbst. Aber – und das wird gerne projiziert, verdrängt und geleugnet – in uns allen.

Das heißt nicht, dass jeder Mensch böse oder heimtückisch ist, aber er ist dazu befähigt, es zu sein. Alexander Mitscherlich formuliert es so:

„Vielmehr geht es um den Versuch, ein Vertrauensverhältnis zwischen Analytiker und Analysand herzustellen, das dem letzteren zeitweisen Schutz bietet für eine zensurlose, für eine unkorrigierte Selbstwahrnehmung durch die Deckung, die ihm der Analytiker bietet. Am Ende kann dieser Erkenntnisweg nur wieder zur freilich sinnvolleren, reflektierteren Anerkennung der Notwendigkeit gesellschaftlicher Ordnungen – einschließlich verlangter Verzichte – führen.“[3]

Freud nannte dieses verstörende Element den Todestrieb, die Idee wird bis heute bekämpft. Nur sind wird nicht alle gleich, sondern die Ausprägung der Aggression ist verschieden. Das macht einen Unterschied und der ist entscheidend.

Quellen:

  • [1] http://www.focus.de/wissen/mensch/tid-16…aid_456056.html
  • [2] Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, 1808. Studierzimmer, Mephistopheles zu Faust
  • [3] Alexander Mitscherlich, Der Kampf um die Erinnerung, Piper & Co. 1975, S.22