Sortierarbeiten sind notwendig, wenn man Welt verstehen will. © Waithamai under cc

Was wäre der Gewinn? Wenn wir davon ausgehen, dass hinter allem eine Idee steckt, dann stellt sich die Frage, ob nicht manche Ideen sich bündeln. Ob Vogel, Insekt oder Flugzeug, dahinter steckt, auf unterschiedlichen Wegen, die Idee des Fliegens, des Eroberns der Lüfte, eines neuen Reiches, das spezifische Anforderungen und Eigenheit mit sich bringt. Man ist frei, hat einen gewaltigen Ausblick, einen neuen Lebensraum. Auch im übertragenen Sinne verbinden wir Freiheit mit Ungebundenheit, Leichtigkeit, Beweglichkeit. Die Gedanken sind frei heißt es, weil man den Körper einsperren kann, die Gedanken kaum. Archetypisch sind die Gedanken der Luft zugeordnet.

Den Körper kann man einsperren. Materie zieht uns nach unten, hier ist vieles langsam, mühsam, beschwerlich. Eine ganz andere Stimmung der Erde, gegenüber der Luft. Aber die Erde hat auch ihre Vorzüge, sie ist dauerhaft, sicher, verlässlich, in Stein gemeißelt. Dafür hart, karg, reduziert und immer etwas lebensfeindlich. Aber eben auch die Konkretisierung. Das Haus ist Ausdruck und Verwirklichung der Idee, fehlt es am Prinzip Erde, bleibt es eine Idee, die eben nicht verwirklicht wurde. Die Verwirklichung kann auch auf anderer Ebene stattfinden, indem man eine Berufsausbildung macht, einen Roman schreibt, ein Bild malt, einen Pulli strickt und eben einfach etwas zu Ende bringt.

Es gibt Menschen, die sprühen über vor kreativen Ideen, kriegen aber nichts davon umgesetzt. Vielleicht haben andere sehr viel weniger Ideen, kriegen diese aber zu Ende. Krankheit bremst uns, reduziert, belastet uns und gehört daher archetypisch zur Erde. Sie verändert unseren eingeschlagenen Weg und beschwert ihn. Sie können im Einzelnen noch mal eigene Botschaften haben, bei denen es sich manchmal lohnen könnte, genauer hinzuschauen, aber erst einmal sind sie ein Hindernis im Leben, manchmal ein Mühlstein um den Hals oder eine Bleikugel am Bein.

Vorbeugen ist kein Tricksen

Kann man also vorbeugen? Ja, meinen die Vertreter archetypischer Ideenwelten. Ja und nein, müsste es besser heißen, denn Archetypen verzeihen kein so tun, als ob. Wir erinnern uns, sie sind ja Götter. Sie kriegen ihr Opfer ohnehin. Insofern ja, man kann vorbeugen, indem man sich mit dem Prinzip, was anklopft, beschäftigt. Nein, indem man das Prinzip nicht umgehen kann.

Das ist ein Bruch, vielleicht der entscheidende mit unserer Weltsicht. Wir sind der Meinung, dass es nicht nur bestimmte Zustände nicht geben darf, sondern darüber hinaus, dass es bestimmte Prinzipien nicht geben sollte. Nicht nur Krankheit ist für uns ein Übel, auch der Tod, aber überhaupt Formen der Einschränkung, der Reduktion. Wir wollen Wachstum, Fortschritt, Neues, immer mehr davon, je mehr wir davon haben. Auf alles was mit Grenzen und Begrenzungen zu tun hat, reagieren wir allergisch. Wenn, dann am besten für die anderen, aber nicht für mich. Wenn ich auch mitmache, dann bei einer Idee, die ich ohnehin vertrete, aber das ist gerade keine Einschränkung sondern eine Ausweitung meiner Ideen auf alle.

Vorbeugen in diesem Sinne, heißt, die Idee um die es geht, etwa die Idee der Reduktion, der Beschränkung und Begrenzung freiwillig zu leben. Wir mögen aber das ganze Prinzip nicht, nicht nur Krankheit wollen wir nicht haben. Man braucht sich nur umzuschauen, überall findet man Menschen, die sich gegen Zwang und Bevormundung auflehnen. Auch das ist nicht falsch, denn auch das lastende, ruzierende Prinzip bringt andere, weitere zum Vorschein, ein ständiger Prozess. Nur eben nicht vollkommen zufällig sondern entlang der Muster der Urideen oder Archetypen.

Vorbeugen hieße also sich freiwillig zu reduzieren. Die Kommunikation einzuschränken, zu fasten, auf Zerstreuung zu verzichten, sich dunkel und schmucklos zu kleiden, karg und einfach, aber sehr strukturiert zu leben. Vielleicht allein über den Friedhof spazieren zu gehen oder durch einsame Winterlandschaften. Mit Steinen oder Erde arbeiten. Sich mit dem Tod, Abschied und unserer Endlichkeit auseinander setzen. Die meisten Menschen finden eigentlich gar nichts davon attraktiv und vielleicht ist es das auch nicht, aber aus archetypischer Sicht ist es eben ein Baustein des Lebens, nur eben einer, der besonders häufig gemieden wird.

Lebt man eine Zeit lang so, reduziert, in einem kleinen Zimmer, beschränkt auf das Wesentliche, karg, konzentriert und strukturiert, lernt man das Prinzip kennen und um mehr geht es dem Prinzip nicht. Lebt man über ein Prinzip chronisch hinweg, holt es sich sein Opfer und das ist in der Regel eine leidvolle Erfahrung. Die Ziel wäre hier, alle Prinzipien kennen zu lernen, sie zu leben und ein Gespür dafür zu entwickeln, welches Prinzip jetzt gerade Aufmerksamkeit verlangt. Denn das Leben geht ja weiter und die Prinzipien begegnen uns immer wieder.

Zwischenzeitliches Fazit

So ein Ansatz klingt in unserer Zeit fremd bis verrückt und ruft Abwehr hervor. Hier soll es nicht um eine definitive Entscheidung gehen, sondern eher um einen Indizienprozess. Auch der Naturalismus ist ein deutender, zuschreibender Ansatz, der allerdings bei vielen seiner Anhänger von der Überzeugung lebt, er könne die Welt abbilden und erfassen, wie sie ist. Also nicht deutet, sondern zeigt, was ist. Dass man mit einer weltanschaulichen Methode, die davon lebt, von vorn herein zu unterstellen, dass es nicht mehr als funktionale und sinnlose Abläufe in der Welt gibt, genau das als Ergebnis heraus kommt, sollte nicht überraschen. Es ist kein Beweis für die Richtigkeit, sondern ein zirkulärer Schluss, der rein gar nichts beweist.

So wie religiöse Menschen, die die Existenz und das Wirken Gottes in allem sehen, dies eben tatsächlich tun. Für sie ist Welt bereits der Beweis. Auch das ist zirkulär, nicht falsch, nicht richtig, es kommt nur am Ende das heraus, was man am Anfang als Prämisse unterstellte. Für die archetypische Sichtweise gilt dasselbe. Unterstellt man, es gäbe Archetypen und lässt sich auf dieses Weltbild ein, wird man ihr Wirken immer klarer erkennen.

Nun sind wir aber reflexive Wesen, die auch die eigene Sichtweise, nach einem inneren Schritt zurück, betrachten können. Wir können uns die Frage stellen, welche der Sichtweisen wir denn nun einnehmen sollten. Gewohnheitsmäßig denken wir natürlich erst mal in der Art und Weise, die wir als Kind gelernt haben und das ist in der überragenden Mehrzahl der Fälle das naturalistische Weltbild, selbst wenn man nie den Ausdruck naturalistisches Weltbild gehört hat. Es ist der selbstverständliche Glaube daran, dass die richtige Art und Weise die Welt zu betrachten eben die ist, nach der wir vorgehen. Das heißt, die westliche Art zu denken, wie in der letzten Folge vorgestellt.

Wenn man betrachten kann, wie man eigentlich zu denken und zu schauen gelernt hat, kann man dies auch ändern. Also mit etwas mehr Distanz in den Blick nehmen und sich fragen – etwa, wie beim Lernen einer anderen Sprache – wie jemand aus einem anderen Weltbild ein Ereignis interpretieren würde. Man muss sich nicht mal entscheiden, es reicht, dass man verschiedene Methoden und Sichtweisen durchspielt. Später dann taucht die Frage auf, welche Sicht man denn nun selbst, in welchem Fall einnehmen sollte.

Unser Weltbild beantwortet viele funktionale Abläufe ausgezeichnet, Fragen nach Sinn und Ziel jedoch kaum. Im Alltag mischen wir die Formen jedoch. Wir sind in aller Regel keine Wissenschaftler, Psychologen oder Philosophen (und auch die haben ein Privatleben) und wir wollen natürlich glücklich sein, unser Leben soll Sinn haben und oft folgen wir einem inneren Wertesystem, wir wollen auch gute Menschen sein. Zugleich ist uns aber auch schnelles Denken gegeben, von dem wir wissen, dass es hier und da problematisch ist, aber zur ersten Orientierung taugt es doch ganz gut.

Das Problem besteht also gar nicht darum, ob wir kausal oder analog, wissenschaftlich oder mythisch denken sollten, viel mehr sollten wir den Blick für beide (oder noch mehr) Denkweisen schärfen und ihre guten und schlechten Seiten erkennen. Wir können dann die problematischen Aspekte und Grenzen der jeweiligen Systeme analysieren und wenn vielleicht auch nicht ganz vermeiden, so doch minimieren.

Der eben vorgestellte Ansatz, den es ja schon längst gibt, kann zum ein wenig das Loch stopfen, was der Sinnverlust gerissen hat, zum anderen kann jeder praktisch damit experimentieren, sofern man ein wenig verstanden hat, worum es geht. Der Rest, dass man immer tiefer kommt und besser versteht, ergibt sich durch die Mischung aus Anwendung und Reflexion.

Ein neues, integrales Denken und Handeln ergibt sich daraus insofern, dass hier ein Aspekt eines integralen Ganzen etwas ausbuchstabiert wurde. Das integrale Ganze ist aber kein geschlossenes und in Stein gemeißeltes System, sondern dynamisch und mit der Fähigkeit ausgestattet auf alte Formen zurück zu greifen, statt diese nur abstreifen oder überwinden zu wollen.