Überall wartet die Arbeit, überall kann man sich mit ihr zugrunde richten. © The Preiser Project under cc

Zu viel Arbeit tötet. In einem sogar recht erheblichen Ausmaß.

Zu diesem Ergebnis kamen Auswertungen von Studien und Erhebungen, die die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammen getragen haben. Die Grenze ab wann Arbeit zu einem erheblichen Gesundheitsrisiko wird, ist recht genau zu beziffern, es sind 55 Stunden in der Woche.

Vor allem das Risiko für Schlaganfälle und Herz- und Kreislauferkrankungen steigt drastisch an. Zu etwa gleichen Teilen sorgen beide zusammen für etwa 745.000 Tote im Jahr. Die Zahl der Coronatoten beträgt aktuell 3,5 Millionen, die Dunkelziffer wird noch mal so hoch geschätzt, so dass man auf bislang etwa 7 Millionen Tote käme. 8 Millionen sterben laut WHO jedes Jahr an den Folgen des Rauchens. Ist also alles relativ, andererseits sind das zur Zeit auch die größten Killer.

Am Tag der Veröffentlichung hörte und las man reichlich über diese Nachricht, danach eigentlich nichts mehr. Was soll man auch damit anfangen in einem Land, in dem sich viele stark bis vorrangig über Arbeit definieren? 55 Stunden, das ist viel. Die normale Arbeitsmenge liegt bei uns zwischen 35 und 40 Stunden in der Woche. Andererseits, wenn der Samstag noch dazu kommt und die eine oder andere Stunde noch dran gehängt wird, ist die 55 Stunden Grenze schnell durchbrochen.

Viele Selbstständige sind gefährdet

Viele Selbstständige können ein Lied davon singen. Auf 55 Stunden in der Woche und mehr kommen sie locker. Vor allem wenn sie sich am Markt etablieren wollen. In der ersten Zeit. Zwei oder drei Jahre plant man da ein, in denen man ranklotzt und auf Urlaub mehr oder weniger verzichtet. Dann soll es besser werden, wenn alles nach Plan geht. Aber es geht nicht immer alles nach Plan. Oder der Andrang ist unerwartet groß. Gründe mehr zu arbeiten, als man eigentlich wollte und sollte findet man immer.

Es ist auch eher ein Langzeiteffekt. Wer einmal 60 oder 70 Stunden arbeitet, fällt nicht gleich tot um und es sind auch eher die Älteren. Wer zwischen dem 45. und dem 74. Lebensjahr 55 Stunden gearbeitet hat, der ist hoch gefährdet. Hoch gefährdet bedeutet, dass zu viel Arbeit der führende Faktor für Berufskrankheiten ist. Von den Spätfolgen betroffen sind vor allem Menschen zwischen 60 und 79.

Aber die Jahre in denen man viel arbeitet summieren sich schnell. Die ersten zwei der drei, okay, dann muss man mal hier mit einspringen, obwohl man es eigentlich nicht wollte, dann macht man dort eine Zweigstelle auf, weil es gut läuft und plötzlich ist man doch mehr aktiv, als beabsichtigt. Läuft es dann an einer Stelle nicht so, muss man sich reinhängen und tut es auch. Auf einmal sind zehn Jahre um. Der Stress verführt vielleicht noch zu einem ungesunden Lebenswandel, man macht nicht den Yogakurs um runter zu kommen, sondern raucht und trinkt ein wenig mehr als man sollte.

Auch Angestellte kann es erwischen

Der prekäre Punkt bei den Angestelltenverhältnissen ist das Home Office. Eigentlich eine tolle Sache. Der Weg zur Arbeit fällt weg, wenn keine Konferenz ansteht, fängt man an, wann man will. Es wird gemunkelt, man würde nicht so viel arbeiten wie im Büro, weil es ja doch nicht so genau kontrolliert werden kann, aber Untersuchungen haben ergeben, dass Menschen die auch vor Corona schon Home Office machen konnten dies als Privileg empfanden und daher eher noch mehr arbeiteten.

Es fällt aber für viele noch etwas weg. Der klare Schnitt zwischen Arbeit und Privatsphäre. Zu Hause ist man in der Regel befreit von der Arbeit, beim Home Office setzt man sich auch abends um 22 Uhr noch dran und macht noch dies oder das. Es hängt vom Typ ab, ob man das als Fluch oder Segen empfindet. Doch die Barriere zwischen der Arbeit und dem Privaten ist durch die ständige Erreichbarkeit in den letzten Jahren ohnehin weggefallen. Hier noch ein paar mails, da noch ein Anruf vom Chef. Ob man nicht doch kann, am Wochenende, obwohl man eigentlich schon was anderes vor hatte. Alltagsplanung ist heute oft selbst schon eine logistische Großtat. Man will die Kollegen nicht im Stich lassen und so sagt man zu. Oft in der Pflege. Das alles erhöht den Level an Stress, weil man nie sicher sein kann, dass nicht doch noch ein Anruf kommt.

Es ist keine Seltenheit mehr, dass man von einem Job, auch in Vollzeit heute nicht mehr leben kann. Dann macht man eben noch einen anderen. So mancher Multijobber fühlt sich pudelwohl, weil er seine Freiheit genießt, aber eben nicht jeder. Für viele sind mehrere Lobs purer Stress, der aber sein muss, weil die Zeiten lange vorbei sind, in denen es normal war, dass ein Alleinverdiener in Vollzeit spielend eine Familie ernähren konnte.

Dann ist da noch das große Thema Überstunden. Von 38 Stunden bis zu 55, das ist eine stattliche Lücke von 17 Stunden. Etwa 29% der Arbeitnehmer in Deutschland macht nach eigenen Angaben keine wöchentliche Überstunden, ein Drittel mindestens 6 – 10 und etwas mehr als 10% kommen in die 55+ Stunden Zone.

Typisch für manche ist es auch, dass man sich Arbeit mit nach Hause nimmt. Das gibt es schon länger. Manche, weil sie das Pensum einfach nicht schaffen, einige aus Wichtigtuerei und nicht zu vergessen, etliche aus Krankheitsgründen.

Warum arbeiten wir eigentlich so viel?

Auch hier gibt es nicht die eine Antwort, sondern mehrere, die in einander übergehen.

Spaß und Notwendigkeit

Der erste Grund ist einfach Spaß an der Arbeit. Natürlich ist nicht jeder Tag ein Jubeltag, doch die meisten Deutschen gehen gerne zur Arbeit, immerhin 77%. Klingt an sich gut, ist aber der weltweit schlechteste Wert.[1] 2010 gingen noch 86% der Deutschen gerne zur Arbeit.[2] Was denen mangelt, die nicht gerne arbeiten, sind Sinn und Ziel, man will flexibel, kreativ und nachhaltig arbeiten. Wo das nicht der Fall ist, werden die Leute bei weitem häufiger krank, das nützt keinem. Die Mehrheit arbeitet dennoch gerne und wenn man das tut, arbeitet man auch gerne etwas mehr. Das ist die beste Variante.

Ein anderer wichtiger Grund ist die pure Notwendigkeit. Sie existiert in mehrfach versteckter Form. Einmal auf einem unteren Niveau, dann aber auch auf einem mittleren. Wir leben noch immer von zwei Mythen, die sich längst in Rauch aufgelöst haben. Nummer eins ist, dass Bildung und Fleiß sich in jedem Fall lohnt und Nummer zwei, dass man Arbeit auch findet, wenn man nur will. Statt dessen ist die neue Arbeitsrealität eher die, das auch sehr gebildete Menschen wenig Geld verdienen, wenn sie den ‘falschen’ Beruf haben, aber der ist oft jener, der sie wirklich interessiert.

Arbeit zu finden, ist alles andere als leicht. Einerseits werden zwar vielfach Fachkräfte gesucht, aber andererseits gibt es eine größere Konkurrenz auf dem Markt der austauschbaren Jobs, in denen viel Druck aufgebaut wird und man schnell gefeuert wird, wenn man die oft schlechten Bedingungen nicht akzeptiert. Aber selbst als Spüler, Paketbote, Putzfrau, Packer oder Sortierer muss man heute schon etwas können, um überhaupt genommen zu werden. Die Notwendigkeit auf dem unteren Niveau bedeutet, dass Menschen einfach jede Form der Arbeit machen müssen, um irgendwie zu überleben. Von Luxus ist hier keine Rede, von einer Aussicht auf Besserung auch nicht. Menschen arbeiten dann in Vollzeit und darüber hinaus, ohne die Aussicht, dass sich das jemals ändern wird. Als ‘working poor’ sind sie schon länger bekannt. Dieses Segment ist nach unten offen, hier geht es um Saisonarbeiter, die jene Tätigkeiten ausführen, die kein Einheimischer freiwillig machen würde, von der Arbeit auf Großschlachthöfen über diverse Erntehelfer Tätigkeiten. Am unteren Ende steht der Arbeiterstrich, an dem man für einen Tag seine Arbeitskraft anbietet, eine Realität auch mitten in Deutschland 2021. Man weiß es irgendwie, will es aber nicht wissen, Paketboten, Haushaltshilfen und Call Center Jobs, sind immer die anderen. In der Jugend kann das auch mal ganz spannend sein, als Dauerarbeit dann eher weniger.

Die andere Art der versteckten Notwendigkeit sollten wir aber auch näher betrachten. Die Zeiten in denen einer, meistens der Mann, sich hocharbeiten und in gut bezahlten Jobs etablieren und bequem eine Familie ernähren konnte, sind vorbei. Man kann in Deutschland finanziell noch immer recht geht leben, wenn man eine Familie oder besser nur ein Paar ist und zu DINKs (double income, no kids) gehört, aber auch das doppelte Einkommen wird zunehmend zur Notwendigkeit. Wo die Arbeit Selbstverwirklichung ist, sind vielleicht beide an der Sonne, aber dass einer Vollzeit und der andere mindestens Teilzeit arbeitet, besser aber auch Vollzeit, schon wegen der Rente, eventueller Trennung und so weiter, bringt mancherlei Einschränkungen mit sich. Hat man Kinder, müssen diese versorgt werden, außerdem will man in der Freizeit nicht noch unbedingt das Haus putzen, für manche ist auch Arbeit im Garten eher eine zusätzliche Anstrengung, diverse handwerkliche Reparaturarbeiten will man in der kargen Freizeit dann auch eher nicht ausführen und so kann und muss man für alles Hilfskräfte einstellen.

Das kann durchaus zu einer Entfremdung vom eigenen Leben führen. Man ist auf seinem Fachgebiet kompetent, vom Rest hat man keine Ahnung mehr, aber Angestellte. Klar, die Wohnung glänzt, der Garten ist hübsch, die Kinder sind versorgt, das kann durchaus gut klappen, aber der Schuss kann auch nach hinten losgehen. Können aus irgendwelchen Gründen nicht mehr beide arbeiten, ist das Leben auf einmal nicht mehr so komfortabel und das Geld für das Versorgungsnetzwerk fehlt. So stellt sich ein gewisser Zwang zur Arbeit von beiden ein, für die Kinder ist man nicht mehr unbedingt die privilegierte Person, was tiefere Bindungen verhindert und wiederum einen funktionalistischen Lebensansatz begünstigt. Alles wird etwas flacher, oberflächlicher und beliebiger. Wir müssen nicht darauf warten, dass das eintritt, denn das ist die Zeit in der wir leben.

Ein Funktionalismus, der tief in unsere Beziehungen eindringt und uns suggeriert, wir könnten uns jederzeit, den passenden Menschen aussuchen, der optimal auf unsere aktuellen Bedürfnisse und unsere Lebenssituation zugeschnitten ist. Teilweise idealisiert, als Polyamorie, bei der es dann für jede Facette der eigenen Bedürftigkeit das perfekt passende Gegenüber geben soll. Tiefere Beziehungen stellen sich aber dann ein, wenn man zusammen durch Höhen und Tiefen geht, wo man gemeinsam Krisen meistert und eben nicht, wenn man den anderen austauscht, wenn es nicht mehr ins Konzept passt.

Es ist gut, den inneren Zusammenhang zwischen der Konkurrenz um Lebenszeit zu betrachten, die (nicht) miteinander verbracht wird und welche Auswirkungen das auf die Psyche hat.

Workaholics, Selbstoptimierer, Gruppen- und Gesellschaftszwänge

Container, Pakete, Logistikzentren, Packer und Auslieferer. All you can bring. © shankar s. under cc

Ein weiterer nicht zu unterschätzender Grund für ausgedehntes Arbeiten sind Pathologien und gesellschaftliche Zwänge. Beide gehen vermutlich ein Stück weit in einander über, weil manche Arten der Normalität eine größere Ähnlichkeit mit der einiger Pathologien haben.

Unter der Überschrift Workaholics werden meistens einige Gruppen von Menschen, deren Verhalten und Denken etwas pathologisch erscheint, subsumiert. Das sind zum einen zwanghafte Menschen, die zu sehr großer Genauigkeit neigen, von anderen, vor allem aber von sich, äußerste Gründlichkeit erwarten. Sie sind selbst ihre größten Kritiker und selbst das Lob anderer kann sie nur begrenzt entspannen. Diese Menschen neigen dazu Aufgaben überzuerfüllen und dazu gehen sie auch über zeitliche Grenzen hinaus.

Eine andere Art von Workaholics sind Menschen, meistens sind es Männer, die sich selbst mit inadäquater oder viel zu viel Arbeit bestrafen. Egal wie die Arbeitsbedingungen sind, nichts schockt sie und sie lassen alles mit sich machen. Frauen neigen dazu weniger hart um angemessenen Lohn zu verhandeln, aber sie protestieren viel eher, wenn die Arbeitsbedingungen, die sie vorfinden nicht in Ordnung sind, als Männer. Depressive Frauen bestrafen sich selbst eher mit inadäquaten Partnerschaften, depressive Männer bestrafen sich durch Überarbeitung. Wenn es ihnen schlecht geht, geht es ihnen ‘gut’. Sie wollen sich schon besser fühlen, denken aber, sie hätten es nicht verdient und müssten irgendeine Form der Schuld abarbeiten. Sowohl zwanghafte Menschen, als auch jene Sorte depressiver Männer sind natürlich für die Arbeit gut zu gebrauchen, aber eher in einem System und Arbeitsumfeld in dem Selbstausbeutung stattfindet und goutiert wird.

In die gleiche Ecke, aber mit anderem psychischen Hintergrund, gehören narzisstische Menschen, die sich über Arbeit definieren, primär geht es hier um ihren gefühlten oder realen Status und ihre Bedürfnisse nach ständiger Anerkennung, den sie in der Arbeit befriedigen können, während die im privaten Leben häufig gelangweilt sind, da sie eine öffentliche Bühne brauchen. Auch die ‘hilflosen Helfer’ gehören noch hierzu. Allerdings neigen einige Narzissten auch dazu sich großartig zu fühlen, ohne akzeptable Leistungen zu zeigen, das ist dann eine schlechte Kombination. Dann gibt es noch jene Narzissten, die sich mit ihrer besonderen Leistungsbereitschaft identifizieren und sich manchmal – unabhängig von ihrer Position – für den wichtigsten Menschen im Betrieb halten.

Gesellschaftlich betrachtet leben wir in einer Welt, in der ein Zwang zur Arbeit herrscht. Das sieht man daran, dass der soziale Status stark mit der Frage steht und fällt, ob man überhaupt Arbeit hat. Arbeitslose gehören zu den am stärksten entwerteten Menschen und jeder weiß es. So richtig leicht darf uns die Arbeit auch nicht von der Hand gehen, sie muss mit einer gewissen Mühsal einher gehen, wer mit zu viel Freude oder Leichtigkeit arbeitet, ist verdächtig.

In Gruppen von arbeitenden Menschen entscheidet eine hohe (protestantische) Arbeitsmoral oft über den Status in der Gruppe. Einerseits will man, wenn der Job stressig ist, den Kollegen nichts liegen lassen, was sie noch stärker belastet. Das kommt einer anthropologischen Mitgabe nahe, nach der wir Menschen, die sich einbringen könnten, es aber nicht tun, nicht mögen. Wer mitmacht, bekommt Anerkennung. Der negative Effekt ist, dass man sich ausbeutet, aus falschem (aber manchmal dennoch erwarteten) Pflichtgefühl auch krank zur Arbeit geht und es sich am Ende nur noch darum dreht, irgendwie durchzuhalten, was in die Richtung einer Selbstausbeutung geht und nicht in Richtung einer qualitativ hohen und beglückenden Tätigkeit.

Dies alles fließt mit in die Rechnung der nächsten Frage ein.

Wollen wir arbeiten?

Ist die Arbeit eine dem Menschen auferlegte Plage, wie es Krankheiten sein können?

David Graeber argumentiert, in einer Sendung über Arbeit, Strafgefangene seien der beste Gegenbeweis. Unter ihnen ist es ein Privileg im Gefängnis in Arbeit zu kommen und eine Strafe, wenn ihnen die Arbeit verweigert wird.[3] Allerdings sind Strafgefangene auch eine Sondergruppe innerhalb der Gesellschaft und Arbeit eine der wenigen Abwechslungen im Knastalltag, insofern überzeugt dieses Argument nur zum Teil.

Doch auch bei Freud lesen wir:

“Keine andere Technik der Lebensführung bindet den Einzelnen so fest an die Realität als die Betonung der Arbeit, die ihn wenigstens in ein Stück der Realität, in die menschliche Gemeinschaft sicher einfügt. Die Möglichkeit, ein starkes Ausmaß libidinöser Komponenten, narzisstische, aggressive und selbst erotische, auf die Berufsarbeit und auf die mit ihr verknüpften menschlichen Beziehungen zu verschieben, leiht ihr einen Wert, der hinter ihrer Unerläßlichkeit zur Behauptung und Rechtfertigung der Existenz in der Gesellschaft nicht zurücksteht. Besondere Befriedigung vermittelt die Berufstätigkeit, wenn sie eine frei gewählte ist, also bestehende Neigungen, fortgeführte oder konstitutionell verstärkte Triebregungen durch Sublimierung nutzbar zu machen gestattet. Und dennoch wird die Arbeit als Weg zum Glück von den Menschen wenig geschätzt. Man drängt sich nicht zu ihr wie zu anderen Möglichkeiten der Befriedigung. Die große Mehrzahl der Menschen arbeitet nur notgedrungen, und aus dieser natürlichen Arbeitsscheu der Menschen leiten sich die schwierigsten sozialen Probleme ab.”[4]

Die negativen Formen der Arbeit als Sucht und Selbstbestrafung hatten wir dargestellt, aber vergessen wir nicht, dass selbst im inzwischen arbeitsmüden oder vielleicht eher -frustrierten Deutschland noch immer mehr als drei von vier Menschen gerne arbeiten. Das hat bestimmt auch ideologische Anteile, aber es kann nicht nur Ideologie sein, zumal die Arbeitszufriedenheit in anderen Ländern noch weitaus höher ist und das sind bei weitem nicht alles protestantische Länder.

Das passt gut zu der bestens belegten These von Michael Tomasello, dass Menschen generell überragend kooperativ sind und sein wollen. Arbeit heißt in der abgespeckten Version ja nichts anderes, als seinen Teil zur Gemeinschaft beizutragen. Das ist ein starkes Motiv des Menschen, aber nicht das einzige. Die anderen Anteile sind, dass einem die Arbeit eben auch Spaß machen soll und dazu zählt, dass man sich mit seiner Arbeit und dem was man herstellt oder leistet identifizieren können muss. Finanzieller Lohn und ein angemessenes Lob vom Chef gehören auch noch mit dazu, ein angenehmes kollegiales Umfeld ebenfalls, schließlich sind das die Menschen, mit denen man täglich in vielen Fällen viele Stunden zubringen muss, manchmal sieht man sie länger, als den eigenen Partner.

Also an sich sind wir Menschen gewillt gerne zu arbeiten. So richtig wie abgedroschen: Beruf und Berufung sollten übereinstimmen, vollständig wird das wohl nur selten gehen, aber je weitreichender dies gelingt, umso besser. Wo es gelingt, ist Arbeit auch selten eine Belastung. Otto Kernberg arbeitet mit weit über 90 Jahren noch immer 12 Stunden am Tag, fünf Tage in der Woche. Er bewegt sich also kontinuierlich in der Todeszone, aber mit über 90 darf man dann irgendwann behaupten, dass ihm das nicht wirklich geschadet hat. Denn er führt aus:

“50 Prozent meiner Zeit sehe ich Patienten, 25 Prozent forsche ich und 25 Prozent unterrichte ich. Wir haben auf empirischer Basis eine Therapie entwickelt zur Behandlung von schweren Persönlichkeitsstörungen und beobachten mit Mitteln der Hirnforschung, welchen Einfluss das auf die Balance unterschiedlicher Gehirnstrukturen hat. Es macht mir großen Spaß!”[5]

Man muss kein Prophet sein, um auf die Idee zu kommen, dass der große Spaß an der Arbeit der entscheidende Faktor ist. Wir sind auf das Verhältnis von Spaß und Notwendigkeit schon eingegangen, die Arbeit ist etwas, was uns wirklich beflügeln und mit Sinn versorgen kann und noch dort, wo sie aus Notwendigkeit ausgeführt werden muss, kann es sein, dass sie die eigene Lebensqualität wenigstens durch ein eigenes Einkommen und gesellschaftliche Anerkennung vergrößert.

Das aktuelle Missverhältnis der Arbeit tötet

Karoshi heißt das Phänomen, dass Arbeit tötet, in Japan. Die WHO beschreibt die Langzeitfolgen, aber es geht in extremen Fällen auch schneller. Dort starb 2013 eine 31-Jährige Reporterin, nach 159 Überstunden in einem Monat. 2015 eine 24-Jährige nach über 100 Überstunden in einer Werbeagentur. Durch akute Überarbeitung.[6]

Das kann keinen Spaß mehr machen und hat bereits selbst einen Krankheitswert. Denn auch eine Reihe von Suiziden oder Versuchen in Japan, wurden auch Erschöpfung durch Überarbeitung zurück geführt. Soziale Anerkennung kann das ein Stück weit abfangen, aber auch nicht vollkommen. Wer viel bis zu viel arbeitet erntet auch bei uns Lob, kein Kopfschütteln. Ein Mensch, der krank zur Arbeit geht, kaum Urlaub macht und rackert, bis er umfällt wird nicht von Freunden oder Nachbarn zur Seite genommen und eindringlich gefragt, ob er Hilfe braucht.

Wo die goldene Mitte liegt ist bei jedem Menschen anders, aber die WHO hat die 55 Stunden im Monat eine Grenze markiert, die für die meisten gilt. Ist sie überschritten schadet die Arbeit, bis dahin, dass Arbeit tötet. Die Möglichkeit in der Arbeit seine Berufung zu verwirklichen, dabei Spaß zu haben und die Arbeit und damit einen großen Teil des Lebens als sinnvoll zu erleben, wird die Gefahr bei zu viel Arbeit mit größter Sicherheit minimieren, aber leider sieht die Lebenswirklichkeit vieler Menschen vollkommen anders aus.

Entgegen dem was man immer wieder mal hört, ist nicht die Arbeit knapp geworden, sondern die Arbeitskräfte sind es. Es gibt in vielen Branchen einen Fachkräftemangel, fast überall wird nach Menschen gesucht, die sich ausbilden lassen. Man sollte meinen, dass im Rahmen der Corona Pandemie die Situation in der Pflege nun deutlich besser wird. Doch das ist nicht der Fall. Die Nachbesserungen der Politik sind nicht mal halbherzig zu nennen, der Hintergrund wird vermutlich der sein, dass auf die politisch einflussreiche Stimme der Bertelsmann Stiftung gehört wird, die vor hat, die Zahl der Krankenhäuser von 1400 auf 600 abzusenken. Wenn es gar nicht so viele Pflegekräfte gibt, graben sich die Kliniken im Kampf um diese gegenseitig das Wasser ab und das gewollte Sterben der Häuser geht weiter.

Ein Irrsinn, der auf dem Rücken der Pflegekräfte ausgetragen wird, die von belastender Arbeit und Überstunden ebenfalls ein Lied singen können, aber die Qualität der Pflege sinkt mit dem Grad der Überforderung. Diese ist im Modell des Krankenhausabbaus mit eingepreist. Wenn sowie 800 Häuser eingehen sollen, hat man ja genug Pflegepersonal. Warum also soll man deren Arbeitsbedingungen verbessern? Zynisch, aber alles deutet darauf hin, dass genau so kalkuliert wird.

Gleichzeitig boomen aber vor allem Jobs, von denen man auch in Vollzeit Beschäftigung nicht leben kann. Die working poor sind auch bei uns angekommen. Irgendeine Arbeit findet man zwar auch heute noch, wenn man will, aber von der kann man nicht gut leben. Jeder der es wissen will, weiß von den ausbeuterischen Bedingungen, ob als Erntehelfer, in der Fleischindustrie, als Paketbote oder Auslieferer von diesem und jenem. Jobs, die niemand machen will, der hier geboren ist, doch gerade dieses Segment ist in Deutschland stark ausgeprägt nur Estland, Polen, Litauen, Rumänien und Lettland kennen noch mehr Arbeit im Niedriglohnsektor.[7]

Diese Arbeit hat mit Spaß nichts zu tun, sie ist pure Notwendigkeit, reicht aber nicht, um das Existenzminimum abzudecken. Oft ist von dem Luxus, dass beide Partner arbeiten wollen nichts mehr übrig, sie müssen beide arbeiten, um finanziell irgendwie klar zu kommen. Auf der Strecke bleibt das, was bei uns angeblich so hoch gehalten werden soll, qua Grundgesetz, die Familie. Die für die Psyche so wichtigen verlässlichen Beziehungen zu den Eltern werden, schon aufgrund ihrer Abwesenheit untergraben, somit steht die psychische Stabilität der folgenden Generation, die die ehedem selbstverständlichen Entwicklungen gar nicht durchleben können, auf wackeligen Füßen.

Eine der Reaktionen auf diese Labilität ist bereits heute ein Hang zu perfektionistischen Ansprüchen und Selbstausbeutung, das Hamsterrad dreht sich weiter, das aktuelle Missverhältnis der Arbeit wird größer.

Quellen