Workaholics, Selbstoptimierer, Gruppen- und Gesellschaftszwänge

Container, Pakete, Logistikzentren, Packer und Auslieferer. All you can bring. © shankar s. under cc

Ein weiterer nicht zu unterschätzender Grund für ausgedehntes Arbeiten sind Pathologien und gesellschaftliche Zwänge. Beide gehen vermutlich ein Stück weit in einander über, weil manche Arten der Normalität eine größere Ähnlichkeit mit der einiger Pathologien haben.

Unter der Überschrift Workaholics werden meistens einige Gruppen von Menschen, deren Verhalten und Denken etwas pathologisch erscheint, subsumiert. Das sind zum einen zwanghafte Menschen, die zu sehr großer Genauigkeit neigen, von anderen, vor allem aber von sich, äußerste Gründlichkeit erwarten. Sie sind selbst ihre größten Kritiker und selbst das Lob anderer kann sie nur begrenzt entspannen. Diese Menschen neigen dazu Aufgaben überzuerfüllen und dazu gehen sie auch über zeitliche Grenzen hinaus.

Eine andere Art von Workaholics sind Menschen, meistens sind es Männer, die sich selbst mit inadäquater oder viel zu viel Arbeit bestrafen. Egal wie die Arbeitsbedingungen sind, nichts schockt sie und sie lassen alles mit sich machen. Frauen neigen dazu weniger hart um angemessenen Lohn zu verhandeln, aber sie protestieren viel eher, wenn die Arbeitsbedingungen, die sie vorfinden nicht in Ordnung sind, als Männer. Depressive Frauen bestrafen sich selbst eher mit inadäquaten Partnerschaften, depressive Männer bestrafen sich durch Überarbeitung. Wenn es ihnen schlecht geht, geht es ihnen ‘gut’. Sie wollen sich schon besser fühlen, denken aber, sie hätten es nicht verdient und müssten irgendeine Form der Schuld abarbeiten. Sowohl zwanghafte Menschen, als auch jene Sorte depressiver Männer sind natürlich für die Arbeit gut zu gebrauchen, aber eher in einem System und Arbeitsumfeld in dem Selbstausbeutung stattfindet und goutiert wird.

In die gleiche Ecke, aber mit anderem psychischen Hintergrund, gehören narzisstische Menschen, die sich über Arbeit definieren, primär geht es hier um ihren gefühlten oder realen Status und ihre Bedürfnisse nach ständiger Anerkennung, den sie in der Arbeit befriedigen können, während die im privaten Leben häufig gelangweilt sind, da sie eine öffentliche Bühne brauchen. Auch die ‘hilflosen Helfer’ gehören noch hierzu. Allerdings neigen einige Narzissten auch dazu sich großartig zu fühlen, ohne akzeptable Leistungen zu zeigen, das ist dann eine schlechte Kombination. Dann gibt es noch jene Narzissten, die sich mit ihrer besonderen Leistungsbereitschaft identifizieren und sich manchmal – unabhängig von ihrer Position – für den wichtigsten Menschen im Betrieb halten.

Gesellschaftlich betrachtet leben wir in einer Welt, in der ein Zwang zur Arbeit herrscht. Das sieht man daran, dass der soziale Status stark mit der Frage steht und fällt, ob man überhaupt Arbeit hat. Arbeitslose gehören zu den am stärksten entwerteten Menschen und jeder weiß es. So richtig leicht darf uns die Arbeit auch nicht von der Hand gehen, sie muss mit einer gewissen Mühsal einher gehen, wer mit zu viel Freude oder Leichtigkeit arbeitet, ist verdächtig.

In Gruppen von arbeitenden Menschen entscheidet eine hohe (protestantische) Arbeitsmoral oft über den Status in der Gruppe. Einerseits will man, wenn der Job stressig ist, den Kollegen nichts liegen lassen, was sie noch stärker belastet. Das kommt einer anthropologischen Mitgabe nahe, nach der wir Menschen, die sich einbringen könnten, es aber nicht tun, nicht mögen. Wer mitmacht, bekommt Anerkennung. Der negative Effekt ist, dass man sich ausbeutet, aus falschem (aber manchmal dennoch erwarteten) Pflichtgefühl auch krank zur Arbeit geht und es sich am Ende nur noch darum dreht, irgendwie durchzuhalten, was in die Richtung einer Selbstausbeutung geht und nicht in Richtung einer qualitativ hohen und beglückenden Tätigkeit.

Dies alles fließt mit in die Rechnung der nächsten Frage ein.

Wollen wir arbeiten?

Ist die Arbeit eine dem Menschen auferlegte Plage, wie es Krankheiten sein können?

David Graeber argumentiert, in einer Sendung über Arbeit, Strafgefangene seien der beste Gegenbeweis. Unter ihnen ist es ein Privileg im Gefängnis in Arbeit zu kommen und eine Strafe, wenn ihnen die Arbeit verweigert wird.[3] Allerdings sind Strafgefangene auch eine Sondergruppe innerhalb der Gesellschaft und Arbeit eine der wenigen Abwechslungen im Knastalltag, insofern überzeugt dieses Argument nur zum Teil.

Doch auch bei Freud lesen wir:

“Keine andere Technik der Lebensführung bindet den Einzelnen so fest an die Realität als die Betonung der Arbeit, die ihn wenigstens in ein Stück der Realität, in die menschliche Gemeinschaft sicher einfügt. Die Möglichkeit, ein starkes Ausmaß libidinöser Komponenten, narzisstische, aggressive und selbst erotische, auf die Berufsarbeit und auf die mit ihr verknüpften menschlichen Beziehungen zu verschieben, leiht ihr einen Wert, der hinter ihrer Unerläßlichkeit zur Behauptung und Rechtfertigung der Existenz in der Gesellschaft nicht zurücksteht. Besondere Befriedigung vermittelt die Berufstätigkeit, wenn sie eine frei gewählte ist, also bestehende Neigungen, fortgeführte oder konstitutionell verstärkte Triebregungen durch Sublimierung nutzbar zu machen gestattet. Und dennoch wird die Arbeit als Weg zum Glück von den Menschen wenig geschätzt. Man drängt sich nicht zu ihr wie zu anderen Möglichkeiten der Befriedigung. Die große Mehrzahl der Menschen arbeitet nur notgedrungen, und aus dieser natürlichen Arbeitsscheu der Menschen leiten sich die schwierigsten sozialen Probleme ab.”[4]

Die negativen Formen der Arbeit als Sucht und Selbstbestrafung hatten wir dargestellt, aber vergessen wir nicht, dass selbst im inzwischen arbeitsmüden oder vielleicht eher -frustrierten Deutschland noch immer mehr als drei von vier Menschen gerne arbeiten. Das hat bestimmt auch ideologische Anteile, aber es kann nicht nur Ideologie sein, zumal die Arbeitszufriedenheit in anderen Ländern noch weitaus höher ist und das sind bei weitem nicht alles protestantische Länder.

Das passt gut zu der bestens belegten These von Michael Tomasello, dass Menschen generell überragend kooperativ sind und sein wollen. Arbeit heißt in der abgespeckten Version ja nichts anderes, als seinen Teil zur Gemeinschaft beizutragen. Das ist ein starkes Motiv des Menschen, aber nicht das einzige. Die anderen Anteile sind, dass einem die Arbeit eben auch Spaß machen soll und dazu zählt, dass man sich mit seiner Arbeit und dem was man herstellt oder leistet identifizieren können muss. Finanzieller Lohn und ein angemessenes Lob vom Chef gehören auch noch mit dazu, ein angenehmes kollegiales Umfeld ebenfalls, schließlich sind das die Menschen, mit denen man täglich in vielen Fällen viele Stunden zubringen muss, manchmal sieht man sie länger, als den eigenen Partner.

Also an sich sind wir Menschen gewillt gerne zu arbeiten. So richtig wie abgedroschen: Beruf und Berufung sollten übereinstimmen, vollständig wird das wohl nur selten gehen, aber je weitreichender dies gelingt, umso besser. Wo es gelingt, ist Arbeit auch selten eine Belastung. Otto Kernberg arbeitet mit weit über 90 Jahren noch immer 12 Stunden am Tag, fünf Tage in der Woche. Er bewegt sich also kontinuierlich in der Todeszone, aber mit über 90 darf man dann irgendwann behaupten, dass ihm das nicht wirklich geschadet hat. Denn er führt aus:

“50 Prozent meiner Zeit sehe ich Patienten, 25 Prozent forsche ich und 25 Prozent unterrichte ich. Wir haben auf empirischer Basis eine Therapie entwickelt zur Behandlung von schweren Persönlichkeitsstörungen und beobachten mit Mitteln der Hirnforschung, welchen Einfluss das auf die Balance unterschiedlicher Gehirnstrukturen hat. Es macht mir großen Spaß!”[5]

Man muss kein Prophet sein, um auf die Idee zu kommen, dass der große Spaß an der Arbeit der entscheidende Faktor ist. Wir sind auf das Verhältnis von Spaß und Notwendigkeit schon eingegangen, die Arbeit ist etwas, was uns wirklich beflügeln und mit Sinn versorgen kann und noch dort, wo sie aus Notwendigkeit ausgeführt werden muss, kann es sein, dass sie die eigene Lebensqualität wenigstens durch ein eigenes Einkommen und gesellschaftliche Anerkennung vergrößert.

Das aktuelle Missverhältnis der Arbeit tötet

Karoshi heißt das Phänomen, dass Arbeit tötet, in Japan. Die WHO beschreibt die Langzeitfolgen, aber es geht in extremen Fällen auch schneller. Dort starb 2013 eine 31-Jährige Reporterin, nach 159 Überstunden in einem Monat. 2015 eine 24-Jährige nach über 100 Überstunden in einer Werbeagentur. Durch akute Überarbeitung.[6]

Das kann keinen Spaß mehr machen und hat bereits selbst einen Krankheitswert. Denn auch eine Reihe von Suiziden oder Versuchen in Japan, wurden auch Erschöpfung durch Überarbeitung zurück geführt. Soziale Anerkennung kann das ein Stück weit abfangen, aber auch nicht vollkommen. Wer viel bis zu viel arbeitet erntet auch bei uns Lob, kein Kopfschütteln. Ein Mensch, der krank zur Arbeit geht, kaum Urlaub macht und rackert, bis er umfällt wird nicht von Freunden oder Nachbarn zur Seite genommen und eindringlich gefragt, ob er Hilfe braucht.

Wo die goldene Mitte liegt ist bei jedem Menschen anders, aber die WHO hat die 55 Stunden im Monat eine Grenze markiert, die für die meisten gilt. Ist sie überschritten schadet die Arbeit, bis dahin, dass Arbeit tötet. Die Möglichkeit in der Arbeit seine Berufung zu verwirklichen, dabei Spaß zu haben und die Arbeit und damit einen großen Teil des Lebens als sinnvoll zu erleben, wird die Gefahr bei zu viel Arbeit mit größter Sicherheit minimieren, aber leider sieht die Lebenswirklichkeit vieler Menschen vollkommen anders aus.

Entgegen dem was man immer wieder mal hört, ist nicht die Arbeit knapp geworden, sondern die Arbeitskräfte sind es. Es gibt in vielen Branchen einen Fachkräftemangel, fast überall wird nach Menschen gesucht, die sich ausbilden lassen. Man sollte meinen, dass im Rahmen der Corona Pandemie die Situation in der Pflege nun deutlich besser wird. Doch das ist nicht der Fall. Die Nachbesserungen der Politik sind nicht mal halbherzig zu nennen, der Hintergrund wird vermutlich der sein, dass auf die politisch einflussreiche Stimme der Bertelsmann Stiftung gehört wird, die vor hat, die Zahl der Krankenhäuser von 1400 auf 600 abzusenken. Wenn es gar nicht so viele Pflegekräfte gibt, graben sich die Kliniken im Kampf um diese gegenseitig das Wasser ab und das gewollte Sterben der Häuser geht weiter.

Ein Irrsinn, der auf dem Rücken der Pflegekräfte ausgetragen wird, die von belastender Arbeit und Überstunden ebenfalls ein Lied singen können, aber die Qualität der Pflege sinkt mit dem Grad der Überforderung. Diese ist im Modell des Krankenhausabbaus mit eingepreist. Wenn sowie 800 Häuser eingehen sollen, hat man ja genug Pflegepersonal. Warum also soll man deren Arbeitsbedingungen verbessern? Zynisch, aber alles deutet darauf hin, dass genau so kalkuliert wird.

Gleichzeitig boomen aber vor allem Jobs, von denen man auch in Vollzeit Beschäftigung nicht leben kann. Die working poor sind auch bei uns angekommen. Irgendeine Arbeit findet man zwar auch heute noch, wenn man will, aber von der kann man nicht gut leben. Jeder der es wissen will, weiß von den ausbeuterischen Bedingungen, ob als Erntehelfer, in der Fleischindustrie, als Paketbote oder Auslieferer von diesem und jenem. Jobs, die niemand machen will, der hier geboren ist, doch gerade dieses Segment ist in Deutschland stark ausgeprägt nur Estland, Polen, Litauen, Rumänien und Lettland kennen noch mehr Arbeit im Niedriglohnsektor.[7]

Diese Arbeit hat mit Spaß nichts zu tun, sie ist pure Notwendigkeit, reicht aber nicht, um das Existenzminimum abzudecken. Oft ist von dem Luxus, dass beide Partner arbeiten wollen nichts mehr übrig, sie müssen beide arbeiten, um finanziell irgendwie klar zu kommen. Auf der Strecke bleibt das, was bei uns angeblich so hoch gehalten werden soll, qua Grundgesetz, die Familie. Die für die Psyche so wichtigen verlässlichen Beziehungen zu den Eltern werden, schon aufgrund ihrer Abwesenheit untergraben, somit steht die psychische Stabilität der folgenden Generation, die die ehedem selbstverständlichen Entwicklungen gar nicht durchleben können, auf wackeligen Füßen.

Eine der Reaktionen auf diese Labilität ist bereits heute ein Hang zu perfektionistischen Ansprüchen und Selbstausbeutung, das Hamsterrad dreht sich weiter, das aktuelle Missverhältnis der Arbeit wird größer.

Quellen