Alleinsein

Wollten Sie nicht noch Ihre Wolle verarbeiten? © Matthias Ripp under cc

Für viele ist das Alleinsein ein Gewinn, für manche lästig, für wieder andere ein Horror. Da ist in unserer Zeit das Internet ein riesiger Gewinn. Es gibt diverse Foren und Gruppen bei Ängsten vorm Alleinsein und es hilft oft schon, wenn man liest, dass es anderen auch so geht und man nicht der oder die Einzige ist, die so empfindet.

Ansonsten kann man auch hier die Zeit nutzen um sich selbst kennen zu lernen. Viele mussten über ihre eigenen Bedürfnisse hinweg leben, weil es immer scheinbar Wichtigeres gab. Eine gute Zeit zu erspüren, was Ihnen wirklich wichtig ist. Gerade die Menschen, die jetzt alleine herumsitzen können davon auch profitieren, wer drei Kinder managen muss, wird nicht viel Zeit zur Besinnung haben. Die Mehrzahl der Deutschen kommt mit der Situation aktuell ziemlich gut klar, wie oben erwähnt.

Wenn man allein ist, ist die Aufgabe größer, sich den Tag zu strukturieren, sich also (und wenn nach Tagen), dann doch anzuziehen, zu waschen, zu kochen und einfach auch hier neue Strukturen zu etablieren. Wer das alles genießt, der kann ja loslegen und seinem kreativen Potential Raum geben, das ist tatsächlich auch die Mehrheit. Wer Struktur braucht, kann sie sich selbst schaffen und auch inmitten aller Struktur kann eine neue Kreativität erwachsen. Der Sinn der Zen liegt darin, dass man bei dieser reduzierenden Methode, in eine Art der Freiheit kommt, wie man sie noch nie erlebt hat, nicht dass man Zwangsstörungen kultiviert.

Manche kultivieren auch ihr Eremitentum, sicher etwas, für eine Minderheit, aber gerade in diesen Zeiten könnte man merken, wenn das einem liegt.

Ein guter Tipp ist das Schreiben von Tagebüchern, eine Art konstruktiv und produktiv mit Spannungen umzugehen und irgendwann sicher mal historisch wertvoll. Aber erst mal schreibt man sie nur für sich und kann sie später immer noch rituell verbrennen.

Familien mit Kindern

Diese werden sich jetzt sicher nicht langweilen, auch hier sind klare Regeln und ein altersangemessenes Delegieren von Aufgaben sinnvoll, es sollten aber keine Regeln aus Prinzip sein, mit denen man seine Macht demonstriert, sondern im besten Fall sinnvolle, die das Zusammenleben in diesen Tagen oder Wochen erleichtern. Vielleicht auch hier mit Ruheräumen, in denen einzelne Familienmitglieder auch mal Zeit für sich haben können.

Auch hier haben Sie es selbst in der Hand, wie gut das Zusammenleben läuft, Eltern können lernen, Eltern zu sein, den Kurs vorzugeben und dennoch liebevoll und einfühlsam mit den Kindern umzugehen, die das je nach Alter auf ihre Art verstehen und verarbeiten müssen. Wir kennen diese Situation alle nicht und die Erwachsenen haben einen Vorsprung an Lebenserfahrung und Weitsicht.

Wenn Ihnen das zu viel wird, können Sie es ruhig aussprechen und sich gegebenenfalls entschuldigen, beim Partner und auch den Kindern. Sie erleiden dadurch keinen Autoritätsverlust, die Lage ist für alle neu und die Kinder lernen ganz nebenbei, dass auch Schwäche zu zeigen zu den Stärken des Lebens gehört. Aber auch hier kann es gut sein, dass dieses neue Beisammensein überwiegend Spaß macht.

Man darf auch zusammen traurig und ohnmächtig sein

Sie kommen mit all dem nicht klar? Sie haben Sorgen um nahe Angehörige oder sogar im schlimmsten Fall einen oder mehrere geliebte Menschen verloren? Erlauben Sie es sich, von der Situation immer wieder auch mal überfordert, verunsichert oder verängstigt zu sein. Das ist normal. Wenn ein lieber Mensch stirbt, ist man am Boden zerstört und traurig, das gehört einfach dazu. Trauer ist psychisch sehr gut, nur eben entsetzlich traurig. Wenn Sie nichts mehr empfinden, ist es viel schlimmer.

Auch Gefühle von kurzzeitig immer wieder mal auftretender Hilflosigkeit und Überforderung, bis zur gefühlten Ohnmacht, sind in solchen außergewöhnlichen Zeiten normal. Gestehen Sie sich ruhig ein, dass es Situationen gibt, in denen Sie augenblicklich nicht weiter wissen, wie denn auch? Es ist für uns alle neu und es gibt noch keine Muster und Referenzgrößen für solche Situationen. Also tasten wir uns vorwärts, probieren hier und da, machen gelegentliche Fehler, solange es keine schlimmen und vorsätzlichen Fehler sind, ist alles in Ordnung. Das Eingeständnis, dass man gerade überfordert ist, ist schon ein erster Schritt auf dem Weg zur Besserung. Denn das ist einem nun klar geworden und man kann zurück auf ‘Los’ gehen und wieder bei dem ansetzen, was einem bekannt vorkommt. Seien Sie nachsichtig mit sich.

Machen Sie sich ihre Gefühle ruhig klar, sie sind ja da. Wenn Sie sie aussprechen, aufschreiben oder sogar kreativ damit umgehen können, haben Sie diese schnell hinter sich und können wieder die Kontrolle zurück gewinnen.

Raus aus der Opferrolle

Auch hier gilt, was in anderen Lebenssituationen gültig ist. Es gibt immer zweierlei: Die äußeren Umstände und die Art, wie man mit ihnen umgeht. Bei nahezu identischen äußeren Umständen gibt es ein ganzes Repertoire an Arten und Weisen, wie man auf sie reagieren kann. Geschockt, panisch, organisiert, aggressiv, besonnen, hysterisch, abwartend, besorgt, verharmlosend und vieles mehr, wir kennen das ja alle auch aus dem normalen Alltag.

Wenn man das eigene Muster kennt, umso besser. Man muss kein Held sein, gerade heute nicht, eher vorsichtig. Auch Angst ist normal und gehört dazu. Gut ist, wenn man sich dieser Angst ein Stück weit stellen und sie aus einer erträglichen Ferne genauer anschauen kann. Angst und ein klein wenig Paranoia ist heute sogar ein Vorteil. Mit Übermut schädigt man derzeit sich und andere eher, als dass man ihnen helfen kann.

Letzte Sicherheiten gibt es ohnehin nicht im Leben, ein Rest an Ungewissem bleibt uns Zeit unseres Lebens erhalten. Der Wunsch nach perfekter Kontrolle ist oft ein Wunsch der aus einer Ich-Schwäche resultiert. Auch das ist nicht schlimm, wenn man es weiß. Viele Ängste laufen in der letzten Konsequenz darauf hinaus, dass man anerkennen muss, dass es eben keine letzte Sicherheit gibt. Für niemanden. Aber es gibt gleichzeitig für jeden Mechanismen, die es einem ermöglichen, in Frieden weiter zu leben und immer entspannter zu werden.

Wir leben alle mit Ideen von Welt. Niemand weiß was kommt. Kein Wissenschaftler, kein Weiser, kein Supercomputer. Muss man aber auch nicht, weil man mit der Welt prima zurecht kommen kann. Wir Menschen sind – wir erleben es gerade – ungeheuer flexibel. Die soziale Vollbremsung klappt und viele kommen bestens damit klar. Manche genießen es ihre Familie mal wirklich um sich zu haben, andere Spaziergänge durch den Wald. Waldbaden wird das auch genannt und ist obendrein noch super fürs Immunsystem. Wann, wenn nicht jetzt, kann man den Frühling mehr genießen? Niemand kann Sie dran hindern es einfach mal zu tun.

Wir wissen nicht, was kommen wird, aber wir können immer sicherer werden, dass wir mit dem was kommen wird, klar kommen werden. Eben nicht, weil wir alles im Vorhinein wissen, sondern weil wir das Vertrauen haben können, dass wir auf alles Antworten finden. Bislang hat es gut geklappt mit den Menschen. Machen Sie sich das klar, auch Sie sind ein Teil dieser Menschheit, die immer wieder vor gigantischen Problemen stand und sie alle gelöst hat. Bei aller Kritik ist das zunächst mal bewundernswert.

Bleiben oder werden wir Optimisten

Es lief bei uns nicht reibungslos, zu Anfang, aber nun haben es so gut wie alle begriffen, dass die Lage halbwegs ernst ist und hoffentlich auch, dass wir selbst etwas dagegen tun können. Zumindest lief nach anfänglichen Leichtfertigkeiten, die Sache Umsetzung der Maßnahmen in den aller meisten Teilen des Landes und der Menschen dann doch ziemlich gut. Der für seine umfangreichen und mitunter launigen Kommentare auch in Zeit und Spiegel bekannte Vorsitzende Richter am Bundesgerichtshof, Thomas Fischer, sagt in einem Interview:

“Natürlich gibt es, wenn große Bevölkerungen betroffen sind, immer fünf Prozent Idioten, Dissoziale oder Panikbegeisterte. Das kann man aushalten, indem man sie isoliert und lächerlich macht.”[2]

Dafür können wir uns selbst gratulieren, denn wenn man zaghaften ersten Trends glauben darf, beginnen die Maßnahmen allmählich zu wirken. Grund zum Optimismus gibt es in jedem Fall und den kann man ein Stück weit sogar trainieren. Zu viel Optimismus kann zu Leichtsinn führen, aber ein moderater Optimismus tut gut, weil er selbstverstärkend ist.
Das Argument der Pessimisten ist oft, sie wollten und man solle sich nichts vor machen, doch das ist ein Stück weit zu kurz gesprungen, weil Pessimisten damit implizit unterstellen, ihre Sicht der Dinge sei die eigentlich richtige und alle anderen würde sich nur etwas vor machen. Aber die Sicher der Pessimisten ist nicht ‘die Sicht’ der Dinge, sondern nur die pessimistische Version davon. Oft genug sind Misserfolgsorientierte und Pessimisten im Nachteil (sie zum Beispiel in: Warum immer ich?) und die manchmal vorhandene Idee nichts zu erwarten und sich auch nicht zu freuen, damit man auch nicht enttäuscht werden kann, sägt dem Leben auch die Spitzen nach oben ab.

Pessimismus ist etwas anderes als Melancholie, die auf vielfältige Arten des Sehnens beinhalten kann, das auf seine eigene Art tief und befriedigend sein kann. Der Pessimismus verstärkt sich oft selbst, der Optimismus oft auch und beides ist nicht nur vom Schicksal gegeben. Gut drauf zu sein, kann man lernen, durch eine reiche Vielfalt an Möglichkeiten, die nicht nur den Optimismus weiter verstärken, wenn die Lok mal rollt, sondern obendrein auch noch das Immunssystem verbessert. Auch das sind Wege durch die Krise.

Eckart von Hirschhausen erklärt die Zusammenhänge immer fundiert und unterhaltsam.