abstebender, brauner Baum

Traurige Realität vieler Nadelbäume. © C. Börger

Dass zur Zeit nicht alles ganz rund läuft, darauf wird man sich vermutlich auch dann schnell einigen können, wenn man weltanschaulich entgegengesetzten Lagern angehört, aber können Rituale und Mythen als Rettung für unsere Zeit dienen?

Es ist irgendwie ein Dilemma. Einerseits nehmen wir die Segnungen der Neuzeit gerne mit, doch bei vielen Älteren schleicht sich das Gefühl ein, dass früher vielleicht nicht alles, aber doch manches besser war. Nun weiß man, dass rückblickend, oft falsch, oder mindestens verklärt, die eigene Kindheit und Jugend romantisiert wird, weil man sich an die Hoffnungen, Freiheiten und positiven Seiten der Umbrüche gerne erinnert und die Masse an Unsicherheiten und Ängsten hinter sich gelassen hat. Aber auch wenn man sie mit einbezieht, bleibt dieses Gefühl, dass uns vielleicht doch etwas verloren gegangen ist.

Wenn man aufgefordert wird zu sagen, was das denn sei, was früher besser war und auf was man denn heute gerne wieder verzichten würde, denn fällt einem in der Regel auch nicht so viel ein, denn ohne Smartphone ist das Leben für viele schlicht nicht mehr denkbar, was heißt, dass allzeit online zu sein, eine Normalität ist und mobil will man auch ganz gerne sein, auf den Fernseher, Urlaub oder die Waschmaschine möchte auf keiner verzichten.

Dass die Kinder heute oft ohne das gemeinsame Fangen und Fußball spielen auskommen und nicht mehr auf Bäume klettern, verstört viele Eltern, die gerne vermitteln möchten, was man dadurch gewinnen kann, aber in unserer funktionalistischen Zeit kommt man nicht mehr so richtig darauf, was denn da eigentlich fehlt und so man bleibt gerne an solchen technisch klingenden Details wie dem Erlernen motorischer Fähigkeiten oder sozialer Kompetenzen hängen. Aber so oder so, das freilaufende Kinderrudel vor der Haustür ist kein normaler Anblick mehr.

Irgendwie zurück, aber doch nicht so ganz

Das ist gar nicht so dumm, wie es klingt, denn die paradoxe Bewegung, mit einem reiferen Bewusstsein noch mal in die Vergangenheit zurück zu kehren und emotional an sie anzuknüpfen, um mit manchem endgültig abzuschließen und anderes zu übernehmen, kennen wir auch aus der Psychotherapie: “Regression im Dienste des Ich” hieß das bei Freund und hat den Zweck, alte Konflikte zu finden und noch einmal nachzuempfinden, nicht um für alle Zeiten wieder Kind zu werden, sondern dem Kind in sich noch einmal Aufmerksamkeit zu schenken, es aus heutiger Sicht zu verstehen, sich aus heutiger Sicht zu verstehen und zu erkennen, dass manche Konflikte Verirrungen in der Zeit sind, die man daher verstehend abhaken kann.

Das hilft mit manchen Themen abzuschließen, die ansonsten immer wieder in die Gegenwart hoch gespült werden. Es hilft aber auch die eigene Welt zu ordnen, neu zu ordnen und kindliche Ängste und Hoffnungen hinter sich zu lassen, aber vielleicht auch zu erkennen, was man von früher bewahren möchte. Fragt man Menschen, was denn früher eigentlich besser war, so hört man neben den Idealisierungen der eigenen Kindheit oft, dass die Menschen früher mehr zusammen gehalten haben.

Ob es die Betonung der Kameradschaft im Krieg war, die manche fasziniert – und die so manches erlittene Trauma ausblendet – oder die Solidarität in der Nachkriegszeit, in der man sich mit dem wenigen, was man noch hatte, wechselseitig oft wesentlich mehr unterstützte, als nachher, als es alle spürbar besser ging und man die eigenen Schätze eifersüchtig hütete, die Gemeinsamkeiten in Zeiten der Not werden oft genannt. Noch die Kinder und Enkel der Kriegsgenerationen kannten die Gemeinsamkeiten als Gefühl aus jener Zeit, in der sie spielenden Kinder waren.

Ob die Kameradschaft oder Solidarität der Schicksalsgemeinschaften, oder einfach das Gefühl zusammen durch eine bestimmte Lebensphase zu gehen, das Gefühl, immer auch Teil einer Gemeinschaft zu sein, ist uns wichtig.

Gemeinschaft und Vereinzelung

Das scheint nicht immer so zu sein, wenn wir an die Smartphones denken, mit deren Hilfe heute viele in ihre eigene Welt abtauchen und sich der Gemeinschaft scheinbar entziehen. Doch in der anderen, digitalen Welt ist man ja auch nie allein, irgendeiner ist fast immer online und diese Welt hat etwas andere Gesetze und wirkt zunächst um einigesn spannender, als der Alltag. Die schnelle Verfügbarkeit sorgt dafür, dass ich Zeitlöcher und sei es an der roten Ampel sofort füllen kann. Das Geräusch des Smartphones signalisiert, dass jeder neuen Nachricht eine hohe Dringlichkeit zukommt, man muss sofort mal eben drauf gucken, es könnte wichtig sein. Die kurze Spannung ist der Lohn, aber auch der Kick, das Gefühl, dass man etwas verpassen könnte, auch wenn die aller meisten Nachrichten vergleichsweise banal sind. Die Lebenszeichen von anderen. Eine Welt ohne Langeweile, aber doch mit erstaunlich viel Einsamkeit. Und das betrifft auch schon, in den Umfragen meist ausgesparte ganz junge Menschen, wie Schlecky Silberstein berichtet. Aber, kurz gesagt: Social Media erfüllen ein Bedürfnis, offenbar eines nach Nähe und Gemeinschaft.

Nun wird unsere Zeit immer wieder als das glatte Gegenteil beschrieben, als eine Gesellschaft von Individualisten bis hin zu Egozentrikern. Doch so einfach und eindeutig ist es oft nicht. Zwar glaube ich auch, dass narzisstische Tendenzen in unserer Gesellschaft zugenommen haben, doch der positive Ausdruck dessen, sind die Errungenschaften unserer westlichen Kultur, die im Gegensatz zu kollektivistischen Gesellschaften das Individuum hoch schätzt und unter besonderen Schutz stellt. Wir tun sehr viel, damit das Leben des Einzelnen gerettet wird, eine Errungenschaft die westlich vom Christentum ausging und dann von der Aufklärung weiter getragen wurde.

Das Individuum steht aber keinesfalls gegen die Gemeinschaft, sondern der egozentrische Einzelkämpfer ist eine Seite des Individuums. Der Egozentriker denkt nur an sich, das reife Individuum hat, selbst wenn es sich nicht mit Begeisterung in jede Gruppe oder Gemeinschaftsaktivität stürzt, die Gesellschaft im Sinn, versucht nicht nur seinen Vorteil aus ihr zu ziehen, sondern engagiert sich für ihr Fortbestehen. Reife Individuen sind für Gemeinschaften also ein Vorteil.

Bindungen und Verbindlichkeiten

Blumen am Feldrand

Am Rand von Feldern werden neuerdings Blumen für Insekten angepflanzt. © C. Börger

Man darf nicht den Fehler machen alles an Smartphones oder einem anderen Einzelthema fest zu machen. Aber man kann an Smartphones beispielhaft zeigen, was ein Problem unserer Zeit ist. Man will Kontakt und prompte Bedürfniserfüllung, aber möglichst ohne Verbindlichkeiten. Für mich soll immer jemand zur Verfügung stehen, aber ich will nicht immer zur Verfügung stehen, zum Beispiel dem, der mir gegenüber sitzt. Man will via Onlineplattformen schnellen Sex, aber keine emotionale Bindung.

Bedürfnisse die ehemals in einem Gesamtpaket erfüllt wurden, zum Beispiel, Ehe, Sex, Nachkommen, Versorgung und soziale Rollen werden immer mehr in ihre Einzelbestandteile aufgetrennt und können unabhängig von einander erfüllt werden. Vielleicht sind das einfach neue Freiheiten, vielleicht auch Fragmentierungen, die durch keine neue synthetische Gegenbewegung aufgefangen werden. Zugleich kommen auch in der Außenwelt neue Aufgaben auf uns zu, die wir früher einfach delegieren konnten.

Man ist sein eigener Programmdirektor, macht Online-Banking, kontrolliert seine mails, nutzt hierfür und dafür eine App, informiert sich selbst online über alles Mögliche, was als Freiheit verkauft wird und oft ein Wegfall ehemaliger Dienstleistungen ist. Durch all diese Mehrarbeit, die man freiwillig und von zu Hause durchführt, fallen Ruhephasen weg, man fühlt sich, trotz statistisch geringerer Arbeitszeiten dennoch immer mehr gehetzt und immer schneller ausgebrannt.

Fragmentierung, Anonymisierung und Technisierung führen bei einigen Menschen dazu, dass sie ein Gefühl sozialer Kälte haben, die wachsende Gereiztheit und Aggression in verschiedenen Bereichen des Lebens kann man, trotz Statistiken die oft das Gegenteil verkünden wollen, schwer leugnen. Alles besser als je zuvor, so heißt es, aber immer weniger Menschen fühlen sich wohl.

Und genau an dieser Stelle könnten die Rituale und Mythen ins Spiel kommen. Was sie uns geben haben wir in Mythos und Ritual ausgeführt und dargestellt, an erster Stelle eine Versorgung mit Sinn, Wert und Orientierung, darüber hinaus eben über die Rituale auch Verbindlichkeiten, in denen man zum Beispiel bestimmte Lebensabschnitte oder Ereignisse begleitet und Strukturiert.

Wenn wir vom anderen wissen, dass er einen ähnlichen Weg, etwa durch bestimmte Rituale auf seinem Lebensweg gegangen ist, dann wissen wir, was er erlebt hat, das verbindet. Wenn wir uns auf gemeinsame Ziele einigen können, dann verbindet das um so mehr.

Eine neuer Gaia Mythos?

neue Bäume

Hier konnte man Patenschaften für neu gepflanzte Bäume übernehmen. Die Wiese ist schon ausgetrocknet. © C. Börger

Nun scheint aber gerade die Einigung auf gemeinsame Ziele in unserer Zeit sehr schwierig zu sein, doch das könnte sich in nächster Zeit ändern. Schon die ersten Sommerwochen dieses Jahres waren knackig, ließen die Wiesen braungelb werden und brachten einen größeren Waldbrand. Immer mehr Menschen leiden unter der Hitze. Die Fridays for Future Demonstranten sorgen weiter auf ihre Art dafür, dass uns das Thema im Gedächtnis bleibt und immer mehr Menschen wird klar, dass sich wirklich etwas ändern muss, gravierend und dauerhaft.

Doch was wie eine Drohung oder Einschränkung daher kommt, ist auf der anderen Seite eine große Chance, die Menschen zusammen rücken zu lassen kann, vielleicht aus der Not, aber das hat in den finsteren Zeiten Deutschlands auch funktioniert. Wir hätten wieder ein Ziel. War es nach dem Krieg der Wiederaufbau, so ist es heute ein Umstrukturierung der Gesellschaft, die keinesfalls als linksgrünes Thema politisiert werden muss, sondern allen dienen und so gut wie jeden mitnehmen kann.

Was Grüne als Bewahrung der Natur oder Umweltschutz ansehen, kann bei christlich Konservativen und Progressiven als Bewahrung der Schöpfung laufen und hier findet man bereits bereits Koalitionen. Da sind auch Anhänger von Naturreligionen und Esoteriker nicht weit, die mitunter auch eine enge Verbindung zur Natur verspüren und diese schützen wollen und durchaus Rituale und Mythen als Rettung für unsere Zeit empfinden.

Das ist keinesfalls so irrational wie es klingt, da vielen Denkern und Wissenschaftlern klar ist, dass man an dem Ast auf dem man sitzt nicht sägen sollte. Eine gewisse Demut vor Mutter Erde neu zu lernen, stünde uns, egal mit welchem Weltbild im Hintergrund gut zu Gesicht.

Integration rechter Positionen

Die klassischen Weltbilder rechter Positionen geraten in unserer Zeit ins Wanken, was zu einer Affinität zu rechten Positionen aus allen Schichten führt, wie die Soziologin Cornelia Koppetsch im Deutschlandfunk Kultur ausführt. Auch diese suchen letztlich, nachdem ihre traditionellen Werte oft wegbrechen, nach einer Neuorientierung und da der Wald und die Natur ein fester Bestandteil der deutschen Identität sind, gibt es hier Brücken über die man gehen kann.

Auch wenn man meint, Migration begrenzen oder steuern zu müssen, ist der eleganteste und nachhaltigste Weg, die Lebensqualität in den Herkunftsländern der Migranten zu verbessern, was man nicht gegen die Sorgen und Bedürfnisse der eigenen Bevölkerung ausspielen muss, die eben nicht nur arm sind, sondern auch, laut Frau Koppetsch ihr Weltbild bedroht sehen, auf die Bedeutung der Weltbilder für die Menschen haben wir hier immer wieder hingewiesen.

Wenn rechte Positionen nun überhaupt nicht mehr repräsentiert werden dürfen, bringt das den Zusammenhalt in der Bevölkerung nicht weiter, das Thema Umwelt, gegen das Rechte sich mitunter noch ideologisch sträuben, ist aber in Wahrheit eines, was auch ihnen die Möglichkeit bietet, sich wieder vertreten zu fühlen und einzubringen und sich dann im Kontext von Ritualen gegenseitig doch mal wieder zu beschnuppern und festzustellen, dass die “Irren” auf der jeweils anderen Seiten durchaus Menschen wie du und ich sind, kann auch nicht schaden.

Die Schaffung neuer sozialer Rollen auch für jene, die sich durchaus auch als sogenannte Biodeutsche vernachlässigt fühlen, bietet einige Möglichkeiten, bishin in unseren Zeiten wieder ein Held zu werden, etwas, was manchen zu irrational ist, was aber – dies würde ich anders deuten als Frau Koppetsch – die neue Währung der Zukunft sein kann und sollte, um die es demnächst verstärkt wieder gehen könnte: Anerkennung, nach der auf die eine oder andere Art so gut wie jeder strebt. Die von manchen Rechten schon umgesetzte Idee autonom zu leben und sich selbst zu versorgen, ist dabei ein Element, auf was man zurück greifen kann.

Ein Zusammenwachsen emotionaler und rationaler Positionen

zauberhafter Nebelmorgen

Die Natur bietet uns oft eindrucksvolle Schauspiele, hier ein zauberhafter Nebelmorgen. © C. Börger

Was wir geschichtlich erleben ist im Grunde der Niedergang rein rationaler Positionen. Das bauen auf die stete Zunahmen der Vernunft, ist aus diversen Gründen an ein Ende gekommen, doch damit sind rationale Positionen natürlich nicht in Gänze erledigt, es ist nur ihre Alldominanz und ihre Heilkraft gebrochen, etwas, was vielen Denkern schon seit längerer Zeit klar ist. Sie spielt dennoch weiter eine Rolle in einem größeren Kontext, wie demnächst vielleicht emotional verbindlichere mythische Positionen ebenfalls.

Aber Mythen, Heldensagen und Religionen sind nicht per se irrationaler alter Kram, sondern in vielen Fällen andere Formen der Vernunft, die ihre oft aus Tradition geronnenen Botschaften bildhaften einkleiden und das Bedürfnis der Menschen nach Erzählungen befriedigen. Erklärungen alleine bieten uns keine Orientierung, sagen uns nicht, wo es hin geht und ein Fortschritt der immer weniger Menschen mitnimmt und glücklich macht, ist keiner, dem man länger folgt.

Doch auch aus dem wissenschaftlichen Lager gibt es gute Nachrichten zu vermelden, denn nach einem nochmaligen Durchrechnen sind Wissenschaftler der ETH Zürich zu dem Schluss gekommen, dass ein konsequentes Aufforsten gewaltig positive Effekte auf das Weltklima haben kann, bei den bis zu Zweidritteln der überschüssigen Kohlendioxids aus der Atmosphäre gefischt werden könnten. Kleiner Nachteil: Derzeit holzt man weiter ab und die besten Effekte bringen alte Bäume, es lohnt sich als heute anzufangen. Tut man das, wird man keine Monokulturen errichten, sondern den gesunden Mischwald, der sich selbst regeneriert und obendrein auch noch Lebensräume für Tiere bietet und die Artenvielfalt unterstützt.

Mythen kann man nicht verordnen oder installieren, auch sie müssen annähernd organisch wachsen, eine schöne Übung in der Zusammenführung von Natur und Kultur, Bereichen, die sich in letzter Zeit zunehmend in der Weise verändert haben, dass Natur als etwas gesehen wurde, was wir bedenkenlos ausbeuten können. Gleich mit welchen Augen man unsere Natur sieht, die meisten fühlen sich in ihr wohl und spüren eine gewisse Verbindung zu ihr. Sie zu hegen und zu pflegen und die positiven Effekte davon in der eigenen Psyche zu spüren, ist ein Effekt den jeder Hobbygärtner kennt, die ersten Erfolge kann man schon nach Tagen sehen und in der Folge dann immer mehr.

Ohnehin sehr lehrreich, wenn man erlebt, dass es tatsächlich etwas bringt, wenn man für etwas Verantwortung übernimmt. Zwar wird sich nicht jeder einen Garten leisten können, aber dass man zukünftig für bestimmten Areale in der Natur eine Art Patenschaft übernimmt, wäre ein Gedanke, den man weiterspinnen könnte.

Synergieeffekte und das Zusammenspiel von Innen und Außen

Insektenwohnungen

Neuerdings tut man aktiv etwas für Insekten, weil man Zusammenhänge besser erkennt. © C. Börger

Wer ein Ziel hat, weiß wofür er morgens aufsteht. Auch nach katastrophalen Ereignissen machen vor allem die Menschen, die eine Rolle haben, mit der sie sich identifizieren können, weiter, weil sie wissen, wofür. Für die Kinder, die Haustiere oder auch für etwas abstrakt scheinendes, wie einem Sinn im Leben, der zumeist bedeutet, dass man sich in ein größeres Ganzes eingebettet sieht.

In diesem Sinne Teil eines Ganzen zu sein, ist aber etwas, bei dem man sich gebraucht fühlt und Anerkennung bekommt. Soziale Anerkennung ist die wichtigste Währung und das ganze Thema der Abgrenzung der sozialen Gruppen unter einander, dreht sich um diese Anerkennung. Man will zu einer bestimmten Gruppe gehören und dazu gehört nicht nur das Einkommen, sondern vor allem die typischen Codes dieser Gruppe zu kennen.

Die Zersplitterung ist allgegenwärtig, was wir brauchen, sind zusammenführende Elemente, die nicht nur bestimmte Gruppen ausgrenzt, sondern allen die Möglichkeit gibt, durch Teilnahme an Gemeinschaftsaktivitäten und Ritualen, zusammen zu rücken. Gerade wenn die Bande alter identitätsstiftender Bezüge brüchig werden, sind neue Angebote wichtig.

Je rituell aufgeladener etwas ist, je höher auch die Hürden und sozialen Kosten, um so effektiver ist und um so wichtiger wird so eine Rolle auch genommen. Rituale und Mythen stehen in einem direkten Zusammenhang damit, etwa in Form von Initiationsritualen in einer Gemeinschaft, die dennoch individuelle Unterschiede tolerieren und fördern kann. Wie gesagt, man man kann Mythen nicht basteln, aber der soziale Druck ist inzwischen da und Rituale leben wesentlich von der symbolischen und immer auch emotionalen Aufgeladenheit, die wir mehr und mehr zugunsten eines bürokratischen Aktes zurück gedrängt haben.

Die Un-verbindlichkeit von vielem ist durchaus wörtlich zu nehmen und Rituale und Mythen als Rettung für unsere Zeit können mehr Verbindlichkeit in vielen Lebensbereichen schaffen. Das Thema Umwelt bietet sich an, wir müssen und können uns kümmern, dadurch erhalten wir selbst, wenn wir für bestimmte Räume zuständig sind, ein Bedeutung, erhalten eine soziale anerkannte Rolle, die vielen so bitter fehlt, übernehmen Verantwortung und tun etwas Gutes und Sinnvolles, das obendrein uns alles nutzt und Weltrettung ist ja nicht die unwichtigste Aufgabe.

Die Zusammenhänge ergeben ganz organische Synergieeffekte, die man besser direkt erlebt, als dass man sie theoretisch kennt. So lautet eine psychologische Erkenntnis, dass man umso eher glücklich wird, je mehr man etwas für andere tut, aber es ist besser dies wirklich zu erleben, als darüber zu spekulieren. Diese anderen können auch Menschen, Tiere oder Pflanzen sein. Auch dieses Wechselspiel hat für viele Typen Menschen etwas zu bieten, fast alle lieben den Wald, manche umarmen Bäume, lehnen sich an sie, um Kraft zu erhalten, meditieren unter ihnen. Andere sind beeindruckt von dem Alter und der Größe der Bäume, manche haben Spaß an ihrer Bestimmung, wieder andere nutzen die gesundheitsfördernde Kraft der Bäume, bei einem Waldspaziergang soll man von der krebshemmenden Kraft der Luft dort profitieren.

Wir können darüber hinaus wieder einen anderen Umgang mit Zeit lernen, Gerüche und Geräusche differenzieren, die Liste ließe sich beliebig verlängern, umso mehr, je mehr wir uns gegenseitig darauf aufmerksam machen. In Zeiten in denen der Funktionalismus auf die Spitze getrieben ist und auch das Leben und Beziehungen immer öfter rein unter dem Aspekt des Nutzens oder der Funktion gesehen werden, Beziehungsfragmente den Charakter von Dienstleistungen bekommen, Menschen von der Globalisierung genervt sind oder sich abgehängt fühlen, könnten Rituale und Mythen den Trend umkehren.

Wenn man mit virtuellen Aussagen wie ‘der gemeinsamen Idee Europa’ nicht immer was anfangen kann und sieht, dass die kosmopolisitisch urbane Clique ihre eigenen sozialen Codes entwickelt, ist vielleicht nicht der Nationalismus, sondern eine kleinere Einheit, der Regionalismus die passende Antwort. Einbindung in Strukturen, die man überblicken und erfassen kann, mit denen wir ohnehin oft identifiziert sind und mit denen wir uns und andere rituell verbinden können, etwa in dem jeder für einen Flecken Erde verantwortlich ist und dieses Band rituell geknüpft ist. Die Ideen dazu sollten uns nicht ausgehen und dann können Rituale und Mythen als Rettung für unsere Zeit wichtige Bausteine sein.