Vater, Mutter, zwei Kinder, Smartphone

Irgendwie so hübsch normal. © Support PDX under cc

Über die beiden theoretischen Seiten der Normalität, als Ideal und Durchschnitt, bis zur Pathologie, haben wir bereits in Normalität geschrieben; hier soll es um die praktische und gesellschaftliche Seite derselben gehen und die erstaunliche Macht der Normalität und ihrer diversen Wirkungen, die sie entfalten kann. Die vielfältigen Veränderungen, gerade auch mit dem Blick auf das, was normal ist, verlangen geradezu danach das Thema noch einmal aus dieser Perspektive zu betrachten.

Der gewöhnliche Umgang mit den Dingen im Alltag

Was wir über die Dinge der Welt und unsere Mitmenschen sagen, ist die eine Sache, doch unser praktischer Umgang mit ihnen lässt oft viel tiefer blicken, ist unmittelbarer, ohne Worte. Wie wir mit den Dingen und Menschen unserer Umgebung umgehen, offenbart sich hier. Wie wir uns öffentlich verhalten und wie wir es privat tun, ob unsere Rede zu unserer Handlung passt und dergleichen, all das sieht man auch daran, wie wir im Alltag agieren.

Unsere Kinder sehen diese Art des Umgangs noch bevor sie verstehen, was wir sagen. Auch wenn sie den Inhalt nicht dem Wort nach begreifen, so spüren sie doch die Stimmungen der handelnden Mensch, auch die zwischen ihnen. Wie liebevoll oder gereizt die Eltern miteinander umgehen, wie emotional lebendig oder reduziert sie es tun, wie man in dieser Familie mit Tieren umgeht, mit Nachbarn, dem Smartphone, dem Essen, wie viel Zeit man miteinander verbringt und auf welche Art, das lernen Kinder ganz unmittelbar. Das ist erst mal ihre Normalität, die, in der sie groß werden. Diese Normalität ist auch ganz ohne Worte normierend, das heißt ein Vorbild dafür, wie man mit den Dingen und Menschen der Welt umgeht. Daraus erklärt sich auch schon ein guter Teil der Macht der Normalität, denn durch die immer wiederkehrenden Arten und Weisen des Umgangs, des normalen Umgangs lernen Kindern ganz selbstverständlich, wie man etwas macht, wie man mit Menschen und Dingen umgeht, was wichtig ist und was nicht, auch dann, wenn sie zusätzlich die Worte dessen, was gesagt wird, was erlaubt was verboten ist, verstehen.

Typischerweise lernen Kinder auch ohne Worte erst Verbote, dann Gebote und später den realistischen Ausgleich zwischen beiden, in Das Gewissen führten wir das näher aus.

So macht man das

Dass man es so wie zu Hause eben nur ‚bei uns‘ macht und es durchaus anderswo auch anders gemacht wird, ist den Kindern nicht bewusst, da sie keine Vergleichsmöglichkeiten haben, jedenfalls in klassischen Formen der Familie, die sich heute jedoch immer mehr verändern.

Kinder lernen jedoch in vielen Fällen noch, wie man etwas macht und für sie bedeutet etwas ’so‘ zu machen, die Art und Weise zu kennen, wie es richtig gemacht wird, nämlich genauso, wie man es von zu Hause kennt. Wer es anders macht, macht es eben falsch, so ihre frühe Überzeugung. Gewohnheiten und Richtigkeit sind hier miteinander verschmolzen. Doch auch die Familie lebt nicht kontextfrei, das heißt, sie lebt in einem soziokulturellen und gesellschaftlichen Umfeld, das auf seine Art ebenso sanft oder streng diktiert, wie die Dinge gemacht werden und gleich ob die Eltern es gut finden oder ablehnen, sie müssen sich zu diesem Umfeld verhalten, das die Kinder auf diese Art doch kennen lernen.

Wie man von sich fortbewegt, kleidet, spricht, sich in der Öffentlichkeit verhält, wen man anerkennt und wen nicht, vieles davon ist still geregelt, einfach weil alle es so machen. Und weil es alle so machen und es entsprechende Alternativen nicht gibt, erscheint das Normale auch so oft, als das Richtige. Es scheint intuitiv vernünftig es so zu machen, wie es alle tun, auch darin beruht ein Teil der Macht der Normalität. Das andere erscheint umständlicher, das dies manchmal nur daran liegt, dass es nicht mehr Menschen auch machen, wird ausgeblendet.

Die andere Seite der Geschichte ist die Vorgabe, was man nicht macht, weil man es nicht tun sollte oder darf. Für viele eine Angelegenheit von Pi mal Daumen, der Straßenverkehr ist nur deshalb möglich, weil die Menschen die Regeln kennen, sie zum größten Teil beherzigen, aber in Ausnahmesituationen eben auch brechen. Vor der roten Ampel wird gehalten, aber wenn die Ampel nicht wieder grün wird, fährt man irgendwann, vorsichtig zwar, aber trotzdem weiter. Durchgezogene Linien dürfen nicht überfahren werden, wenn ein unerwartetes Hindernis auf der Straße ist, macht man es dennoch, andernfalls würde der ganze Verkehr der Region zusammen brechen.

Doch neben dem, wofür man kritisiert wird, wenn man es tut und dem, was per Gesetz verboten ist, gibt es eine weitere Stufe der sozialen Eskalation, die Tabus. Tabus sind meistens nicht das, was dafür gehalten wird und ‚was man ja wohl nach sagen dürfen‘ kann, sondern Tabus sind oft jene Themen die still ausgeklammert werden, so als würden sie überhaupt nicht existieren. Tabus werden berührt, wenn das Gespräch verstummt oder man noch nicht mal auf die Idee käme, darüber öffentlich zu reden. Oft aus schamhaft besetzten Bereichen, die symbolisch oder konkret mit Aggression, Schmutz und/oder Sexualität zu tun haben.

‚Das tut man nicht‘ ist eine knappe Form, etwas oberhalb des Tabus. Man weiß, worum es geht, ist aber mit dem Thema schnell fertig, das heißt, im Grund nicht bereit es länger zu diskutieren. Dafür brauchte es keine weitere Begründung, das Verbot ist seine eigene Begründung. Das kann man unbefriedigend finden, gleichzeitig und ausformulierter markiert es die Grenzen dessen, wie wir zusammenleben wollen, auch wenn diese Grenzen ständig verschoben werden. Was vor Jahrzehnten die Homosexualität war, ist demnächst vielleicht die Flugreise. Wenn es auch nicht explizit gemacht wird oder nicht jeder offen darum weiß, so weiß man doch, durch die Reaktion der anderen, dass man sich einem Grenzbereich annähert. Die Bemerkungen werden knapper, spitzer, die Stimmung verändert sich. Die Macht der Normalität liegt auch darin, dass sie sich selbst begründet und das dies eine Art Strudel erzeugt. War man eben noch dagegen oder stand einem Thema indifferent gegenüber so kann es gut sein, dass man, wenn ein Thema läuft und Konjunktur hat, seine eigene Haltung dazu scnhrittweise umformuliert, so dass es am Ende so aussieht, als sei man immer schon dafür gewesen. Erstaunlicherweise glaubt man das oft selbst, je gravierender das Thema erscheint, umso mehr. Denn angepasst zu sein, ist stressfreier, als gegen den Strom zu schwimmen.

Ist das heute eigentlich noch so?

Baumarktgang

Der kühle Funktionalismus der Baumärkte, den auch immer mehr Frauen für sich entdecken. © Kai ‚Osawald‘ Seidler under cc

Nein. Eine uns alle verbindende Normalität gibt es in vielen Bereichen des heutigen Lebens nicht mehr und etliches von dem, was früher als normal galt, hat sich geradezu radikal verändert. Um nur einige Bereiche aufzuzählen: Die digitale Revolution ist wohl tatsächlich eine, sie hat unseren Alltag und unser Sexual- und Kommunikationsverhalten radikal verändert, noch ist unklar, ob dies nur eine Verzerrung gängiger Stil ist oder eine neue Art einer permanenten Gesellschaft zu leben.

Unser Bild von Familie, der Bedeutung von Mann und Frau und Fragen nach der sexuellen Orientierung haben sich radikal gewandelt. Aber auch die Grenzen zwischen Mann und Frau, Mensch und Tier, Privatheit und Öffentlichkeit unterliegen einer stark veränderten Betrachtung. Das Ansehen der Kirchen sinkt, wie das der Volksparteien und anderer Großorganisationen, dafür wird an der einen oder anderen Stelle die Macht des Einzelnen[link] oder kleiner Gruppen spürbar. Aber auch der Glaube an kollektive Mythen wie sichere Renten, blühende Landschaften oder Geld durch kluge Anlagen zu verdienen, zerbricht. Konjunktur hat die Überzeugung, dass die Zeit drängt und wir etliche Probleme nicht mehr aufschieben können gleichzeitig existieren neue Technoutopien, die von Unsterblichkeit[link] und einen vollständig durchoptimierten Leben künden.

Letzteres ist Zukunftsmusik, ganz gegenwärtig sind jedoch die beschriebenen Umbrüche und damit kommen wir zu der alles entscheidenden Frage, wie gut oder schlecht, folgenreich oder folgenlos dieser Wandel ist. Inmitten der Veränderungen kann man nicht absehen in welche Richtung sie gehen werden, aber da es sich um schleichende Prozesse handelt, die mitunter schon seit Jahrzehnten laufen, kann man Tendenzen beobachten.

Diverse Normalitäten – Bereicherung oder Gefahr?

Viele Veränderungen betreffen unser Verständnis ganz elementarer Dinge, Sachverhalte und Beziehungen. Das gilt für deren kollektive Ebene der Neubewertung etwa in Fragen der Geschlechterverhältnisse und sexueller Ausrichtungen, aber ebenso, für den privaten Bereich und das Welterleben von Kindern.

Bei vielen Betrachtungen über Eltern und ihre Kinder, Nutzen und Risiken von Kitas, werden die psychoanalytischen Erkenntnisse außen vor gelassen. Es wird geschaut, wie die Kinder sich entwickeln, ob sie gravierende Schäden davon tragen und immer wieder kommt heraus, dass die Kinder sich auch dann mehr oder weniger problemlos entwickeln, wenn sie weit weniger Kontakt zu ihren Eltern haben, als früher, weil diese getrennt leben oder beide arbeiten müssen oder einer von ihnen weit weg ist. Doch was heißt es eigentlich, sich gut zu entwickeln? Reibungslos in der Gesellschaft zu funktionieren und sich dort wohl zu fühlen, ist sicher ein Kriterium, kaum diskutiert sind aber bestimmte psychische Schutzfunktionen klassischer Konstellationen, die es heute immer weniger gibt, der andere Punkt ist ein gewisse Kritikfähigkeit gegen Fehlentwicklungen in der Gesellschaft zu behalten. Die Macht der Normalität besteht auch darin diese Schutzfunktionen zur Verfügung gestellt zu haben.

Klassisch der Ödipuskomplex, der abnimmt, weil die Rolle der Väter eine andere ist. Der Mann ist generell abgewertet, viele Ehen sind geschieden, manche Männer die soundsovielten ‚Väter‘, die das Kind erlebt oder es lebt in Patchworkfamilien. Der Ödipuskomplex ist ein neurotischer Konflikt, der sich in klassischen Familien nahezu zwingend ergab, indem der Vater vom kleinen Jungen (und im Elektrakomplex, die Mutter vom kleinen Mädchen) als übermächtige Konkurrenz angesehen wird, sowohl, was sexuelle Phantasien angeht, als auch in anderen Bereichen, bei denen die das Kind überragenden Fähigkeiten der Erwachsenen deutlich werden. An diesem Konflikt mussten sich die Kinder später abarbeiten, was gelingen oder scheitern konnte. Gelang es den Vater in sich, sein internalisiertes Bild, zu töten, also zu überwinden, war man selbst erwachsen, da man in der Regel von einer umsorgenden Mutter aufgezogen wurde, war auch deren Bild, Rolle und ihre Normalität verinnerlicht.

Die Struktur dieser Beziehung war klar hierarchisch, die Eltern waren die Chefs, der Vater vielleicht noch einmal besonders, es gab recht klare Regeln und im Zweifel hatten die Eltern recht, auch wenn sie sich irrten. Im Laufe der Zeit lernten Kinder über Freunde und deren Familien andere Lebensmodelle kennen, die der Eltern zu hinterfragen, irgendwann recht radikal und am Ende steht zumeist eine eigene Synthese, in der neue Ansätze und Inspirationen mit alten Normalitäten fusionieren.

Der Weg, den ödipalen Konflikt zu überwinden erscheint mühsam und daher könnte man meinen, es sei ein Vorteil, wenn er einfach wegfällt. Wenn Kinder von Anfang an viele Meinungen, Möglichkeiten und Lebensansätze kennen lernen, kann das nur ein Vorteil sein, warum soll man erst etwas lernen, was man nachher wieder verlernen muss und was obendrein noch als problematisch bewertet wird, nämlich Hierarchie und Asymmetrie. Doch genau diese Asymmetrie bildet auch den Schutz, denn da gibt es jemanden, dessen Meinung mehr wert ist, als die aller anderen. Manche kennen das noch, als die Aussage: „Solange du deine Füße unter meinen/unseren Tisch streckst, wird hier gemacht, was ich/wir sage(n).“ Frustrierend, aber auch klar, wenn die Regeln sich nicht täglich ändern und die Eltern sich nicht dem sadistischen Genuss hingeben, ihre Kinder aus purer Lust zu demütigen. Das andere Problem tritt auf, wenn die Kinder die kleinen Könige und Prinzessinnen sind und die Eltern gegen einander ausspielen oder von diesen idealisiert werden.

Der innere Weg der Kinder

Mindestens einige Aspekte der Kindheit werden als nahezu paradiesisch angesehen, darunter das Leben im Mutterleib. Auch das ist wohl hier und da stressig, in der Regel aber ein wohltemperiertes Dasein, bei gedimmtem Licht, in dem man für nichts sorgen kann, es aber auch nicht muss, nicht mal atmen, essen und trinken muss man selbst. Das ändert sich mit der Geburt, nun muss man selber ran und ist von der Mutter leiblich getrennt, doch in aller Regel sind Mutter und Kind éng verbunden und die Mutter spürt oft intuitiv, wann sie nach ihrem Kind schauen muss.

Da Mutter oft wie gerufen kommt, hat das Kind den Eindruck, geradezu magisch mit ihr verbunden zu sein, ein Bild, was sich Kinder nicht nehmen lassen und wenn Mutter nicht wie vorgesehen und gewünscht erscheint, kann es sich bei ihr nicht um die gute Mutter handeln, so entsteht neben der allgemeinen Gut/Böse Dichotomie oder Polarität, das Bild der nur guten und der nur bösen Mutter, als Blaupause für spätere nur gute und idealisierte oder nur böse und entwertete andere.

In der nächsten Phase glauben Kinder nicht mehr, dass sie selbst magische Fähigkeiten haben – schon Piaget wies nach, dass Kinder in einem magischen Weltbild leben – aber weiterhin, dass es solche besonderen Menschen gibt, darunter ihre Eltern, die allerlei Fähigkeiten haben, die die Kinder nicht verstehen können. Oder besser gesagt, auf ihre Art deuten, nämlich so, dass die Eltern über magische Kräfte verfügen müssen, bei all dem, was sie können. Manchmal scheinen sie Gedanke lesen zu können und sind an Kräften und Möglichkeiten dem Kind weit überlegen. Eine schöne, klare, manchmal frustrierende, aber auch sichere Welt, wenn man weiß, dass man letztlich unter dem Schutz dieser Halbgötter steht.

Was hier noch mal aus einer anderen Sicht erzählt ist, mündet letztlich recht organisch in die Vorstellung vom Ödipuskomplex, nur wird hier eben auch der Nutzen dargestellt Halbgötter als Eltern zu haben, die dann nach und nach entzaubert und zu Menschen werden, mit all ihren Stärken und Schwächen. Eine Sicht, die das Kind lernen muss zu ertragen, denn je menschlicher die Eltern werden, desto eigenverantwortlicher und erwachsener muss das Kind sein.

Aber aus dieser Sicht sieht man schöner, was passiert, wenn die Eltern sich nicht als Götter oder wenigstens überragend starke Wesen präsentieren, zu denen man aufschauen kann. Das Kind bleibt dann sozusagen in magischen, präodipalen Struktur stecken und bleibt auch dabei sich allmächtig und großartig zu fühlen. Eine der Krankheiten unserer Zeit (das Prinzip Narzissmus), auch wenn sie aus einer Ich-Schwäche erwachsen.

Eine weitere Ausprägung des Narzissmus ist, dass man sich opportunistisch an alles anpassen kann, weil echte innere Überzeugungen fehlen. Jene Überzeugungen, die das Kind aus der eigenen Familie aus der stillen und erstaunlichen Macht der Normalität kennen könnte, indem es nach und nach den Regeln hinter den konkreten Taten und Worten erkennt. Falls es da etwas gibt, was zu erkennen ist, wo Regeln diffus oder widersprüchlich sind, sind Kinder gezwungen ihre eigene Weltsicht zu konstruieren, in der sie dann oft im Mittelpunkt stehen, aus Not, mangels Alternative.

Dies ist die persönliche Seite der Überangebote in denen Vater und Mutter ihrer privilegierten Stellung beraubt sind und alle Geschichten und ihre Erzähler annähernd gleichberechtigt sind. Es folgt die kollektive Seite.

Mainstream und Pluralismus

Auf der gesellschaftlichen Seite haben wir seit Jahren mit einem Pluralismus zu tun, der zwar seine gute Absicht zu erkennen gibt, aber genau diese sind auch seine Schwäche. Der weltanschauliche Pluralismus hat mit einigen Problemen und Selbstwidersprüchen zu kämpfen.

  • Er feiert die Buntheit der möglichen Perspektiven, hat aber für diejenigen, die es – aus welchen Gründen auch immer – mit der Buntheit nicht so haben, nichts anzubieten, außer der suggestiven Formel, dass man die Schönheit des Bunten schon irgendwann erkennen wird und ansonsten eben einfach mitzumachen hat. Spätestens an dieser Stelle wird der Pluralismus aber ideologisch und sortiert bestimmte Farben aus.
  • In der Verherrlichung des Bunten ignoriert der Pluralismus, dass bestimmte Einstellungen einfach nicht zusammen passen. Ich sprach das neue Bild der Frauen und der Männer an, das in den letzten Jahrzehnten bei uns gewachsen ist. Wie auch immer man das inhaltlich bewertet, es passt einfach nicht zu traditionell patriarchalischen Einstellungen. Dasselbe gilt für unsere Einstellung über Homosexualität. Dass Ganzrechte das versuchen auszuschlachten kann man zwar als Ärgernis sehen, da sie sich nie sonderlich für Frauen. Minderheiten oder Homosexuelle interessiert haben, inhaltlich ist aber dennoch zu klären, wie ein wenig Patriarchat denn zu einer Gesellschaft passen könnte, die gerade alte, weiße Männer bashen will.
  • Der Pluralismus kann eine stille moralische Prämisse, dass man stets gut, nett und nachsichtig behandelt wird, wenn man andere gut, nett und nachsichtig behandelt, nicht als allgemein gültig belegen. Gerade auch die Ganzrechten in allen Teilen der Welt machen unmissverständlich klar, dass sie dieses Agieren als Schwäche verachten. Daran ändert auch ein noch größeres Herz und noch mehr Verständnis nichts. In der Psychotherapie haben sich strukturierende Maßnahmen besser bewährt.
  • Ein performativer Selbstwiderspruch des Pluralismus liegt darin, dass er gerne universelle Werte geltend machen möchte, aber wenn diese universellen Werte Vorrang vor anderen regionalen Werten haben sollen (was sie müssen, wenn sie universelle Geltung beanspruchen), sind sie nicht mehr bunt und nicht ausgrenzend im Sinne des Verständnisses dieses ideologischen oder politischen Pluralismus.
  • Nicht zuletzt wirft ein so verstandener Pluralismus die Frage auf: Wenn vielfältige Angebote vorhanden sind, wie ist es es nun letzten Endes richtig? Welche der Ansichten stimmt? Was soll nun konkret getan werden?

Der old style Mainstream hatte darauf Antworten, aber wir dürfen nicht vergessen, dass der old style Mainstream sich im Laufe der Jahrzehnte verändert hat. Von einer Einstellung in der law and order, Anstand, Sauberkeit und traditionelle Werte regierten, ist man immer mehr abgekommen, hin zu einer immer offeneren Gesellschaft, die Sinn und Zweck der alten Werte hinterfragte und immer mehr Gleichberechtigung ermöglichte, so dass die traditionalistischen Einstellungen zwar noch existieren, aber eher eine stärkere Minderheit darstellen, die Mehrheit ist in der Tendenz offener geworden und funktionalistischer, womit ich meine, dass man durchaus noch ein irgendwas glaubt und sich an bestimmten Werten orientiert, aber oft gar nicht mehr sagen kann, an welchen denn überhaupt.

Vermutlich ist aber auch genau das eine Stärke des neuen Mainstream gewesen, es funktionierte alles recht reibungslos, ohne dass man sich größere oder tiefere Fragen stellen musste, dabei hat man ein Stück weit vergessen, dass man es aber dennoch machen kann. Erst in einer noch späteren Entwicklung hat man einen Rekurs auf Werte und tiefere Überzeugungen als insgesamt antiquiert angesehen, als wir alle auf Sicht fuhren und den Pragmatismus noch neu und aufregend fanden. Denn der Nachteil ist, dass man als Pragmatiker für nichts stehen muss, Hauptsache der Laden läuft irgendwie.

Die Macht der Normalität zeigte sich auch hier, Werte und Moral galten als verstaubt, man versuchte zu beweisen, dass sie irgendwie sowieso nicht existieren, oder so ein antiquiertes religiöses Ding seien und der fröhliche Werterelativismus nahm im ideologischen Pluralismus seine inzwischen ebenfalls stärkere Ausprägung an, andere gingen den Weg vom Relativismus (alles ist gleich gut), zum Nihilismus (daher beliebig und verzichtbar) zum Narzissmus (darum will ich wenigstens Spaß und/oder Erfolg haben). Beide sind unterm Strich verwandter, als sie glauben.

Und der Mainstream? Es gibt ihn eigentlich nicht mehr, die eine große Erzählung, das Bündel an Werten, was uns alle eint, ist in der Form, wie es vor Jahrzehnten vielleicht noch existierte, heute nicht mehr zu finden. Und analog zur Situation des Individuums, des Kindes, dem niemand mehr sagt, welches Wort mehr Wert hat, als die anderen. So ging es auch uns, auf unserem in weiten Teilen regressiven Weg, wir wollten doch eigentlich nur spielen, von der Spaßgesellschaft war die Rede, bevor alle wieder ganz ernst wurden.

Normalität als Schutz

Dabei ist die Macht der Normalität auch heute noch erstaunlich, man muss sie nur zu nutzen wissen. Extremistischen Kräften ist die Normalität stets ein Dorn im Auge, weil sie die große, gar nicht mal sonderlich spannende Gegenerzählung zu den schillernden Geschichten darstellt. Denn eines gebietet die Normalität, dass man weiter das tut, was normal ist. Was macht man? Weiter!

Das ist durchaus erstaunlich, es kann passieren was will, irgendwann und irgendwie muss es weiter gehen und das tut es dann, allen Unkenrufen zum Trotz, auch. Hier wenigstens in einem funktionalistischen Sinne, man weiß, was man zu tun hat. Und selbst wenn man es nicht so genau weiß, legt man los, wenn alles in Schutt und Asche liegt, wie nach dem letzten Weltkrieg, baut man eben alles wieder auf. Normalität als Praxis, aber in dem man eine ungefähre Ahnung hat, was man tun soll, wirkt sie stabilisierend und verbindend.

Daher ist es kein Zufall, dass diese Normalität so gerne kritisiert wird. Terroristen wollen Terror gerade dadurch verbreiten, dass sie einer Gesellschaft zeigen, dass sie nicht vollkommen zu schützen ist, der Terror kann potentiell überall lauern. Die erstaunliche Macht der Normalität liegt darin, dass sich auch darauf eine Antwort hat, die kraftvoll ist, man macht einfach weiter, auch wenn man vielleicht nicht so genau weiß, warum, aber was soll man denn sonst machen? So zieht die Normalität oft unbeeindruckt ihre Bahn und macht, was sie am besten kann: weiter.

Analog ist es beim Individuum. Nach einer großen persönlichen Katastrophe, nach der alles anders erscheint oder auch ist, kommt man vielleicht nicht zur üblichen Normalität zurück, aber man sucht sich oft eine neue Form, die dem Leben Halt und Struktur gibt. Abgeschwächter kennen wir dies vermutlich aus persönlichen Krisen. Die Momente, in denen man seiner Arbeit nachgeht und in eine der gewohnten Rollen schlüpft, sind jene, in denen man aus der Krise, die man gerade durchmacht für ein paar Stunden herauskommt.

Die Macht der Normalität hat Licht und Schatten

Was den einen Kraft gibt, frustriert die anderen, denn Veränderungen sind unter diesen Bedingungen ebenfalls nur schwer möglich und so manche gute Idee ist im Mainstream schlicht untergegangen. Gut sieht man das an den gegenwärtigen Problemen, um die unsere Diskurse kreisen, von Klima über Wohlstand, Migration, Umweltverschmutzung und Rente. Nichts davon kam über Nacht, viele Themen hatte Jahrzehnte Vorlauf.

Ein pluralistischer Ansatz ist schon die richtige Antwort, denn nur auf ein Thema zu setzen löst die anderen nicht automatisch mit. Dennoch gibt es innere Verwandtschaften und Synergieeffekte, die man mitnehmen kann, wir werden drüber berichten.

Normalität ist verhasst, weil sie spießig erscheint und zu einem Teil ist es auch so. Ich erinnere mich an eine Mietwohnung, in der die Flurwoche, plus Keller dazu gehörte, wir waren „die Jungen“ des Hauses und Putzen war für die ältere Generation noch heilige Pflicht, an Zeit und Menge des Wassers, die man für Flur und Keller benötigte, meinte man früher mitunter den Wert eines Menschen ablesen zu können. So hätte es auch unser Waschkeller in Fragen der Sauberkeit locker mit einem OP Saal aufnehmen können, mit anderen Worten, hier zu putzen war überflüssig bis sinnlos. Zunächst nahm ich die Putzerei zähneknirschend als eine Mischung aus Unsinn und Demütigung, später dann als sozialen Akt, weil die Hausgemeinschaft es so wollte und wir eben die Neuen waren, noch später sah ich darin die Sache selbst und dass sie Menschen strukturieren kann.

Von hier aus geht es dann in mehrere mögliche Richtungen weiter. Bestimmte Aspekte der Normalität können zur Praxis oder zur Gepflogenheit werden, etwas, was man bei uns eben so macht und es braucht oft die Reise in andere Länder oder die Stimmen von Menschen aus fremden Ländern, um sich bewusst zu machen, dass man es anderswo eben ganz anders macht. Pünktlichkeit, Autofahren ohne Tempolimit, Fußball, Heimwerkerkeller, Wertarbeit, die Liebe zum Wald und Haustieren, sowie Steuererklärung wären typisch deutsche Bereiche, die man mögen oder kritisieren kann. So läuft es hier eben und vieles davon hat eben das Potential die Gesellschaft zu strukturieren und zu einen, weil man weiß, dass der andere es auch so macht.

Daraus entstanden typische frühere Gewohnheiten, wie Samstags bei der Bundesligaübertragung im Radio sein Auto zu waschen, die sich ihrerseits nach anderen Gewohnheiten richtete, am Wochenende war gewöhnlich frei, auch dies wird immer mehr aufgeweicht und damit unstrukturierender. Die Struktur kann im bewussten Ritual erhöht werden, das besondere Moment charakterisiert und als Idee helfen soll in andere Bereiche oder Erfahrungswelten vorzustoßen.

Doch die Gewohnheiten können auch zum fragwürdigen Selbstzweck werden und aus der Struktur, die eine Krücke darstellt, wird ein Zwang. Zu viele sinnleere oder antiquierte Gewohnheiten werden oft als Belastung und Einschränkung der persönlichen Freiheit erlebt. Der Wegfall aller Verbindlichkeiten ist schwieriger als Problem zu identifizieren, denn man kann erst mal tun, was man will. Das klingt verlockend, wenn man das Gefühl hat, endlich von der Leine gelassen zu werden, allerdings, wenn man nicht weiß, was man tun sollte oder könnte, klingt es eher die eine Drohung. Die erstaunliche Macht der Normalität wirkt als Bindeglied zwischen anderen und mir, wenn ich die Überzeugung haben kann, vom anderen zu wissen, was er tut und was ihn dabei antreibt. Das beruhigt, wenn es wegbricht, wirkt es entfremdend und verstörend.