Die Bausteine der Identität …

Rentner schaut auf Uhr

Für viele Menschen haben wir keine akzeptablen Rollen. © Thomas Raich under cc

Identität setzt sich aus vielen Bausteinen zusammen. Sehr fundamentale, die uns kaum bewusst sind. Ob wir uns als Mann oder Frau fühlen, welcher Nationalität oder welchem gesellschaftlichen Milieu wird uns zugehörig fühlen. Wie Beziehungen gelebt werden, ob man einander wertschätzt, zuhört, sich für einander interessiert. Später dann, was und ob wir arbeiten, aber auch, wie wir einkaufen, verreisen und medial vernetzt sind. Doch die früher selbstverständlichen Codes sind es heute keinesfalls mehr. Die Kluft zwischen den Außenseitern der Gesellschaft und dem Mainstream, ist längst geringer geworden, was eigentlich erfreulich sein könnte, aber oft dazu führt, dass sich heute nicht mehr einige, sondern viele ausgegrenzt fühlen.

Die Arbeitsstelle, das war früher die andere Familie und hieß praktisch, dass ganze Generationen dort arbeiteten. Entweder im Familienbetrieb oder bei einem Großkonzern in der Region, wie Krupp im Ruhrgebiet, oder die großen Autokonzerne in Württemberg. Wenn es eine Veränderung gab, war dies oft eine Verbesserung, ein Ausbruch nach oben. Man hatte vielleicht nicht so viele Rollen, aber die waren sicher, derer war man sich sicher. Eine deutsche Familie der Mittelschicht war der Normalfall und fühlte sich auch so. So wie man sich dort verhielt, war es gut und richtig.

… werden brüchiger

Wenige Jahrzehnte später ist vieles anders. Viele Identitäten sind keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern zur Kampfzone geworden. Ein weißer Mann der Mittelschicht zu sein, wird heute schon in einigen Kreisen als problematisch angesehen. Im Grunde ist das knallharter Rassismus und Sexismus, da man aber die Rolle des Sexisten und Rassisten für weiße Mittelschichtmänner reserviert hat, fällt das, wie bei anderen Projektionen auch, nicht weiter auf.

Aber alles kann zur Kampfzone werden, in dem Sinne, dass wir uns den Platz an der Sonne einer legitimen, kulturellen Identität erst erobern müssen. Für Deutsche war ihr Deutschsein nach dem zweiten Weltkrieg nie mehr unproblematisch, aber inzwischen ist die in kaum einem Bereich mehr so: Arbeit, Familie, Geschlecht, Nation, Essen, Glauben, Kommunikation, all das ist Kampfzone oder kann es werden. Wer in den Urlaub fährt, ist schon irgendwie ein Problembär, wer Kaffee trinkt sowieso, aber auch bio sollte heute nach Möglichkeit bio und fair und regio sein. Wer einer Frau eine Tür auf hält, könnte ein Kavalier der alten Schule sein, aber auch jemand, der einer Frau offenbar nicht zutraut, sie selbst zu öffnen. Und was ist eigentlich normale Sexualität in einer Zeit wo alles zu gehen scheint.

Jedem werden weitere Probleme aus den genannten Lebensbereichen einfallen, die österreichische Philosophin Isolde Charim hat das auf die These eingedampft, dass Pluralismus zu Identitätsverlusten führt, weil alte Selbstverständlichkeiten wegbrechen.[1] Es ist nicht mehr so leicht eine normale Österreicherin oder Deutsche zu sein, weil nahezu jede Rolle hinterfragt wird. Was man früher kaum bemerkte ist heute etwas, was zu erklären und oft sogar zu rechtfertigen ist. Das macht die Identität reduzierter und damit auch wackeliger, unsicherer, brüchiger und passt zu dem was Volkan feststellte:

“Vamik Volkan (1999) hat dargelegt, wie nationale Identität schon früh in die individuelle Ich-Identität durch Sprache, Kunst, Sitten und Gebräuche, Speisen und vor allem transgenerationale Weitergabe von Narrativen historischer Triumphe und Traumata als Teil eines gemeinsamen Kulturguts eingewoben wird. Die individuelle Vielfalt der Menschen, die sich im Umfeld des Kindes und jungen Erwachsenen bewegen und die durch gemeinsame kulturelle Traditionen verbunden sind, trägt so zur Stärkung der Ich-Identität bei: Die Beziehung zu unterschiedlichsten Objekten lässt unterschiedlichste Selbstrepräsentanzen entstehen, die über gemeinsame Merkmale verbunden sind und die im Zuge der Entwicklung von der paranoid-schizoiden zur depressiven Position integriert werden müssen.”[2]

Enge Identitäten und die Verweigerung von Identitätsangeboten

Vielleicht auch weil dies so ist und Großidentitäten wie Christ, Deutscher oder stolzer Arbeiter zu sein wegfallen, werden die verbleibenden Identitätsangebote enger gesehen, definiert und eifersüchtiger gehütet. Man will wer sein, will sich dessen aber auch sicher sein. Aber selbst der Arbeitgeber Großkonzern kann morgen pleite sein oder geschluckt werden, was deutsch ist pendelt zwischen diffus und nationalistisch und was den guten Christen heute definiert, ist auch alles andere als klar. Was bleibt ist manchmal die Eindeutigkeit zu suchen: Veganer zu sein oder ein echter Deutscher. Nur stützt man sich damit auf wenige Rollen, die oft problematisch und anstrengend sind.

Die neue Ähnlichkeit ist heute das Nicht-Ähnliche, die reduzierte Identität. Wenn Kinder mehrsprachig aufwachsen ist das ein Gewinn. Eine Sprache ist immer mehr, als nur ein paar neue Vokabeln, sie bedeutet anderes Denken, eine andere geistige Heimat. Doch in einigen Fällen, in denen Kinder mehrere Sprachen sprechen, kann dies kippen. Genau wie das Gefühl zu zig Familien zu gehören, zu jeder aber irgendwie auch nur ein bisschen, als bunte Bereicherung erlebt werden kann, aber eben auch als Verlust von Heimat, Geborgenheit und zweifelsfreier Zugehörigkeit. Aber selbst wenn die reduzierte Identität die neue Form sein sollte, ob sie weit trägt, darf man bezweifeln, zumal die Fragmentierung in Form diverser Online-Identitäten noch dazu kommt. Da ist man dann wer, etwa in der Spiele-Community, im real life vielleicht weniger, aber auch hier wird die Trennung zwischen virtueller und echter Welt immer unklarer, so dass man mit viele Nebenrollen klar kommen muss.

Wenn wir andere draußen halten wollen, stellen wir ihnen keine Rollen zur Verfügung. Du magst hier sein, gehörst aber nicht zu uns, ist die Botschaft. Nur sind die, die sich für das Volk halten, oder meinen, es zu repräsentieren, ebenfalls längst zu einer Minderheit geworden. Das schmerzt und verwirrt und ist psychisch auch nicht gesund. Benachteiligt oder gar Opfer zu sein ist nicht schön. Sich daraus aber eine Identität zu bauen, ist nichts, was irgendwem hilft. Psychologisch sollte das einigermaßen klar sein, aber selbst das wird heute bestritten und ist umkämpft.

Wir brauchen neue, verbindliche und verbindende Identitäten, vielleicht sogar neue Mythen und neue Heldinnen und Helden. Solche die bestimmte Rollen ermöglichen, die brave Magd und den “Soldaten” ebenso einbinden, wie sie dem reifen Ich Raum zur Entfaltung und Kreativität geben.

Quellen