15 ereignisreiche Jahre

Hier erkennen auch Laien die Körpersprache © Greg Neate under cc
Es folgten Jahre, die es in sich hatten. Mehrere Entwicklungen liefen parallel:
Der Abstieg der Verhaltenstherapie
In der Psychologie büßte der Behaviorismus und mit ihm die Verhaltenstherapie ihre Dominanz ein. Das hatte drei Gründe:
- Die Verhaltenstherapie ist weiter gut und bewährt, aber in einem viel engeren und spezialisierteren Segment als zuvor, als man sie noch für eine Therapie für nahezu alle Probleme hielt. In anderen Bereichen bewährte sie sich jedoch nicht und es bleibt im Einzelfall zu prüfen, wann das Verfahren anzuwenden ist.
- Die Erkenntnisse der Hirnforschung brachten etwas Licht in die Black Box, als die das Gehirn zuvor galt.
- Ein Erstarken psychodynamischer Ansätze, vor allem in dem Bereich der schweren Persönlichkeitsstörungen, deren gesellschaftliche und therapeutische Bedeutung immer mehr ins Bewusstsein trat.
Die Ergebnisse der Hirnforschung
Die Dekade des Gehirns blieb nicht ohne Ergebnisse und nicht ohne Übertreibungen. Die Ergebnisse waren, neben vielen Details, die man nun besser verstand, vor allem die der Neuroplastizität des Gehirns. Heißt, das Gehirn ist weit weniger als angenommen ein starres Organ, dessen Funktion ein für alle mal feststeht, sondern hochdynamisch. Es verändert sich je nach den Anforderungen, die an es gestellt werden. Wenig trainierte Bereiche gehen unter, trainierte werden immer stärker ausgeprägt. Das hat ganz praktische Konsequenzen.
Die Übertreibungen betrafen die Diskussion um die Willensfreiheit, die durch die Hirnforschung noch einmal neu beleuchtet und angefacht wurde. Wir haben das Thema in dieser Reihe ausführlich behandelt.
Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms
Im Jahr 2001 wurde die Entschlüsselung des menschlichen Genoms offiziell verkündet, die endgültige Fertigstellung war dann in den Jahren 2003 und 2004. Nun, so schien es, waren wir noch ein Stückchen gläserner geworden, der Baukasten unseres Menschseins, auch unseres Wollens und Sein, war um etliches kompletter geworden.
Ein Erstarken des organisierten Atheismus
Gläubige Menschen und Atheisten gingen in Deutschland die allermeiste Zeit Hand in Hand, in dem Sinne, dass sie sich wechselseitig ignorierten und in Ruhe ließen. Leben und leben lassen. Das änderte sich in der Mitte der ersten Dekade des neuen Jahrtausends und im Fahrwasser einer Sicht, die die biologische Komponente des menschlichen Verhaltens und nicht selten auch einen Biologismus nach oben spülte. Den Biologismus unterscheidet von der Biologie, dass er Teilgebiete einer Wissenschaft verabsolutiert und in den Rang einer Weltanschauung erhebt.
Doch der Trend zu einer Biologisierung war da und er versprach, der Psyche und den letzten geheimen Winkeln unseres Innern, seine Geheimnisse zu entreißen. Die Gene bestimmen unser Sosein, unser Hirn macht, was wir denken und wie wir uns entscheiden und es ist, so hieß es, ist auch nichts anderes als ein Organ. Vielleicht etwas komplizierter, aber im Grunde wie Herz und Leber. Ein Naturprodukt, abhängig in seiner Funktion von natürlichen Zutaten und biologischen Voraussetzungen und so ist auch der Output reine Biologie. Unsere Gedanken seien im Grunde nichts anderes als Stoffwechselprozesse, ja sogar die Existenz eines Ichs bestritt man zwischenzeitlich, mit dem merkwürdigen Argument, man könne dies im Hirn nicht finden. Hat man den Biologismus erst einmal geschluckt, ist dies ein schlagendes Argument und es galt: Was man nicht messen kann, das existiert auch nicht.
Kriminalistik, Genanalysen und eine Popularisierung des Profilers
Auch in der Kriminalistik machte man weitere Fortschritte. Ungefähr ab dem Ende der 1990er und zunehmend in den Nuller Jahren konnte man bei Kriminalfällen immer mehr auf den genetischen Fingerabdruck und die Reihenuntersuchungen bei schweren Verbrechen zurückgreifen.
Zur gleichen Zeit wurde in der Öffentlichkeit der Profiler populär. Plötzlich schossen Berichte, Bücher und Fernsehserien über Profiler aus dem Boden. Ein wenig eine Reminiszenz an den guten alten Kriminalisten im Stile von Sherlock Holmes und den Psychologen mit dem durchdringen Blick, der alles versteht. Hier nun, so die Phantasie, blickt er auf einen Tatort, sieht eine Leiche in einer bestimmte Situation und schließt sofort, dass der Täter männlich und alleinstehend sein muss, geringe Bildung und eine Neigung zu Computerspielen hat, zuweilen kann der Profiler auch noch bizarre und präzise Details angehen, die uns staunen lassen.
Eigentlich ist der Profiler aber ein Tatortanalytiker und vergleicht, je nach dem wen man fragt, nur Tatorte miteinander, ohne auf die Psyche des Täters zu schließen. So die Aussage von Thomas Müller in dem Buch „Bestie Mensch“. Aus anderer Sicht versucht man eben doch Wahrscheinlichkeiten zu erörtern, die auch Rückschlüsse auf die Psyche zulassen. So zum Beispiel das Übertöten (Overkill) eines Menschen. Wenn man jemanden mit 40 statt mit 2 oder 3 Messerstichen umbringt, wird dies als klassische Beziehungstat gewertet. Der zufällige Dieb, dessen Opfer sich vielleicht unerwartet wehrt, will es sich vom Leib halten, sticht zu und rennt weg. Wer jedoch dutzende Male zusticht, will nicht schnell weg, sondern sich abreagieren, ist voll von aufgestauter Wut und Hass, dies sich hier entlädt, wenn man mit aller Kraft wieder und wieder zustößt.