Gesellschaftliche Gründe für den Extremismus

Längst nicht alle, die sich irgendwann einer extremistischen Organisation anschließen oder mit dem Gedanken spielen, sind Psychopathen, geborene Kriminelle oder auch nur sonderbar. Manche sind im besten Sinn ziemlich normal, aber finden einfach keinen Platz in der Gesellschaft. Man rätselt oft darüber, warum die an sich gut integrierten Einwanderer der dritten oder vierten Generation sich radikalisieren, die mitunter gutes Deutsch sprechen und eine normale Karriere wie andere Menschen auch machen könnten.

Mann mit Brille, linke Hand vorm Mund

Wann ist jemand integriert? © Simon Li under cc

Die wiederholte Forderung sich zu integrieren ist sicher richtig, aber was ist mit einem jungen Menschen muslimischer Abstammung, der in der vierten Generation hier in Deutschland lebt und bestens integriert noch immer nicht angenommen wird? Der das frustrierende Gefühl der Zurückweisung erlebt, ob bei Job-, Wohnungssuche oder in der Liebe? Was unserer Gesellschaft fehlt – wohl auch aus der anerzogenen Gewohnheit, kein kritisches Wort über Migranten und ihre Nachkommen zu verlieren und im Zweifel lieber weg zu gucken, um nicht als Rassist oder Nazi dazustehen -, ist eine klare Vorstellung darüber, was ein Mensch, der vielleicht eine andere Hautfarbe oder einen fremden Namen hat, denn leisten muss, um als einer von uns zu gelten. Niemand gibt denen, die sich integrieren wollen, eine klare Ansage, wann dieser Prozess denn nun erfolgreich vollzogen ist.

Die sozialen Rollen fehlen auch hier, mitten in Europa. Realistische Forderungen sind dabei weniger übergriffig, als der Verzicht auf klare Regeln. Wer auf Grenzen vollkommen verzichtet, wird oft nicht als der nette Freund angesehen, sondern als Waschlappen, mit dem man tun und lassen kann, was man will. Zudem nimmt er dem anderen aber auch die Möglichkeit, sich an diesen Grenzen zu orientieren.

Denn, wer seinerseits alles tut, was er tun kann, nie im negativen Sinne auffällig wird und immer noch als „der andere“ oder „verdächtig“ gilt, fühlt sich irgendwann vielleicht nachvollziehbar gekränkt und winkt ab. Eine Willkommenskultur ist in Deutschland eher ein Fremdwort, eine klare Ansage, was jemand leisten muss, um zu uns zu gehören, fehlt. Das kann frustrieren und so suchen diese jungen Menschen ihre Zugehörigkeit woanders, dort, wo man sie als Bruder mit offenen Armen willkommen heißt. Es ist etwas, was wir ändern können, jeder einzelne, vielleicht ändern müssen, damit weniger Menschen extremistische Angebote attraktiv finden. Dieses Sammelbecken von teilweise unnötig frustrierten Menschen wird von denen genutzt, die diese Gemütslage kennen und eine Heimat anbieten.

Die kümmern sich

Rechtsextreme Gruppierungen sind viel breiter aufgestellt als früher und dezentraler organisiert. Das Bild von Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel ist antiquiert, längst gibt es den rechtsextremen Hipster mit Jutetasche und veganer Kost und längst legen sich Rechtsextreme ein neues Image zu. Ähnlich wie die Mafia in Teilen Italiens oder die „Diebe im Gesetz“ in Russland, beginnen sie sich um die Anliegen der Bürger zu kümmern, organisieren Kinderfeste, helfen den Omas beim Einkauf und sind hier und da einfach hilfsbereit.

Dies ist als „Masche“ durchaus bekannt, wundern darf man sich darüber, dass man es weiß, aber es niemanden zu interessieren scheint, durch eigene, bessere Hilfsangebote diesen Gruppierungen das Wasser abzugraben. Auch das ist etwas, was wir ändern könnten, in dem Fall mal etwas, was man von unseren Politikern einfordern darf. Wenn bestimmte Menschen oder Regionen fallen gelassen werden und nur noch für Extremisten interessant sind, hat die Gesellschaft versagt und zwar von der Spitze an.

Entzauberungen

So nachvollziehbar es ist, dass Menschen sich in Einzelfällen extremistischen Angeboten zuwenden, so oft kann es auch zu Enttäuschungen und Entzauberungen kommen. Manche Menschen quält im Laufe der Zeit ihr Gewissen. Es kann sein, dass eine gehörige Portion Wut und Enttäuschung sie in die Arme von Extremisten getrieben hat, doch das Gewissen kann man nicht so einfach ausschalten.

Dazu kommt, dass in vielen Gruppierungen zwar eine klare Hierarchie herrscht, aber diese oft genug ein Schreckensregiment ist. Einspruch und Zweifel am System werden oft nicht einmal in Ansätzen geduldet, ein Abweichen von der einmal eingeschlagenen Linie auch nicht. Recht schnell und unmissverständlich wird klar, dass man erstens mit drinhängt und es besser für einen selbst wäre, dass man dicht hält und es zweitens andernfalls keinen sicheren Ort mehr auf der Welt gäbe, eine Sprache, die gewöhnlich verstanden wird.