Globuli auf Löffel

Die Kugeln des Bösen. © Kai-Uwe Wagner under cc

Wissenschaftsgläubige Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie denken, die Menschen sollten einfach mehr auf die Wissenschaft hören, dann ginge es uns allen besser.

Der erste, spontane Gedanke könnte nun sein: Wieso, stimmt doch? Angesichts des Klimawandels wäre es nicht nur vernünftig, sondern sogar dringend geboten, dass wir Menschen mehr auf die Wissenschaft hören. Bei Corona ist die Sache bereits ambivalenter: Stand heute würde ich sagen, dass viele Menschen der Wissenschaft ausgesprochen dankbar sein können, dass sie in kurzer Zeit Impfstoffe entwickelt hat, die das Leben vieler Millionen Menschen gerettet hat. Andererseits sind die Impfstoffe, wenn man immer wieder nachimpfen muss, nicht besonders gut, die Gefahr von Impfschäden, die Jahre lang klein geredet wurde, scheint größer zu sein, als man dachte und wie sich andauernde Impfungen – wer weiß, was noch kommt? – auf unser Immunsystem auswirken, weiß noch niemand zu sagen. Zudem ist die Hypothese, dass das Virus einem Laborunfall entspringt, alles andere als vom Tisch.

Inspiriert hat mich jedoch etwas anderes. Ich höre gerne Radio und mein täglich Brot sind auch Wissenschaftssendungen, die ich immer wieder mit Gewinn höre. Neulich ging es um die Homöopathie, aus wissenschaftlicher Sicht. Der Beitrag war auch ein Teaser für ein podcast: Science Cops: Homöopathie – Potenzierter Unfug.

Ich habe meine eigene Meinung zur Homöopathie, aber darum soll es hier nicht gehen. Was mich reizte den podcast zu hören, war die Aussicht eine Erklärung dafür zu bekommen, warum es nichts aussagen soll, wenn homöopathische Mittel – angeblich oder tatsächlich – Tieren helfen. Darauf gehe ich später kurz ein.

Was sind die Feindbilder wissenschaftsgläubiger Menschen?

Wissenschaftsgläubige Menschen sind in der Regel überzeugt davon, sehr rational zu sein, die Welt im Großen und Ganzen viel besser zu verstehen, als jene seltsamen Mitmenschen, die aus irgendwelchen Gründen (meistens, aus einem Mangel an Intelligenz, wie sie meinen) noch nicht so weit sind und einfach nicht verstehen wollen oder können, was jeden klar denkenden Menschen geradezu anspringen muss. Wer nicht zu dumm ist, ist ideologisch irgendwie verbogen, ein gleichermaßen bedauernswerter, wie Ärger auslösender Zeitgenosse, denn gegen Dummheit (und das was ihnen als solche erscheint) sind wissenschaftsgläubige Menschen allergisch.

Das war dann auch ein immer wieder zu hörender Punkt der Science Cops, Homöopathie, das sei ja mit einer Religion zu vergleichen. Und bei Religionen ist nun mal Schluss mit lustig, denn hier meinen wissenschaftsgläubige Menschen öfter mal Dummheit und Ideologie vereint vorzufinden. In einer oft sehr einseitigen Lesart meint man, die Wissenschaft habe sich von der Religion als alter Form der Welterklärung abgelöst und bestenfalls meint man, etwas paternalistisch, religiöse Menshen seien halt nicht so weit gewesen.

Wir brauchen nur wiki als Referenz zu nehmen, da findet man die Feindbilder sauber aufgelistet. Falls sich jemand fragt, was denn der Naturalismus mit der Wissenschaft zu tun hat: Es ist die philosophische Denkrichtung, aus der Wissenschaft kommt. Auch wenn Philosophie durchaus ebenfalls zu den Feindbildern zu rechnen ist oder anders formuliert, Wissenschaftsgläubige nicht immer über ihre eigenen weltanschaulichen Hintergründe Bescheid wissen oder sogar meinen, sie hätten keine, denn für sie würden nur Fakten zählen.

„Naturalistische Theorien teilen den Anspruch, ein Weltbild zu entwerfen, das an den Erklärungsmethoden der Naturwissenschaften orientiert ist. In diesem Sinne lassen sich einige typische Merkmale des Naturalismus identifizieren: Realismus, Physikalismus, Religionskritik, Reduktionismus, eine Eingrenzung auf die Methoden der Naturwissenschaften und eine Ablehnung der Metaphysik.“[1]

„Zunächst werden natürliche Phänomene im Naturalismus oft in Abgrenzung zu religiösen oder mystischen Phänomenen verstanden. Die religionskritische Komponente des Naturalismus hat insbesondere in den USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine große Rolle gespielt.“[2]

Aber das ist nicht alles:

„Der naturalistische Realismus ist nicht nur gegen den subjektiven Idealismus gerichtet, sondern dient auch der Abgrenzung von relativistischen und subjektivistischen Theorien.“[3]

Das klingt harmlos, ist aber brisant. Später mehr dazu.

„Tatsächlich werden von Naturalisten viele Varianten der modernen Wissenschaftsgeschichte oder Wissenschaftssoziologie kritisiert. Es wird zwar anerkannt, dass sich der Wissenschaftsbetrieb auch als ein soziales und historisches Phänomen untersuchen lässt, dennoch betonen Naturalisten, dass die Erkenntnisse der Naturwissenschaft grundlegender seien und sich nicht durch historische oder soziale Kontexte relativieren lassen. Auch findet sich bei vielen Naturalisten eine Ablehnung etwa der poststrukturalistischen Literaturtheorie und Kulturwissenschaft sowie der Psychoanalyse.“[4]

Also kurz gesagt, Interpretationswissenschaften sind für Wissenschaftsgläubige problematisch, die haben es gerne klar und einfach: Fakten, Messen, Gleichungen lösen. Wo der Mensch versagt, macht das eben der Computer. Aber schauen wir auf der anderen Seite wofür wissenschaftsgläubige Menschen sind.

Die Wissenschaft weiß nicht, was sie sein will: Methode oder Weltbild

Einerseits möchte die Wissenschaft Methode sein. Ein Verfahren, was man auf jedes Problem der Welt anwenden kann. Man hat eine Frage, entwirft eine Theorie, wie diese zu lösen sei, kreiert ein Experiment mit dem man Daten erhebt und wertet diese aus. Damit ist das Problem gelöst und man kann sich – wissenschaftlich gesichert – nun daran orientieren.

Klingt gut, aber es wird schnell klar, dass es da ein Problem gibt, denn wissenschaftliche Studien gibt es wie Sand am Meer und jeder kann sich die herausgreifen, die er gerne hätte. Dabei ist alle paar Jahr wechselnde Antwort auf die Frage, ob Kaffee oder Sonnenlicht nun Lebensretter oder Teufelszeug ist nur Kindergarten. Natürlich wissen Wissenschaftler, dass sich in vielen Fragen des Lebens diverse Kausalketten überlagern, durchdringen und sich dabei auch wechselseitig abschwächen oder verstärken.

Man muss die Daten eben gewichten, sofern man die nachvollziehen kann. Zu diesen Ergebnissen kommt man gerade in der Medizin. Die Standarddosierung von Medikamenten orientiert sich häufig an jungen, gesunden Männern und inzwischen erkennt man immer mehr, dass man nicht nur die Dosierung aufgrund des Körpergewichts für Frauen, Kinder und manchmal auch Ethnien anpassen muss, sondern, dass manche Symptome (man denke an den Herzinfarkt bei Frauen, den schwereren Coronaverlauf der Männer oder die geminderte Alkoholtoleranz einiger Asiaten) und Medikamentenwirkungen tatsächlich unterschiedlich sind.

Wenn wir an bestimmte Psychopharmaka denken, dann wirken sie beim 25-Jährigen Maik, blond, 185 cm, sportlich, aus Braunschweig deutlich anders als beim 25-Jährigen Mike, blond, 185 cm, sportlich, aus Braunschweig. Damit sind wir an einem ersten heiklen Punkt, denn nicht nur bei wiki ist von „der Abgrenzung von relativistischen und subjektivistischen Theorien“ die Rede, auch bei den Science Cops heißt es, es sei die zentrale Aufgabe der Wissenschaft subjektive Erfahrungen in objektive Erkenntnisse zu überführen.

Aber wie sieht denn nun so ein wissenschaftlich optimiertes Modellleben aus? Was soll man tun und was lassen? Gemäß der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Soll man sich nun supernützlich verhalten, angesichts des Klimawandels auf Fleisch verzichten, auf Urlaub, auf individuelle Mobilität, jenseits des Fahrrads? Wobei, Corona und öffentliche Verkehrsmittel, schwierig. Oder soll man sich für sich selbst optimieren? Also Schritte zählen, Kalorien zählen, Stress vermeiden, sich für den Arbeitsmarkt optimieren? Welches Leben ist denn eigentlich vernünftig? Wirklich für jeden dasselbe? Oder gibt es einen computeroptimierten Neigungs-Nutzen-Koeffizienten, der aus privaten Vorlieben und gesellschaftlichem Bedarf das Optimum ermittelt? Lassen wir den psychologisch nicht ganz unerheblichen Punkt, dass es ein Unbewusstes gibt, das es oft verhindert, dass man seine Neigungen und Bedürfnisse klar erkennt und artikulieren kann, mal beiseite.

Aber will man das wirklich? Das eigene Leben vom Computer regeln lassen? Nach autonomem Fahren bald autonomes Denken? Wobei es hier um die Autonomie der Computer geht, die des Menschen spielt keine Rolle. Siri sag‘ mir, wen ich wählen soll. Alexa, wer sollte mein Lebenspartner werden? Komplett fremdbestimmt im Namen der Vernunft? Ist das wirklich vernünftig? Oder erklärt man uns demnächst, dass Freiheit nur eine Wahrnehmungsstörung ist? Die Hirnforschung will das ja schon nachgewiesen haben. Das kann man zwar philosophisch widerlegen, aber wenn man im Rahmen des betreuten Denkens meint herausgefunden zu haben, dass der freie Wille nur eine Illusion ist, braucht man die Philosophie gar nicht mehr anzuhören und für Argumente gibt es auch keine wissenschaftliche Maßeinheit. Hier ist die Methode dann schleichend in ein Weltbild übergegangen.

Subjektivität in Objektivität

Planetarium

Faszinierende Erkenntnisse. Manchen reicht es, einfach zu forschen. © Oliver Bildesheim under cc

Es gibt wissenschaftstheoretische Gründe dafür, warum Fakten nicht einfach, für alle gleich, vorhanden sind. Die Art des Hinschauens, was man wie misst und was man weglässt verändert maßgeblich das Bild. Es stellen sich längst nicht alle Ergebnisse für alle gleich da und mit Größe, Gewicht, Zusammensetzung ist nicht alles gesagt, egal, wie akribisch man vorgeht. Die Interaktion von etwas findet man nicht in einem Gegenstand, aber die Interaktion gehört oft wesentlich zu einem Gegenstand.

Objektivität ist hier eher die Veröffentlichung der Methode, nach der man bei einem Experiment vorgegangen ist. Geht man identisch vor, sollte sich das gleiche Ergebnis zeigen, das ist schon man was, aber es ist nicht alles. Man kann immer wieder den Huf einer Giraffe untersuchen und wird nie Erkenntnisse über ihren Hals gewinnen.

In der Anwendung, etwa in der Medizin geht es in vielen Bereichen darum, eine individualisierte Therapie zu finden, die nicht nur die neugeborene Lara vom 60-Jährigen 120 Kilo Mann unterscheidet, sondern auch Maik und Mike, beide 25, blond, 185 cm, sportlich, aus Braunschweig. Wenn Maik gegen bestimmte Arzneimittel allergisch ist, kann man bei einer Erkrankung von ihm nicht so vorgehen, wie bei Mike.

Das Mikrobiom, die Gesamtheit der Bakterien die zu uns gehören, ist individuell und verändert sich in einigen Bereichen ständig, die Auswirkungen beginnen wir gerade erst zu verstehen. Unser Hirn ist ebenfalls in ständiger Veränderung begriffen, ob man Lehrerin, Geiger in einem Streich-Quartett oder Hippie auf einer Insel ist, die Anforderungen an so ein Leben sind verschieden.

In der Psychotherapie gibt es nicht das eine Standardverfahren für alle Menschen und Vorkommnisse, sondern auch das ist hoch individualisiert. Konzentriert man sich darauf, Gemeinsamkeiten zwischen allen Menschen zu finden, kann man Jahrzehnte damit verbringen und wird immer fündig werden. Konzentriert man sich auf die Unterschiede gilt allerdings dasselbe. Es gibt keinen privilegierten Blick, keine Erfassung der Gesamtsituation, weil jeder Blick notwendig 1000e andere ausblendet. Das gilt prinzipiell und wird bei Thomas Nagel als ‚Blick von Nirgendwo‘ problematisiert. Maik und Mike sind in einigen ihrer Eckdaten schon sehr ähnlich, doch sie werden bei anderen grundverschieden sein.

Darum gibt es statistische Annäherungen: Kunden, die dieses Produkt kauften, interessierten sich auch für … . Das geht bis in die Physik der kleinsten Teilchen, deren Verhalten nur noch statistisch erfassbar ist. Aber es ist beides in einem. Der Vorschlag des Algorithmus erzeugt neue Möglichkeiten, begrenzt aber auch, weil man immer mehr in der eigenen Soße schwimmt und vor lauter nächsten Vorschlägen zu sich selbst, zum Ausschöpfen des eigenen Potentials gar nicht mehr vordringt. Solange man sich gut unterhalten fühlt, sieht man das nicht als Problem an. Wenn keiner in der Umgebung das als Problem ansieht, ist der, der mehr will, schnell ein Sonderling. Der Stoff, aus dem Dystopien sind. Das berührt zu einem großen Teil unser Wirtschaftssystem und unser Konsumverhalten, mit dem man sich darstellen kann und will. Die Wissenschaft sollte nicht ins selbe Horn tuten.

Das Leben als Wahrnehmungsstörung

Vieles im Leben ist anders, als es den Anschein hat. Der eben noch gerade Stock, wirkt abgeknickt, wenn man ihn halb ins Wasser hält, ohne es zu sein. Man kann Fehlwahrnehmungen haben, wie Farbenblindheit oder bestimmte visuelle Reizverarbeitungsstörungen, die mit einigen Formen von Leseschwierigkeiten zu tun haben. Noch viel weiter sollen allerdings kognitive Verzerrungen gehen, schon bei weitgehend normalen Menschen. Wir blenden riesige Bereiche unserer Wahrnehmungen unbewusst aus, hören und sehen in der Regel das, was wir erwarten. Damit nicht genug, auch unsere Erinnerungen werden immer wieder modifiziert, manches vergessen wir ganz, wenn wir es nicht brauchen.

Das ist die Stunde der Wissenschaft. Sie kann uns nämlich sagen, wie es wirklich ist, dabei gibt es nur gleich mehrere Probleme. Das was Menschen wahrnehmen und interpretieren (in ihren gewohnten Kontext einordnen, meist in der Art, dass Erwartetes nicht registriert wird) ist ja ihre Realität. Sie nehmen die Welt ja nun mal genauso wahr, wie sie es tun. Hier antworten Wissenschaftsgläubige, genau das sei ja die Stärke, den Menschen zeigen zu können, dass die Welt anders ist, als man gewöhnlich denkt: Der Stock im Wasser ist nicht geknickt, die Erde keine Scheibe und auch nicht das Zentrum des Kosmos.

Dann geht es weiter: Auf unsere Sinne ist kein Verlass, auf unsere Erinnerungen auch nicht, ohnehin bekommen wir nur eine Version der Welt von unserem Hirn eingespielt, die Realität sehen wir gar nicht. So hört man es immer wieder mal, bis heute. Die Behauptung, dass alles eine Illusion oder zumindest anders ist, als man denkt, zieht sich selbst den argumentativen Boden unter den Füßen weg. Denn, wenn alles anders ist oder sein könnte, dann auch die Daten, auf deren Basis man diese Erkenntnisse gewonnen zu haben meint. Sie sind nichts wert, sie könnten Illusion sein, eine Fehlwahrnehmung, ein Interpretationsfehler, unser Gehirn macht ja auch bei Hirnforschern keine Pause, beim einspielen von Fakes.

Ja, es gibt kein Messgerät in der Philosophie, das die Qualität oder Konsistenz von Aussagen prüft, jedenfalls keines, was man wie einen Stromprüfer irgendwo an eine Aussage hält. Ansonsten allerdings, ist unser Bewusstsein das Messgerät. Nur muss man es selbst entwickeln und kalibrieren. Man kann Argumentationsfehler durchaus erkennen, hier sind einige aufgeführt. Doch nicht alles ist leicht zu verstehen.

Oder, um es mit Daniel-Pascal Zorn zu sagen:

„[…] Philosophie ist Arbeit, nicht Schaulaufen durch einen Park aus Themen, die irgendein Team aus Populärphilosophen und solchen, die es gerne wären, für relevant hält. Philosophie ist Konfrontation mit dem Anderen, nicht das Zurechtmachen und Schmücken und Flankieren mit Bekanntem, bis es zur Unkenntlichkeit verstellt jedes Irritationspotenzial verloren hat. Philosophie bedeutet nicht unbedingt Trockenheit, aber Disziplin und Strenge. Sie bedeutet Lektüreerfahrung und ständige, kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Denken.

Wer die Philosophie an ein paar relevant erscheinende Themen nagelt und ein paar relevant erscheinende Experten einlädt, die dann über diese Themen ein bisschen diskutieren, der zerstört sie. Er ersetzt sie durch ein harmloses Bild. Und wer das dann noch Philosophie nennt, der suggeriert den Leuten, sie hätten immer genau das zu erwarten, wenn es um Philosophie geht.

Dass dem Germanisten Precht Hegel nie etwas gesagt hat, ist eine negative Bildungserfahrung, die er sicherlich mit vielen anderen teilt. Man kann an Philosophen scheitern, das ist nicht ungewöhnlich. Aber daraus folgt eben nur, dass Precht, daraus folgt nicht, dass Hegel gescheitert ist. Philosophie muss nicht verständlich sein, sie ist es. Sie ist vollkommen verständlich – sie ist nur sehr schwer. Und diese Kompliziertheit überwindet man nicht, indem man sich von Experten erklären lässt, was eigentlich gemeint ist. Man überwindet sie nur, indem man liest – und mit anderen, die auch lesen, darüber spricht.

Die phil.cologne hat nichts mit Philosophie zu tun, weil sie sogar noch in ihrer Auswahl von Themen und Experten, in ihrer Inszenierung einer sehr beschränkten Weltsicht und viel zu simpler, viel zu einfach zu beantwortender Fragestellungen die Verhinderung von Philosophie ist. Sie ist darin geradezu eine Anti-Philosophie. Sie erfüllt die Funktion, die zarten Anfänge des menschlichen Denkens, das fragend über sich selbst hinauslangt, mit Expertenantworten und einfach gestrickten Frage-Antwort-Spielchen zu beruhigen.“[5]

Es ist auch, gelinde gesagt, ein wenig merkwürdig, wenn wissenschaftsgläubige Forscher, wie der ehemalige Biologe Richard Dawkins oder der Hirnforscher Gerhard Roth, zum einen auf der Basis der egoistischen Gene, zum anderen auf der der Emotionen behaupten, dass es mit der Rationalität von uns Menschen nicht weit her ist. Die Rationalität abgeschafft im Namen der Wissenschaft? Das ist a) seltsam genug, b) ein weiterer performativer Selbstwiderspruch (man will rational überzeugen, dass man rational niemanden überzeugen kann), aber c) ist es nach dem Selbstverständnis der Wissenschaft vollkommen anders:

Wissenschaft bezeichnet auch den methodischen Prozess intersubjektiv nachvollziehbaren Forschens und Erkennens in einem bestimmten Bereich, der nach herkömmlichem Verständnis ein begründetes, geordnetes und gesichertes Wissen hervorbringt. Methodisch kennzeichnet die Wissenschaft entsprechend das gesicherte und in einen rationalen Begründungszusammenhang gestellte Wissen, welches kommunizierbar und überprüfbar ist sowie bestimmten wissenschaftlichen Kriterien folgt.“[6]

Die Rationalisten

Erneut ein wenig merkwürdig ist, dass es in der Wissenschaft neben der Fraktion der sich selbst widersprechenden Irrationalisten auch glasklare Rationalisten gibt. Sie müssen nicht immer steif sein, unsere Science Cops kommen aus dem lockeren Lager, aber bekommen Pickel, weil in der Homöopathie alles so gnadenlos unvernünftig ist. Die Liste jener Denker, die von der Aufklärung an, an die Vernunft glauben, ist lang, ehrenhaft und gewichtig – und nur zur Hälfte richtig.

Das komplett rationale Leben, kennen wir diese Version nicht? Klar, der Homo Oeconomicus, der Mensch als rationaler Agent, der stets auf seinen Vorteil aus ist. Das Bild des Menschen aus Sicht der Wirtschaftswissenschaft. Längst widerlegt, aber eigenartig ähnlich dem Bild des Menschen, der gezwungen ist seinen egoistischen Genen zu folgen. Auch das ist widerlegt. Aber auffallend ist, dass hier zwei vollkommen unterschiedliche Ausgangspunkte vorhanden sind, einmal der Mensch als rationales Wesen, zum anderen, als willenloser Dienstbote seiner Gene und/oder Emotionen.

Wir sind immer beides, zur gleichen Zeit. Mal etwas rationaler, mal emotionaler, mal noch anders. Oft laufen wir auf Automatik, spulen Routinen ab, ohne darüber nachdenken zu müssen, manchmal jedoch denken wir intensiv nach. Was Intuitionen letztlich sind, ist unklar, vielleicht sind sie ein Bindeglied zwischen Bewusstem und Unbewusstem, oder zu einem spirituellen Anteil im Menschen, der zu den Emotionen und zur Rationalität noch dazu kommen könnte. Ganz rational ist der Mensch so oder so nicht, das Unbewusste funkt ihm immer wieder dazwischen und es ist weder eine Wissens- oder Erklärungslücke, noch etwas, was man erfolgreich weganalysieren kann, das Unbewusste ist ein komplexes Gebilde, was sich sein Terrain auf manchen Gebieten immer wieder zurück erobert.

Aber diejenigen der Wissenschaftsgläubigen, die sich für sehr rational halten, müssen die Frage beantworten, wie der rationale Lebensansatz aussehen soll. Für Fridays for Future ist die Sache klar: Hört auf die Wissenschaft. Aber ‚die Wissenschaft‚ sagt, dass wir unser Verhalten verändern müssen (Klimaforscher), gleichzeitig als emotionale Wesen aber auf unseren Vorteil aus sind (Soziobiologie), mal sind wir kooperativ, mal aggressiv, mal egoistisch, mal prosozial … oder sollen wir doch alle auf den Supercomputer hören?

Was folgt daraus? Selbst wenn man sagt: Wir entscheiden nicht, das müssen andere tun, wir sagen nur, wie es ist, stellt sich die Frage, wie es denn nun ist? Sollen wir den Blick nun primär auf das Klima richten? Kann man machen, aber es blendet aus, dass andere Länder ganz andere Prioritäten haben. Eine Erkenntnis die nicht ankommt, ist keine.

Im Anti-Homöopathie Podcast verkündet man auch immer, dass natürlich jeder entscheiden kann, wie er will und weiter Homöopathika benutzen kann, aber mit dem deutlichen Subtext versehen: Könnt ihr machen, aber dann habt ihr nicht alle Tassen im Schrank. Oder freundlicher: Es ist wissenschaftlich nicht gedeckt. Das ist ja wie ’ne Religion wird immer wider betont und Wissenschaftsgläubige mögen Andersgläubige nicht besonders. Heilsversprechen haben sie einige mit dabei, bis hin zum ewigen Leben durch Genmanipulation oder Computer-Upload.

Erklären ist nicht alles

Alchemie

Bei der Alchemie trennten sich die Weg von Wissenschaft und Aberglaube. So hört man oft. © Lin Barneveld under cc

Als Versprechen ist das schon nicht ohne, aber mehr ist es bislang auch nicht und zum Weltbild fehlt dann doch noch etwas. Die erklärende Kraft gerät an ihre Grenzen und in Fragen von Sinn, Ziel, Moral und Orientierung sieht es eher mau aus. Als Ratgeber ist die Wissenschaft oft top, aber außer in Einzelfragen gibt es keine klare Position ‚der Wissenschaft‚, deren Wesen es ja ist, immer neue Fragen zu stellen.

Wenn man genervt oder gar wütend ist, wie es im podcast heißt, ist aber mehr dahinter. Nämlich die Meinung, dass Menschen so nicht sein sollten. Aber wie denn dann? – lautet die zwingende Anschlussfrage. Vernünftig eben? Aber was heißt das? Es kann viel bedeuten, auch viel Gegensätzliches und Fragwürdiges. Denn genau das stellen Weltbilder den Menschen zur Verfügung, eine Orientierung und moralische Vorschriften.

So gut wie alle Wissenschaftsgläubigen sind Utilitaristen. Nutzen oder Glück maximieren und den Schaden oder das Leid minimieren. Klingt gut, das Problem ist, dass man von Banalitäten abgesehen (für die man keine Ethik braucht) sofort wieder auf der Stelle tritt, denn was ist nun der optimalen Nutzen?

  • Variante 1: Vermeiden Sie Zigaretten, Alkohol und andere Drogen, sowie Extremsportarten, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Übergewicht. Vermeiden Sie Partnerschaftsstreits, passen Sie sich sozial an die jeweils herrschende Meinung an – Widerspruch löst Stress aus, machen Sie regelmäßiges Ausdauertraining, ein wenig Muskeltraining, schlafen Sie regelmäßig und ausreichend. Entwickeln Sie nicht zu viel Ehrgeiz.
  • Variante 2: Vermeiden Sie Flugreisen, Kreuzfahrten, mit Beton zu bauen und ein Verbrenner-Auto zu fahren. Essen Sie kein Fleisch, verzichten Sie auf Smartphone, Kaffee, Waren aus Übersee, reduzieren Sie Ihren Energieverbrauch, wo immer es geht. Sehen Sie zu, kein Haustier zu haben und vor allem keine Kinder in die Welt zu setzen.

Weitere Variante sind denkbar.

  • Variante 3: Soziale Gerechtigkeit
  • Variante 4: Gegen den Krieg
  • Variante 5: Gesundheit für die Welt

Ihnen werden Optimalversionen einfallen. Manche überschneiden sich, aber andere widersprechen einander hart. Variante 1, ein langes persönliches Leben ist oft inkompatibel mit Variante 2, dem optimalen Klimaschutz. Wenn man dann noch weltweite soziale Gerechtigkeit einflechten will, wird es schwierig, eine Optimallinie zu finden.

Man müsste schauen, welcher Mensch was, wann am besten aufnehmen und verarbeiten und wer, was, wann am besten umsetzen kann. Damit betont man aber die Subjektivität, nicht die Objektivität. Vielleicht müsste man auch schauen, wer was will, denn etwas gut zu können, aber nicht zu wollen, vergrößert sicher nicht das Glück. Fragen Sie Utilitaristen mal nach den Relationen von Glückswerten, also woran man erkennt, welcher Grad an Glück, von wie vielen Menschen, welches Unglück anderer aufwiegt und warum.

Doppelte Standards und gefährliche Suggestionen

Wissenschaftsgläubige halten oft nicht viel von Ethik, mal offen, mal hinter vorgehaltener Hand. Ethik wir dabei oft als das verstanden, was Forscher bremst, aus irgendwelchen seltsamen Gründen. Das Argument lautet dann: Wenn wir es nicht machen, macht es ein anderer. Also machen wir es lieber. Manchmal heißt es auch: Wir forschen und produzieren nur, was andere damit machen, dafür können wir nichts.

In der Forschung für Waffensysteme, Gentechnik, der Pharmaforschung, Kommunikationstechnik und manch anderem geht es in vielen Bereichen längst um mehr als nur Ambivalenz, von der Massentierhaltung mal ganz abgesehen, in denen Qualzuchten und vollautomatisiert Systeme, empfindsame Lebewesen zum Ding machen, ganz zu schweigen.

Warum dieser Hintergrund? Gehen wir zurück zum Ausgangspunkt. Die Science Cops schieben ein, die Medizin könne ja auch mal was lernen, von der Homöopathie, nämlich, dass allein die Zuwendung einen sehr großen Effekt hat und die Homöopathie im schlimmsten Fall nur den Placeboeffekt optimiert hat: Ja, warum tut man es dann nicht? Warum gehen die Science Cops dieser spannenden Frage nicht nach? Hier wird dann auf medizinethische Bedenken verwiesen. Wenn man Ethik immer nur im Bedarfsfall auspackt, ist das nicht sonderlich überzeugend.

Die lapidaren Aussagen, dass Placeboeffekte nicht heilen können ist zudem vollkommen falsch. Ein Blick in die wissenschaftliche Placebofoschung reicht:

„Placebo- und Noceboeffekte […] sind seit Jahrzehnten als klinisch-relevante Phänomene bekannt. In zahlreichen klinischen Studien wurde aufgezeigt, dass bis zu 70% der Symptomverbesserung bei Medikamentengabe auf „unspezifische“ Placeboeffekte zurückzuführen sind. Dies spricht für die hohe therapeutische Bedeutung dieser Effekte. Ebenso wurde in der Arzneimittelforschung belegt, dass in vielen Placebogruppen vergleichbare Nebenwirkungsraten gefunden werden wie in den korrespondierenden Medikamentengruppen. Es handelt sich dabei um sogenannte Noceboeffekte, aufgrund derer viele Patienten die Behandlung abbrechen. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass bei medikamentösen Behandlungen viele Nebenwirkungen substantiell durch psychologische Variablen beeinflusst werden und nicht ausschließlich auf die Wirkung des Arzneistoffes auf den Körper zurückgeführt werden können.

Die  therapeutische Relevanz der Placebo- und Noceboeffekte steht somit außer Frage. Dennoch hat die genaue Analyse dieser Effekte erst in jüngster Zeit begonnen und steckt noch in den Kinderschuhen.“[7]

Ach ja, die Tiere. Das ist eine meiner offenen Fragen, warum Placeboeffekte bei Tieren wirken. Das wird dann doch recht schnell abgehandelt, in der bewährten Mischung. Der Placeboeffekt durch Zuwendung, der Hinweis, dass eben auch bei Tieren Symptome von selbst verschwinden und noch einmal die freundliche Erinnerung daran, dass unsere Erinnerung eben auf einer Fehlwahrnehmung beruht (auf den sich daraus ergebenden performativen Selbstwiderspruch weise ich noch mal hin). So einfach kann das sein.

Dahinter steht keine knallharte wissenschaftsgläubige Ideologie, zumindest muss und würde ich das nicht unterstellen. Aber was eher dahinter steht, ist nicht weniger schlimm. Ein flapsig unbeschwerter und oberflächlicher Umgang mit Themen, in die Thesen beiläufig eingerührt werden, die einiges an gesellschaftlicher Sprengkraft haben. Die stete, emotionalisierende Zusammenführung von Homöopathie und Religion (hören Sie nur mal die letzten 5 Minuten des podcasts, er ist oben verlinkt) ist ihrerseits schon irrational, drückt aber eine Lesart aus, mit der Wissenschaftsgläubige ihre Methode endgültig zum Weltbild machen. Kurz vor dem Ende wird noch angemerkt, dass wer die Wissenschaft leugnet, wie Homöopathieanhänger es tun, auch bei Impfung und Klimawandel abweichen könnten. Wovon? Von den Fakten, auf die man sich einigen können muss.

Es ist nicht banal zu verstehen, dass und warum Fakten konstruiert werden. Konstruiert heißt eben nicht, dass man sich die Welt zurecht wünscht, sondern, dass man am Ende bei den Prämissen landet, die man am Anfang hinein gesteckt hat. Es wäre einfacher zu erkennen, dass Religion, als Paradebeispiel für Irrationalität, zwar auf den ersten Blick plausibel erscheinen kann, aber auch nur auf diesen und letztlich verfehlt ist. Aber noch wesentlich schneller kann und muss man verstehen, dass ein emotionalisierendes Framing, bei dem etwas, was widerlegt werden soll noch zusätzlich gebasht und moralisch diskreditiert wird.

„Haben Sie sich mal gefragt, warum Alternativmedizin und ein bio-dynamischer Lebensansatz eigentlich immer wieder mal als rechtsradikal, versponnen oder beides zusammen angesehen wird?“ So war unsere Frage im Dezember 2020: Hier können Sie weiter lesen.

Es ist wichtig, dass wir uns mit den letztlich unreflektierten Deutungen, der wissenschaftsgläubige Menschen unterliegn, die weder erkennen, noch verstehen, dass sie einer Ideologie folgen, nicht widerspruchslos abfinden. Es sind dicke Bretter zu bohren, weil Menschen, die sich der Wissenschaft anschließen, in einem gewissen Automatismus glauben, nur sie könnten Recht haben, warum das nicht der Fall ist, werden wir immer wieder aufzeigen.

Quellen:

  • [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Naturalismus_(Philosophie)#Merkmale_naturalistischer_Theorien
  • [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Naturalismus_(Philosophie)#Kritik_religi%C3%B6ser_Ideen
  • [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Naturalismus_(Philosophie)#Realismus
  • [4] https://de.wikipedia.org/wiki/Naturalismus_(Philosophie)#Methoden_der_Naturwissenschaften
  • [5] Daniel-Pascal Zorn, Zur phil.cologne – und warum sie nichts mit Philosophie zu tun hat, https://rechtfertigung.wordpress.com/2018/06/08/zur-phil-cologne-und-warum-sie-nichts-mit-philosophie-zu-tun-hat/
  • [6] https://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaft
  • [7] http://placeboforschung.de/de/placebo-nocebo