Subjektivität in Objektivität

Faszinierende Erkenntnisse. Manchen reicht es, einfach zu forschen. © Oliver Bildesheim under cc
Es gibt wissenschaftstheoretische Gründe dafür, warum Fakten nicht einfach, für alle gleich, vorhanden sind. Die Art des Hinschauens, was man wie misst und was man weglässt verändert maßgeblich das Bild. Es stellen sich längst nicht alle Ergebnisse für alle gleich da und mit Größe, Gewicht, Zusammensetzung ist nicht alles gesagt, egal, wie akribisch man vorgeht. Die Interaktion von etwas findet man nicht in einem Gegenstand, aber die Interaktion gehört oft wesentlich zu einem Gegenstand.
Objektivität ist hier eher die Veröffentlichung der Methode, nach der man bei einem Experiment vorgegangen ist. Geht man identisch vor, sollte sich das gleiche Ergebnis zeigen, das ist schon man was, aber es ist nicht alles. Man kann immer wieder den Huf einer Giraffe untersuchen und wird nie Erkenntnisse über ihren Hals gewinnen.
In der Anwendung, etwa in der Medizin geht es in vielen Bereichen darum, eine individualisierte Therapie zu finden, die nicht nur die neugeborene Lara vom 60-Jährigen 120 Kilo Mann unterscheidet, sondern auch Maik und Mike, beide 25, blond, 185 cm, sportlich, aus Braunschweig. Wenn Maik gegen bestimmte Arzneimittel allergisch ist, kann man bei einer Erkrankung von ihm nicht so vorgehen, wie bei Mike.
Das Mikrobiom, die Gesamtheit der Bakterien die zu uns gehören, ist individuell und verändert sich in einigen Bereichen ständig, die Auswirkungen beginnen wir gerade erst zu verstehen. Unser Hirn ist ebenfalls in ständiger Veränderung begriffen, ob man Lehrerin, Geiger in einem Streich-Quartett oder Hippie auf einer Insel ist, die Anforderungen an so ein Leben sind verschieden.
In der Psychotherapie gibt es nicht das eine Standardverfahren für alle Menschen und Vorkommnisse, sondern auch das ist hoch individualisiert. Konzentriert man sich darauf, Gemeinsamkeiten zwischen allen Menschen zu finden, kann man Jahrzehnte damit verbringen und wird immer fündig werden. Konzentriert man sich auf die Unterschiede gilt allerdings dasselbe. Es gibt keinen privilegierten Blick, keine Erfassung der Gesamtsituation, weil jeder Blick notwendig 1000e andere ausblendet. Das gilt prinzipiell und wird bei Thomas Nagel als ‚Blick von Nirgendwo‘ problematisiert. Maik und Mike sind in einigen ihrer Eckdaten schon sehr ähnlich, doch sie werden bei anderen grundverschieden sein.
Darum gibt es statistische Annäherungen: Kunden, die dieses Produkt kauften, interessierten sich auch für … . Das geht bis in die Physik der kleinsten Teilchen, deren Verhalten nur noch statistisch erfassbar ist. Aber es ist beides in einem. Der Vorschlag des Algorithmus erzeugt neue Möglichkeiten, begrenzt aber auch, weil man immer mehr in der eigenen Soße schwimmt und vor lauter nächsten Vorschlägen zu sich selbst, zum Ausschöpfen des eigenen Potentials gar nicht mehr vordringt. Solange man sich gut unterhalten fühlt, sieht man das nicht als Problem an. Wenn keiner in der Umgebung das als Problem ansieht, ist der, der mehr will, schnell ein Sonderling. Der Stoff, aus dem Dystopien sind. Das berührt zu einem großen Teil unser Wirtschaftssystem und unser Konsumverhalten, mit dem man sich darstellen kann und will. Die Wissenschaft sollte nicht ins selbe Horn tuten.
Das Leben als Wahrnehmungsstörung
Vieles im Leben ist anders, als es den Anschein hat. Der eben noch gerade Stock, wirkt abgeknickt, wenn man ihn halb ins Wasser hält, ohne es zu sein. Man kann Fehlwahrnehmungen haben, wie Farbenblindheit oder bestimmte visuelle Reizverarbeitungsstörungen, die mit einigen Formen von Leseschwierigkeiten zu tun haben. Noch viel weiter sollen allerdings kognitive Verzerrungen gehen, schon bei weitgehend normalen Menschen. Wir blenden riesige Bereiche unserer Wahrnehmungen unbewusst aus, hören und sehen in der Regel das, was wir erwarten. Damit nicht genug, auch unsere Erinnerungen werden immer wieder modifiziert, manches vergessen wir ganz, wenn wir es nicht brauchen.
Das ist die Stunde der Wissenschaft. Sie kann uns nämlich sagen, wie es wirklich ist, dabei gibt es nur gleich mehrere Probleme. Das was Menschen wahrnehmen und interpretieren (in ihren gewohnten Kontext einordnen, meist in der Art, dass Erwartetes nicht registriert wird) ist ja ihre Realität. Sie nehmen die Welt ja nun mal genauso wahr, wie sie es tun. Hier antworten Wissenschaftsgläubige, genau das sei ja die Stärke, den Menschen zeigen zu können, dass die Welt anders ist, als man gewöhnlich denkt: Der Stock im Wasser ist nicht geknickt, die Erde keine Scheibe und auch nicht das Zentrum des Kosmos.
Dann geht es weiter: Auf unsere Sinne ist kein Verlass, auf unsere Erinnerungen auch nicht, ohnehin bekommen wir nur eine Version der Welt von unserem Hirn eingespielt, die Realität sehen wir gar nicht. So hört man es immer wieder mal, bis heute. Die Behauptung, dass alles eine Illusion oder zumindest anders ist, als man denkt, zieht sich selbst den argumentativen Boden unter den Füßen weg. Denn, wenn alles anders ist oder sein könnte, dann auch die Daten, auf deren Basis man diese Erkenntnisse gewonnen zu haben meint. Sie sind nichts wert, sie könnten Illusion sein, eine Fehlwahrnehmung, ein Interpretationsfehler, unser Gehirn macht ja auch bei Hirnforschern keine Pause, beim einspielen von Fakes.
Ja, es gibt kein Messgerät in der Philosophie, das die Qualität oder Konsistenz von Aussagen prüft, jedenfalls keines, was man wie einen Stromprüfer irgendwo an eine Aussage hält. Ansonsten allerdings, ist unser Bewusstsein das Messgerät. Nur muss man es selbst entwickeln und kalibrieren. Man kann Argumentationsfehler durchaus erkennen, hier sind einige aufgeführt. Doch nicht alles ist leicht zu verstehen.
Oder, um es mit Daniel-Pascal Zorn zu sagen:
„[…] Philosophie ist Arbeit, nicht Schaulaufen durch einen Park aus Themen, die irgendein Team aus Populärphilosophen und solchen, die es gerne wären, für relevant hält. Philosophie ist Konfrontation mit dem Anderen, nicht das Zurechtmachen und Schmücken und Flankieren mit Bekanntem, bis es zur Unkenntlichkeit verstellt jedes Irritationspotenzial verloren hat. Philosophie bedeutet nicht unbedingt Trockenheit, aber Disziplin und Strenge. Sie bedeutet Lektüreerfahrung und ständige, kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Denken.
Wer die Philosophie an ein paar relevant erscheinende Themen nagelt und ein paar relevant erscheinende Experten einlädt, die dann über diese Themen ein bisschen diskutieren, der zerstört sie. Er ersetzt sie durch ein harmloses Bild. Und wer das dann noch Philosophie nennt, der suggeriert den Leuten, sie hätten immer genau das zu erwarten, wenn es um Philosophie geht.
Dass dem Germanisten Precht Hegel nie etwas gesagt hat, ist eine negative Bildungserfahrung, die er sicherlich mit vielen anderen teilt. Man kann an Philosophen scheitern, das ist nicht ungewöhnlich. Aber daraus folgt eben nur, dass Precht, daraus folgt nicht, dass Hegel gescheitert ist. Philosophie muss nicht verständlich sein, sie ist es. Sie ist vollkommen verständlich – sie ist nur sehr schwer. Und diese Kompliziertheit überwindet man nicht, indem man sich von Experten erklären lässt, was eigentlich gemeint ist. Man überwindet sie nur, indem man liest – und mit anderen, die auch lesen, darüber spricht.
Die phil.cologne hat nichts mit Philosophie zu tun, weil sie sogar noch in ihrer Auswahl von Themen und Experten, in ihrer Inszenierung einer sehr beschränkten Weltsicht und viel zu simpler, viel zu einfach zu beantwortender Fragestellungen die Verhinderung von Philosophie ist. Sie ist darin geradezu eine Anti-Philosophie. Sie erfüllt die Funktion, die zarten Anfänge des menschlichen Denkens, das fragend über sich selbst hinauslangt, mit Expertenantworten und einfach gestrickten Frage-Antwort-Spielchen zu beruhigen.“[5]
Es ist auch, gelinde gesagt, ein wenig merkwürdig, wenn wissenschaftsgläubige Forscher, wie der ehemalige Biologe Richard Dawkins oder der Hirnforscher Gerhard Roth, zum einen auf der Basis der egoistischen Gene, zum anderen auf der der Emotionen behaupten, dass es mit der Rationalität von uns Menschen nicht weit her ist. Die Rationalität abgeschafft im Namen der Wissenschaft? Das ist a) seltsam genug, b) ein weiterer performativer Selbstwiderspruch (man will rational überzeugen, dass man rational niemanden überzeugen kann), aber c) ist es nach dem Selbstverständnis der Wissenschaft vollkommen anders:
„Wissenschaft bezeichnet auch den methodischen Prozess intersubjektiv nachvollziehbaren Forschens und Erkennens in einem bestimmten Bereich, der nach herkömmlichem Verständnis ein begründetes, geordnetes und gesichertes Wissen hervorbringt. Methodisch kennzeichnet die Wissenschaft entsprechend das gesicherte und in einen rationalen Begründungszusammenhang gestellte Wissen, welches kommunizierbar und überprüfbar ist sowie bestimmten wissenschaftlichen Kriterien folgt.“[6]
Die Rationalisten
Erneut ein wenig merkwürdig ist, dass es in der Wissenschaft neben der Fraktion der sich selbst widersprechenden Irrationalisten auch glasklare Rationalisten gibt. Sie müssen nicht immer steif sein, unsere Science Cops kommen aus dem lockeren Lager, aber bekommen Pickel, weil in der Homöopathie alles so gnadenlos unvernünftig ist. Die Liste jener Denker, die von der Aufklärung an, an die Vernunft glauben, ist lang, ehrenhaft und gewichtig – und nur zur Hälfte richtig.
Das komplett rationale Leben, kennen wir diese Version nicht? Klar, der Homo Oeconomicus, der Mensch als rationaler Agent, der stets auf seinen Vorteil aus ist. Das Bild des Menschen aus Sicht der Wirtschaftswissenschaft. Längst widerlegt, aber eigenartig ähnlich dem Bild des Menschen, der gezwungen ist seinen egoistischen Genen zu folgen. Auch das ist widerlegt. Aber auffallend ist, dass hier zwei vollkommen unterschiedliche Ausgangspunkte vorhanden sind, einmal der Mensch als rationales Wesen, zum anderen, als willenloser Dienstbote seiner Gene und/oder Emotionen.
Wir sind immer beides, zur gleichen Zeit. Mal etwas rationaler, mal emotionaler, mal noch anders. Oft laufen wir auf Automatik, spulen Routinen ab, ohne darüber nachdenken zu müssen, manchmal jedoch denken wir intensiv nach. Was Intuitionen letztlich sind, ist unklar, vielleicht sind sie ein Bindeglied zwischen Bewusstem und Unbewusstem, oder zu einem spirituellen Anteil im Menschen, der zu den Emotionen und zur Rationalität noch dazu kommen könnte. Ganz rational ist der Mensch so oder so nicht, das Unbewusste funkt ihm immer wieder dazwischen und es ist weder eine Wissens- oder Erklärungslücke, noch etwas, was man erfolgreich weganalysieren kann, das Unbewusste ist ein komplexes Gebilde, was sich sein Terrain auf manchen Gebieten immer wieder zurück erobert.
Aber diejenigen der Wissenschaftsgläubigen, die sich für sehr rational halten, müssen die Frage beantworten, wie der rationale Lebensansatz aussehen soll. Für Fridays for Future ist die Sache klar: Hört auf die Wissenschaft. Aber ‚die Wissenschaft‚ sagt, dass wir unser Verhalten verändern müssen (Klimaforscher), gleichzeitig als emotionale Wesen aber auf unseren Vorteil aus sind (Soziobiologie), mal sind wir kooperativ, mal aggressiv, mal egoistisch, mal prosozial … oder sollen wir doch alle auf den Supercomputer hören?
Was folgt daraus? Selbst wenn man sagt: Wir entscheiden nicht, das müssen andere tun, wir sagen nur, wie es ist, stellt sich die Frage, wie es denn nun ist? Sollen wir den Blick nun primär auf das Klima richten? Kann man machen, aber es blendet aus, dass andere Länder ganz andere Prioritäten haben. Eine Erkenntnis die nicht ankommt, ist keine.
Im Anti-Homöopathie Podcast verkündet man auch immer, dass natürlich jeder entscheiden kann, wie er will und weiter Homöopathika benutzen kann, aber mit dem deutlichen Subtext versehen: Könnt ihr machen, aber dann habt ihr nicht alle Tassen im Schrank. Oder freundlicher: Es ist wissenschaftlich nicht gedeckt. Das ist ja wie ’ne Religion wird immer wider betont und Wissenschaftsgläubige mögen Andersgläubige nicht besonders. Heilsversprechen haben sie einige mit dabei, bis hin zum ewigen Leben durch Genmanipulation oder Computer-Upload.