Autorität vs. Reflexion

Okay, zwischen diesen Stühlen zu sitzen, ist schwer. © emdot under cc

Die Autorität der Eltern, die in früheren Zeiten allein durch die physische Präsenz der Eltern und die oft unhinterfragten Rollen wesentlich stärker war, sorgte auf der einen Seite für Beschränkungen, auf der anderen sorgten die gleichen Regeln auch für Sicherheit und Verlässlichkeit. Der Vater entschied in vielen Fällen als Letztinstanz, berühmt-berüchtigt die Aussage: ‘So lange du deine Füße noch unter meinen Tisch streckst …’ Das verärgert und verunsichert gleichermaßen, weil es ganz einfach heißt: ‘Hau ab oder spiel’ mit.’ Zugleich braucht man sich um vieles nicht zu kümmern, weil die Eltern das eben regeln. Eben bis zur Entscheidung was gut und richtig ist und wer ein Spinner und wer wichtig ist und wie man mit solchen umgeht.

In der vaterlosen Gesellschaft mit Profis auf allen Gebieten der Erziehung ist das anders, man lernt eventuell immer neue, andere Bezugspersonen kennen, die Eltern gehören auch dazu. Man lernt, dass es viele Sichtweisen und Regeln gibt und die Notwendigkeit sich diesen anzupassen. Mitunter auch solchen, die exakt das Gegenteil jener darstellen, die eben noch gegolten haben. Das macht flexibel und empathisch, aber nicht unbedingt sicher. Die Empathie, die schnell verstehen muss, was hier gespielt wird, ist eine Empathie aus Not.

Kinder, die häuslicher Gewalt ausgesetzt waren – eine Verniedlichung für manchmal jahrelange schwere Misshandlung – entwickeln diese Notempathie auch. Sie lernen, dass man sich auf das was gesagt wird nicht verlassen kann und erkennen intuitiv wann es an der Zeit ist sich aus dem Staub zu machen, falls das möglich ist.

Dennoch entwickelt man dadurch auch eine Fähigkeit zur Flexibilität und zum Verständnis anderer Sichtweisen, was letztlich Reflexion ausmacht. Es ist diese Fähigkeit zur Reflexion, die einen dann zu weiteren Betrachtungen treibt.

Identität

Irgendwann stellt man sich vielleicht die Frage, wer ich denn eigentlich bin, wenn ich nicht gelernt habe, was richtig und falsch ist, höher- und minderwertig, wichtig und unwichtig. Schön, wenn man alles versteht, aber nicht so schön, wenn man für nichts steht. Man kann sich einfach nicht so gut mit voller emotionaler Wucht in eine Sache hineinwerfen, wie andere, die Golffahrer oder Schalkefans abgrundtief schlecht finden. Natürlich hat diese Rigidität etwas Primitives, aber manchmal macht genau so etwas eben das Charisma aus, was Menschen haben, die vollkommen von einer Sache überzeugt sind.

Zudem haben sie oft eine gewisse Heimat im Leben gefunden, weil sie sich eben mit Haut und Haaren für eine Sache einsetzen können, vermutlich häufiger, als jene, die natürlich auch hier wieder in allen Ansätzen die Vor- und die Nachteile erkennen. Die Lust sich ganz einzulassen, haben sie jedoch selten gelernt.

Manche Menschen sagen, dass sie die Farbe Gelb ganz entsetzlich finden. Menschen die alles verstehen, werden eher sagen, dass es doch ganz verschiedene Geldtöne gibt und man das so generell gar nicht sagen könne. Aber immerhin hat man selbst zumeist auch Abneigungen und Vorlieben, wenigstens daran kann man sich festhalten, am eigenen Geschmack, wenn es gelang ihn zu entwickeln.

Denn was einen auch im Positiven ausmacht, wofür man lebt und brennt, genau das kann man oft schlecht sagen, das ist die Leerstelle im Leben. Eher weiß man noch, was man nicht will, aber ein Leben definiert über Vermeidungen ist trist. Man will dann keine Fehler machen und keine Schrammen abbekommen, am besten lange Leben, ohne genau zu wissen, wofür eigentlich.

Denn dazu müsste man sich bekennen, auch emotional, sich reinschmeißen, manchmal auch: koste es, was es wolle. Wenn man aber immer nur mitbekam, dass der eine es so sieht und macht und die andere anders, man es aber auch noch ganz anders angehen kann, dann schmeißt man sich nicht rein, sondern steht man Beckenrand und schaut zu, wie die anderen schwimmen.

Die Gefahr dabei ist, im eigenen Saft zu köcheln. Selbst wenn man irgendwie noch an seine Vorlieben im Sinne der gesteigerte Wellness heran kommt, man bleibt in schlimmeren Fall in sich gefangen. Denn, wenn man gut leben will, geht es nicht darum, Prinzessin auf der Erbse zu werden, sondern den eigenen Dunstkreis zu verlassen, sein Ich in die Dienst einer größeren Sache zu stellen, für die man durchaus brennen darf. Das stärkt den Bereich für den man sich engagiert, das eigene Ich und zusätzlich noch das Glücksempfinden[link]. Im Grunde einfach zu verstehen, wir versuchen jedoch oft die Welt unseren Bedürfnissen anzupassen, was sogar auf lange Sicht dann unglücklich macht, wenn es gelingt. Nur haben manche nie gelernt sich für etwas anderes als die eigenen Interessen zu engagieren.

Die totale Abstraktion

Die andere Seite dieser Variante ist, dass man sich in Abstraktionen stürzt. Diese haben einen gewissen Reiz, für manche liegt er darin, dass man sich damit in einer Welt befindet, in der Möglichkeiten durchgespielt werden, in der Systeme und Gedankengebäude immer mehr optimiert werden. Manchmal erwächst daraus eine Eigendynamik, die die Möglichkeit einer reinen und perfekten Welt sieht, wenn man nur bestimmte Systemfehler ausklammert.

Dieser Systemfehler ist dann zumeist der Körper und hier insbesondere seine Verletzlichkeit, Endlichkeit und auch seine Affekte, Emotionen, inklusive der Lust. Rationalität spielt oft mit den Möglichkeiten, unsere Affekte, Emotionen und unser Körper legen uns fest, recht klar und eindeutig und das kommt manchen als Fehler vor, als irgendwie unperfekt.

Doch letztlich ist auch der Wunsch nach kühler Kontrolle nur halb und spaltet die psychische Ganzheit, bestehend aus den beiden Hälften (aber vielleicht sind es auch mehr als zwei Teile) Emotionen und Rationalität, hier zugunsten einer etwas verkopften und körperfeindlichen Rationalität, auf der anderen Seite schlägt man sich ins Lager derer, die sich in emotionalen Befindlichkeiten suhlen, beides ist Spaltung. Eine Spaltung, die letztlich zur Identitätsdiffusion führen kann.

Wenn auf einmal das Gegenteil richtig ist

Für viele ostdeutsche Mitbürger haben sich quasi über Nacht die Vorzeichen komplett geändert. Ähnliches gilt für viele Migranten, die aus diversen Gründen nach Deutschland kommen, oftmals Arbeit und Sicherheit suchen, aber merken, dass sich die Art des Zusammenlebens manchmal fundamental von dem was man gewohnt war unterscheidet. Als Migrant kann man noch vorher die Wahl treffen, sofern man ausreichend informiert wird, die Ostdeutschen hatten diese Wahl nur bedingt. Die Revolution ging vom Volk aus, die Bedingungen des Zusammenschlusses schon nicht mehr.

Alles was Jahrzehnte als falsch galt, sollte nun richtig sein. Es geht nicht darum zu entscheiden, was nun besser war oder ist, sondern dass es für etwa ein Viertel der Einwohner anders geworden ist. Dass einem das etwas den Teppich unter den Füßen wegziehen kann, ist verständlich, zumal, wenn das gelobte Land sich selbst im schleichenden Sinkflug befindet.

Meinungslosigkeit aus Bequemlichkeit

Keine Meinung zu haben kann aber auch ganz bequem sein, denn man braucht sich nicht festzulegen. Dass man keine Orientierung mitbekommen hat, mag richtig sein, aber es muss einen nicht daran hindern der Frage nachzugehen, was man denn nun tatsächlich gut und richtig findet. Vielleicht fehlt die imperative Selbstgewissheit, aber die hohe Flexibilität ist ja auch ein Pfund mit dem man wuchern kann. Wenn man sich nach und nach traut und zutraut sich eine eigene Meinung zu bilden, ist es sogar oft ein Vorteil, wenn man diese begründen kann, statt auf Nachfrage nur sagen zu können, dass etwas eben richtig ist, weil es richtig ist und schon immer richtig war und das doch wohl jedem klar sein müsse. Selbstgewissheit kann zuweilen auch etwas plump daherkommen.

Mitmenschen, die zu viel ‘Wissen’ mitbekommen haben, was im Grunde oft nur Meinung ist, profitieren davon, wenn sie es lernen, zu dem emotionalen Anker, den sie haben ein wenig Offenheit und Flexibilität hinzu zu fügen. Wenn man keine feste Meinung hat, alles und jeden gut versteht, nur nie so richtig weiß, was man eigentlich selbst will, ist es gut, wenn man sein Verständnis irgendwann mal mit diesem emotionalen Anker festigt und sich auch eine Meinung zutraut, die man einfach hat, ohne so genau zu wissen warum. Irgendwo zwischen diesen Polen bewegen wir uns alle.