Wer bin ich eigentlich, hinter meinem Verständnis für alles und jeden? © Chris H under cc

Wir alle haben schon erlebt, wie überzeugend, bisweilen charismatisch Menschen wirken können, die eine feste Meinung haben. Manchmal nur zu einem bestimmten Lebensbereich, andere zu allen relevanten Fragen des Lebens.

Manche dieser Menschen liefern praktischerweise die Einordnung, was im Leben relevant ist und was nicht selbst mit. Da gibt es dann Kernbereiche, die als wichtig bis entscheidend im Leben gelten. Da sollte man sich auskennen, das muss man können und drauf haben, der Rest ist ohnehin belanglos, auch wenn andere das ganz anders sehen. Menschen die eine feste Meinung hat, stört es in der Regel allerdings nicht, wenn andere ihnen nicht zustimmen, dafür gibt es die passende Schublade: Menschen, die keine Ahnung haben.

Alle haben feste Meinungen. Warum ich nicht?

Unser Thema sollen jedoch jene sein, die diese feste Meinung nicht haben. Die vielleicht etwas uncharismatischer sind, vielleicht nicht so gut zum Ideologen geeignet, sich manchmal auch selbst nicht so genau kennen, andererseits jedoch nachdenklicher und empathischer sein können. Die sich aber vielleicht auch irgendwann fragen, warum die anderen sich eigentlich so sicher sind und warum sie selbst es nicht sind.

Man kann sich Menschen mit fester Meinung gut als jene vorstellen, die sich bei den großen Fragen des Leben, nach Religion und Politik oder wie man leben sollte profilieren. Mitunter ist das auch so, aber eigentlich geht es viel schlanker und alltäglicher mit der festen Meinung los.

Mit größter Gewissheit erzählen einem Menschen, dass, …

  • … wer als Fußballer zu den Bayern wechselt, ein Verräter ist.
  • … an Sahne Vanillezucker muss.
  • … Menschen, die Sekt trinken, abgehoben sind.
  • … Leute die Wagner nicht mögen, einem nur leid tun können.
  • … abstrakte Kunst keine Kunst ist.
  • … die bio/öko nur ein Marketinggag ist.
  • … es nur ein gutes Waschmittel gibt.
  • … wer Jogginghosen trägt, die Kontrolle über sein Leben verloren hat.
  • … alle gerne ein teures Auto fahren würden und das nur nicht zugeben wollen.
  • … Gemüse einfach nicht schmeckt.
  • … Männer immer nur das eine wollen.

Ein Griff in die kunterbunte Kiste es Lebens und auch hier wissen jene mit der festen Meinung bestens Bescheid, was gut und richtig ist und was man gar nicht erst zu probieren braucht.

Treffen zwei aufeinander, die jeweils eine feste, aber konträre Meinungen haben, kann es zum Showdown kommen. Für jene, die sich da gar nicht entscheiden können, wollen, oder für die es gar nicht bedeutsam ist, eine abgeschlossene Meinung zum Thema zu haben, ist so ein Aufeinandertreffen durchaus interessant. Entweder streiten sich die beiden, nicht selten respektieren sie den unbeugsamen anderen aber, weil sie erkennen, dass er wie sie ist.

Das macht die Lage für jene ohne feste Meinungen und Ansichten aber nicht besser, da man nicht mal respektiert wird. Versucht man probeweise selbst bestimmt aufzutreten, ohne dass man dahinter steht, wird das in der Regel bemerkt. Oft wirken die Bescheidwisser auch einfach doof, laut und unsympathisch, was fasziniert ist dennoch, dass ihre Selbstgewissheit nahezu unerschütterlich zu sein scheint. Davon würde man sich gerne eine Scheibe abschneiden.

Denn manchmal weiß man sich eigentlich gar nicht so gut zu positionieren. Die Ärzte oder die Toten Hosen, Habermas oder Sloterdijk, man muss sich entscheiden, wenn man beide mag hat man irgendwas falsch gemacht und ist ein Windbeutel.

Dominante Vorbilder

Vielleicht sind es wirklich die Eltern, öfter wohl noch immer der Vater, der diese Strahlkraft besitzt. Er kann jemand sein, der tagtäglich das Große und Ganze durchdekliniert, damit die Kinder keine Fehler im Leben machen und allzeit bestens gerüstet sind. Doch er kann auch schnell etwas Nervöses und Bedrängendes haben, da er sich ja ständig rückversichern muss, dass die Lehre auch angekommen und befolgt wird.

Charismatischer wirkt oft der schweigsame Vater, der eigentlich selten etwas sagt, aber gerade deshalb die Letztinstanz ist. Wenn es zu laut wird entscheidet er, ob er den Daumen hebt oder senkt ist relevant. So wird es dann gemacht, Punkt. Das muss nicht herrisch oder böse sein, es ist eindrucksvoll und prägnant. Vielleicht gerade dadurch, dass er zwar irgendwie anwesend ist, aber selten die soziale Bühne betritt, er hat Wichtigeres zu tun, zum Beispiel in den entscheidenden Fällen zu sagen, wo es lang geht und was gut und richtig ist. Das ist einerseits etwas Furcht einflößend, andererseits gibt es eine immense Sicherheit, wenn man so jemanden hinter sich weiß.

Blöd nur, wenn man so einen Vater nicht hat. Weil er körperlich oder seelisch abwesend oder ganz einfach schwach und unsicher oder auch entwertet ist. Ist es nicht denkbar, dass andere diese väterliche Rolle übernehmen? Gewiss, die Mutter könnte das. Oft ist es so, dass man die Mutter liebt und den Vater fürchtet, aber es gibt auch starke Frauen, die die Strippen ziehen und sagen, wo und wie die Musik spielt.

Manchmal ganz offen, manchmal subtiler. Wenn es zum guten Ton in der Gesellschaft gehört, dass ein Vater den Ton angibt, dann wird das nach außen manchmal inszeniert, aber intern weiß man, dass die Mutter das Regiment hat. Die Eltern könnten auch als gleichberechtigtes Paar agieren und dem Kind familiäre Orientierung geben.

Die Diskussion ist ideologisch etwas überfrachtet, doch es gibt gute Hinweise darauf, dass ein Elternhaus, in dem es klare, verlässliche Regeln gibt (schlecht sind jene, die alle Nase lang und je nach Stimmung willkürlich geändert werden) für Kinder gut und wichtig sind. Nicht gut ist, wenn die Eltern ihre dominante Stellung einbüßen.

Einleuchtend wird zumindest sein, egal wo man da selbst steht, dass Eltern, die als Autoritäten kaum in Erscheinung treten keinen prägenden Einfluss auf ihre Kinder haben können. Da Menschen aber nach Orientierung suchen, also nach etwas, an das sie berechtigt glauben können und jemanden, der ihnen die Welt erklärt und erläutert, was man tun und lassen sollte – und sei es nur, um dagegen zu rebellieren – müssen sie sich nach anderen Welterklärern umschauen.

Ersatzautoritäten

Ein Ergebnis davon kann sein, dass man sich Ersatzautoritäten zuwendet, wenn sich Vater oder Mutter dafür nicht anbieten. Vielleicht aber ein anderes Familienmitglied, ein Lehrer oder eine Autoritätsperson, die einem die Welt so erklärt. So, dass man es nachvollziehen und sich daran orientieren kann. Manchmal ist es ein religiöser oder politischer Führer mit besonders klaren Ansichten. Das gibt der fragilen Innenwelt, wenn man nicht weiß, was richtig und falsch ist, eine gewisse Sicherheit durch Orientierung. Man holt sich Jahre später oder versucht es wenigstens, was man als Kind gebraucht hätte. Risiken und Nebenwirkungen eingeschlossen, denn den Eltern wird man in der aller meisten Fällen noch unterstellen können, dass sie es mit ihren Kindern gut meinen, irgendwelche Menschen, die einen nicht kennen, haben keine Bindung an jene, denen sie die Welt erklären.

Die Ersatzautoritäten könnten ihre Anhänger auch instrumentalisieren. Gerade wenn man nicht weiß, wo die roten Linien sind, die man nicht überschreiten sollte, ist man besonders gefährdet. Charismatische Anhänger sind aber gerade deshalb charismatisch, weil sie sich intuitiv auf das einstellen können, was jemand braucht und vorgeben, ihm genau das zu geben. Das muss nicht immer gefährlich sein. Manches ist vielleicht überdreht bis überwertig, aber man ist nicht in größter Gefahr, wenn man einer gesunden aber rigiden Ernährungslehre folgt oder einem Sportguru. Aber man kann eben auch bei extremistischen Fanatikern landen, die einen mehr und mehr in eine Weltsicht einführen können, in der es darum geht sich zu entscheiden und im Endkampf von Gut gegen Böse zu positionieren. Da allerdings auch bei einer differenzierteren Betrachtung, oder gerade da, nicht so glasklar ist, wer oder was nun gut und böse ist, ist das alles nicht so einfach wie es klingt.

Davor sind solche halbwegs geschützt, die einen inneren Wertekompass von den Eltern mitbekommen haben.

Eine andere Variante

Doch was ist mit jenen, bei denen das nicht so war? Sind sie nun zu bedauern oder nicht doch auch sehr frei? Man kann sich eben nicht richtig entscheiden, manchmal schlicht deshalb, weil man die Einstellungen und Ansichten aller im Grunde ganz gut verstehen kann. Man ist es gewohnt viele Meinungen zu hören und wenn einem keiner verbietet sie bedenkenswert zu finden, dann denkt man eben drüber nach und findet, dass das im Grunde recht plausibel ist, wenn man sich in die Lage desjenigen versetzt, der diese Einstellung äußert. Das heißt, dass man im Grunde sehr empathisch ist.

Allerdings bedeutet es oft auch, dass man die Sicht desjenigen verstehen kann, der sich genau gegenteilig äußert. Verstehen man beide wundert man sich, wieso die sich überhaupt streiten. Weiß man doch, dass es im Grunde ganz einfach ist den Streit zu vermeiden, nämlich indem man sich in die Perspektive des anderen versetzt. So steht man denn etwas fassungsglos zwischen den Fronten, bis man leise ahnt, dass die Opponenten einander manchmal gar nicht verstehen wollen, oder, dass die Übung in Empathie nicht jeder genossen hat.

Irgendwann später erkennt und bewundert man vielleicht, für was andere kämpfen und sich ins Zeug legen, Opfer auf sich nehmen und man fragt man sich vielleicht, welchen Standpunkt man eigentlich selbst mit Leidenschaft verteidigen würde. Denn das ist wiederum der eigene Schatten. Man versteht alles und jeden, aber selber steht man eigentlich für nichts. Es war ja auch nie etwas besonders wichtig, vieles im Leben war gleichgültig, weil eben gleich gültig, wenn man nie hörte oder erlebte, dass es privilegierte Menschen, Einstellungen und Werte gibt.

Ob das nun ein Mangel oder Privileg ist kann man nicht sagen, es hängt wie so oft von der gesamten Bilanz ab. Aber es scheint sich eine innere Beziehung heraus zu kristallisieren.

Autorität vs. Reflexion

Okay, zwischen diesen Stühlen zu sitzen, ist schwer. © emdot under cc

Die Autorität der Eltern, die in früheren Zeiten allein durch die physische Präsenz der Eltern und die oft unhinterfragten Rollen wesentlich stärker war, sorgte auf der einen Seite für Beschränkungen, auf der anderen sorgten die gleichen Regeln auch für Sicherheit und Verlässlichkeit. Der Vater entschied in vielen Fällen als Letztinstanz, berühmt-berüchtigt die Aussage: ‘So lange du deine Füße noch unter meinen Tisch streckst …’ Das verärgert und verunsichert gleichermaßen, weil es ganz einfach heißt: ‘Hau ab oder spiel’ mit.’ Zugleich braucht man sich um vieles nicht zu kümmern, weil die Eltern das eben regeln. Eben bis zur Entscheidung was gut und richtig ist und wer ein Spinner und wer wichtig ist und wie man mit solchen umgeht.

In der vaterlosen Gesellschaft mit Profis auf allen Gebieten der Erziehung ist das anders, man lernt eventuell immer neue, andere Bezugspersonen kennen, die Eltern gehören auch dazu. Man lernt, dass es viele Sichtweisen und Regeln gibt und die Notwendigkeit sich diesen anzupassen. Mitunter auch solchen, die exakt das Gegenteil jener darstellen, die eben noch gegolten haben. Das macht flexibel und empathisch, aber nicht unbedingt sicher. Die Empathie, die schnell verstehen muss, was hier gespielt wird, ist eine Empathie aus Not.

Kinder, die häuslicher Gewalt ausgesetzt waren – eine Verniedlichung für manchmal jahrelange schwere Misshandlung – entwickeln diese Notempathie auch. Sie lernen, dass man sich auf das was gesagt wird nicht verlassen kann und erkennen intuitiv wann es an der Zeit ist sich aus dem Staub zu machen, falls das möglich ist.

Dennoch entwickelt man dadurch auch eine Fähigkeit zur Flexibilität und zum Verständnis anderer Sichtweisen, was letztlich Reflexion ausmacht. Es ist diese Fähigkeit zur Reflexion, die einen dann zu weiteren Betrachtungen treibt.

Identität

Irgendwann stellt man sich vielleicht die Frage, wer ich denn eigentlich bin, wenn ich nicht gelernt habe, was richtig und falsch ist, höher- und minderwertig, wichtig und unwichtig. Schön, wenn man alles versteht, aber nicht so schön, wenn man für nichts steht. Man kann sich einfach nicht so gut mit voller emotionaler Wucht in eine Sache hineinwerfen, wie andere, die Golffahrer oder Schalkefans abgrundtief schlecht finden. Natürlich hat diese Rigidität etwas Primitives, aber manchmal macht genau so etwas eben das Charisma aus, was Menschen haben, die vollkommen von einer Sache überzeugt sind.

Zudem haben sie oft eine gewisse Heimat im Leben gefunden, weil sie sich eben mit Haut und Haaren für eine Sache einsetzen können, vermutlich häufiger, als jene, die natürlich auch hier wieder in allen Ansätzen die Vor- und die Nachteile erkennen. Die Lust sich ganz einzulassen, haben sie jedoch selten gelernt.

Manche Menschen sagen, dass sie die Farbe Gelb ganz entsetzlich finden. Menschen die alles verstehen, werden eher sagen, dass es doch ganz verschiedene Geldtöne gibt und man das so generell gar nicht sagen könne. Aber immerhin hat man selbst zumeist auch Abneigungen und Vorlieben, wenigstens daran kann man sich festhalten, am eigenen Geschmack, wenn es gelang ihn zu entwickeln.

Denn was einen auch im Positiven ausmacht, wofür man lebt und brennt, genau das kann man oft schlecht sagen, das ist die Leerstelle im Leben. Eher weiß man noch, was man nicht will, aber ein Leben definiert über Vermeidungen ist trist. Man will dann keine Fehler machen und keine Schrammen abbekommen, am besten lange Leben, ohne genau zu wissen, wofür eigentlich.

Denn dazu müsste man sich bekennen, auch emotional, sich reinschmeißen, manchmal auch: koste es, was es wolle. Wenn man aber immer nur mitbekam, dass der eine es so sieht und macht und die andere anders, man es aber auch noch ganz anders angehen kann, dann schmeißt man sich nicht rein, sondern steht man Beckenrand und schaut zu, wie die anderen schwimmen.

Die Gefahr dabei ist, im eigenen Saft zu köcheln. Selbst wenn man irgendwie noch an seine Vorlieben im Sinne der gesteigerte Wellness heran kommt, man bleibt in schlimmeren Fall in sich gefangen. Denn, wenn man gut leben will, geht es nicht darum, Prinzessin auf der Erbse zu werden, sondern den eigenen Dunstkreis zu verlassen, sein Ich in die Dienst einer größeren Sache zu stellen, für die man durchaus brennen darf. Das stärkt den Bereich für den man sich engagiert, das eigene Ich und zusätzlich noch das Glücksempfinden[link]. Im Grunde einfach zu verstehen, wir versuchen jedoch oft die Welt unseren Bedürfnissen anzupassen, was sogar auf lange Sicht dann unglücklich macht, wenn es gelingt. Nur haben manche nie gelernt sich für etwas anderes als die eigenen Interessen zu engagieren.

Die totale Abstraktion

Die andere Seite dieser Variante ist, dass man sich in Abstraktionen stürzt. Diese haben einen gewissen Reiz, für manche liegt er darin, dass man sich damit in einer Welt befindet, in der Möglichkeiten durchgespielt werden, in der Systeme und Gedankengebäude immer mehr optimiert werden. Manchmal erwächst daraus eine Eigendynamik, die die Möglichkeit einer reinen und perfekten Welt sieht, wenn man nur bestimmte Systemfehler ausklammert.

Dieser Systemfehler ist dann zumeist der Körper und hier insbesondere seine Verletzlichkeit, Endlichkeit und auch seine Affekte, Emotionen, inklusive der Lust. Rationalität spielt oft mit den Möglichkeiten, unsere Affekte, Emotionen und unser Körper legen uns fest, recht klar und eindeutig und das kommt manchen als Fehler vor, als irgendwie unperfekt.

Doch letztlich ist auch der Wunsch nach kühler Kontrolle nur halb und spaltet die psychische Ganzheit, bestehend aus den beiden Hälften (aber vielleicht sind es auch mehr als zwei Teile) Emotionen und Rationalität, hier zugunsten einer etwas verkopften und körperfeindlichen Rationalität, auf der anderen Seite schlägt man sich ins Lager derer, die sich in emotionalen Befindlichkeiten suhlen, beides ist Spaltung. Eine Spaltung, die letztlich zur Identitätsdiffusion führen kann.

Wenn auf einmal das Gegenteil richtig ist

Für viele ostdeutsche Mitbürger haben sich quasi über Nacht die Vorzeichen komplett geändert. Ähnliches gilt für viele Migranten, die aus diversen Gründen nach Deutschland kommen, oftmals Arbeit und Sicherheit suchen, aber merken, dass sich die Art des Zusammenlebens manchmal fundamental von dem was man gewohnt war unterscheidet. Als Migrant kann man noch vorher die Wahl treffen, sofern man ausreichend informiert wird, die Ostdeutschen hatten diese Wahl nur bedingt. Die Revolution ging vom Volk aus, die Bedingungen des Zusammenschlusses schon nicht mehr.

Alles was Jahrzehnte als falsch galt, sollte nun richtig sein. Es geht nicht darum zu entscheiden, was nun besser war oder ist, sondern dass es für etwa ein Viertel der Einwohner anders geworden ist. Dass einem das etwas den Teppich unter den Füßen wegziehen kann, ist verständlich, zumal, wenn das gelobte Land sich selbst im schleichenden Sinkflug befindet.

Meinungslosigkeit aus Bequemlichkeit

Keine Meinung zu haben kann aber auch ganz bequem sein, denn man braucht sich nicht festzulegen. Dass man keine Orientierung mitbekommen hat, mag richtig sein, aber es muss einen nicht daran hindern der Frage nachzugehen, was man denn nun tatsächlich gut und richtig findet. Vielleicht fehlt die imperative Selbstgewissheit, aber die hohe Flexibilität ist ja auch ein Pfund mit dem man wuchern kann. Wenn man sich nach und nach traut und zutraut sich eine eigene Meinung zu bilden, ist es sogar oft ein Vorteil, wenn man diese begründen kann, statt auf Nachfrage nur sagen zu können, dass etwas eben richtig ist, weil es richtig ist und schon immer richtig war und das doch wohl jedem klar sein müsse. Selbstgewissheit kann zuweilen auch etwas plump daherkommen.

Mitmenschen, die zu viel ‘Wissen’ mitbekommen haben, was im Grunde oft nur Meinung ist, profitieren davon, wenn sie es lernen, zu dem emotionalen Anker, den sie haben ein wenig Offenheit und Flexibilität hinzu zu fügen. Wenn man keine feste Meinung hat, alles und jeden gut versteht, nur nie so richtig weiß, was man eigentlich selbst will, ist es gut, wenn man sein Verständnis irgendwann mal mit diesem emotionalen Anker festigt und sich auch eine Meinung zutraut, die man einfach hat, ohne so genau zu wissen warum. Irgendwo zwischen diesen Polen bewegen wir uns alle.