Die KI und Statistik

Was immer es ist, es ist in unserem Bewusstsein. © Joe Dyer under cc

Sind das nicht alles Modelle, die ein Kopf alleine gar nicht mehr bewältigen kann, dafür aber der Großrechner? Wenn etwas die Welt in all ihrer Komplexität und ihren sich überlagernden Wahrscheinlichkeiten erfassen will, dann ein potenter Rechner.

Doch was rechnerisch zu tun ist, gibt immer noch der Mensch ein und wo man die KI von der Leine lässt, kommen mitunter durchaus originelle Lösungen heraus (etwa als eine KI den Go Weltmeister besiegte), der Haken für unser Anliegen ist nur, dass die Programmierer selbst nicht mehr verstehen, was da in der KI passiert. Gute Resultate, deren Weg aber niemand versteht, bringen uns nicht weiter, allenfalls kann man einem Computer blind glauben, dass er das richtige Ergebnis präsentiert – das muss man dann aber auch.

Die Idee der lückenlosen Erkenntnis und der kompletten Vorausberechenbarkeit des Weltgeschehens ist allerdings schon länger als Laplacescher Dämon bekannt, die Einwände gegen die Möglichkeit seiner Existenz sind gravierend.

Die Soziologie und die Geschichtswissenschaften

Erkenntnisse, so viel ist klar, sind in ihrer systematischen Form dem Menschen vorbehalten. Daraus ergibt sich ein oft unterschätztes ‘äußeres Gehirn’ der Menschheit, das über die Tradierung sozialer Praktiken, Institutionen, Rituale[liunk], Sitten und Bräuche und dergleichen funktioniert. Darüber hinaus gibt es die Darstellung von Erkenntnissen in Wort, Bild und Ton als Erbe der Menschheit.

Wenn jemand heute auf die Welt kommt, ist nicht nur das Rad schon erfunden, auch Dreisatz und Raketentechnik, Psychoanalyse, MRT, Sprache und Smartphone. Der Einzelne muss sich, immer wieder neu, seinen Weg ebnen und einarbeiten in das oft gar nicht mal so einfache Regelwerk des Alltags, in dem er sich vorfindet und natürlich noch mehr, falls Interesse und Neigung bestehen, in den Weg in die tradierten Spezialbereiche wie beispielsweise Zahnmedizin, Agrarwissenschaft und Ethik.

Soziologie und Geschichtswissenschaften können diese Formen darstellen, oft auch in ihrer historischen Entstehung und Abfolge, aber soziale Richtigkeiten müssen nicht unbedingt wahr sein. Es ist wie bei der Entwicklungspsychologie, was jetzt für ein 4-Jähriges Kind gut und richtig ist, muss für den 14-Jährigen Teenie und den 40-Jährigen Erwachsenen nicht genauso richtig sein.

Doch das ist schon eine ganz gute Überleitung. Gibt es eigentlich so etwas wie universelle Werte, Erkenntnisse, Wahrheiten und Richtigkeiten, die überall und für alle gelten?

Die Philosophie, die Logik und die Psychologie

Damit sind wir im Grunde bei den verbleibenden Hauptakteuren und es muss erklärt werden, warum sie über die Behauptung hinaus wirklich die Hauptakteure sein könnten, die uns dem Verständnis den Weltganzen näher bringen. Einerseits ist die Philosophie nicht einfach eine weitere Wissenschaft neben anderen, sondern sie hat den Anspruch die Ergebnisse der anderen Disziplinen aufzunehmen und zusammen zu führen. Also die Reflexionsstufe der Ergebnisse der Einzelwissensschaften, inklusive der Psychologie.

Auf der anderen Seite könnte man sagen, dass auch Philosophen Menschen sind, ein Unbewusstes haben und gar nicht immer so rational und bewusst sein können, wie sie vorgeben. Doch, wieder gewendet, ist das Argument eben ein Argument und kann man es auf seine Güte testen. Ob der Philosoph bei seiner Formulierung die Faust in der Tasche geballt hat oder psychotisch war, ist dabei im Grunde uninteressant. So soll die Philosophie sein, allgemein genug, damit jeder sie verstehen kann, der gelernt hat mit Argumenten umzugehen und allein die werden untersucht.

Doch die Stärke der Argumente der Philosophen ist zugleich ihre Schwäche, denn unbewusste Neigungen hin oder her, die bezwingende Logik (Folgerichtigkeit der Prämissen) des Arguments soll es sein, die zählt, wobei man in der Philosophie alle Prämissen daraufhin hinterfragen kann und sollte, ob sie denn stimmen oder einfach nur unbegründet eingesetzt sind. Reine Behauptungen fallen in der Philosophie durch, was zählt, ist das bessere Argument, ein an sich schöner und fairer Ansatz. Denn nicht wer etwas sagt zählt, sondern der eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Arguments.

Die Argumente richten sich nach der Logik, die in gewisser Weise die Eckpfeiler darstellen. Logik ist eben logisch, klar, sieht man ein. Andererseits, wo kommt die eigentlich her, diese Logik, der sich alles unterzuordnen hat? Von außerhalb der Welt? Das wäre dualistisch (es gäbe dann neben der Welt, eine weitere) und geht nicht, wäre zumindest so schwer zu rechtfertigen, wie ein Schöpfergott. Denn dann gibt es das Weltganze und irgendwo außerhalb davon, noch die Logik. Argumente sollen logisch sein, das heißt, sich nicht selbst widersprechen. ‘Ich war gestern um 14:00 Uhr in der Badewanne und nicht in der Badewanne’, ist ein Behauptung die sich selbst widerspricht.

Aber ist diese Logik wirklich allem vorgeschaltet? Wie soll das überhaupt gehen? Die Gegner des Psychologismus, also der These, dass alle Erkenntnisprozesse in der Psyche – die etwas anderes ist, als das Gehirn – stattfinden, sagen, dass auch die Erkenntnisse der Psyche sich nach der Logik richten müssen. Stimmt irgendwie. Aber wonach richtet sich die Logik?

Ist sie nicht selbst ein Resultat der Sprache? Menschen begannen irgendwann zu sprechen und im Rahmen der Sprachentwicklung ergeben sich bestimmte Strukturen. Wenn ich jener bin, bin ich eben nicht der. Bin ich hier, dann nicht dort. Ist A größer als B, ist es eben nicht kleiner als B. Das eine passiert vor dem anderen. Es ist nicht so, dass es regnet und dann dunkle Wolken aufziehen. So entwickeln sich bestimmte empirische Abfolgen, gekeltert und abstrahiert aus bestimmten Erfahrungen des Alltags, eingedampft in Beziehungen der Dinge zueinander, von denen man annimmt, dass sie prinzipiell gelten.

Für diese Idee, dass die Logik letztlich eine aus dem Alltag abgeleitete und abstrahierte Denkgewohnheit ist, spricht, dass es bestimmte Bereiche der Natur gibt, die nicht zu unserem Mesokosmos gehören und sich auf einmal seltsam unlogisch, wie wir meinen, verhalten. Die Logik als Denkgewohnheit ist aber genau die Behauptung des Psychologismus.
Die Logik wäre dann, wie die Empirie, die Statistik, die Sprache, Theoriebildung und manches mehr ein Hilfsmittel unseres Wunsches nach Erkenntnis. Von uns, als Menschheit, geschaffen und immer mehr verfeinert, so dass diese Techniken auch ein gewisses Eigenleben entwickeln. Die Annahme, die Logik käme aus einem aller Empirie und aller Psyche vorgeschalteten Bereich ist viel schwerer zu rechtfertigen, wenn man ehrlich ist, in unserem Weltbild gar nicht.

Dass Aussagen sich einer internen Logik beugen und sich nicht selbst widersprechen sollten, ist damit nicht auf Eis gelegt, es sind nur keine Forderungen aus einer anderen Welt. Die ‘Logik und/oder die Erkenntnistheorie’ kann damit nicht ‘auf empirische Gesetze der Psychologie reduziert werden’. Denn das hört sich so an, als würde man aus der Neurosenlehre die Regeln logischen Schließens extrahieren können. Aber in der Psyche des Menschen, diesem Wunderwerk, was vielleicht das Wunder des reinen Körpers noch einmal überragt, laufen all unsere Eindrücke zusammen: Logik, Emotionen, Träume, Eindrücke, Phantasien, Kreativität die geordnet, verarbeitet, gespeichert und vergessen werden wollen. Hier finden wir für einen Moment die Nähe zu allem was ist, die dann meist schnell wieder vereinfacht wird. Dass wir uns als Psychen erleben ist schon halbwegs konsistent. Dass wir außerdem einen Körper haben, logisch und impulsiv, kreativ und wohlgeordnet agieren, widerspricht dem nicht. Wie wirr etwas wirkt, hängt auch davon ab, wie es formuliert wird. Der Psychologismus ist eine gute Idee.

Quellen