Angstsituationen

Einer der Klassiker aus der Liste der Furchtobjekte. © Rolf Dietrich Brecher under cc

Das Szenario, dass die Alltagssituation, die man nicht bewältigen kann, in der eigenen Psyche auf einmal zum wichtigsten wird, was es im Leben überhaupt gibt, hat ein Geschwister. Nämlich die Vorstellung, dass das, was man selbst schafft – das gibt es ja auch noch, viele Dinge, die man spielend hinbekommt –, doch in keiner Weise etwas Besonderes ist. Das kann doch wirklich jeder, sagt man sich dann selbst und macht sich kleiner, als man ist.

Nicht nur die Liste der Phobien ist lang: Fahrstuhl, Zahnarzt, Spinnen, Fliegen, Spritze, Blut abnehmen, Menschenmassen, Tunnel oder Hunde, vor all dem kann man Angst haben. Da gibt es durchaus noch andere Situationen: Wenn kein Alkohol mehr im Haus ist oder nicht genügend Tabletten. Man kann sehr große Angst davor haben, was andere über einen denken. Irgendwo reden zu müssen, einfach nur etwas sagen, kann zur Hürde werden. Nicht nur dem Chef zu widersprechen, generell haben manchen Menschen Angst ‘Nein’ zu sagen, also anderen einen Wunsch nicht zu erfüllen. Männer lassen vor allem bei der Arbeit alles mit sich machen, Frauen sind da selbstbewusster und beschweren sich sogar über das, was bei der Arbeit nicht in Ordnung ist. So kann ich nicht arbeiten. Viele Ängste kreisen um das Thema Sexualität, weil man nicht weiß, was da als normal gilt und was nicht. Es gibt die unbewusste Angst des Patriarchats vor männlicher Homosexualität und der Untreue der Frauen. Ebenso die unbewusste Angst des Matriarchats vor einer Koalition junger Frauen mit mächtigen, alten Männern, dem Inzest zwischen Vater und Tochter und der Untreue der Männer.

Manche dieser Ängste sind den Betroffenen selbst nicht bewusst. In der Kindheit sind es folgende Ängste, die uns am tiefsten berühren:

“An erster Stelle steht die Angst vor einem tatsächlichen Verlust der “Mutter”, gefolgt von der Angst, ihre Liebe zu verlieren. Drittens die ödipale Angst vor dem Verlust des Penis (Kastrationsangst). An vierter Stelle erwähnt Freud die Furcht, den Erwartungen des eigenen Über-Ich nicht zu entsprechen und so an Stellenwert einzubüßen. Wir können eine fünfte Angst für jene Menschen mit unintegrierter Selbstrepräsentanz hinzufügen: die vor dem Verlust des “guten” oder idealisierten Anteils der Selbstrepräsentanz, wenn sich dieser mit dem “schlechten” oder entwerteten Anteil vermischt. Oder – im Fall einer narzisstischen Persönlichkeitsorganisation – der Verlust der Allmacht des Größen-Selbst, wenn es sich mit den entwerteten Selbst- und Objektbildern, die das “hungrige Selbst” ausmachen, verbindet.”[1]

Es gibt also eine ganze Menge von Dingen, vor denen man Angst haben kann. Die tiefenpsychologischen Aspekte sind nicht grundsätzlich von den konkreten Situationen und Phobien verschieden, sondern manchmal sind Letztere der Ausdruck Ersterer. Wer nicht ‘Nein’ sagen kann, hat nicht selten die heimliche Angst die Liebe zu verlieren, weil vielleicht eine tiefere, aber unbewusste Unsicherheit über die mütterliche Liebe besteht. Wer dem Chef nicht stand hält, kann das natürlich rationalisieren, weil der Chef ja objektiv in der stärkeren Position ist, aber auch die Angst vor der Kastration kann da eine Rolle spielen. Dem Vater und Vaterfiguren widerspricht man nicht ungestraft.

Manche Ängste kann man sich abtrainieren und lernen die Reste zu überstehen. Spinnen, Höhen, Enge das geht. Bei sozialen Phobien gibt es auch Tricks, aber ist üben, üben, üben immer die beste Lösung? Manchmal heißt ‘Ich kann nicht’, auch, dass man eigentlich nicht will. Der Körper oder die unbewussten Anteile der Psyche ziehen dann die Notbremse. Man hatte vielleicht nicht den Mut zu sagen, dass man etwas nicht machen will, weil man Angst vor dem Liebesentzug hat. Man will nicht in Ungnade fallen, fürchtet vielleicht sogar, dass der andere sich rächen wird, mindestens aber abgrundtief enttäuscht ist. Wenn man nicht kann, ist man nicht schuld. Man kann ja nicht, denn man ist ja krank.

Angst als Wegweiser

Was, wenn die Angst mich zu mir führt? Das ist dann auch eine Form der Einordnung, man kann sich selbst kennen lernen. Vielleicht wird man manchmal vom hohen Ross geholt, das kann gesundend sein. Aber viele ängstliche Menschen sind ja ohnehin obendrein verunsichert und depressiv. Auch Depressionen kann man verlernen, einer von vielen Ansätzen. Manchmal klappt das, manchmal nicht.

Wenn man die Formel, dass man nicht will, was man nicht kann, nicht als in Stein gemeißelt betrachtet, aber wenigstens für möglich hält, kann man sich selbst auf die Suche machen. Was will ich dann eigentlich nicht? So kann man auch das Katastrophisieren reduzieren. Gut, ich kann kein Hochseilartist werden, das lässt die Höhenangst nicht zu. Aber war das wirklich mein dringendster Wunsch im Leben? Okay, ich kann keine flammenden Reden vor 10.000 Menschen halten, werde also kein Showstar oder Politiker, aber ist mein Leben deshalb nichts mehr wert? Und wollte ich das wirklich werden, ein öffentlicher Mensch, mit allen Konsequenzen? Oder will ich nur die Zuckerseite haben? Etwa so, wie es bei der Frage Warum immer ich? ist. Allen anderen haben immer nur Glück. Nur ich, ich habe ständig Pech. Mit wem würde man denn das ganze Leben tauschen wollen?

Ach ja, was kann ich denn eigentlich spielend leicht? Klar, was ich nicht kann, ist total wichtig, was ich kann hingegen völlig unbedeutend, aber fragen Sie mal den, der das was Ihnen leicht fällt nun wiederum nicht kann. Es gibt diese Menschen. Vielleicht können Sie ja alleine einkaufen gehen, mit dem Amt telefonieren, in den Keller gehen oder Auto fahren … andere nicht. Wie würden die anderen es wohl finden, dass Sie das können? Jene, denen etwas aus dieser kleinen Aufzählung unmöglich ist?

Auch das ist nur der Gedankenstrom, aber wenigstens den kann man schon mal beruhigen und in eine andere Richtung lenken. Ist der Rest üben? Zum Teil vielleicht, aber wichtig ist auch die weitere Reflexion, bei der man sich kennen lernt. Will ich das denn wirklich? Wenn die Angst mich lehrt, was ich nicht will, ja was will ich überhaupt? Klar, selbstsicherer werden und angstfreier. Aber mal konkret. Wo soll sie hingehen, die Reise des Lebens? Was erwarte ich eigentlich vom Leben? Ich! Habe ich mich das je gefragt? So über Geld, Ansehen und Erfolg hinaus? Durfte ich mich das eigentlich fragen? War das wichtig in meinem Leben? Gab es Raum dafür, als ich Kind war? Bin ich das jemals gefragt worden? Oder musste ich eigentlich immer nur funktionieren?

Viele Menschen, die das mussten, funktionieren dann irgendwann nicht mehr. Sie bekommen die einfachsten Dinge nicht mehr hin und sind völlig aus der Bahn geworfen. Im ersten Moment macht das unsicher und ängstlich, aber auf lange Sicht kann das sehr gesundend sein, wenn man zum Nachdenken gezwungen wird. Wenn man auf diesem Weg der Krankheit zu sich findet, dann hat man anfangs oft das Gefühl, dass man sich gar nicht kennen lernen will – oder man meint, man kenne sich sowieso schon sehr gut, das sei gewiss nicht das Problem, schließlich ist man intelligent – sondern am liebsten einfach wieder funktionieren will, wie zuvor.

Manche schaffen das sogar. Sie vermeiden jedes Anhalten und jede Reflexion, es muss nur schnell weiter gehen. Ich bin dabei immer unsicher, ob ich das bewundern oder bedauern soll. Jede Möglichkeit zum Innehalten bleibt ungenutzt. Andererseits habe ich erkannt, dass Menschen eben sehr unterschiedliche Ziele und Vorstellungen haben und finde es wichtig, das zu respektieren und sie nicht zwangszubeglücken. Vielleicht wäre die Reflexion zu schlimm, vielleicht würde zu viel hochgespült oder müsste zu viel infrage gestellt werden. Auch das kann ja ein Ergebnis sein, sogar von einer Therapie. Zu wissen, wo es hin gehen könnte, zu erkennen, was man dafür tun müsste und einzusehen, dass man dies nicht schaffen würde.

Man kennt sich auch dann besser, ist realistischer geworden, sieht Grenzen, auch wenn dem Idealisten in mir das nicht richtig gefallen will. Vielleicht ist es nur die zweitbeste Lösung, aber auch die kann besser sein, als die schlechteste, nämlich unsicher und ängstlich zu werden und zu bleiben. Denn sich kennen zu lernen ist keinesfalls wirkungslos. Das ist der Punkt, den es zu verstehen gilt. Üben, üben, üben – klar, kann man manchen, muss auch manchmal sein, aber die andere Seite ist eben sich immer besser kennen zu lernen. Dass jede und jeder von sich denkt, man kenne sich bereits bestens, ist sicher weit verbreitet, aber kenne ich mich, wenn ich weiß, dass ich Angst habe, wenn ich frei sprechen soll? Oder weil ich meine, dass über mich getuschelt wird?

Deshalb muss es darum gehen sich auch in der positiven Form kennen zu lernen. In dem was ich will, nicht nur, was ich nicht will. Wer bin ich und was will ich? Klar, gesund, reich und glücklich will man sein, mit perfektem Partner, der die eigenen Bedürfnisse befriedigt, aber was genau erwarte ich eigentlich vom meinem Leben? Das mag nerven, weil man denkt, dass es genau jetzt, darum eben nicht geht. Jetzt bin ich unsicher und ängstlich und möchte, dass man mir hilft, über mein Leben kann ich auch noch nachdenken, wenn es mir besser geht.

Aber sich kennen zu lernen, ist der langfristig stabilere Weg, damit es einem besser geht. Die Ich-Schwäche, die nicht selten hinter Angst und Verunsicherung steht, muss in eine Ich-Stärke verwandelt werden und der Weg dahin führt darüber, dass man sich kennen lernt. Wer bin ich und was will ich? Und wie sehe ich andere? Der Mensch ist ein Beziehungswesen, aus der Qualität der bisherigen familiären und Peergroup-Beziehungen leitet sich direkt ab, was man über andere denkt und wie man sie sieht.