In der virtuellen Welt, ist man oft im Modus Slalomlauf unterwegs. © darkday under cc

Der Idiotenslalom ist eine Disziplin in der digitalen Welt, die entsteht, wenn vor allem Internetforen von sonderbaren Usern so reichlich gespickt sind, dass jeder auch noch so harmlosen oder an sich konstruktiven Diskussion etliche Hindernisse, wie die Torstangen beim Slalom im Weg stehen, was anfangs durchaus den Reiz erhöhen kann, aber irgendwann nur noch ermüdend ist.

Wie alles begann

Ich hinke hinter den neuesten technischen Entwicklungen routinemäßig immer ein paar Jahre hinterher. Auf den krummen Wegen des Lebens geriet ich so irgendwann ans Internet, natürlich war ich auch hier kein User der ersten Stunde und das war zu dieser Zeit noch recht undifferenziert. Es gab Versuche, so eine Art erste Foren auf die Beine zu stellen, die aber unorganisch und gewollt erschienen. Man wollte irgendwelche Alltagsthemen installieren oder setzte auf regionale Nähe.

Da zu meinen Freundeskreis aber auch Funkamateure zählten, ich aber schon damals nie so richtig verstehen konnte – als Kind war das noch anders, da war man mit Funkgeräten der König: 200 Meter entfernt und man kann dennoch miteinander reden, wow – was daran spannend war, dem anderen seine Alltagsbanalitäten mitzuteilen, haben mich auch die ersten Foren nicht geflasht. Das sollte sich bald ändern. Kurz vor der Jahrtausendwende, begann für mich eine ungeheuer dichte Zeit in der Therapieausbildung, Studium und das Werk von Ken Wilber mich erreichten, auf dessen “Eros Kosmos Logos” ich aufmerksam wurde, was hier gefeiert und da verrissen wurde, für mich klang es interessant genug, um mir das Buch zu kaufen und mehrfach zu lesen, da es einen großen Eindruck bei mir hinterließ. Nur, kein Mensch kannte Ken Wilber. In der Philosophie begegnete er mir mal am Rand, knapp abgehandelt und wenn ich meinen Mitmenschen oft begeistert davon erzählte, kam über kurz oder lang der Zeitpunkt, an dem die anderen netterweise noch ein interessiertes Gesicht machten und so taten, als würden sie der Unterhaltung, vielleicht war sie auch zu monologisch, folgen, aber ich musste einsehen, dass das keinem der Beteiligten einen Gewinn brachte.

Doch irgendwann gab es dann im Internet ein Wilber-Forum und wenn es den Ausdruck wtf damals schon gegeben hätte, hätte ich’s gedacht. Ich war elektrisiert und kurz darauf in meinem ersten Forum angemeldet. Nicht zum ersten und letzten Mal, war ein bisschen Himmel für mich auf der Erde verwirklicht. Da gab es andere, außer mir, die musste man nicht zwingen, die wollten über Wilber reden. Freiwillig und gerne. Sie hatten ihn tatsächlich gelesen und einige sogar verstanden und da wir von der Anfangszeit der Foren reden, war die Quote der ernsthaften User hoch.

Der Austausch war genial und gewinnbringend, ich war mitten drin und begeistert. Mein Enthusiasmus ist sogar aufgefallen, irgendwann hatte ich eine pN, ein neues Forum, das Philosophie zum Inhalt hat, würde sich gründen, ob ich da mitmachen wollte. Da man auch später noch Nein-Sagen kann, sagte ich ‘Ja’ und blickte ein wenig hinter die Kulissen der Forenwelt. Nun war Philosophie der Schwerpunkt, fand ich auch super, Wilber wird ja, mal mehr, mal weniger, auch als Philosoph gehandelt, das passte schon irgendwie, Schreibhemmungen kannte ich so wenig, wie falsche Bescheidenheit (leider manchmal auch zu wenig richtige) und so ging es los mit den Diskussionen, die manchmal zu XXL Ermüdungsschlachten wurden. Ich traf auf jemanden, der ähnlich gestrickt war. wie ich, nur meine Ansichten in der Regel nicht teilte, es gab viel Grund sich auszutauschen, der Diskussionsstil zwischen uns war eher rustikal, aber es brachte auch inhaltlich jede Menge.

Zwar gab es auch damals nicht all zu viele Leute, die diese neue Mischung aus unbedarfter Frische, Experimentierwillen, Mitteilungswut und dann doch auch Qualität mitmachen konnten und wollten, dennoch fiel mir irgendwann auf, dass es doch merkwürdig war, dass in diesem doch anonymen Kontext – nix Bilder, Social Media oder gar Videos damals, man focht allein mit Begriffen, noch nicht mal diese exzessive Link-Seuche war ausgebrochen – die Emotionen so hoch kochten. Denn das taten sie.

In Dankbarkeit, Amen

Und so konnte man, wenn man denn merkte, wer was drauf hatte und wer ein Blender war – was man natürlich nur merken konnte, wenn … is klar, ne? – sehr viel lernen, weil die Leute, die ja auch Zeit und Energie investierten, mitunter richtig klasse waren. Es ist immer schwer zu sagen, wo man mehr gelernt hat, weil ja alles auf einander aufbaut, aber der Austausch über Philosophie im Internet, hat mir wahnsinnig viel gebracht. Mitunter ein zähes Ringen, mit Niederlagen, die sich im Nachhinein oft als die größeren Gewinne erweisen, weil man irgendwann lernt, dass einen ja niemand zwingt, jedes mal wieder aufs hohe Ross zu steigen. Mit schönen Gewissheiten, wenn man andere wirklich zum Nachdenken bringt und weil man nur über die Einsicht in eigene Fehler und Erweiterungen des eigenen Standpunktes Fortschritte macht.

Schreiben ist Freiheit, ein Ordnen der Gedanken, Therapie und Erkenntnis, von allem etwas, wenn die Prise Klatsch, Tratsch und Vertrautheit noch dabei ist, ist das auch okay. Fast ein wenig familiär kann es werden, außer, dass man eben raus und vergessen ist, wenn man nichts mehr schreibt.

Aber das macht Spaß, wird zur lieben Gewohnheit, ist lehrreich und hat im Grunde sogar eine therapeutische und sozialisierende Komponente. Es gehört zum normalen Selbstbild dazu, dass man von sich etwas hält[link] und also auch die eigenen Gedanken als wertvoll erachtet. Doch sie auszuformulieren und auf den Punkt zu bringen ist noch einmal etwas anderes. Vor allem auch, weil man sich damit der Kritik durch andere aussetzt und die eigenen Gedanken öffentlich macht. Wenn sie dann auch noch kritisiert werden, kann man im besten Fall viel auch über sich selbst lernen. Ist man beleidigt, erschüttert oder eingeschüchtert? Ist der selbstgefällige Plauderer in einem geweckt worden, der allen erklärt, dass das doch ganz anders gemeint war? Ist man in missionarischer Art ganz eins mit einer Idee, Weltanschauung oder Botschaft verbunden, von der man meint, dass die anderen sie unbedingt verstehen müssen? Hier wird man immer auch gespiegelt, wie man wirkt, wie man argumentiert, was einen antreibt, was einen maßlos ärgert und vieles mehr.

Es ist jede Menge Material zu finden, zur tieferen Erkenntnis in ein Thema, aber auch in die Struktur von Kommunikationen im Internet aber auch in anderen Bereichen des Lebens, man kann andere zu einem gewissen Teil erkennen, und immer auch sich selbst.

Off Topic – Wenn die Form zum Selbstzweck wird

Als die Foren ausdifferenzierten und es bald nichts mehr gab, über das kein Forum existierte, fransten einige Diskussionen aus. Man schweifte ab, manche kamen bei buchstäblich jedem Thema mit größter Sicherheit auf ‘ihr Thema’ zu sprechen und so kam es zu einer neuen Spezies, die sich berufen fühlte zur Ordnung zu rufen. Aber im Idiotenslalom waren die Tore noch sehr weit gesteckt, sie störten die Fahrt nicht wirklich. ‘Off Topic’ oder OT hieß der Slogan des Ordnungsrufs und wollte sagen, man sei zu sehr vom Thema angekommen. So etwas provoziert Widerstände, weil manche sich hier zu Oberlehrern aufspielen, andere wollen tatsächlich nur das Thema diskutieren und sind genervt, wenn jemand zum 80. Mal alle Übel der Welt an den Erdstrahlen oder dem Neoliberalismus festmacht, egal ob man über Weinbergschnecken oder Briefmarken diskutiert.

Wenn man allerdings breiter interessiert ist und Dinge gerne mal in einen größeren Kontext stellt, können einem die Off Topic Mahner schon gehörig auf die Nerven gehen. Denn, wer sagt denn, welcher Umweg, welche prinzipielle Klärung konstruktiv oder sogar geboten ist und wo man das Thema überdehnt? Aufgrund welcher Kriterien? So kam es zu Spannungen, zwischen denen, die sich als Sheriffs empfanden und mahnten doch bitte einfach nur mal sachlich und beim Thema zu bleiben und den ‘unartigen Kindern’, die sich – teils zurecht, teils aus reinem Widerspruchsgeist – gegen Bevormundungen, aber manchmal eben auch gegen jede Art von Regeln auflehnten.

So spielten sich im Grunde oft parallele Diskussionen ab, eine über das Thread-Thema und andere in denen geordnet, verstoßen, befriedet und gemoppert wurde, man gewöhnte sich dran, dass dies bald in vielen Foren dazu gehörte, die Diskussionen wurden von diesen Störgeräuschen überlagert, aber nicht verunmöglicht.

Zunehmend aggro – Wenn die Ordnung zerfällt

Die heute schon klassisch zu nennenden Social Media haben mich nie interessiert. Ich könnte das mit der Datensammelwut rationalisieren, aber genau so richtig ist vermutlich, dass ich einfach mal wieder zu spät dran war und daneben ist der Mensch ja auch ein Gewohnheitstier und seinen Marotten treu. Wenn die großen Social Media Angebote mich auch nicht reizten, andere schon und das, nämlich die weitere Differenzierung der Medien mit Eigenbeteiligung, führte dazu, dass de klassischen Foren User verloren, unattraktiver wurden und zu Räumen, in denen sich immer mehr virtuell zwielichtige Gestalten einnisteten.

Wer seinen Weg in die dunklen Reiche des Internet (noch) nicht gefunden hat, wem das zu hart war oder wer einfach mehrgleisig fährt, hatte nun die Möglichkeit sich in den großen Social Media Plattformen oder Kommentarspalten unter Zeitungen und Zeitschriften zu verbreiten, was eine gewissen Aufmerksamkeit sicherte. Doch auch in den themenzentrierten Foren traf man auf immer mehr Menschen, deren Sichtweise nahezu unkorrigierbar war, die aber über viel Zeit, Langeweile und Ausdauer verfügten, um wirklich jedes Thema zu kapern. Darunter auch immer User, denen es allein oder zunehmend um Krawall und Provokation ging, vielleicht, weil auch allgemein das Umfeld ruppiger wurde, der Ton schärfer, die Stimmung gereizter.

Irgendwann dann dominierten jene mit der größeren Sturheit und Aggressivität die Foren, die langsam aber sicher an Bedeutung verloren, ohne jedoch ganz einzugehen. Auch oder gerade heute können sie noch immer eine Alternative zu den großen Social Media Angeboten sein.

Idiotenslalom, Trolle und Blender

Sie sind rar, die Perlen der Forenwelt. © Vali…. under cc

Neben denen, die inhaltlich am Thema des Forums interessiert sind, nisteten sich also allerlei andere Charaktere ein, die manchmal selbst nicht genau wissen, was sie motiviert, die aber dort in der Mischung aus Anonymität und Öffentlichkeit, ihren idealen Nährboden gefunden haben. Was Foren spezifisch macht, findet man in dieser, optisch an die Wikipedia angelehnten, lesenswerten Darstellung.

Wir wollen uns hier in den verschiedenen Nutzertypen anschauen und eine kleine Systematik der Nutzertypen erstellen.

Perlen

Es gibt sie nach wie vor, jene User, die am Thema interessiert sind, die Bereitschaft mitbringen, sich über längere Zeiträume, mitunter Jahre, einzuarbeiten und immer tiefer zu graben, die dabei konstruktiv unterwegs sind, weil sie ja das Thema interessiert und sie sich über all jene freuen, denen es auch so geht. Die Begegnung mit ihnen kann nach wie vor so beglückend und erfüllend sein, wie in der Frühphase der Foren.

Sie sind rar, man muss sie suchen, deshalb sind sie die seltenen Perlen der Forenwelt.

Trolle

Jeder kennt sie, weil sie überall sind, nicht nur, aber auch in Foren. Vielleicht die bekanntesten destruktiven Vertreter, denen es primär um Aufmerksamkeit und Krawall geht und die hier gut und umfassend beschrieben sind. Hämisch, zynisch, sadistisch und aggressiv haben sie mitunter Spaß daran, das was anderen Spaß macht, einen Dialog zu führen, zu zerstören.

Einer der wichtigsten Punkte ist, zu verstehen, dass jede Art von Reaktion Trolle animiert, weiter zu machen, weshalb das ignorieren das probateste Mittel ist und bleibt, aber es finden sich immer User, die es nicht schaffen, auf Provokationen nicht zu reagieren.

Gladiatoren

In seinem Buch “Einführung in die Philosophie” beschreibt Daniel-Pascal Zorn den Typus des rhetorisch und intellektuell überlegenen Dialogpartners, der Gefallen daran findet, seinen Partner, rder ein ungleiche, weil unterlegener Gegner ist, vor versammeltem Publikum, wie im antiken Rom vorzuführen und niederzumachen.

Oft nicht mal grobschlächtig, sondern feinsinnig vermitteln sie anderen, dass diese ihnen nicht das Wasser reichen können und gefallen sich in dieser Pose. Diskutieren wollen Gladiatoren nicht, sie wollen nicht die besten Argumente des anderen hören, bergen, vielleicht mit ihm zusammen entwickeln, sondern einfach nur zeigen, dass sie den anderen dominieren können, dafür ist ihnen im Grunde jedes Thema recht.

Manchmal kommen sie freundlich und lobend daher, doch auch ihr Lob hält die anderen auf Abstand und soll diesen, mal mehr, mal weniger subtil zeigen, dass sie etwas schon ganz gut verstanden haben, wenn auch natürlich nicht so gut, wie der Gladiator selbst, der sich wiederum darin gefallen kann, Lob und Kritik oder Schulnoten zu verteilen.

Erklärer

Ähnlich gestrickt sind die Erklärer, die gerne jedem helfen und damit vor sich und anderen verbergen, dass sie an einem Austausch auf Augenhöhe überhaupt nicht interessiert sind. Es kann sein, dass sie das selbst nicht merken, weil sie durchaus freundlich und kommunikativ und sich oft sehr geduldig jenen annehmen, die tatsächlich etwas nicht verstanden haben.

Die Kabarettistin Gerburg Jahnke, die eine Hälfte des ehemaligen Duos ‘Missfits’, spricht in ihrem Programm von typisch männlicher Erklärungslogorrhoe und meint damit ein unablässiges und notorisches Welterklären, unabhängig davon, ob man gefragt wurde oder nicht. In der Tat sind es auch in der Forenwelt häufiger Männer, die typische Erklärer sind.

Geduldig und zuvorkommend erläutern sie gerne jedem, was dieser nicht richtig verstanden hat und halten ihn genau genau damit in einer Asymmetrie, in der der Erklärer oben ist und eifrig dozieren kann. Sie sind selten aus der Ruhe zu bringen, jedoch schwer irritiert, wenn man ihnen ihrerseits erklärt, dass man ihre Ausführungen durchaus verstanden hat, aber einfach anderer Meinung ist. Dann ist manchmal Schluss mit lustig und freundlich, denn so unartige Schüler verdienen dann einen Tadel.

Das verkannte Genie

Das verkannte Genie hat mit dem Erklärer die Gemeinsamkeit, davon überzeugt zu sein, die Dinge grundsätzlich besser als alle anderen zu verstehen. Während Erklärer gerne vergleichsweise Banales und Konventionelles (was sie allerdings hoch bedeutsam finden) wieder und wieder erklären, hat das verkannte Genie in eigener Anschauung mehr zu bieten, nämlich eine Idee, auf die alle Denker der Welt bislang noch nicht gekommen sind.

Bisweilen ist es aber so, dass verkannte Genies zu Hause sitzen, sich tatsächlich knietief in ein Thema einarbeiten, das von ihnen Besitz ergreift und sie leider öfter mal dazu veranlasst, den Wald vor Bäumen nicht mehr zu sehen. Heißt, wenn man sie darauf hinweist, dass ihr genialer Gedanke durchaus schon einmal (oder mehrmals) so gedacht worden ist, aber dies zu keinem Ergebnis führte oder in der Folge verworfen wurde, so erschüttert sie das in keiner Weise und sie behaupten mit immer größerer Wucht, die anderen seien Ignoranten, die keine Ahnung hätten.

Das kann manchmal recht tragische Züge annehmen, wenn verkannte Genies die Kritik nicht annehmen und einbauen können. Echte Genies haben nämlich in aller Regel die Fähigkeit, die Ansichten der Scientific Community zu verstehen, knapp zu referieren, um dann darzustellen, inwieweit ihr eigener Ansatz darüber hinaus geht. Die verkannten Genies in Foren haben aber oft Schwierigkeiten die Höhe der Scientific Communtiy zu erreichen, auch wenn ihnen das natürlich nicht klar wird. Manche von ihnen wirken ausgesprochen selbstsicher, andere sind schnell und schwer zu erregen, wenn man nicht (an)erkennt, dass ihre Gedanken neu und einzigartig sind.

Paranoiker

Der Paranoiker teilt mit dem verkannten Genie den Frust des Unverstandenen, aber die Forenparanoiker krempeln sich die Ärmel hoch und stellen sich gegen den Strom. „Mit mir nicht“, ist ihr Wahlspruch und sie finden in der Regel zu allem noch eine Alternativmeinung, denn wenn alle etwas so sehen, ist das für sie bereits ein Indiz, wenn nicht fast ein Beweis, das es falsch sein muss. Und dann geht die Suche nach alternativen Meinungen und Experten los, sagt man, das seien eher wenig akzeptierte Meinungen, ist die Sache für den Paranoiker klar: eine Intrige des Mainstream. Wenn alle dagegen sind, dann muss was dran sein, sonst wäre ja nicht alle dagegen, denn die Menge ist ja bekanntlich dumm, naiv oder verführt.

Paranoiker haben ehrlichen Frust, aber die falsche Diagnose. Sie wollen den Fehler finden, es kann in ihrer Welt[link] nicht sein, dass jemand etwas ohne finstere Absichten macht und zum erwählten Club derer zu gehören, die die Dinge durchschaut haben, kann zwar einsam machen, aber genau daraus ziehen Paranoiker ja ihre Energie und ihren Status. Sie sind eben nicht, wie alle. Nur, wenn sich alle einig sind, kann es gelegentlich auch mal daran liegen, dass es stimmt.

HWG – Hauptsache was gesagt

Andere sind da wesentlich unbeschwerter unterwegs. “Hauptsache was gesagt”, so bezeichnete mal ein User, der gleichzeitig als Uni-Dozent tätig war, die Motive einige seiner Studierenden. Mag es noch so banal sein, Hauptsache man gibt zu jedem Thema irgendwie seinen Senf dazu und seine Meinung ab. Was von diesen Usern gesagt wird, muss noch nicht mal falsch sein, meistens ist es einfach belanglos. So eine Art virtuelles Lebenszeichen, vielleicht dem Wunsch geschuldet mehr Beiträge als andere zu haben, oder einfach immer da zu sein oder auch nur irgendwie aufzufallen. Sie sind Teil der Community, oft nervig, aber harmlos, da belanglos, haben die eher seltenes HWGs tendenziell abgenommen.

Hauptsache nett

Nicht nur, aber eher weiblich sind jene, aus der Kategorie ‘Hauptsache nett’. Diese UserInnen sehen oft nicht ein, dass man sich immer streiten muss, etwas, was in Foren, wie erwähnt, leider öfter mal vorkommt. Wenn pure Aggression oder Rechthaberei das Motiv hinter den Streits ist, ist es gut, wenn freundliche und unaggressive User Druck raus dem Kessel nehmen, aber ‘Hauptsache nett’ User gehen noch einen Schritt weiter. Man soll sich nach Möglichkeit gar nicht streiten, was nett klingt, aber im Kern oft unentdeckt egozentrisch ist. ‘Haupsache nett’ User können nämlich aus irgendwelchen Gründe keine Streits haben und sehen sich daher aufgerufen, die Streithähne zu besänftigen, die unter einer robusten Diskussion aber oft gar nicht leiden. Auch das zerstört den Diskurs zugunsten des Versuchs, sich eine liebe, nette Ersatzwelt zu schaffen, die ein bisschen an die heile Welt einer nachträglich romantisierten Kindheit, Schlager oder Heimat- oder Vorabendserienidyll erinnert.

Freundlichkeit ist super und fehlt tatsächlich oft im Internet, aber sie ist kein Selbstzweck, zumal zu Diskussionen immer auch gehört die Grundsatzpositionen zu klären oder überhaupt für sich zu entdecken – eine der großen Stärken von Foren, sich selbst, wenn man es denn will, erkennen zu können – und da geht es dann notgedrungen schon mal ans Eingemachte.

Irrläufer

Ich bin Troll und find’ dat toll. © Robert Couse-Baker under cc

Irrläufer bewegen sich irgendwo in ihrer ganz eigenen Welt. Auffallend ist ihre Angewohnheit am Kern jedes Themas notorisch vorbei zu schreiben und/oder so eigene Gedanken dazu zu entwickeln – nicht selten sehr ausführlich, ohne, dass man ihnen folgen kann – da kaum jemand auf sie eingeht. Man kann ihnen nicht böse sein, weil sie niemanden bewusst stören oder irritieren wollen, sie sind ganz einfach so. Ihre Antworten sind oft schräg, aber so schräg, dass sie niemanden provozieren, weil sie niemand versteht. Sie beteiligen sich oft fleißig, werden aber wenig zur Kenntnis genommen, weil sich mit ihnen kaum ein haltbarer Gesprächsfaden entspinnt. Oft nehmen sie ein einzelnes Wort, um damit in ihre eigene Welt abzutauchen, aber nicht um eine Agenda durchzudrücken, sondern weil es wirkliche gerade diese Assoziationen sind, in denen sie baden.

Blender

Für mich eine der faszinierendsten Bewohner, nicht nur der virtuellen Welt. Dabei geht es mir weniger um die normalen Blender und Hochstapler, die irgendwas zu sein vorgeben, was sie nicht sind. Es hat sich wohl tatsächlich mal ein Pärchen gesucht und gefunden: Er war im virtuellen Reich Hirnchirurg, sie Modell, beide hatten die Mut sich irgendwann zu treffen, wobei sich herausstellte, das weder er Hirnchirurg, noch sie ein Model war, dennoch fanden beide zusammen. Hat was, ist hier aber nicht gemeint.

Gemeint sind jene Blender, die ihr Blendertum zu einer eigenen Kunstform entwickelt haben. Oft handelt es sich dabei um Menschen, die wirklich was drauf haben, auf das sie stolz sein könnten, allein, das scheint ihnen nicht zu reichen und so müssen sie stets durchblicken lassen, dass sie in einer ganz eigenen Liga spielen. Sie sind nicht wie die Erklärer, denn, auch wenn sie zuweilen erklären, wollen sie zwar einerseits zeigen, dass sie das selbstredend können, andererseits muss da immer noch eine Prise mehr drin sein, die anderen müssen spüren – oft nur durch Andeutungen, Nebensätze oder in, als vermeintliche Selbstverständlichkeiten getarnten beiläufig fallengelassenen Bemerkungen, die suggerieren sollen, dass man den kennen oder das einfach wissen muss, wenn man mitreden will – das man der Größte ist. Aber nicht platt oder vordergründig protzig.

Ihre Stars sind nie die der ersten Reihe und sie können meisterhaft vermitteln, dass diese vermeintlich erste Reihe nur oberflächliche Fassade für den Pöbel ist, die wirklich interessanten Leute, die echten Big Player sind jene, deren Namen und Werke man im Vorbeigehen fallen lässt. So geschickt, dass garantiert jemand anbeißt, den man dann über drei Banden darüber belehren kann, dass der nun zum Star avancierte Autor, Denker oder Interpret das Maß der Dinge ist und man das natürlich schon seit eh und je wusste.

So weit sie über allen Wolken zu schweben scheinen, auf Diskussionen lassen sich Blender nicht ein, allenfalls erklären sie mit spitzen Fingern, warum jemand, der derartige Themen diskutieren will, die ein Großdenker, in einer privaten Korrespondenz, in einem Nebensatz doch bereits für alle Zeiten abschließend geklärt und erledigt hat, zu denen gehört, die sich doch demnächst besser informieren könnten, würde das nicht außerhalb ihrer Möglichkeiten liegen.

Da Blender zu sein, fast so viel – wenn nicht manchmal noch mehr – Engagement erfordert, wie authentisch zu sein, habe ich nie so ganz verstanden, was das Blenderdasein so attraktiv macht, aber so wie die anderen zu sein, ist für einige wohl unzumutbarer, als man ahnt.

Spiegel

Die latente Verachtung der eher beherrscht distanzierten Blender geht bei den Spiegeln in die Vorstufe der offenen Wut über. Hier rechnet jemand ab, der gründlich die Nase voll hat und zwar von allen. Sie alle sind inauthentische Trottel, die nur ein Spiel spielen und das oft nicht mal merken, aber die Spiegel wollen ihnen genau das unter die Nase reiben, dass sie nichts verstanden haben, nicht mal sich selbst.

Und so halten sie jenen den Spiegel vors Gesicht – der sie selbst zu sein glauben, als selbsternannte Mahner und Aufklärer – denen sie demonstrieren wollen, wie sie sind, wirklich sind. Man weiß nicht genau, was die Spiegel sich davon erhoffen, vielleicht ist es die verzweifelte Hoffnung, dass der eine oder die andere der tumben Brüder und Schwestern aufwachen möge. Aber, so ahnen die Spiegel, das wird nichts und so reißen sie oft sich und andere, weil ja eh alles zu spät ist, in der virtuellen Orkus und begehen, in dem Forum Suizid oder opfern sich, um irgendwann, oft unter einem neuen Accountnamen wieder aufzutauchen.

Das Niveau – Gleich und gleich gesellt sich gern

Ja, sie sind mehr geworden, viele geworden, vermutlich bereits in der Überzahl, zumindest in den Foren, man tut manchmal gut daran bestimmte Vertreter zu meiden, das heißt die Stangen im Parcours des Idiotenslalom sind dichter gestellt, aus dem ehedem unbeschwerten Genuss über noch weitgehend unberührte Landschaften zu fahren, ist ein mitunter anstrengender Sport geworden und nicht immer hat man mehr Lust dazu und gönnt sich Auszeiten oder verschwindet für immer aus dem Forum.

So weit ein kurzer Einblick in die Forenlandschaft, die bunt und vielfältig ist und ein willkommene Auszeit oder Parallel zum Alltag bildet der schon manchmal dröge ist. Foren sind schon für komische Käuze interessant und werden manchmal zu einer Art Ersatzfamilie, manchmal zu einer zweiten virtuellen Identität, in der man manchen kompensieren kann, was im sogenannten wahren oder echten Leben vielleicht nicht immer so klappt.

Das Verhältnis der merkwürdigen User ist deutlich mehr geworden, gegenüber jenen, die über ein Thema ernsthaft diskutieren wollen. Es gibt sie noch, die Perlen, sie waren zu allen Zeiten rar, aber die Zahl der Normalinteressierten hat im Verhältnis deutlich abgenommen, zumindest was die aktive Beteiligung angeht.

Verbessert haben sich viele auf dem rhetorischen Sektor. Man konnte manche, die ahnungslos, aber meinungsstark waren, oft beeindrucken und wenigstens hier und da zum nachdenken anregen, heute geht das nicht mehr. Viele haben zwar inhaltlich nicht aufgerüstet, was an sich wünschenswert wäre, aber dafür rhetorisch. Sie können vieles parieren, haben sich ein dickes Fell zugelegt und lassen sich durch eigene Widersprüche nicht aus der Ruhe bringen, sondern ziehen ihren Streifen durch. Oft sind es Ideologen wider eigenes Wissen, die meinen, sie müssten die Welt vor der Dummheit anderer beschützen, ihren eigenen Standpunkt kritisch zu reflektieren, kommt für sich hingegen nicht in Frage, denn das sie Recht haben, ist in ihrer Welt gesetzt.

Viele User suchen und finden ihresgleichen, auch wenn es aus der subjektiven Sicht oft so aussieht, als ob einer, der es begriffen hat (man selbst) einem anderen, der ein Idiot ist, die Welt erklären muss. Doch aus der Außenperspektive passen die Partner, die sich finden, oft erstaunlich gut zu zusammen. Wer wirklich einen großen Schritt weiter ist, kann sich mit anderen auf eine bestimmte Art nicht mehr streiten und über bestimmte Sichtweisen nicht mehr erregen, wer anders herum auf ein Thema anspringt, hat einen inneren Bezug dazu, ob es ihm nun passt oder nicht, das bekannte Spiel der Projektionen.

Und heute? – Echokammern, Twitter und Tutorials

Was in den Foren begann, ist in der digitalen Welt heute ausdifferenzierter. Trolle sind ausdifferenziert zu Bots, Hatern und dergleichen, in den Social Media gibt es Echokammern, in denen die eigene Meinung nur noch selten diskutiert, dafür aber umso mehr verstärkt wird, in der Unterwelt des Digitalen sind Häme und Zynismus an der Tagesordnung. Das Digitale ist keine bloße Marotte mehr, sondern Meinungen im größeren Stil beeinflussend und manchmal wahlentscheidend.

Gleichzeitig schießen aber Angebote zu allerlei Parallelwelten aus dem Boden, jede neue Generation hat und etabliert ihre eigene digitale Nische, das alles ist aus unserem Leben nicht mehr weg zu denken, aus der vermeintlichen Sucht ist vielleicht längst eine Kulturtechnik geworden, Risiken und Nebenwirkungen inklusive. Aber das Digitale ist nicht abgekapselt vom sogenannten wahren Leben, beides kann sich sinnvoll und konstruktiv ergänzen.

Es gibt zu allem eine App und in in Tutorials erklären Menschen einander nicht allein theoretisch die Welt. Man kann nicht nur zusehen, wie jemand kocht, das hat das Fernsehen ja auch überreichlich zu bieten, nein, man findet nahezu alles: Schminktipps, wie man den Luftfilter bei einem alten Auto wechselt oder ein Gitarrensolo nachspielt. In den anderen Bereichen ist es wieder weniger dialogisch, dort findet man die digitalen Charaktere von oben dann in den Kommentarspalten, aber die many-to-many-Kommunikation ist schon ziemlich einzigartig in den Foren, vergleichbar mit einer Konferenzschaltung am Telefon oder via Skype, aber da ist Echtzeit gefragt, in Foren hätte man theoretisch auch die Zeit, vor dem posten nachzudenken. Ein oft überbewerteter Luxus, wenn zu viele zu kurz denken, entsteht ein Idiotenslalom, weil alles, was an sich schön ist eben auch dunkle Seiten haben kann. Unter Umständen wandelt sich das Dunkle aber auch ins Helle und wer weiß, vielleicht kann sogar das Projekt Weltrettung vom Schreibtisch oder Bett aus gelingen. Warum soll alles immer nur in einer Garage beginnen?