Irrläufer

Ich bin Troll und find’ dat toll. © Robert Couse-Baker under cc

Irrläufer bewegen sich irgendwo in ihrer ganz eigenen Welt. Auffallend ist ihre Angewohnheit am Kern jedes Themas notorisch vorbei zu schreiben und/oder so eigene Gedanken dazu zu entwickeln – nicht selten sehr ausführlich, ohne, dass man ihnen folgen kann – da kaum jemand auf sie eingeht. Man kann ihnen nicht böse sein, weil sie niemanden bewusst stören oder irritieren wollen, sie sind ganz einfach so. Ihre Antworten sind oft schräg, aber so schräg, dass sie niemanden provozieren, weil sie niemand versteht. Sie beteiligen sich oft fleißig, werden aber wenig zur Kenntnis genommen, weil sich mit ihnen kaum ein haltbarer Gesprächsfaden entspinnt. Oft nehmen sie ein einzelnes Wort, um damit in ihre eigene Welt abzutauchen, aber nicht um eine Agenda durchzudrücken, sondern weil es wirkliche gerade diese Assoziationen sind, in denen sie baden.

Blender

Für mich eine der faszinierendsten Bewohner, nicht nur der virtuellen Welt. Dabei geht es mir weniger um die normalen Blender und Hochstapler, die irgendwas zu sein vorgeben, was sie nicht sind. Es hat sich wohl tatsächlich mal ein Pärchen gesucht und gefunden: Er war im virtuellen Reich Hirnchirurg, sie Modell, beide hatten die Mut sich irgendwann zu treffen, wobei sich herausstellte, das weder er Hirnchirurg, noch sie ein Model war, dennoch fanden beide zusammen. Hat was, ist hier aber nicht gemeint.

Gemeint sind jene Blender, die ihr Blendertum zu einer eigenen Kunstform entwickelt haben. Oft handelt es sich dabei um Menschen, die wirklich was drauf haben, auf das sie stolz sein könnten, allein, das scheint ihnen nicht zu reichen und so müssen sie stets durchblicken lassen, dass sie in einer ganz eigenen Liga spielen. Sie sind nicht wie die Erklärer, denn, auch wenn sie zuweilen erklären, wollen sie zwar einerseits zeigen, dass sie das selbstredend können, andererseits muss da immer noch eine Prise mehr drin sein, die anderen müssen spüren – oft nur durch Andeutungen, Nebensätze oder in, als vermeintliche Selbstverständlichkeiten getarnten beiläufig fallengelassenen Bemerkungen, die suggerieren sollen, dass man den kennen oder das einfach wissen muss, wenn man mitreden will – das man der Größte ist. Aber nicht platt oder vordergründig protzig.

Ihre Stars sind nie die der ersten Reihe und sie können meisterhaft vermitteln, dass diese vermeintlich erste Reihe nur oberflächliche Fassade für den Pöbel ist, die wirklich interessanten Leute, die echten Big Player sind jene, deren Namen und Werke man im Vorbeigehen fallen lässt. So geschickt, dass garantiert jemand anbeißt, den man dann über drei Banden darüber belehren kann, dass der nun zum Star avancierte Autor, Denker oder Interpret das Maß der Dinge ist und man das natürlich schon seit eh und je wusste.

So weit sie über allen Wolken zu schweben scheinen, auf Diskussionen lassen sich Blender nicht ein, allenfalls erklären sie mit spitzen Fingern, warum jemand, der derartige Themen diskutieren will, die ein Großdenker, in einer privaten Korrespondenz, in einem Nebensatz doch bereits für alle Zeiten abschließend geklärt und erledigt hat, zu denen gehört, die sich doch demnächst besser informieren könnten, würde das nicht außerhalb ihrer Möglichkeiten liegen.

Da Blender zu sein, fast so viel – wenn nicht manchmal noch mehr – Engagement erfordert, wie authentisch zu sein, habe ich nie so ganz verstanden, was das Blenderdasein so attraktiv macht, aber so wie die anderen zu sein, ist für einige wohl unzumutbarer, als man ahnt.

Spiegel

Die latente Verachtung der eher beherrscht distanzierten Blender geht bei den Spiegeln in die Vorstufe der offenen Wut über. Hier rechnet jemand ab, der gründlich die Nase voll hat und zwar von allen. Sie alle sind inauthentische Trottel, die nur ein Spiel spielen und das oft nicht mal merken, aber die Spiegel wollen ihnen genau das unter die Nase reiben, dass sie nichts verstanden haben, nicht mal sich selbst.

Und so halten sie jenen den Spiegel vors Gesicht – der sie selbst zu sein glauben, als selbsternannte Mahner und Aufklärer – denen sie demonstrieren wollen, wie sie sind, wirklich sind. Man weiß nicht genau, was die Spiegel sich davon erhoffen, vielleicht ist es die verzweifelte Hoffnung, dass der eine oder die andere der tumben Brüder und Schwestern aufwachen möge. Aber, so ahnen die Spiegel, das wird nichts und so reißen sie oft sich und andere, weil ja eh alles zu spät ist, in der virtuellen Orkus und begehen, in dem Forum Suizid oder opfern sich, um irgendwann, oft unter einem neuen Accountnamen wieder aufzutauchen.

Das Niveau – Gleich und gleich gesellt sich gern

Ja, sie sind mehr geworden, viele geworden, vermutlich bereits in der Überzahl, zumindest in den Foren, man tut manchmal gut daran bestimmte Vertreter zu meiden, das heißt die Stangen im Parcours des Idiotenslalom sind dichter gestellt, aus dem ehedem unbeschwerten Genuss über noch weitgehend unberührte Landschaften zu fahren, ist ein mitunter anstrengender Sport geworden und nicht immer hat man mehr Lust dazu und gönnt sich Auszeiten oder verschwindet für immer aus dem Forum.

So weit ein kurzer Einblick in die Forenlandschaft, die bunt und vielfältig ist und ein willkommene Auszeit oder Parallel zum Alltag bildet der schon manchmal dröge ist. Foren sind schon für komische Käuze interessant und werden manchmal zu einer Art Ersatzfamilie, manchmal zu einer zweiten virtuellen Identität, in der man manchen kompensieren kann, was im sogenannten wahren oder echten Leben vielleicht nicht immer so klappt.

Das Verhältnis der merkwürdigen User ist deutlich mehr geworden, gegenüber jenen, die über ein Thema ernsthaft diskutieren wollen. Es gibt sie noch, die Perlen, sie waren zu allen Zeiten rar, aber die Zahl der Normalinteressierten hat im Verhältnis deutlich abgenommen, zumindest was die aktive Beteiligung angeht.

Verbessert haben sich viele auf dem rhetorischen Sektor. Man konnte manche, die ahnungslos, aber meinungsstark waren, oft beeindrucken und wenigstens hier und da zum nachdenken anregen, heute geht das nicht mehr. Viele haben zwar inhaltlich nicht aufgerüstet, was an sich wünschenswert wäre, aber dafür rhetorisch. Sie können vieles parieren, haben sich ein dickes Fell zugelegt und lassen sich durch eigene Widersprüche nicht aus der Ruhe bringen, sondern ziehen ihren Streifen durch. Oft sind es Ideologen wider eigenes Wissen, die meinen, sie müssten die Welt vor der Dummheit anderer beschützen, ihren eigenen Standpunkt kritisch zu reflektieren, kommt für sich hingegen nicht in Frage, denn das sie Recht haben, ist in ihrer Welt gesetzt.

Viele User suchen und finden ihresgleichen, auch wenn es aus der subjektiven Sicht oft so aussieht, als ob einer, der es begriffen hat (man selbst) einem anderen, der ein Idiot ist, die Welt erklären muss. Doch aus der Außenperspektive passen die Partner, die sich finden, oft erstaunlich gut zu zusammen. Wer wirklich einen großen Schritt weiter ist, kann sich mit anderen auf eine bestimmte Art nicht mehr streiten und über bestimmte Sichtweisen nicht mehr erregen, wer anders herum auf ein Thema anspringt, hat einen inneren Bezug dazu, ob es ihm nun passt oder nicht, das bekannte Spiel der Projektionen.

Und heute? – Echokammern, Twitter und Tutorials

Was in den Foren begann, ist in der digitalen Welt heute ausdifferenzierter. Trolle sind ausdifferenziert zu Bots, Hatern und dergleichen, in den Social Media gibt es Echokammern, in denen die eigene Meinung nur noch selten diskutiert, dafür aber umso mehr verstärkt wird, in der Unterwelt des Digitalen sind Häme und Zynismus an der Tagesordnung. Das Digitale ist keine bloße Marotte mehr, sondern Meinungen im größeren Stil beeinflussend und manchmal wahlentscheidend.

Gleichzeitig schießen aber Angebote zu allerlei Parallelwelten aus dem Boden, jede neue Generation hat und etabliert ihre eigene digitale Nische, das alles ist aus unserem Leben nicht mehr weg zu denken, aus der vermeintlichen Sucht ist vielleicht längst eine Kulturtechnik geworden, Risiken und Nebenwirkungen inklusive. Aber das Digitale ist nicht abgekapselt vom sogenannten wahren Leben, beides kann sich sinnvoll und konstruktiv ergänzen.

Es gibt zu allem eine App und in in Tutorials erklären Menschen einander nicht allein theoretisch die Welt. Man kann nicht nur zusehen, wie jemand kocht, das hat das Fernsehen ja auch überreichlich zu bieten, nein, man findet nahezu alles: Schminktipps, wie man den Luftfilter bei einem alten Auto wechselt oder ein Gitarrensolo nachspielt. In den anderen Bereichen ist es wieder weniger dialogisch, dort findet man die digitalen Charaktere von oben dann in den Kommentarspalten, aber die many-to-many-Kommunikation ist schon ziemlich einzigartig in den Foren, vergleichbar mit einer Konferenzschaltung am Telefon oder via Skype, aber da ist Echtzeit gefragt, in Foren hätte man theoretisch auch die Zeit, vor dem posten nachzudenken. Ein oft überbewerteter Luxus, wenn zu viele zu kurz denken, entsteht ein Idiotenslalom, weil alles, was an sich schön ist eben auch dunkle Seiten haben kann. Unter Umständen wandelt sich das Dunkle aber auch ins Helle und wer weiß, vielleicht kann sogar das Projekt Weltrettung vom Schreibtisch oder Bett aus gelingen. Warum soll alles immer nur in einer Garage beginnen?